Frieden schaffen mit – und ohne Waffen Bericht von der Frühjahrstagung vom 15.-17. April 2019 in Augsburg

Ihren Ausgangspunkt nahm diese Tagung auf der vorhergehenden Frühjahrstagung im Mai 2018, die Europa zum Thema hatte. In einem Interview sprach Prof. Hans-Peter Müller, HU Berlin davon, dass Europa denkbar schlecht auf militärische Auseinandersetzungen, egal in welchen Teilen der Welt, vorbereitet sei. Im Vortrag sprach er sich dafür aus, das ein Europa, das nicht in Bedeutungslosigkeit versinken wolle, auch mehr militärische Verantwortung in dieser Welt übernehmen müsse, nicht zuletzt aus seiner historischen Verantwortung heraus. Hätte er das dem selben Publikum 30 Jahre früher gesagt – es wäre ein empörter Aufschrei durch die Zuhörerschaft gegangen. Denn der Einsatz militärischer Mittel zur Wahrung des Friedens war für viele Friedens-bewegte Menschen ein absolut rotes Tuch.

Auf der Frühjahrstagung 2018 blieb dieser Aufschrei aus. In den letzten 30 Jahren hat sich aber, wie sollte es anders sein, auch einiges gewandelt. Von „amtlicher“ Seite wurde das im Januar 2014 auf der Münchner Sicherheitskonferenz vom damaligen Bundespräsidenten, Joachim Gauck zur Sprache gebracht. Er wies auf einen grundsätzlichen Wandel, hin zu mehr militärischer Verantwortung für die BRD hin. Deutsche Soldaten haben seit den Neunzigern an verschiedenen Kriegseinsätzen mitgewirkt: Somalia, im Kosovo, in Afghanistan und in Mali, um nur einige zu nennen. Kurdischen Peschmerga-Kämpfern wurden Gewehre und Munition geliefert, Ausbilder wurden entsandt. Bis 2024 sollen die Wehrausgaben von derzeit 1.2% auf 1.5% des BIP angehoben werden.

Der Titel der diesjährigen Frühjahrstagung entstand aus diesem Zusammenhang heraus. Das Wort „mit“, also „mit Waffen“, ist dabei eine bewusste Zuspitzung und Provokation. Die Friedenstaube, die nicht mit einem Ölzweig, sondern einem Gewehr im Schnabel kommt, ist kein Statement. Sie führt uns nur eine gewisse Denkweise plakativ vor Augen.

Prof. Hanne-M. Birckenbach, bekannt vor allem für ihre Arbeiten zur Friedenslogik, gestaltete den ersten Teil der Tagung. Sie zeigte, dass in entsprechenden Kreisen heutzutage nicht von „Frieden“, sondern von „Sicherheit“ die Rede ist. So wird von „sicherheitspolitischen“ Problemen gesprochen; „Frieden“ geht in einem erweiterten Sicherheitsbegriff auf. Letzterer enthält als eine Komponente immer auch die Waffengewalt.

An einer Allegorie des Friedens, ein Gemälde von Battista Dossi aus dem Jahre 1544, machte sie einen grundsätzlichen Zug in unserer Denkweise fest: Den Krieg bringen die Menschen, der Friede aber komme von den Göttern. Es würde nun zu weit gehen zu folgern, dass die Politik nicht begreift, dass wir uns für den Frieden anstrengen müssen. Viele Diplomaten tun das weltweit, Tag und Nacht, das merkt Birckenbach auch in einem ihrer Aufsätze an [1]. Nichts desto trotz, so ihre Botschaft, müssen wir uns viel stärker, wahrhaftig und mit einer gewissen Systematik um Frieden bemühen.

Diese Systematik legte Birckenbach im Folgenden dar. Die genauen Stichpunkte werde ich hier nicht wiedergeben, sie können in vielen ihrer Publikationen eingesehen werden. Im Zentrum all ihrer Überlegungen steht der Konflikt. Politisch handelnde Menschen müssen darauf sensibilisiert werden, dass Konflikte rechtzeitig erkannt, artikuliert und kommuniziert werden. Und dass sie letztendlich im Dialog miteinander transformiert und dadurch überwunden werden.

Von Prof. Birckenbach hätten wir uns gerne Beispiele gewünscht; insgesamt blieb die Beschreibung ihrer Handlungsprinzipien sehr theoretisch und abstrakt. Liest man mehr von ihr (z.B. [1]), führt sie freilich auch Beispiele aus; auf der Tagung kamen sie aber zu wenig dran.

Im zweiten Teil der Tagung berichtete Militärpfarrer Ulrich Kronenberg von seinen Einsätzen in Afghanistan. Er schilderte, wie er zu dieser Aufgabe gekommen war, wie er den Alltag dort gestaltete, welche Aufgaben er während seines Einsatzes zu erfüllen hatte. Für mich war dabei am eindrücklichsten zu sehen, wie er sich in die Gesamtsituation, aber auch in die einzelnen Schicksale hinein versetzen, und selbst mitleiden musste.

Es schloss sich ein Gespräch zwischen Prof. Birckenbach und Pfr. Kronenberg an. Wir hatten im Vorfeld erhofft, eine konträre Diskussion zu erleben. Nicht zuletzt, um Antworten auf die im Tagungstitel gestellte Frage zu bekommen – kann unter Umständen auch der Einsatz von Waffen Frieden bringen? Aber auch Pfr. Kronenberg verteidigte keinesfalls den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr an sich. Seinen Einsatz als begleitender Militärseelsorger sah er dabei durchaus als sinnvoll und wichtig an.

Ein thematischer Impuls von ganz anderer Seite kam am Samstagabend. Es wurde der Film „Vom Töten leben“ von Wolfgang Landgraeber gezeigt [2]. Dieser Film beschreibt die Situation in Oberndorf, die Geschichte der Firma Mauser, Heckler & Koch sowie deren Belegschaften, aber auch deren Gegner. Dieser Film zeigt in eindrücklicher Weise, wie die Produktion von Waffen und Rüstungsgütern einen Ort und dessen Bewohner prägen kann. Und wie schwer es auch heute noch für viele Menschen ist, offen darüber zu reden.

Dass die Positionen von Prof. Birckenbach und Pfr. Kronenberg nicht so konträr waren, wie vor der Tagung erwartet, war in gewisser Hinsicht sehr schade. Ich denke, dass auch die Befürworter militärischer Einsätze gute Gründe für ihr Handeln haben. Diese Gründe hätte ich gerne gehört, wie auch die Entgegnungen darauf von einer Friedensforscherin.

Trotzdem war eine gewisse Tiefe im Gespräch mit Menschen zu spüren, die direkt an der Sache dran sind, sei es im Militäreinsatz in Afghanistan oder aber in gemeinsamen Projekten mit Friedensgruppierungen. Das hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen und lässt mich über manches ach doch so wichtige Problem in meinem Alltag hinwegsehen …

Reza Kharrazian

[1] „Friedenslogik statt Sicherheitslogik. Gegenentwürfe aus der Zivilgesellschaft“, Wissenschaft & Frieden 2012-2: Hohe See, Seite 42–47

[2] Wolfgang Landgraeber, „Vom Töten Leben“, 2016. Zu finden unter anderem im Internet unter www.youtube.com/watch?v=6-oRrZnXiT0