Ein idyllisch, farbenfrohes Bild durch ein geöffnetes Fenster lädt den Leser ein, auf eine noch wenig vertraute Entdeckungsreise zu einer von der Quantenphysik ausgehenden Welterklärung zu gehen. Neues Denken (S. 15), eine Zeitenwende der Geistesgeschichte, ja sogar ein neues Kapitel der Aufklärung (S. 24, S. 25) werden durch Deutungen empirischer Befunde der Quantenphysik angekündigt.
Die zahlreichen Anstöße des Buches, Theologie und Naturwissenschaft als Partner bei der Suche nach einem umfassenderen Verständnis unserer Wirklichkeit zu betrachten, sind zu begrüßen.
Dem Autor geht es in dem Buch im Wesentlichen um zwei Anliegen. Zum einen begründet er seine Kritik am Reduktionismus des naturalistischen Weltbildes, das nach seiner Auffassung im säkularen Zeitalter das Denken dominiert und die naturwissenschaftliche Perspektive verabsolutiert.
Zum anderen will der Autor aus dem von ihm behaupteten ontologischen Gehalt der Quantentheorie neue Zugänge zu Transzendenz und zum Glauben an den christlichen Gott gewinnen.
Aus meiner Sicht kann die Rede von Gott nur im Rahmen einer Gesamtperspektive auf die menschliche Erfahrungswelt plausibel werden. Aus physikalischen Experimenten allein lassen sich keine Antworten auf existenzielle Lebensfragen gewinnen. Fischbeck bringt gleichwohl seine quantenontologischen Begriffe mit verschiedenen Glaubensaussagen der Bibel ins Gespräch (u.a. Joh. 1,14, S. 64). Dabei bleibt zu prüfen, ob die Übergänge zwischen physikalischer Theorie, Ontologie und theologischer Deutung hinreichend ausgewiesen sind.
Was Fischbeck als ontologischen Gehalt der Quantentheorie versteht, fasst er unter dem Begriff der Quantenontologie zusammen (u.a. S. 19., S. 36). Die Quantenphysik hat wie alle Naturwissenschaften philosophische und theologische Implikationen. Fischbeck spricht von einer ontologischen Umkehr, deren Gültigkeit er selbst für unbestreitbar hält. Offen und empirisch noch unbestätigt ist dagegen seine Quantenhypothese zum Bewusstsein. Zu fragen bleibt allerdings, ob die ontologische Umkehr tatsächlich zwingend aus der Quantentheorie folgt.
Sowohl eine neue Anthropologie (“Der Mensch im Licht der Quanten-Ontologie” Kap. 7, S. 32-46), als auch eine neuartige Seelenlehre (S. 43-46) werden vorgestellt.
Fischbecks duale Auffassung des Menschen (Leib-Seele) steht in Spannung zu integralen und biopsychosozialen Menschenbildern, die leibliche, psychische und soziale Dimensionen in ihrem Zusammenwirken betrachten. Fischbeck begründet dies unter anderem mit den Sätzen: „Wir sagen ja nicht: Ich bin mein Körper“ (S. 32) und: „Wir alle wissen und leben so, dass wir über unseren Körper wie über ein Objekt willentlich verfügen können, und wenn nicht, ist er krank“ (S. 32; vgl. auch S. 40). Daraus folgert Fischbeck: „Deshalb ist es angemessen und vernünftig, den Menschen im Licht der dualen Quanten-Ontologie zu betrachten“ (S. 32; vgl. S. 40).
Fischbeck versteht die Seele beziehungsweise das Bewusstsein als Potentialität eines makroskopischen Quantenzustands im Gehirn. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob eine solche Bestimmung der Seele nicht zu einem Gehirnzentrismus führt, in dem die Sinne und Leiberfahrungen unberücksichtigt bleiben. Fischbeck knüpft an die Hypothese an, dass die Quantenphysik einen Schlüssel zum Verständnis des Bewusstseins bieten könnte. Nach seiner Quantenhypothese bildet sich bei Bewusstsein im Gehirn ein makroskopischer Quantenzustand, dessen Potentialität er mit Bewusstsein beziehungsweise Seele identifiziert: „Das Bewusstsein – die Seele – ist die Potentialität eines makroskopischen Quantenzustands im Gehirn“ (Quanten-Hypothese (QH) S. 8., S. 21, S. 33, u.a. auch S. 35, S. 40 und S. 43 und unter 7.3). Der Autor kennzeichnet die Quantenhypothese allerdings ausdrücklich als noch unbestätigt und umstritten: „eine Bestätigung von (QH) noch aussteht“ (S. 35), außerdem auch u.a. „die noch umstrittene Quantenhypothese (QH)” S. 33.
