„Ausgefallene“ Feste Reinhard Schmidt-Rost

Ausgefallene Feste I

Es ist ein fremdes Jahr, bar aller Feste,
was selbstverständlich war, es fiel ins Wasser,
der Virenstrom, er wütet immer krasser,
es bleiben vom Gewohnten kaum noch Reste,

Terminkalender wie entlaubte Äste,
die sorgenvollen Mienen immer blasser,
ob Pfleger, Ärzte, ob Report-Erfasser,
was werden soll? Sie hoffen halt das Beste

und wissen selbst nicht, was noch werden mag,
muss jeder etwa jetzt alleine feiern?

Wer wollte weiter denken als von Tag zu Tag?
Ergraut die Welt vom Meeresstrand bis Bayern,

wer noch nicht müde ist, der pflegt den Schatz
der  Feste: “ausgefallener” Ersatz.

 

Ausgefallene Feste II – Trauung

Die Hochzeit feiern wir nur in Gedanken,
die Kirche ist aus Vorsicht längst geschlossen,
wir hätten es nicht unbeschwert genossen
das Fest, aus Furcht, dass Ältere erkranken,

Hygiene-Mundschutz: der Gefühle Schranken,
der Anlass wird ein andermal begossen,
wenn Krankheitssorgen gnädig sind verflossen,
und keine Virusangst lässt länger wanken.

Im Geiste malen wir den Festtag aus,
und pflegen unsre tiefe Zweisamkeit,

wir bleiben wetterunabhängig still zuhaus’,
ganz unbeschwert von Hochzeitsfrack und – kleid,

und freuen uns auf jene fernen Tage,
wenn endlich weicht die Heimtücke der Plage.

 

Ausgefallene Feste III – Totengedenken

Wer wollte nicht in diesen düstern Zeiten,
da Sicherheit erneut ein Fremdwort wird,
nach Väter Sitte und ganz unbeirrt,
den Gang zum Grab des Nachbarn mitbegleiten?

Wer wollte nicht in diesen stillen Tagen,
beim Abschied nehmen und zu feiern helfen,
gedankenvoll entschweben mit den Elfen,
die engelgleich die letzten Schritte tragen?

Wer wollte sich nicht diesem Zug verbünden,
mit einer Kerze, einem Blumengruß

wer wollte nicht im Dunkeln noch verkünden,
hier liegt ein Mensch, er war uns ein Genuss.

Wir feiern seine Kraft, wohl unter Schmerzen,
er hat auf uns gewirkt, auf unsre Herzen.

 

Ausgefallene Feste IV: Der Martinstag

Der Martinstag kam dies Jahr ohne Züge,
kein Reiter hoch zu Ross und keine Lieder,
Corona hielt die Freiluft-Freude nieder,
zu ernst die Krankheit, keine Medienlüge,

dass, wer betroffen, schwer darniederliege.
nur langsam wüchsen alte Kräfte wieder,
Genesene beklagten matte Glieder,
Ansteckungsvorsicht über alles siege.

Und auch in Häusern und in großen Räumen,
wo sonst die Martinsgans gegessen wird,

da konnte man nur von Gemeinschaft träumen,
weil jedermann die Furcht im Herzen spürt,

man könnte selbst von fernen Nachbartischen,
das Virus unerkannt doch noch erwischen.

 

Ausgefallene Feste V: Advent

Der schwerste Ausfall steht uns noch bevor,
das Weihnachtsfest mit seinen vielen Farben,
wie werden jetzt vor allem Kinder darben,
wenn dieses Fest nun seinen Glanz verlor?

Vom Münsterturm schweigt der Posaunenchor,
vertraute Weihnachtslieder fast erstarben,
in weichen Kinderseelen bleiben Narben,
liest einer noch die alten Worte vor?

Vielleicht ermutigen sich Vater, Mutter,
ihr Kind, das sie in Liebe doch gezeugt,

zu nähren mit des Festes Geistesfutter,
das ihnen durch die Weihnachtsnacht gezeigt,

wie aus der Herzen klarer Gottesnähe,
ein stiller Festtag schließlich doch erstehe.

