Immanuel Kant und die Religion Zu seinem 300. Geburtstag am 22. April 2024

„Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“ Diese drei Fragen – so alt wie die Menschheit – nimmt Kant auf, nicht, um sie zu beantworten, sondern um zu bedenken, was wir tun, wenn wir sie stellen, und inwiefern wir überhaupt Antworten geben können. Während die drei Fragen Unterscheidungen in der Arbeit der Vernunft kenntlich machen, stellt Kant noch eine vierte als Basis für alle: „Was ist der Mensch?“ Wegen dieser bis heute entscheidenden Fragen brauchen wir philosophisches Nachdenken. Auf sie suchen wir auch im Glauben Antworten.

Kant lebte zur Zeit der Aufklärung, und er beförderte sie selbst entschieden. „Sapere aude! – Wage es, zu wissen! / Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ So forderte er seine Leser auf. So befreite er sich selbst von den Bevormundungen insbesondere kirchlicher Welterklärungen. Die Entwicklungen der neuzeitlichen Naturwissenschaften im 17. und 18. Jahrhundert verfolgte er mit großem Interesse.

Entscheidend und neu an Kants Denken über die Welt ist seine Frage: Was kann ich wissen? Ehe wir anfangen, Aussagen über Natur, Kunst, Technik, den Menschen zu machen, müssen wir klären, wie Erkenntnisse zustande kommen, ja überhaupt möglich sind. – Dass Denken so beginnen müsse, hat auch der bedeutende Theologe Karl Barth aufgegriffen: Während klassisch ein theologisches Werk direkt mit Gott, dem Schöpfer beginnt, klärte er zum Einstieg, woher wir überhaupt etwas von Gott wissen können. Seine Antwort kurz gefasst: Weil und nur wo Gott selbst sich zu erkennen gibt, insbesondere in Jesus Christus.

Offenbarungswissen gegenüber war Kant generell skeptisch. Er beobachtete, dass unser Erkennen geprägt ist durch vorgegebene Formungen: Zwar müssen Dinge und Ereignisse unseren Sinnen erscheinen, aber diese Erscheinungen müssen auch in unserem Verstand verarbeitet werden. Außerdem kann die Vernunft auch ganz abstrakt tätig sein, z.B. Kategorien bilden oder logische Schlüsse aus Prinzipien ziehen. – Auf der Grundlage seiner Erkenntnistheorie hat Kant vieles am kirchlichen Handeln seiner Zeit und an kirchlichen Lehren polemisch kritisiert und verspottet. Deswegen wird er derzeit gern von kämpferischen Atheisten vereinnahmt. Jedoch, auch wenn Kant feststellt, was wir nicht gesichert wissen, also beweisen können, nämlich die Welt als Ganze, Gott und eine unsterbliche Seele, lassen sie sich auch nicht gesichert bestreiten. Denn diese drei Ideen entstehen in der Vernunft, weil sie immer weiter zurück fragt nach einer Größe, die ohne Vorbedingungen ist.

Kant hat zudem die Begrenzung gesehen, die in der Konzentration auf die reine Vernunft liegt. Er weiß um Grunderfahrungen, die mit der bloßen Vernunft nicht erfasst und nicht thematisiert werden. Diese Erfahrungen und Themen entnimmt er der christlichen Religion: Christus, letzte Dinge, Kirche und Gnade. Dazu gehört auch die Erfahrung des Bösen, und vor allem, dass man selbst immer wieder dazu neigt. Er nimmt im Menschen eine Anlage zum Guten an, aber ebenso einen allen gegebenen, ursprünglichen Hang zum Bösen – deswegen von ihm auch das radikale Böse genannt. Die Vernunft des Einzelnen allein überwindet diesen Hang nicht, es braucht eine „Revolution der Gesinnung“. Sie wird nur durch ein Vorbild, wie Jesus es gibt, möglich, und sie braucht eine unterstützende Gemeinschaft von Menschen, die alle aus freien Stücken das moralisch Gute leben wollen. Eine solche Gemeinschaft könnte das Reich Gottes auf Erden verwirklichen.

Am bekanntesten ist sicherlich Kants kategorischer Imperativ. Dieser fordert dazu auf zu berücksichtigen, was die Verallgemeinerung einer Handlung in Bezug auf die ganze soziale Gemeinschaft, letztlich in Bezug auf alle Menschen in der Welt bedeuten würde. Weil ein Mensch sich an moralischen Prinzipien orientieren kann, deswegen ist er frei. An dieser menschlichen Möglichkeit macht er die Würde eines jeden Menschen fest, unabhängig von ihrer Verwirklichung. Wirklich moralisches Handeln geschieht nach Kant allein aus freien Stücken, keine menschliche Instanz kann es gebieten. Und doch empfinden Menschen es durchaus als geboten! Das ist für Kant ein Hinweis auf Gott. Auf ihn richtet sich die Hoffnung, dass er der moralische Weltherrscher für alle werde. In Kants Denken geht Religion vollkommen in moralischem Handeln auf. Spirituelle Menschen empfinden das als Verkürzung – doch diese aufklärerische Vorstellung von Religion (Erziehung zum moralisch guten Handeln) ist bis in unsere Zeit hinein sehr verbreitet.

I.M.

 

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