Wahrheitssuche zwischen Sprachspielen Brücken 3

In dieser Reihe ging es bisher um grundlegende menschliche Regungen wie das Danken, das Klagen und das Bitten. Wir haben gesehen, dass religiöse Menschen diese Impulse in der Sprache des Gebets ausdrücken, während säkulare Menschen sie anders gestalten – und doch die gleichen existenziellen Fragen berühren. Anschließend stellte ein zweiter Beitrag Viktor E. Frankl vor, der in der Zwiesprache mit sich selbst ein unbewusstes Gegenüber zu erkennen glaubte. Frankl öffnet so die Tür zu einem Verständnis von Selbsttranszendenz, das religiöse und säkulare Menschen miteinander ins Gespräch bringen kann.

Doch was verbindet diese verschiedenen Zugänge? Und was könnte sie zu einem echten Austausch führen? Eine Spur bietet der Gedanke, dass es nicht nur verschiedene Arten gibt, dasselbe zu sagen, sondern dass die je eigenen Sprachen tatsächlich auch verschiedene Weisen sind, etwas zu erfahren. Ludwig Wittgenstein nannte solche Sprachgewohnheiten, die eigene Bedeutungswelten bilden, Sprachspiele.

Jede Deutung steht in einem größeren Zusammenhang: Religiöse und säkulare Menschen wie Theologen oder Naturwissenschaftlerinnen leben jeweils in geteilten Sprach- und damit Erfahrungsräumen, die ihren Kontakt mit der Wirklichkeit prägen. Was als innere Unruhe, als Sinnfrage oder als Bedürfnis nach der eigenen Wahrheit spürbar wird, ist zunächst wie ein neutrales Rohmaterial, das seine Bedeutung erst in der Sprache der jeweiligen Gemeinschaft gewinnt. Diese Sprachspiele formen die Erfahrungen und Erinnerungen, die das Leben der Einzelnen ausmachen.

Durch die Kontakte mit der Wirklichkeit gibt es gemeinsame Berührungspunkte, die diesen Sprachspielen zugrunde liegen. Die schon genannte Unruhe, ein staunendes Aufmerken, der Anspruch des Gewissens mit dem Sinn für Sinn oder die Tiefe eines Augenblicks zeigen sich unabhängig davon, wie sie gedeutet und benannt werden. Sie könnten der Boden sein, auf dem Brücken gebaut werden: nicht, um die unterschiedlichen Sprachspiele zu relativieren, gar auf einen Nenner bringen zu wollen, sondern um sie in ihren eigenen Kontexten miteinander ins Gespräch zu bringen.

Eine Brücke beginnt dort, wo wir einander nicht nur zuhören, sondern auch ernst nehmen, dass die andere Person aus einem anderen Horizont heraus denkt und empfindet. Anstatt nur den gemeinsamen Boden zu betonen, wäre die Aufgabe der Brücke Zwischenräume zu schaffen, in denen sich unterschiedliche Deutungen zeigen und gegenseitig bereichern. So könnten religiöse und säkulare Menschen sich selbst, aber auch einander fragen: Wie formt die Sprache, die ich spreche, die Weise, in der ich erfahre? Und was gewinne ich, wenn ich durch die Sprache des anderen auf meine eigene Deutung zurückblicke?

Der Weg zu einem tieferen Verständnis liegt darin, das Eigene so zu sagen, dass es für die andere Seite der Brücke, den Dialogpartner bedeutsam werden kann – ohne die Absicht zu überzeugen, vielmehr aus der Bereitschaft, die eigenen Horizonte zu weiten. Was dann entsteht, ist mehr als nur Verständigung. Es ist die Möglichkeit, die Denkweisen des anderen als Einladung zu erleben, die eigene Wahrheit in neuem Licht zu sehen.

WD

 

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