 

Ausgefallene Feste VI: Weihnachten

Der Weg zu diesem Weihnachtsfest ist länger
nach Tagen nicht, wohl aber im Gemüt,
auch wenn die Azalee frisch erblüht,
Erwartung bleibt ganz ungewohnt, weil bänger,

denn ungeschützt des vollen Mundes Sänger,
von dem sonst ungetrübt der reine Ton erglüht,
die Weihnachtsbotschaft fast noch unbemüht
der Welt vermittelt‘, aber nun viel strenger

auf solche Botschaft vorsichtig geachtet …
damit kein neuer Virus ihr entweicht,

der auch die Wirkung dieses Fests entmachtet,
Frieden auf Erden singt sich nicht mehr leicht,

wenn aber dieses Jahr bedroht das Fest,
dann betet alle gegen Lungen-Pest

 

Ausgefallene Feste VII: Silvester

Wird dieses Jahr der Himmel einmal schweigen,
nicht aufgeschreckt vom Krachen bunter Böller,
vom Funkenregen überm Sternensöller,
wird sich das Altjahr einmal ruhig neigen?

Doch schon formiert sich der Silvester-Reigen
der Leute, die den Jahreswechsel heller
und richtig laut mit zünftigem Geballer
zu feiern vorziehn, sich nicht gerne zeigen

nachdenklich, sinnend, voll Erinnerung,
ist Ruhe nicht nur für die Alten, Schwachen?

S i e lassen es auch diesmal lieber krachen,
lasst doch die Alten, wir sind jung mit Schwung.

Wer will die Stimmung immer noch vermiesen?
Wir werden Böller auf die Viren schießen.

 

Ausgefallene Feste VIIIa: Drei Könige – Erscheinungsfest

Die Kinder-Könige
mit ihrem Stern
sie ziehn von Tür zu Tür
es sind nur wenige
doch gehn sie gern,
mit dem Gespür …
dass, wenn sie singen,
die Münzen klingen
für die, die arm und fern …

 

Ausgefallene Feste VIIIb

Zu guter Letzt zu denken noch der Weisen,
von Sternenkindern jedes Jahr besungen,
mit ihren ungetrübten Lippen,
Zungen,wie sie von Ferne zu dem Stalle reisen,

Kamelgetragen, nicht auf Eisengleisen,
des Sternes Stand hat sie dazu gedrungen,
den Kindern aber ist es stets gelungen
mit ihren fröhlich-festlich hellen Weisen

der Hörer Herzen freundlich zu bewegen,
Die Tür zu öffnen und auch Herz und Hände

um mitzugeben von dem Festtagssegen,
so manche milde und auch noble Spende.

In diesem Jahre sind die Gruppen klein
und gehen niemals in ein Haus hinein.   

 

Ausgefallene Feste IX: Beethoven-Jubiläum  

Das ganze Jahr als großes Fest gedacht,
im deutschen Sprachraum zwischen Bonn und Wien,
dem Genius angemessen, nicht zu kühn,
es wurde ausgelöscht schier über Nacht.

Hat Künstler drauf in große Not gebracht,
die Zukunft scheint den meisten gar nicht grün,
so mancher hat von Eltern Geld geliehn,
doch Hilfsbereitschaft wurde auch entfacht,

das teure Gut, Kunst und Musik, zu retten,
die Menschen Leben, Geist und Würde spenden,

was wäre, wenn wir sie nicht weiter hätten,
wenn Existenzen materiell verenden?

Ein schwacher Trost in diesen trüben Zeiten,
sie wollen bald das Alte neu bereiten.

 

Coda 

Den Ausfall ausgefallen zu gestalten,
sind Künstler, Kaufmann und „Kaplan“ bemüht,
denn wer die Not der Einsamen recht sieht,
der kann sich kaum an strikte Regeln halten.

Wer weiß denn, was verkürzt den Weg der Alten,
in der doch noch des Lebens Funke glüht
und die genau spürt, was mit ihr geschieht,
wie soll man ihren Abend recht verwalten?

Wo De- und Wehmut sich mit Mut verbinden,
da wird nicht alles gut, doch kann man hoffen,

dass Lebensnot und Todesangst entschwinden,
und Gnade hält auch letzte Wege offen …