Naturwissenschaftlich ist die Herkunft des Menschen Teil eines ungeheuren, vier Milliarden Jahre währenden Evolutionsprozesses. Die Geschichte des Lebendigen ist keine lineare Aufwärtsbewegung, sondern eine Abfolge von Aufbrüchen und Zusammenbrüchen – eine Dynamik aus zufälliger Variation, notwendiger Selektion, stabilen Phasen und abrupten Krisen. Leben entsteht, entfaltet sich, kollabiert und beginnt neu. In dieser Wechselwirkung aus Gesetzmäßigkeit und Kontingenz gewinnt die Erde ihre biologische Gestalt.
Die Evolution bringt dabei Ordnungen hervor: kooperative Netzwerke, trophische Systeme, ökologische Nischen, symbiotische Verflechtungen. Jedes Lebewesen ist Teil einer strukturierten Vielheit, in der es Bedingungen vorfindet, die sein Leben ermöglichen und zugleich begrenzen. Diese Ordnung ist nicht geplant, aber sie ist auch nicht beliebig: Sie entsteht im Zusammenspiel langer Zeiträume und überraschend kurzen Krisen, vielfacher Rückkopplungen und ständiger Anpassungen.
In dieser Ordnung entwickelt sich der Mensch als ein hochspezialisiertes Säugetier – getragen von den Zufällen und Zwängen der Evolution, hervorgegangen aus einer Reihe eng begrenzter Überlebensfenster. Die biologische Herkunft des Menschen ist damit nicht nur eine Geschichte der Emergenz, sondern sie ist auch radikal prekär.
Die Stellung des Menschen innerhalb der Ordnung des Lebendigen ist einzigartig und ambivalent. Einerseits ist der Mensch ein Produkt der Evolution wie jedes andere Lebewesen: angewiesen auf Energieflüsse, Stoffwechsel, ökologische Stabilität, gegenseitige Abhängigkeiten. Andererseits treten mit ihm neue Einflussdimensionen hervor: Sprache, kulturelle Weitergabe, Werkzeuggebrauch, Kooperation, abstraktes Denken. Kultur wird zu einer zweiten Evolutionsspur, die die biologische Entwicklung überformt und beschleunigt.
Durch diese kulturelle Dynamik kann der Mensch ökologische Nischen verstehen, verändern und verlassen. Er ist nicht länger auf seine unmittelbare Umwelt beschränkt, sondern gestaltet Landschaften, verschiebt Energieflüsse und schafft künstliche ökologische Räume. In der Ordnung des Lebendigen erscheint die menschliche Population als Anomalie: eine hochkomplexe Art, die sich nicht – wie üblich – durch eine geringe Zahl von Individuen stabilisiert, sondern in kurzer Zeit zu enormer Zahl angewachsen ist. Die biologische Pyramide aus vielen einfachen und wenigen hochkomplexen Organismen wird durchbrochen.
Diese Besonderheit hat Folgen. Der Mensch ist das erste Lebewesen, das zum planetaren Faktor wird: Er verändert Klima, Artenvielfalt, biogeochemische Kreisläufe – nicht als externe Macht, sondern als Teil des Systems, das er formt und zugleich gefährdet. Die Stellung des Menschen ist daher kein statischer Zustand, sondern eine sich beschleunigende Wechselwirkung zwischen biologischem Erbe und kultureller Gestaltungskraft.
Die naturwissenschaftliche Sicht auf die Zukunft des Menschen bleibt offen. Sie kennt Szenarien des Verlusts und des Gelingens, sie kann Risiken benennen und Belastungsgrenzen, aber keine Sinnperspektiven erzeugen. Sie zeigt, wie eng das menschliche Leben mit der Ordnung des Lebendigen verwoben ist – und wie leicht dieses Gefüge kippen kann. Hoffnung erscheint hier nicht als Gewissheit, sondern als Möglichkeit: dass kulturelle, technologische und kooperative Fähigkeiten ausreichen könnten, um die Stabilität der Erde zu erhalten, die uns hervorgebracht hat.
So sieht die Naturwissenschaft Herkunft und Stellung des Menschen: als Ergebnis eines offenen, verletzlichen Prozesses, als Teil einer dynamischen Ordnung des Lebendigen, und als Wesen, das zum ersten Mal in der Erdgeschichte die Folgen seines Handelns verstehen kann – und verstehend tragen muss. Freilich enthält diese Beschreibung keine Maßstäbe dafür, wie der Mensch handeln soll – sie zeigt nur, was auf dem Spiel steht.