Auch die Überzeitlichkeit und Unvergänglichkeit der Seele leitet Fischbeck aus der Quantenhypothese (QH) ab: „die wohl wichtigste Konsequenz der Quantenhypothese (QH), wenn sie denn zutrifft, ist, dass das Bewusstsein, die Seele, außerhalb von Raum und Zeit ist”. Und: “Was… nicht zu messen ist, ist auch nicht in Raum und Zeit. Das Bewusstsein – die Seele – ist somit transzendent”. Schließlich: „Es ist die Überzeitlichkeit der Seele als Potentialität, die ihre Unvergänglichkeit ausmacht“, auch „sie ist heimgegangen zu Gott.“ (Zitate S. 43 f)
„Falls die Quantenhypothese (QH) zutrifft, wäre damit klar, dass das Bewusstsein als Subjekt auf Grund der ontologischen Umkehr in der Quanten-Ontologie seinen freien Willen in die Realität wirkend hat“ (S. 37).
Die Quantentheorie selbst enthält jedoch weder einen Begriff des Ichs noch einen umfassenden Begriff von Bewusstsein oder Seele. Deshalb bleibt zu fragen, wie der Übergang von der physikalischen Theorie zu diesen anthropologischen Begriffen begründet wird.
Ein Schlüsselbegriff für Fischbeck ist die Potentialität und ihr Transzendenzcharakter. Eine Ontologische Revolution wird damit im Zusammenhang gebracht: „…eine radikale Neuerung der Quantenphysik gegenüber der klassischen Physik deutet sich an, die den Begriff Potentialität überhaupt nicht kennt… Ich möchte zeigen, dass die Quantenphysik die Wirklichkeit als Ganze betrifft, tatsächlich alle angeht und deshalb auf eine ontologische Revolution hinausläuft.“ (S. 18)
In der aristotelisch-thomistischen Tradition werden zwei Momente des Seienden unterschieden: zum einen die Potentia – Fähigkeit oder Möglichkeit –, die die Vervollkommnung des Seins ermöglicht. Zum anderen den Actus – Wirklichkeit oder Tatsächlichkeit. In diesem Sinne unterscheidet auch Fischbeck Potentialität und Realität als „duale Struktur der Wirklichkeit“, als zwei Seiten einer Medaille.
Es kann selbstverständlich nur real werden, was auch möglich ist. Mit diesem Gedanken und seiner Deutung des quantenmechanischen Messprozesses begründet Fischbeck das Primat der Potentialität. Zu fragen ist allerdings, ob die Beziehung nicht wechselseitig ist: Prägt nicht auch die bereits entstandene Realität den Raum der weiteren Möglichkeiten?
Fischbeck setzt die Messbarkeitsgrenze mit der Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz in Beziehung: Was messbar ist, rechnet er der immanenten Realität zu; die nicht messbare Potentialität bezeichnet er als transzendent (S. 19). Damit entsteht zumindest der Eindruck einer Analogie zur theologischen Rede von der Transzendenz Gottes.
An seine Quantenontologie schließt Fischbeck den theologischen Gedanken an: “Die Wirklichkeit Gottes – sein Wille – ist die allumfassende Potentialität zum Guten.“ (S. 51) Eine Omnipotentialität zum Guten wird postuliert. Zu fragen ist, welche zusätzlichen philosophischen und theologischen Schritte von quantenphysikalischer Potentialität zu dieser Bestimmung von Gottes Wirklichkeit führen. Die Güte Gottes, das absolute Gute und in einem weiteren Schritt auch das Böse werden in einen Interpretationsrahmen gestellt, der weit über das hinausgeht, was sich aus empirisch-physikalischen Forschungen allein ableiten lässt. So schreibt Fischbeck: „Die Potentialität Jesu – seine Seele – war ganz und gar eine Potentialität des Guten“ (S. 44).
Potentialität ist heute technisch verfügbar: Quantenzustände können heute in Quantencomputern technisch präpariert und genutzt werden. Wie verhält sich diese technische Verfügbarkeit zu Fischbecks Bestimmung der Potentialität als transzendent? Sollte die in Quantencomputern technisch genutzte quantenmechanische Potentialität mit Fischbecks Begriff identisch sein, entstünde eine Spannung zu ihrer Kennzeichnung als transzendent und unverfügbar.
