Neulich hatte ich tatsächlich so etwas wie ein Bekehrungserlebnis. Ein Kollege zeigte mir, wie man sich mittels KI-Suche über bestimmte Normen zur Zulassung von Produkten informieren kann. Um meine konkreten Fragen zu beantworten, musste man die richtigen Passagen aus mehreren Norm-Texten kombinieren und in einen sinnvollen Zusammenhang bringen. Ich allein hätte zwei Tage gebraucht, um mich in die trockene Materie einzulesen und die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. Die KI und ich zusammen erledigten das in wenigen Minuten.
In den letzten zwei, drei Jahren wurde vieles über KI geschrieben oder gesprochen, sei es in Artikeln, Vorträgen, Talkshows oder in Gesprächen im Bekanntenkreis. Mir kam es so vor, dass sich die Debatte vor allem damit befasst hat, wohin diese neue Technologie führen könnte, wenn sie ins Extreme abgleitet, wenn man sie auf die Spitze treibt: Verletzung der Privatsphäre, Arbeitslosigkeit, Krieg, Vereinsamung und noch vieles mehr. Es ist auch überaus wichtig, sich diese Konsequenzen bewusst zu machen. Viele dieser negativen Dinge sind bereits eingetreten, geschehen bereits jetzt, und es ist wichtig, Strategien zum Umgang damit zu finden. Aber bei all der Aufregung ging und geht für mich eines unter: Wie unglaublich praktisch KI sein kann.
Die meisten Anwendungen für KI, denen ich bisher begegnet bin, schienen mir entweder der menschlichen Bequemlichkeit geschuldet, oder einer von Ideologie beflügelten Managements ausgerufenen Hyper-Produktivität zu dienen. Beides Pole einer Skala, mit denen ich persönlich nichts anfangen kann. Ich fand das abschreckend. Aber nur, weil es diese Extrema gibt, heißt es doch nicht, dass es in der Mitte nicht eine Menge nützliche Dinge zu finden gibt. Konstruktive Kritik an einer neuen Technologie ist notwendig. Sie sollte aber nicht zu genereller Ablehnung und Technologiefeindlichkeit führen. Sie sollte die Leute nicht davon abhalten, sie auszuprobieren und sich selbst ein Bild davon zu machen.
Die Art, wie ich die Diskussion wahrnehme, führt schnell dazu, dass sich Lager bilden. Dann ist wichtig, woran man glaubt, und auf welcher Seite man steht. Und nicht, wie in alle Richtungen offen wir an eine neue Sache herangehen. Das sollten wir uns aber bewahren. Denn der Mensch hat in seiner Geschichte schon viele Technologien erschaffen – und verworfen. KI wird aller Zuversicht und Voraussicht nach nicht die letzte sein.
Reza Kharrazian, Physiker und Vorstandsmitglied
