Eginald Schlattner – eine Entdeckung wert! Ein Porträt

Eginald Schlattner – evangelischer Pfarrer, Siebenbürger Sachse, Schriftsteller, dessen Romane ein Stück Weltliteratur geworden sind: Manchen mag er ein Begriff sein, anderen wieder ein unbeschriebenes Blatt.

Für die Teilnehmer einer Reise der Evangelischen Akademikerschaft nach Rumänien jedenfalls war die Begegnung mit ihm am 30. Juni eine Entdeckung und ein Erlebnis besonderer Art – und so ist auch sein neuer Romans Wasserzeichen, laut einer Rezension der FAZ vom Juni, ein „grandioser Alterswurf“.

Begegnen kann man Schlattner inzwischen nicht mehr bei Buchmessen und Leserreisen. Denn vor Ostern stürzte der inzwischen 85-Jährige beim Friedensgebet in seiner leeren Kirche so unglücklich, dass er „vom Tisch des Herrn geradewegs auf den Operationstisch gelangte“ und sich nur „schmerzgesegnet“ mühsam auf Krücken bewegen kann. Umso schöner, dass sich geradewegs eine Art Literatourismus gebildet hat zum Pfarrhof von Rothberg (rumänisch Roşia) nahe Hermannstadt. Die Reisegruppe wurde gastfreundschaftlich empfangen und von Schlattner in sein Werk eingeführt – und mit ihm in einen ganzen Kosmos von Lebens- und Zeitgeschichte.

Prägend waren insbesondere die Erfahrungen in den zwei Jahren seiner Isolationshaft in den Fängen der „Securitate“, dem kommunistischen Geheimdienst seit Ende 1957. Sie werden verarbeitet in dem Roman Die roten Handschuhe, auch im Sinn einer ehrlichen Selbsterforschung. Die Securitate trieb ihr infames Spiel mit dem kurz vor dem Abschluss stehenden Studenten der Hydrologie, dessen erste Erzählungen gerade hätten veröffentlicht werden sollen. Nach Monaten extremen Drucks sah er keinen anderen Ausweg, um die Studenten eines deutschen Literaturkreises vor einem Schauprozess zu bewahren, als über sie Aussagen zu machen. Daraus hat man ihm jahrelang einen Strick gedreht, ihn als Verräter und Mitarbeiter der Securitate beschimpft und diffamiert. Erst 2016 erschien eine Dissertation, die aufgrund der Aktenlage nachwies, dass Schlattner nicht Täter, sondern wie andere Opfer war, jedenfalls niemals Informant der Securitate.

Bis heute ergab sich aus solchen Erfahrungen für Schlattner als ein bestimmendes Thema die Frage nach Schuld und Vergebung, insbesondere in den Wasserzeichen. Er geht aus von dem Vertrauen: „Gott kennt die Wahrheit, aber er behält sie lange für sich“. Zugleich soll Schuld begriffen und benannt werden, ehe es zu spät ist. „Und es gibt sie, die Versöhnung, als Gnade Gottes, die überwältigt, aufruft, antreibt zu handeln. Und selbst wenn der Getroffene sich der ausgestreckten Hand verweigert…, gibt es eine Handhabe der Wiedergutmachung: Es ist die Hingabe an den Nächsten vor deiner Tür, in deinem Haus, am Wegesrand, hinter Gittern. Allein die Liebe deckt die Menge der Sünde, Schuld, Verfehlung.“

So war es konsequent, dass er sich derer annahm, die ganz am Rande standen. Die einen waren jene hinter Gittern. Nach mühevollen und wechselhaften Zeiten nach der Haft erfuhr er einen Ruf zum Theologiestudium, das er 1978 abschloss, betreut nicht zuletzt von seinem Freund Christoph Klein, dem langjährigen Bischof der Siebenbürger. Ihm wurde die Pfarrstelle in Rothberg übertragen. 1991 kam der Auftrag zur Gefängnisseelsorge in 44 Anstalten des Landes hinzu. Er gewann das Vertrauen vieler völlig Abgeschriebener. Auch sie sind für ihn ein Ebenbild Gottes, und er spricht ihnen zu: „Habt Mut, das Gute in euch zu entdecken.“

Die andern ganz am Rande waren die Roma. In Rothberg suchte sie der neue Pfarrer in ihren Hütten im Tal auf – eine Sensation. Sie sollten bei ihm eine offene Tür finden, was allerdings auch zu allerhand Problemen führte – und nicht zuletzt dazu beitrug, dass seine Frau eines Tages den Pfarrhof Richtung Deutschland verließ. Schlattner sagt, dass er lernen musste, dass zur Barmherzigkeit nicht nur das Herz, sondern auch der Verstand gehört. Er förderte die Roma, wo er nur konnte. Eine junge Roma-Frau fand bei ihm Asyl vor den Schlägen in ihrer Familie und betreut ihn bis heute.