Die ausgesprochen negative Charakterisierung einer „Soziokulturellen Welt ohne Glauben an Gott?“ (Kap. 10. S. 67-82) bedarf einer kritischen Diskussion. Es werden zur Charakterisierung der säkularen Welt aufgezählt: Geistlosigkeit (S. 70), Wahrheitsverlust (S. 71), Sinnlosigkeit (S. 76), Freudlosigkeit (S. 77 und S. 79), Lieblosigkeit (S. 80), Trostlosigkeit, Einsamkeit und Verantwortungslosigkeit (S. 82). Zumindest ist zu hinterfragen, ob Fischbecks pauschale Diagnose einer gottlosen Gesellschaft säkular lebenden Menschen gerecht wird.
Empirische Befunde und wissenschaftliche Theorien können unterschiedlich philosophisch und weltanschaulich interpretiert werden. Die Grenzen empirischer Entscheidbarkeit werden besonders dort sichtbar, wo metaphysische Folgerungen gezogen werden, die untereinander nicht kompatibel sind. Gerade die Quantentheorie hat eine Vielzahl unterschiedlicher ontologischer und philosophischer Deutungen hervorgebracht. Auch die Kopenhagener Deutung, auf die sich Fischbeck beruft, ist nicht einheitlich und hat unterschiedliche philosophische Auslegungen erfahren.
Entgegen Fischbecks eigenem Anspruch verstehe ich seine ontologischen Thesen als eine mögliche Deutung quantenphysikalischer Befunde, nicht als deren zwingenden ontologischen Gehalt. Ungerechtfertigt erscheint mir der Anspruch, aus naturwissenschaftlichen Ergebnissen allein verbindliche Antworten auf die letzten Fragen der Philosophie, Metaphysik und Theologie abzuleiten. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich in unterschiedliche weltanschauliche Deutungsrahmen einordnen – in nicht-theistische ebenso wie in christliche. Es bleibt die Forderung, den christlichen Glauben in dem von den Naturwissenschaften geprägten Verstehenshorizont unserer Gegenwart neu zu bezeugen.
Magdalene Schönhoff
Hans-Jürgen Fischbeck: Neues Wissen – Neues Denken, Neues Licht für den Glauben an Gott
LIT Verlag 2025, Band 28 in der Reihe Theologische Plädoyers, 80 Seiten, Print 19,90 EUR oder eBook 14,90 EUR
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Hans-Jürgen Fischbeck hat zu den Anmerkungen eine Klarstellung geschickt, in der er insbesondere dem Verständnis seiner Quantenontologie als einer Interpretation unter anderen widerspricht.
Ich sehe mich in der merkwürdigen Situation, den Begriff Quanten-Ontologie (QO) und seinen Gebrauch rechtfertigen zu müssen. In den 50 Jahren, in denen ich praktisch mit Quantentheorie (QT) befasst bin, ist er mir nicht begegnet. Auch in Lehrbüchern findet er sich wohl nicht, was mich nicht wundert, weil Ontologie ein philosophischer und kein physikalischer Begriff ist. Es ist somit ein Begriff, der (noch) nicht Allgemeingut ist.
Erst als ich mich mit philosophischen Konsequenzen der QT befasst habe drängte er sich mir auf. Besonders, nachdem mein ehemaliger Institutskollege Peter Kleinert gefunden hatte, dass Cusanus (1401-1464) mit philosophischer Vernunft die QO bereits antizipiert hat und Kleinert sie daher QO genannt hat, habe ich mir diesen Begriff zu eigen gemacht und benutze ihn, erkläre aber immer auch, was er bedeutet, nämlich den “ontologischen Gehalt der QT”.
Dass die QT den hat, ist nicht zu bezweifeln, und ich habe diesen ontologischen Gehalt dann mit, wie ich finde, zwingenden Argumenten abgeleitet aus den Grundgrößen ‘Zustand’ und ‘Observable’ der QT. Das ist keine Hypothese und auch keine der strittigen Interpretationen der QT. Ich lasse jedoch keinen Zweifel daran, dass die so beschriebene QO mit der “Kopenhagener Deutung” der QT vereinbar ist, die sich längst als Standard-Interpretation durchgesetzt hat.
Deren umstrittener Kern ist ja, dass die QT “nicht realistisch” (man kann auch sagen nicht materialistisch) ist in dem Sinne, dass die Wellenfunktion (der ‘Zustand’) kein materielles Substrat hat und demzufolge als solche auch nicht messbar ist, sondern eine komplexwertige Wahrscheinlichkeitswelle ist, die keine ontische, sondern als mögliches Wissen “nur” eine epistemische Bedeutung hat.
Wegen der enormen Bedeutung des “ontologischen Gehalts der QT” – schließlich kann nur er den Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erklären – nehme ich mir heraus, diesen ontologischen Gehalt der QT kurzerhand Quanten-Ontologie zu nennen, auch wenn dieser Begriff (noch) nicht Allgemeingut ist.