Meine Wunschpredigten – zum Tod von Klaus Bohne Eine Würdigung

Der Tod von Klaus Bohne gibt Anlass, einem Autor in unserem Arbeitskreis die Ehre zu geben, der sich auf eigene Weise mit dem Verhältnis von Glauben und naturwissenschaftlichem Weltverständnis auseinandergesetzt hat. Seine „Wunschpredigten“ sind aus einer persönlichen Suche heraus entstanden und laden dazu ein, vertraute Texte neu zu hören. Er ist kein Theologe, kein Psychoanalytiker und kein Kulturwissenschaftler, sondern Techniker und Professor für Bodenphysik. „Aber auch so ein Mensch hat Sonntagsgedanken“, der sie als „religionsschwacher und laienhafter Predigthörer zum eigenen Gebrauch aufgeschrieben hat“ (S. 9).

Ausgangspunkt seiner Texte ist eine Erfahrung, die viele kennen: „Da passiert es dann, dass beim Hören einer Predigt die Gedanken des Hörers abschweifen und er sich nach dem sehnt, was er braucht, aber nicht bekommt.“ Aus dieser Situation heraus sind die vorliegenden Betrachtungen entstanden.

Dabei lässt sich Bohne von seiner Überzeugung leiten, dass der „christliche Mensch mehr als jeder andere fühlen sollte, was in der Zeit vor sich geht. Er sollte die Zeit verstehen, wie die Propheten ihre Zeit verstanden haben“ (S. 9, mit Bezug auf Paul Tillich).

Ein Zugang zwischen Naturwissenschaft, Mystik und Theologie

Für ausgewählte Sonntage des Kirchenjahres werden auf der Basis der Perikopen Erzählungen und Betrachtungen in der Art von Predigten vorgelegt. Dabei werden Erkenntnisse der Quantenphysik, der Mystik und der analytischen Psychologie mit theologischen Überlegungen auf erfrischende Weise verbunden. Damit bewegt sich Bohne in einem Feld, das für viele gegenwärtige Diskussionen prägend ist: dem Versuch, naturwissenschaftliche und religiöse Deutungen der Wirklichkeit aufeinander zu beziehen.

Auf dem Cover heißt es: „Physik, Mystik, transpersonale Psychologie, die Heiligen Schriften und die Mythologie sind Zugänge zu geistigen Wahrheiten, aber die ersten drei werden von kirchlichen Amtsträgern mit großem Misstrauen betrachtet und die letzten beiden erscheinen vielen Menschen problematisch.“ Und so werden die Bibeltexte mit naturwissenschaftlichen Begriffen und mit Bezügen zum modernen Weltbild neu interpretiert.

Bohne geht davon aus, dass „jenseits von Zeit und Raum etwas wirksam ist, das alles durchwirkt und den Eindruck erweckt, als wäre es ein Bewusstsein oder eine universelle Information, jedenfalls etwas Geistiges. Das ist das, was die Physik im Jahre 2018 zu sagen vermag“ (S. 12).

Beten, Geist und Verbindung

In der 23. Woche, Exaudi, (Röm. 8, 26–27) heißt es: „Wir wissen ja nicht einmal, wie wir beten können      so, dass es vor Gott recht ist“ und Bohne fragt: „Wie funktioniert beten, wenn Gott ein unaussprechliches Geheimnis in einer unvorstellbaren Seinsweise ist?“ um uns dann mit einem Versuch zu überraschen, religiöse Erfahrung mit Bildern aus der naturwissenschaftlich-technischen Welt verständlich zu machen: „Vielleicht hilft uns ein Vergleich aus der Technik“ (S. 108): Um uns herum existieren unglaublich viele elektromagnetische Schwingungen. Wenn wir aber ein Smartphone zur Hand nehmen, kommen wir in Verbindung – obwohl wir die Natur dieser Erscheinung nicht wirklich verstehen. „So ist es auch mit dem Gebet.“

Ergänzend schreibt Bohne zum Pfingstsonntag (Joh. 14, 26): „Man darf sich vorstellen, dass diese quantenphysikalischen Wellen aus Information bestehen – oder Information sind. Viele Menschen haben bezeugt, dass sie auf diesen Informationswellen Verbindung mit dem großen Geheimnis, das wir „Gott“ genannt haben, bekommen haben. Die Hardware, die man dazu benutzt, ist natürlich unser Gehirn. Aber auf dieser Hardware läuft eine Software, die einen Empfänger hat, genannt ‚Seele‘ … Die Antworten, die wir bekommen, sind nicht immer sprachlich formulierbar, … sondern oft Gefühlseinstellungen, Ahnungen, seltsame Ströme von Zuversicht und Vertrauen“ (S. 110). Und er erläutert: „Der Heilige Geist hat etwas mit Mitteilung zu tun, mit Kommunikation, mit Verbindung – verbal, nonverbal, bildhaft, auf allen Kanälen. Meine Seele ist so eine Art Empfänger und Sender … Gott ist immer in uns, nur wir sind so selten zu Hause“ (S. 111).

Menschliche Existenz: Böse, Leid und Glück

In der 22. Woche, Rogate, wird das Vaterunser kommentiert, insbesondere die Bitte um Erlösung von dem Bösen. Das Böse begegnet uns auf der individuellen und auf der gesellschaftlichen Ebene. „Unsere technische Zivilisation ist von Erstarrung geprägt, von strikten Ordnungen und struktureller Gewalt.“ Wir möchten von der Allgegenwart des Bösen erlöst werden. Und Bohne vermisst auch Bitten im Vaterunser: unser Wunsch nach ausgeprägtem Glücklichsein. „Und es gibt auch keinen Satz, der um Bewahrung vor dem Leiden bittet“ (S. 107).

Vernunft, Mythos und Glaube

Im Anhang wird eine kurzgefasste Diskussion zu den Beziehungen zwischen Vernunft und Glauben gegeben. Dabei geht es auch um mythologische Bilder und Rituale, die, obwohl „sie nicht als historische Ereignisse unserer eingeschränkten Welt interpretiert werden sollten, im Menschen physisch wirksam werden können“ (S. 175). Die in ihnen enthaltenen Glaubenswahrheiten lassen sich nicht vollständig in die natürliche Sprache übersetzen.

So bringt Klaus Bohne auf eigene Weise in seinen Wunschpredigten Bezüge zu unserer Lebenswirklichkeit ein, die zum Nachdenken anregen. Zugleich bewegen sich seine Deutungen in einem Spannungsfeld, das im Dialog zwischen Naturwissenschaft und Glauben immer wieder neu ausgelotet werden muss: Was lässt sich sinnvoll miteinander verbinden – und wo bleiben Unterschiede bestehen? Und seine Texte laden dazu ein, sich selbst auf diesen Weg zu begeben: die eigenen Fragen ernst zu nehmen, vertraute Texte neu zu lesen – und vielleicht eigene „Wunschpredigten“ zu formulieren als persönliche Weise, das zur Sprache zu bringen, was einem im Hören fehlt und im Leben nach Ausdruck sucht.

(epubli 2019, 185 Seiten, 8,99 EUR)

M. S.

 

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