Kernfragen des Glaubens

Die Reformation geht weiter!    Auch fŸr den Glauben?

 

Der Landesverband Pfalz-Saar der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland stellt Inhalte des Glaubens zur Diskussion

 

Stand 25.11.12.     Zum Inhaltsverzeichnis Seite3

 

Der Glaube verŠndert sich, auch der christliche: Es gibt neue Gottesvorstellungen und andere Arten zu beten, die Bibel zu verstehen und Jesus als Sohn Gottes zu sehen. Einiges ist nicht mehr so wichtig, anderes ist gefragt.

Viele Begriffe und manche Inhalte des christlichen Glaubens werden heute hinterfragt  und entsprechen hŠufig  nicht mehr der heutigen spirituellen  Praxis. Fragen wie ãWas ist heute Kirche?Ò oder ãWie verhalten sich Naturwissenschaft und Glauben zueinander?Ò lassen sich nicht mehr zufriedenstellend und angemessen nur mit SŠtzen aus Luthers Katechismus beantworten.

Das (apostolische) Glaubensbekenntnis wird anders als frŸher interpretiert. ãIch glaube an Gott, den AllmŠchtigen...., .... an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.Ò Das sprechen manche Gottesdienstbesucher nicht mehr mit. Brauchen wir ein neues, anderes Bekenntnis?  Die christlichen Kirchen gehen auf solche Fragen nicht ausreichend ein.

Wir brauchen Besinnung auf und Nachdenken Ÿber das Wesentliche des Glaubens als Sinngebung unseres Lebens – eine ãReformationÒ (auch) beim GlaubensverstŠndnis!

Zwar gibt es neue theologische Literatur und neue religišse Praxis. Aber nštig wŠre,  dass wir selber verstŠndlich von den Dingen des Glaubens reden kšnnen,  von Gott, von Jesus, von der Bibel, von der Kirche, vom Jenseits und vom Ewige Leben. Gibt es da Neues? Anderes? Es geht nicht nur um Kritik an der Tradition, sondern um gemeinsam zu findende und zu definierende neue ZugŠnge, zu denen zunehmend Nichttheologen kreative BeitrŠge leisten.

Wir – das sind Mitglieder eines theologischen Arbeitskreises der Evangelischen Akademiker­schaft – haben damit angefangen, unser VerstŠndnis von einigen Kernfragen des christlichen Glaubens aufzuschreiben, zu diskutieren und aus eigener Sicht zu beantworten. (Zum Verlauf der Arbeit und der Diskussion im theol. Arbeitskreis der Evangelischen Akademikerschaft fŸr die ãKernfragen des GlaubensÒ finden Sie etwas in den Anlagen).

Wir wollen, kurz gesagt:

1. Neue Glaubensvorstellungen prŸfen und, wenn nštig und mšglich, inhaltlich und praktisch konkretisieren und weiter entwickeln.

2. Mšglichkeiten der Verbindung von traditionellen Glaubensformen mit neuen theologischen AnsŠtzen untersuchen und vermitteln.

3. Innerhalb und au§erhalb der Evangelischen Akademikerschaft dazu anregen, dass neues GlaubensverstŠndnis und neue Glaubensformen in der Kirche anerkannt und aufgenommen werden, ohne dadurch bisher praktizierte und bewŠhrte Glaubensweisen zu beeintrŠchtigen.

Wir halten es fŸr eine Aufgabe der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland, einen Beitrag zur Entwicklung und Aktualisierung des christlichen Glaubens in dieser Zeit zu leisten, indem ihre  Mitglieder ihr eigenes GlaubensverstŠndnis klŠren und neue Glaubens­aussagen prŸfen.  

In den ãKernfragen des GlaubensÒ sind auch kurze persšnliche BeitrŠge von einigen Mitgliedern des Arbeitskreises zu ihrem eigenen Glauben enthalten. Sie zeigen (wie auch in den einzelnen Themen) unterschiedliches GlaubensverstŠndnis, was aber eine Einigung auf eine gemeinsame Stellungnahme nicht verhindert hat. Damit soll ein Beispiel fŸr Gemeinschaft im Glauben auch bei unterschiedlichen Auffassungen desselben gegeben werden.

 

Greifen Sie das Thema ãKernfragen des GlaubensÒ auch in Ihren Veranstaltungen auf! (Kurze Inhaltsangaben zu den 15 Themen finden Sie jeweils im kursiv gesetzten Vorspann).

Ihre Zustimmung und Kritik, Ihre Fragen und Antworten und Ihre Erfahrungen mit Kernfragen des Glaubens in der heutigen Zeit (auch Ÿber den Kreis von Mitgliedern der EAiD hinaus)  kšnnen, wenn Sie es erlauben, auf unserer Internetseite  http://www.ev-akademiker.de/ea-vor-ort/pfalz-saar/  (Diskussionsforum) veršffentlich werden.

