Die Idee einer übergreifenden Wirklichkeit – von der Physik kommend Impuls 5

Im Bewusstsein vieler Menschen kommt Gott nicht mehr vor. Manche von ihnen haben noch nie die Idee gehabt, dass es eine das menschliche Leben übergreifende Wirklichkeit geben könnte. Die geistlichen Begriffe der Religionen sind ihnen nicht mehr verständlich und sie sind auch nicht mehr an ihnen interessiert. Auch wenn diese Mitmenschen behaupten, ohne den historischen Ballast ganz gut zurechtzukommen, so muss doch beklagt werden, dass diese Auffassung der Wirklichkeit nicht entspricht. Es gibt mehr, als unmittelbar sichtbar ist.

Eine für unsere Lebenseinstellung wichtige Erkenntnis der Physik lässt sich in einem einzigen Satz aussprechen: Es gibt ein Sein außerhalb oder jenseits von Raum und Zeit und dieses Sein ist primär, also umfassender als unser Raumzeitsein. Ein schwerwiegender Satz, den ich näher kommentieren möchte:

Dieses rätselhafte Sein befindet sich nicht an einem bestimmten Ort, sondern hat keinen Ort, ist weder überall noch nirgendwo. Dennoch ist es allumfassend in dem Sinne, dass es jederzeit und überall wirkt.  Materielles kann nicht zu diesem Sein gehören, denn Materie ist etwas, was im Raum existiert. Aber wenn es wirkt, wirkt es sich auf die Materie aus. Das, was zu diesem Sein gehört, existiert nicht nur unabhängig vom Raum, sondern es ist auch außerhalb der Zeit. Da es außerhalb von Zeit und Raum existiert, sollte man vielleicht besser gar nicht sagen, dass es existiert, weil man dann immer fragen will: Wann und Wo? Dann könnte man sagen: Es existiert nicht, aber es wirkt. Wann und Wo wirkt es? Immer und überall.

Physiker haben benannt, was jedenfalls auch zu diesem Sein gehört: Es sind Möglichkeiten. Man könnte auch sagen: Potenzielle Informationen. Von ihnen hängt ab, was “bei uns” in Raum und Zeit geschieht und also wirklich wird, was tatsächlich existiert, welche Formen Materie und Energie annehmen. Da nichts existieren kann, was nicht möglich ist, ist es primär und umfasst das ganze Raumzeitsein, ohne selber in Raum und Zeit zu sein. In der Physik werden solche potenziellen Informationen mathematisch beschrieben – soweit das möglich ist. Auch solche Informationen, ich könnte auch sagen, geistigen Gehalte, die wir nicht mathematisch beschreiben können, weil sie viel zu komplex sind, gehören zu diesem Sein. Nehmen wir als Beispiel unser menschliches Bewusstsein, in dem wir mit Informationen umgehen. Wenn es ganz leer ist, badet es in potenzieller Information, geht ganz im rätselhaften Sein auf. In einem Bild könnte man sagen: Es küsst die Ewigkeit. Dann setzt der Gedankenstrom wieder ein, das Bewusstsein füllt sich mit manifest werdenden, realen Informationen – eben den Gedanken, die aber kommen und gehen. An ihnen merken wir, in der Zeit zu sein, unseren Raum einzunehmen. – Soweit der Kommentar.

Da es ein solches Sein wirklich gibt, ist alles ganz anders, als es uns erscheinen mag und die Welt ist viel größer, weiter, umfassender, als wir sonst glauben würden. Es gibt also doch eine das menschliche Leben übergreifende Wirklichkeit. Das ist nun nicht mehr nur eine Vermutung und es ist auch nicht ein vertrauensvolles Fürwahrhalten, sondern es ist Physik. Das ist das, was ich sagen wollte. Die geistlichen Konsequenzen, die sich aus dem Gesagten ergeben, gehören allerdings nicht mehr zur Physik, obwohl die Physik die Tür zu diesen Bereichen öffnet.

K. B.

 

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2 Gedanken zu „<span class="entry-title-primary">Die Idee einer übergreifenden Wirklichkeit – von der Physik kommend</span> <span class="entry-subtitle">Impuls 5</span>“

  1. Lieber Herr Bohne, ich kann dem, was sie geschrieben haben, vollumfänglich zustimmen.
    Lediglich an einer Formulierung, nämlich dieser: “Es gibt ein Sein außerhalb oder jenseits von Raum und Zeit und dieses Sein ist primär, also umfassender als unser Raumzeitsein (Bohne)” möchte ich eine dann nicht nur sprachliche Veränderung vorschlagen: “Es gibt ein Sein über Raum und Zeit hinaus und dieses Sein ist umfassender als unser Raumzeitsein” (Auffarth).

    Der Grund für diesen Veränderungsvorschlag: In der Theologie, Karl Barth zum Beispiel, wurde Gott als “etwas” außerhalb von uns, lateinisch “extra nos” bezeichnet und gedacht. In der Hebräischen Bibel jedoch wohnt Gott in seiner Schöpfung. Das ist ein sehr sehr schöner Gedanke, vertrauensstiftend allemal.

    Von Herzen Dank für ihren Beitrag
    Martin Auffarth, Pfarrer und Coach

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  2. Lieber Herr Bohne,
    Sie nähern sich von zwei Seiten dem Geistigen, dem Möglichen an, zum einen von den Erkenntnissen der modernen Physik her (die mit Experimenten als Form von Erfahrung zu tun haben), zum anderen von Meditation her – so verstehe ich das “ganz leere Bewusstsein” (also von spiritueller Erfahrung).
    Mir selbst ist solche Art spirituelle Erfahrung ebenfalls wichtig als Beitrag zum Verständnis unserer Welt. Ich sehe darin eine Basis für theologische Reflexion, neben der vermittelten Erfahrung in biblischen Zeugnissen.
    Was ich nur nicht mitvollziehen kann, ist der unmittelbare Schluss aus der Physik auf ein geistiges Sein (“Das ist Physik.”).
    Die Konzeption von Information nach dem Vorbild eines (herkömmlichen) Computers bei von Weizsäcker hat sich als zu schlicht heraus gestellt. Die Top-Down-Information in dissipativen Systemen, auf die Polkinghorne sich so zuversichtlich bezieht, hat sich anscheinend physikalisch nicht wirklich konkret nachweisen lassen. Und so ist das mit der Information als empirisch entdeckbarem Geist in der Materie nach allem, was ich erfahre, doch fraglich.
    Um die spezifischen Erfahrungen aus der Physik und aus dem geistlichen Leben zusammen zu führen und Wirklichkeit als eine einzige zu beschreiben, kommen wir – bin ich überzeugt – ohne eine Konzeption, die beide aufnimmt, aber dann weder Physik noch Religion oder Theologie für sich ist, nicht aus.

    Mit herzlichem Gruß,
    Isolde Meinhard

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