Lesen Aus der Rubrik "Persönlich". Von Dr.-Ing. Barbara Schmid.

Lesen – ich liebe Krimis. Besonders diejenigen, die gesellschaftspolitische Themen berühren und menschliche Abgründe offenbaren, wie die „Millennium“-Trilogie des schwedischen Krimiautors Stieg Larsson oder die Krimis der Autorin Nele Neuhaus. Ihren letzten Krimi „Monster” habe ich nicht mehr aus der Hand gelegt. Er führt in die Abgründe menschlicher Seelen und hat mich sehr mitgenommen.

Als Heranwachsende habe ich die Romane über die Nibelungen und andere Sagengestalten verschlungen. Verbunden war ich mit den Rittern der Tafelrunde um König Artus. Auf einer Reise durch England habe ich später die Reste der sagenumwobenen Burg „Tintagel“ in Cornwall besucht. Es gab kein Fernsehen, nur Radio und Hörspiele, aber das hat mich nicht beflügelt. Nein es waren die Figuren, und Landschaften, die ich beim Lesen entwickeln konnte und vor mir gesehen habe, deren Abenteuer ich beim Lesen miterleben durfte und die mich zum Nachdenken angeregt haben. Der historische Roman „Peter der Erste“ von Alexej Tolstoi, der den Lebensweg des russischen Zaren und dessen visionäre Sicht eines modernen Russlands beschreibt, in dem er europäische Handwerker einlädt, St. Petersburg aufzubauen, hat mir ein Russland gezeigt, das sich der Welt öffnete. 2015 habe ich endlich St. Petersburg bereist und mir vor Ort ein Bild machen können von einer wunderschönen Stadt, die europäisches Flair ausstrahlt.

Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ habe ich verschlungen. Auch der „Der Tod in Venedig“ und „Unordnung und frühes Leid“ waren für mich sprachliche Offenbarungen mit Figuren, die Zeugen zwischenmenschlicher Beziehungen und Schicksale sind. Sein Sohn Klaus Mann hat mir mit seinen biografischen Romanen „Mephisto“ und „Der Wendepunkt“ einen tiefen Eindruck in menschliche Seelen und einen kritischen Blick auf Machtstrukturen mitgegeben. 2024 war ich dann endlich auf der kurischen Nehrung im ehemaligen Ferienhaus der Familie Mann. Hier durfte ich mit Blick auf das kurische Haff und unter dem hellen Licht des Himmels den Figuren der Romane und dem Geist dieser Familie nachspüren. Sehr verehre ich Marion Gräfin Dönhoff und deren Berichte um das ehemalige Ostpreußen, die ich lesend in „Kindheit in Ostpreußen“ in ihre lebensgeschichtliche Vergangenheit begleitet habe. Ihre klare Haltung und Widerständigkeit hat mich immer tief beeindruckt.

Mit Sigrid Undset und ihrer Geschichte um „Kristin Lavranstochter“ wurde in mir die Neugierde auf die Landschaften und die Menschen Norwegens eingepflanzt, die mein Mann und ich seit 2016 mit unserem Wohnmobil bereisen, um dieser tiefen Sehnsucht, die das Buch erzeugt hat nachzugehen und die Wucht dieser norwegischen Landschaften und die Freundlichkeit der Menschen zu erleben. Eindrucksvoll ist die UNESCO Welterbestätte Rjukan, die von der Sozial- und Industriegeschichte Norwegens erzählt und vom Widerstand der Norweger im zweiten Weltkrieg. Auch die Kirchengebäude der Nachkriegszeit sind Zeitzeugnisse, die auf die verbrannte Erde verweisen, die die deutschen Besatzer in Norwegen hinterließen. Dabei dokumentieren sie die Kraft, die im Aufbau und im Verzeihen stecken kann. Lesen öffnet neue Dimensionen und den Blick für Menschen, Schicksale, Landschaften und Kulturen, die uns in eine andere Welt mitreißen.

Dr.-Ing. Barbara Schmid

Architektin und Vorstandsmitglied der EAiD