 

Weitere Internetadressen auf den Seiten des ea-Bundesverbandes wŠren noch einzurichten

eMail-Adresse fŸr BeitrŠge: GŸnter Hegele   hegele@ev-akademiker.de

Postadresse: GŸnter Hegele, Ahornstr. 5, 76829 Landau 

 

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Hinweise zu den Texten:

AnfŸhrungszeichen im Text kšnnen Zitate (auch ohne oder mit pauschalen Quellenangaben) oder BeitrŠge von Arbeitskreisteilnehmenden sein, die sich der Arbeitskreis  zu eigen gemacht hat.

Links im Text (blau) fŸhren zu Texten mit Šhnlichem Inhalt oder zu einschlŠgigen Anlagen.

In den Texten sind – entsprechend der Zusammensetzung des Arbeitskreises – unterschiedliche theologische und naturwissenschaftliche Auffassungen enthalten. Sie liegen aber im Rahmen pluralistischer Theologie und verbreiteter naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Der Arbeitskreis bemŸht sich, die Offenheit und Toleranz fŸr unterschiedliche religišse Positionen auch selbst zu praktizieren. Bei gegensŠtzlichen Auffassungen wird eine Abwertung anderer †berzeugungen soweit wie mšglich vermieden.

 

 

Inhalt:

Erweitertes Inhaltsverzeichnis am Ende der Kernfragen

1.  Warum Kern-ãFragenÒ, wenn es um unseren Glauben geht?
            Warum nicht Kern-ãAussagenÒ?

2.  Was ist Glaube?

3.  Glaube und Wissen

4.  Naturwissenschaft und Glauben

5.  Religion und Naturwissenschaft im Licht der modernen Physik

6.  Kommunikation mit Gott?

7.  Gott in der Mystik finden ?

8.  Das Gebet als Kommunikation mit Gott

9. Jesus – wer war und wer ist das?

10. Meine Kirche ?

11, Schuld / SŸnde / Vergebung

12  Auferstehung der Toten, JŸngstes Gericht, Ewiges Leben

13, Hoffen Ÿber den Tod hinaus?

14. Der andere Gott – damals und heute

15. Theodizee – Gott entschuldigen?  

Erweitertes Inhaltsverzeichnis    am Ende der Kernfragen

Anlagen zu den Kernfragen des Glaubens  (mit eigenem Inhaltsverzeichnis)

zum Inhaltsverzeichnis der Anlagen

 


1. Warum Kern-ãFragenÒ, wenn es um unseren Glauben geht?
Warum nicht Kern-ãAussagenÒ?

 

Wir sind unsicher geworden.

In den protestantischen Kirchen Europas, zumal in Deutschland breitet sich Unsicherheit aus, wie man der schwindenden Bindung ihrer Mitglieder an die Organisation und ihrer VerkŸndigung begegnen kann.

Auch das VerstŠndnis des Glaubens ist unsicher geworden. Selbst Aussagen im Glaubensbekenntnis zu Gott und Ÿber den Heiligen Geist werden nicht mehr voll bejaht. Erkenntnisse der Naturwissenschaften lassen  manches frŸher fŸr selbstverstŠndlich Gehaltene als fraglich und Ÿberholt erscheinen. 

Vieles erscheint aber auch in einem neuen Licht. Es lohnt sich, Fragen zu stellen, auch wenn nicht gleich und nicht leicht Antworten zu finden sind.  Neue AnsŠtze in der Theologie sind Ÿberraschend und weiterfŸhrend. Sie sind nicht nur in der Spanne zwischen sŠkularisiertem Denken und Fundamentalismus zu finden. Auch auf individueller Ebene kann ergebnisoffen  nach dem Grund des Glaubens gefragt werden. Wir stellen keine neuen ãKernsŠtze des GlaubensÒ auf, sondern wir fragen nach neuen Mšglichkeiten zu glauben, tun dies gerne miteinander und auch zusammen mit anderen Interessierten.  Unser Glaube an Gott und unsere ãGottesbilderÒ mŸssen nicht in negativer Theologie enden. Neue Gottesbilder korrespondieren mit dem, was wir Ÿber die Welt wissen kšnnen.

 

 

Wir sind unsicher geworden.

In den protestantischen Kirchen Europas, zumal in Deutschland breitet sich Unsicherheit aus, wie man der schwindenden Bindung ihrer Mitglieder an die Organisation und ihrer VerkŸndigung begegnen kann.

Diese SchwŠchung ist nicht nur ãgefŸhltÒ, sie schlŠgt sich in Austrittszahlen und nachlassenden Gottesdienstbesuchen nieder, obwohl die immer wieder genannten GrŸnde fŸr die ganz Šhnlichen Probleme der katholischen Kirche, Priestermangel, Frauenordination, Zšlibat, den Protestanten nicht zu schaffen machen.

 

Unsicherheit spŸren wir aber auch selber, die wir der Kirche noch nahestehen und wir erfahren sie in GesprŠchen, was unseren Glauben und sein Bekenntnis angeht.