(Dieser Text ist eine Zusammenfassung des Impulses “Evolution und Schöpfung – ein Dialogversuch; Teil 1: Naturwissenschaftliche Sicht“. Fortsetzung folgt: Anfragen an die Theologie.)
WD
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Naturwissenschaft und Theologie stehen in einem besonderen Verhältnis zueinander, indem die Theologie auf göttliche Offenbarung bezogen ist und somit die Transzendenzgrenze überschreitet. Diesseits gibt es eine weitere Disziplin: Psychologie
Denkspiel: Gegeben sei ein arrivierter Autokrat am Schaltknopf der alles irdische Leben vernichtenden Waffe. Wird er sie auslösen ? Mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht, denn dadurch würde auch sein persönlicher “Glanz in der Welt” für ewig erlöschen !
Die Erkenntnis daraus: Neben der alle Materie umfassenden Naturwissenschaft und der im Transzendenten gründenten Theologie gibt es mit der Psychologie eine weitere, zwar nicht isolierte aber recht umfassende, Disziplin. Wie könnten wir sie einbinden ?
Danke, Rudolf, für diesen Kommentar. Ich muss zugeben, ich verstehe nicht recht, wie sich “die Erkenntnis daraus” aus dem Denkspiel ergibt. Auch beim Denkspiel selber komme ich zu einem weniger beruhigenden Ergebnis: Da es Menschen gibt, die im Angesicht des eigenen Untergangs wünschen, so viele wie möglich mit hineinzuziehen, hängt das Ergebnis sehr von der persönlichen Motivation des Autokraten ab. Ich vermute, dass kein Psychologe generelle Verhaltensprognosen in Denkspiel-Situationen abgeben würde.
Doch die letzte Frage kann ich auch unabhängig von der Hinführung lesen und gleich verallgemeinern auf mögliche weitere Dialogpartner. Die Einbindung würde im Rahmen des von uns probeweise verwendeten Dialogmodells immer gleich aussehen: Sind Vertreter der Dialogdisziplin bereit, ihre Sicht auf das Dialogthema einzubringen und den Dialogschritten zu folgen?
22.2.26 Danke für diesen großartigen Text, der die Offenheit und Zwiespältigkeit der Entwicklung des Lebens und des Menschen aufzeigt:
… also keine lineare Aufwärtsbewegung, sondern eine Abfolge von Aufbrüchen und Zusammenbrüchen…
Physikalische Gleichungen und biochemische Analysen lassen eine solche Zielgerichtetheit auch nicht erkennen.
… Die Entwicklung des Menschen in eng begrenzten Überlebensfenstern…
Wir stammen von rund tausend Menschen ab, die vor 56 000 Jahren gelebt haben. Wahrscheinlich war damals ein Tiefstand der Weltbevölkerung wegen vieler aktiver Vulkane erreicht und wir hätten beinahe aussterben können.
… Kultur wird zu einer zweiten Evolutionsspur, die die biologische Entwicklung überformt und beschleunigt…
Der Übergang von der natürlichen Auslese hin zu kultureller Auslese wird z.B. durch die Veränderung der heutigen Gene, die ein Erbe der Evolution sind, weltweit vorangetrieben. Das Genom wird durch den Eingriff des Menschen zum Kulturgut.
Die Offenheit der Geschichte des Lebendigen kann nicht oft genug hervorgehoben werden. Unser Denken beruht auf der Annahme einer verlässlichen Natur und einer kontrollierbaren Umwelt. Was aber, wenn diese Verlässlichkeit dahin ist?
“Unser Denken beruht auf der Annahme einer verlässlichen Natur und einer kontrollierbaren Umwelt. Was aber, wenn diese Verlässlichkeit dahin ist?”
Hartmut Rosa würde vielleicht so antworten (ich beziehe mich auf das letzte Kapitel seines Buches “Unverfügbarkeit” IX Die Rückkehr des Unverfügbaren als Monster): “Unverfügbarkeit, die aus Prozessen der Verfügbarmachung hervorgegangen ist, erzeugt radikale Entfremdung.” Also eine Umwelt, die wir uns versucht haben, kontrollierend verfügbar zu machen, wird, wenn diese Verfügbarmachung scheitert – und sie muss scheitern, weil sie viel zu groß für uns ist – sie wird für uns zum Monster werden. Zumindest ist das Rosas Warnung.