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Vernunft und Seele

Im Urlaub saß ich oft am Strand, ein Buch auf dem Schoß – und schaute dann doch lange nur aufs Meer. Das Wellenspiel faszinierte mich. Die Wellen kamen, brachen, liefen aus und zogen sich zurück. Je länger ich hinsah, desto weniger sah ich einzelne Wellen. Sie lösten sich auf in das Geschehen: Kommen und Gehen, Heben und Fallen, Fließen und Brechen. Panta rhei – alles fließt.

„Welle“ ist eine Abstraktion. Sie ist wichtig, denn ohne Begriffe könnten wir weder denken noch sprechen. Aber das konkrete Geschehen vor meinen Augen war reicher. Es ist immer reicher als alles, was wir uns denken können. Und je länger ich schaute, desto mehr überließ auch ich mich diesem Kommen und Gehen. Manchmal tut es gut, nicht gleich alles in Begriffe zu fassen – auch sich selbst nicht. Dabei konnte, wie man so schön sagt, die Seele baumeln.

Ich habe es für mich so formuliert:

Mit unserer Vernunft erfassen wir Wirklichkeit in Abstraktionen.
Die Seele verbindet uns mit ihrer konkreten Fülle.

Mit dem alten, etwas beladenen Wort ‚Seele‘ meine ich hier jene Offenheit, in der uns eine Situation als Ganze betreffen kann: die Atmosphäre eines Ortes, die Gegenwart eines Menschen, Freude, Beklemmung, Vertrauen oder Fremdheit.

Gegen diese Blickrichtung gibt es eine mächtige Tradition. Seit Platon begleitet uns die Vorstellung, hinter der veränderlichen sinnlichen Welt liege eine eigentlichere, bleibende Wirklichkeit. William James zitiert 1902 in seinen Varieties of Religious Experience Henry Wood: Die ‚wahre Welt der Seele‘ sei jene, die sie aus Gedanken, inneren Zuständen und Vorstellungen bilde. Die Bewegung geht hier weg vom Konkreten: von der sinnlichen Welt hin zu einer geistigen Wirklichkeit. ¹

Jürgen Audretsch, seinerzeit engagiert im Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie an der Akademie Bad Herrenalb, setzt einen ganz anderen Akzent. Über die Physik schrieb er, sie handle „in einem gewissen Sinne gar nicht von der Wirklichkeit, jedenfalls nicht von der Alltagswirklichkeit“, sondern von „Kunstwirklichkeit“. Im religiösen Bereich gehe es dagegen um die „unmittelbare Lebenswirklichkeit“. ²

Das ist keine Geringschätzung der Physik. Im Gegenteil: Ihre Stärke liegt gerade darin, Wirklichkeit methodisch zu reduzieren. Ein Experiment wird so eingerichtet, dass möglichst wenige Größen eine Rolle spielen. Dadurch kann es wiederholt werden. Aus der Fülle des Geschehens werden Strukturen herausgelöst, die sich messen, vergleichen und theoretisch fassen lassen. In dieser Reduktion hält die Physik fest, was überpersönlich und zeitlos gelten soll: Gesetzmäßigkeiten.

Die unmittelbare Lebenswirklichkeit, von der Audretsch spricht, ist dagegen nicht wiederholbar. Sie besteht nicht aus sauber isolierten Größen. Es geschieht einmalig, in Beziehungen, Erinnerungen, Erwartungen, Verletzungen, Hoffnungen. Wir leben in unserer Geschichte – und verändern uns laufend in ihr.

Nicht jede Erfahrung muss sofort zur Erkenntnis werden. Nicht jeder Eindruck gleich zu einer Meinung. Nicht alles gewinnt dadurch, dass wir es unverzüglich einordnen. Manches darf uns erst einmal ergreifen und in uns weiterwirken. Das gilt nicht nur für das Schöne. Auch Verstörendes hinterlässt Spuren. Eine Seele, die sich vom Leben beeindrucken lässt, bleibt nicht unberührt. Entscheidend ist, dass diese Spuren nicht verhärten. Dass wir uns also beeindrucken lassen, ohne hart zu werden.

Und dass wir beweglich bleiben für das, was noch kommt.

W.D.

¹ Henry Wood: Ideal Suggestion through Mental Photography, S. 51; zitiert bei William James: The Varieties of Religious Experience, S. 97.

² Jürgen Audretsch, in: Jürgen Audretsch/Klaus Nagorni (Hg.): Was ist Erfahrung? Theologie und Naturwissenschaft im Gespräch, Bd. III, S. 20.

 

 

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