Gründung in Gott Fundstück 1

Nicht Gott, nicht Jesus, der Glaube heilt. Das ist eine wesentliche Botschaft des neuen Testamentes. Wenn das wahr wäre und jedem klar, was es hieße, durch Glauben heil zu werden, bräuchte es weder Priester noch Ärzte oder Psychotherapeuten. Doch wir brauchen sie bei Unpässlichkeiten aller Art und deren Ausbildungen sind wissenschaftlich fundiert und umfangreich. Und immer noch rätselt die Wissenschaft ganz oft, was eigentlich heilt.

Kürzlich las ich (Winfried Dressler) ein Buch, das Fragetechniken für Heilungsmethoden in verschiedenen Psychotherapieschulen beschreibt und bewertet: „Die Magie des Fragens: Warum es keine unschuldigen Fragen gibt“ von Klaus Grochowiak und Stefan Heiligtag. Im ersten Teil finden sich kurze Beschreibungen philosophischer Richtungen, die den Hintergrund der Fragetechniken bilden. Darunter auch der Existenzialismus, beginnend mit Kierkegaard.

Die Autoren skizzieren Kierkegaards Drei-Phasen-Modell der menschlichen Existenz und beginnen mit dem ästhetischen Stadium und der Devise: „Man soll das Leben genießen.“ Bald wird der Genuss schal, das Leben gewinnt keine Ernsthaftigkeit und wird zum Verzweifeln. Heraus hilft der Sprung ins ethische Stadium, in dem der Mensch sich selbst wählt. Doch auch wenn die Existenz nun Gewicht und Kontinuität bekommt, glücken kann sie dort auch nicht: die Differenz zwischen ethischem Anspruch und gelebter Realität lässt immer eine Lücke von Schuld und Scham offen. Glücken kann die Existenz erst im dritten, dem religiösen Stadium.

Und hierzu schreiben die Autoren lapidar, als wäre es selbstverständlicher Konsens:

„Im religiösen Stadium gründet sich der Mensch vorbehaltlos in Gott. Dieser Schritt Kierkegaards ist nach dem ‚Tode Gottes‘ und den erfolglosen Versuchen einer Theodizee (Rechtfertigung Gottes hinsichtlich des von ihm in der Welt zugelassenen Übels) wohl kaum noch gangbar.“ (Und sie ergänzen in einer Fußnote: „Mit Stendhal könnte man sagen: ‚Die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht existiert.‘“)

Ist der Glaube als vorbehaltlose Gründung eines Menschen in Gott nun eine Heilsquelle oder eine Unmöglichkeit? Niemand wird das theoretisch beantworten können. Hier sind konkrete Heilungserfahrungen zu befragen. Vielleicht stellt sich heraus, dass in einem dann besser verstandenen Sinne Glaube sehr wohl zu heilen vermag. Ich finde es jedenfalls herrlich ironisch, wie in einem Buch über Heilung, das im Titel sagt, es gäbe keine unschuldigen Fragen, die Theodizeefrage herangezogen wird, um ein wesentliches Heilsgeschehen – Gründung in Gott – für unzugänglich zu erklären. Wenn das eine Frage vermag, ist sie wahrlich keine unschuldige Frage.

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