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Das Gehirn – die große Bühne

Der Arzt und Neurobiologe Tobias Esch forscht zu Gesundheit, Zufriedenheit und Selbstregulation – also dazu, wie Menschen in Stress und Belastung ihre innere Balance finden können. In seinem Buch Der Selbstheilungscode beschreibt er den Zusammenhang von Körper und Geist als ein fein abgestimmtes Wechselspiel: Gedanken und Haltungen wirken zurück auf den Körper, biologische Prozesse prägen unser Erleben. Dabei würdigt er auch die heilsame Rolle von Beziehungen, Ritualen, Spiritualität und Glauben. Direkt gesund glauben könne man sich zwar nicht – wohl aber durch Vertrauen, Akzeptieren und Loslassen gesundheitsfördernde Voraussetzungen schaffen.

Mein Fundstück findet sich in diesem Buch auf Seite 139: „Unser Gehirn bildet die Schnittstelle zwischen innerer und äußerer Welt, es ist die große Bühne, auf der alles zusammenfindet, was unser Leben ausmacht. Es ist auch der Ort, an dem sich Glaube, Philosophie und Biologie treffen, überschneiden, eine Einheit bilden, sich nicht mehr trennen lassen.“

In der Rede vom Gehirn als „großer Bühne“ schieben sich zwei Perspektiven ineinander: Das organische Gehirn, also das biologische Organ, messbar, erforschbar, voller Synapsen und biochemischer Prozesse. Und das symbolische Gehirn, also unsere Vorstellung von einem Ort, an dem Erleben, Denken, Fühlen, Glauben und Wissen zusammenfinden.

Entscheidend ist für mich nicht, welche Ebene „die richtige“ ist, sondern wie beide sich zueinander verhalten. Das Organ allein ist noch keine Bühne, aber ohne das Organ hätten wir auch kein Bild von ihr. Die Spannung liegt zwischen Biologie und Bedeutung – und zugleich in unseren eigenen Vorstellungen, wie wir dieses Verhältnis denken.

Im Sinne der letzten „Brückenbeiträge“ im Blog kontrastiere ich zwei sehr unterschiedliche Sichten auf die Rolle des Glaubens auf der großen Bühne:

Säkular verstehend: Glaube gehört zur Vorstellungswelt. Er kann nachweislich gesundheitsfördernd wirken – etwa indem er Entspannung ermöglicht und Stress mindert. Seine Wirkung erklärt sich also aus dem Zusammenspiel von Psyche und Biologie.

Vom Glauben her skeptisch: Glaube ist mehr als ein Beitrag zur Selbstregulation. Er ist Beziehung zu Gott, er verweist auf eine eigene Wirklichkeit, die trägt und herausfordert. Wer das so versteht, wird sich durch eine rein biologische Deutung nicht wirklich gesehen fühlen.

Beide Sichtweisen greifen das gleiche Phänomen auf – dass Glaube wirkt –, verorten aber seinen Grund an unterschiedlicher Stelle. Über diesen Unterschied braucht man nicht zu streiten, es gibt keinen Grund, ihn vorschnell aufzulösen. Es reicht, gemeinsam zu sehen: Ja, Glaube verändert Menschen – und das darf jeder in seiner Sprache deuten. Aber hier zeigt sich eine ironische Pointe:

Der säkulare Mensch mag meinen zu verstehen, wie Glaube „funktioniert“. Doch dieses Wissen hilft nicht, selbst glauben zu können. Der glaubende Mensch mag sogar einräumen, dass Glaube Projektion sein könnte. Aber das schmälert nicht seine Erfahrung, dass er trägt und heilt.

Zusammenfassend meine ich, dass Esch mit seinem Bild vom Gehirn als „Bühne“ einen Impuls liefert, der beide Seiten anspricht. Er zeigt, dass biologische und kulturelle Dimensionen sich nicht trennen lassen. Wir können diese Bühne naturwissenschaftlich beleuchten oder religiös deuten – doch in jedem Fall sind wir Akteure auf ihr. Und vielleicht liegt gerade darin das Verbindende: Wir teilen dieselbe Bühne, auch wenn wir die Regie ganz unterschiedlich erklären.

W. D.

 

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