In all dem zeigen sich immer wieder die durchaus widersprüchlichen Seiten dieses Menschen. Auf geniale Weise gestaltet er den Widerspruch in den Wasserzeichen. Die eine Ebene des Erzählten ist das orthodoxe Nonnenkloster, in dem er zeitweise Unterkunft findet. Geradezu grotesk geht es dort darum, sich ein Leben im Himmel zu verdienen. Aber vor lauter Gott vergessen die Frommen dort den Nächsten. Während wir – so Schlattner – vor lauter Nächsten Gott vergessen. Und so findet er zugleich im Kloster, diesem „Irrgarten der verletzten Erinnerungen“, Zeichen der Transzendenz und des Heiligen. Die Ikonen werden ihm zu Schemen einer jenseitigen Welt, durchscheinend und verhohlen wie Wasserzeichen.

Die andere Ebene sind die Reflexionen eines bewegten Lebens, die in Rückblenden eingefügt werden – Freuden und Leiden des jungen Eginald, teils bei abenteuerlichen Touren mit dem Rad. Es geht um ein Leben in unheilvollen Zeiten: Der Nationalsozialismus brachte einen Riss in die Siebenbürger Identität. Großdeutsche wollten sie werden, und als dann 70.000 „Volksdeutsche“ in das deutsche Heer eingezogen wurden, begleitete sie auch Hitlerjunge Eginald mit erhobener Hand. Die Erfahrungen schlugen sich nieder im Roman Der geköpfte Hahn, der es bisher zu 14 Auflagen gebracht hat und in sieben Sprachen übersetzt ist.

Im August 1944 wechselte Rumänien jedoch die Fronten. Es begann die Leidenszeit der Volksgruppe mit Enteignung und brutaler Verschleppung Unzähliger in die Zwangsarbeit. 1948 führte die kommunistische Machtübernahme zur Erniedrigung sogenannter Ausbeuter. Die Schlattners wurden buchstäblich aus dem Haus geworfen samt Tischtuch mit dem Abendessen, Möbeln, Spielsachen und Klavier und mussten in einem nicht heizbaren Lagerraum hausen. Erfahrungen, die vor allem im Roman Das Klavier im Nebel verarbeitet wurden.

Was für eine Befreiung dagegen, als das Regime des größenwahnsinnigen Ceauşescu 1990 gestürzt wurde. Doch es setzte ein Massenexodus ein. Dazu Schlattner: „Die Siebenbürger Sachsen haben sich sang- und klanglos aus der Geschichte verabschiedet – nach geschlagenen 850 Jahren – wiewohl sie weitere tausend Jahre mit den anderen Völkerschaften hier unter demselben Himmel hätten beten und leben können“. Für Schlattner stand das Flüchten nie zur Diskussion. Seine Devise war: „Man verlasse den Ort des Leidens nicht, sondern handle so, dass die Leiden den Ort verlassen.“

Dieses Standhalten geschah mit einer Beharrlichkeit ohnegleichen. In Rothberg als Gemeinde sind nur vier Greise geblieben. „Selbst die Toten sterben aus“, formuliert Schlattner sarkastisch. Er jedoch hielt unbeirrt vor leeren Bänken Gottesdienste – „um mich zu trösten. Um Gott zu trösten. Einen verwaisten Gott…“

Nun, hin und wieder war in der Kirche geschlagenen Frauen Mut zuzusprechen und waren Roma-Kinder zu segnen – die sofort wussten, warum die holzgeschnitzten Engel keine Schuhe trugen: „Sie fliegen!“ Und durch den wachsenden Ruhm ergab es sich dann doch, dass manche Neugierige sich in den Gottesdiensten mit den leergebeteten Bänken einfanden und sogar ein westdeutscher Minister den Weg nach Rothberg fand.

Nun aber – so Schlattner – sei mit den Wasserzeichen „das letzte Wort gesprochen“. Doch bis dahin erschließt sich dem Leser eine Sprachwelt von barockem Zuschnitt, bilder- und assoziationsreich, originell, humorvoll, drastisch – einfach genial. Möge den Wasserzeichen eine nicht geringere Resonanz beschieden sein als den vorangegangenen Bestsellern. Denn – so Sigrid Löffler, die große Dame der deutschen Literatur: „Die Geschichte der Siebenbürger Sachsen ist augenscheinlich zu Ende. Aber dieses Ende ist in den Romanen von Eginald Schlattner exemplarisch aufgehoben, im Hegel’schen Sinne.“

Johannes Dürr, Vorsitzender im LV Württemberg

Wasserzeichen. Roman
Pop Verlag, Ludwigsburg 2018
ISBN 9783863562168
Kartoniert, 628 Seiten, 29,00 EUR