Dass wir sehen können – zur Verstehbarkeit der Welt Fundstücke 14

Dass wir das Universum sehen, beschreiben und verstehen können, ist – wenn man darüber nachdenkt – ziemlich großartig.

Wir leben nicht nur in einer Welt, sondern in einer Welt, die sich unserem Erkennen öffnet – bis in kosmische Tiefen hinein. Zugleich verfügen wir über eine Erkenntnisfähigkeit, die weit über das hinauszugehen scheint, was für bloßes Überleben nötig wäre.

In den folgenden Zitaten äußern sich Naturwissenschaftler und Denker an genau dieser Schwelle: dort, wo physikalische Beschreibung in Staunen umschlägt, wo die Frage unausweichlich wird, wie Universum und erkennender Geist zueinander stehen. Weiter kommentieren wir diese Fundstücke nicht; sie sprechen für sich.

„Es ist eine erstaunliche Unwahrscheinlichkeit, daß wir auf der Erde leben und Sterne sehen können, daß die Bedingungen des Lebens nicht die des Sehens ausschließen oder umgekehrt. Denn das Medium, in dem wir leben, ist einerseits gerade dicht genug, um uns Atem holen und nicht in Strahlung aus dem All verbrennen zu lassen. Andererseits ist dieses Medium nicht so trübe, daß das Licht der Sterne vollends verschluckt und jeder Ausblick auf das Universum versperrt würde. Welche fragile Balance zwischen dem, was notwendig, und dem, was erhaben ist.“ (Hans Blumenberg, Die Genesis der kopernikanischen Welt, S. 11).

„Man lernt unglaublich viel darüber, was früher alles passieren musste, damit Dinge heute passieren können: Ein Universum muss entstehen mitsamt einem Zeitpfeil, angefüllt mit Elementarteilchen. Bei der Zerstrahlung von Materie und Antimaterie muss ein rätselhafter Rest bleiben. Die anschließende Strukturbildung obsiegt der Expansion. Staub verdichtet sich zu Sternen und Galaxien. In den Sternen wird eine Elementvielfalt fusioniert und Supernovae schütten sie wie ein Füllhorn aus in die Galaxien. Aus diesen Elementen bilden sich schließlich Planeten und darauf Leben. Da werden Rasierklingen auf Rasierklingen balanciert. Und ganz oben auf diesen Rasierklingen, da sitzen wir und blicken staunend nach unten und wundern uns darüber, wie das alles zu unseren Gunsten zusammenspielen kann.“ (Harald Lesch, Josef M. Gaßner, Urknall, Weltall und das Leben, S. 420).

„Welche Bedeutung, ja welchen Sinn haben eigentlich diese ungeheuerlichen Prozesse, die sich im Universum vor unseren Augen abspielen und die wir durch Bilder zu beschreiben versuchen? […] Steckt dahinter irgendeine Absicht? […] In welcher Beziehung steht der Kosmos unseres Bewusstseins und unserer Gefühle zu diesem Universum? Sind auch wir nur ein kleiner Teil des gleichen Abbildes wie die entfernten Objekte, oder ist es möglich, daß wir Teil des schaffenden Künstlers sind? […] Auch in der heutigen Zeit kann man sich der Vorstellung, daß wir ein besonderes Verhältnis zum Universum haben, daß unser Dasein nicht nur eine Laune der Natur ist, die sich aus einer Kette von komplexen Zufällen ergab, sondern daß wir irgendwie von Anfang an vorgesehen waren – dieser Vorstellung, diesem Glauben können wir Menschen uns einfach nicht entziehen.“ (Hans J. Fahr, Eugen Willerding, Die Entstehung von Sonnensystemen, S. 326–328).

„Da also die Evolution ein denkendes Wesen mit einem Sinnempfinden hervorgebracht hat, ist es sinnvoll, die Deutungsansprüche der Theologie ernst zu nehmen. In den letzten Jahren ist das Interesse an den Verbindungen, vielleicht sogar der Aussöhnung zwischen der naturwissenschaftlichen Weltsicht und dem religiösen Instinkt wieder aufgelebt. Vieles, was da diskutiert wird, ist noch vage und zaghaft, und es ist nach wie vor erschreckend schwierig, überhaupt eine gemeinsame Sprache zu finden, aber der Aufwand lohnt sich.“ (Simon Conway Morris, Jenseits des Zufalls, S. 261).

„Ein Verständnis, nach dem das Universum grundsätzlich dazu neigt, Leben und Geist zu erzeugen, wird wahrscheinlich eine sehr viel radikalere Abkehr von den vertrauten Formen naturalistischer Erklärung verlangen, als ich mir gegenwärtig vorzustellen vermag. […] Ich würde darauf wetten wollen, dass der gegenwärtige Konsens, was zu denken richtig ist, in einer oder zwei Generationen lachhaft wird […].“ (Thomas Nagel, Geist und Kosmos, S, 182f.).

MG und WD

 

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2 Kommentare zu „<span class="entry-title-primary">Dass wir sehen können – zur Verstehbarkeit der Welt</span> <span class="entry-subtitle">Fundstücke 14</span>“

  1. Danke für diese Auswahl an Texten.

    Sie betrachten unsere Existenz aus zwei Perspektiven: Zum einen geht es um die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Kosmos so entwickeln konnte, wie wir ihn erfassen. Zum anderen wird gefragt, ob ein transzendenter Sinn hinter dieser Entwicklung stehe – eine geistige Frage, welche wiederum dem Kosmos verhaftet ist.

    Aus Letzterer folgen zwei weitere Frage: Die Entwicklung unserer Zivilisationen wurde von mehreren, recht verschiedenartigen religiösen Systemen begleitet. Ist deren transzendenter, letzter Grund der Gleiche ? Wenn ja, weshalb gab und gibt es die grausamen Religionskriege ?

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    • Dass sich die Welt einem verstehenden Bewusstsein verstehbar zeigt, heißt sicher nicht, dass wir alles verstehen, was geschieht. Nicht mal unsere eigenen Handlungen.

      Sicher gibt es viele Bücher und Artikel zu der Frage warum Kriege im allgemeinen und Religionskriege im Besonderen geführt werden. Die Verstehbarkeit der Welt als Ganze wird in diesem Kontext wohl eher nicht goutiert.

      Reinhard Mey hat das großscheinende Kleine in einem sehr bekannten Lied so ausgedrückt:

      Über den Wolken
      Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein
      Alle Ängste, alle Sorgen
      Sagt man
      Blieben darunter verborgen
      Und dann
      Würde was uns groß und wichtig erscheint
      Plötzlich nichtig und klein

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