 

Wer ist das, der Drei-eine Gott, den wir bekennen? Wer ist das, sein Sohn, dessen Tod und Auferstehung uns von SŸnden lossprechen und das ewige Leben verhei§en sollen?

Uns, die wir das Wort ãSŸndeÒ vielfach gar nicht mehr im Munde fŸhren, geschweige denn, dass wir uns unsere Fehltritte als SŸnde zurechnen (weswegen wir wohl auch nicht mehr zwischen Schuld und schicksalhaftem UnglŸck zu unterscheiden vermšgen).

Uns, denen die Sterblichkeit als unausweichliches Los alles Lebendigen bewusst ist, selbst wenn wir sie zeitlebens verdrŠngen wollen.

Wo finden wir ihn, den Heiligen Geist? Heute, in den Beschleunigerkathedralen der Physiker, wenn diese das ãGottesteilchenÒ als ãmissing linkÒ einer durch und durch als materiell verstandenen Welt aufspŸren?

 

Wir sprechen das apostolische Glaubensbekenntnis im Gottesdienst, allsonntŠglich oder bei besonderen AnlŠssen. Aber nicht wenige fragen sich, ob sie dabei nicht einem MissverstŠndnis erliegen. Weil in ihren Kšpfen eine andere Vorstellung Platz gegriffen hat als die von einer Welt, geteilt in eine Unterwelt, das Reich des Todes; die Erde, auf der sich das Leben abspielt; den Himmel dort oben, der verhei§en ist, wenn wir das Gericht bestanden haben. Welches Gericht denn? Von welchen unterirdischen und Ÿberirdischen Orten ist die Rede? Gott, der Schšpfer der Welt, das kann plausibel klingen, weil man da auch an den ãUrknallÒ denken kann als den Schšpfungsakt. Aber auch als der allmŠchtige Vater wird er angesprochen. Und sofort steht das Bild vom hoheitsvollen Alten mit wei§em Bart vor Augen, der in wallendem Gewand auf der Wolke thront. Gott wie ein Ÿberaus erhabener Mensch, nur viel Šlter als jedes Menschenalter, ewig sogar, und von unermesslicher Macht. Ein majestŠtischer Herrscher auch, fŸr den wir nicht nur Kinder, sondern zugleich Untertanen sind.

 

Diese Bilder kšnnen wir nicht ohne weiteres zusammen sehen und zusammen denken mit dem, was wir, meist nur ganz unvollkommen verstanden, aber jedenfalls begrŸndet in einem rationalen Zusammenhang und beglaubigt durch die technische BewŠltigung unserer Lebenswelt, als das ãnaturwissenschaftliche Weltbild der ModerneÒ verinnerlicht haben.

 

Diagnosen werden gestellt. Eine davon vermutet, gerade das unzeitgemŠ§e Bekennen des Apostolikums habe die VerkŸndigung infiziert und verursache die GlaubensverflŸchtigung. Konziliar-theologischer Tradition entsprungen, wird es augenscheinlich dem modernen WeltverstŠndnis nicht mehr gerecht, aber auch nicht dem biblischen GottesverstŠndnis.

Selbst diese bibelfundierte GottesverkŸndigung ist aber nach dieser †berzeugung defizitŠr, weil in Mythen und Bildern sprechend, die, so die Behauptung, nicht mehr die unseren sein kšnnen.

Was kšnnte nŠher liegen, als mit dem Theologen Matthias Kroeger einen ãRuck in den KšpfenÒ des kirchlichen Personals, der Kirchenleitungen und ihrer Pfarrerinnen und Pfarrer zu fordern, damit die neuen Theologien Platz greifen kšnnen, die seit dem Aufbruch in die historisch-kritische und liberale Theologie seit dem 19. Jahrhundert von den gelehrtesten Kšpfen des europŠischen Protestantismus entwickelt wurden?

 

…ffnet sich damit nicht der Weg, die Glaubensinhalte und Glaubensformeln den neuen Erkenntnissen der Naturwissenschaft und ihrem Weltbild anzupassen?

Oder mŸssen wir uns damit abfinden, dass der Diskurs zwischen Naturwissenschaft und Religion , wenn er nicht schon als entschieden gelten kann, nur noch als Konfrontation eines fundamentalistischen Naturalismus der modernen Wissenschaften mit einer mehr oder weniger dogmatisch-unzeitgemŠ§en ReligiositŠt und ihrem Ÿberholten Weltbild ausgetragen werden kann? Eine Auseinandersetzung, die bei fortschreitender SŠkularisierung des Denkens mit dem Verschwinden jeglichen Glaubens an eine SphŠre des Gšttlichen enden mŸsste.

 

Einen Ausweg sucht, wer eine relativierende Koexistenz der Weltauffassungen vor Augen sieht, ein friedliches oder auch gleichgŸltig-gleichwertiges Nebeneinander von mehr oder weniger individuellen GlaubensŸberzeugungen vom Gšttlichen und Numinosen einerseits, Ÿberindividuell ŸberprŸfbaren Wirklichkeitsaussagen im Rahmen wissenschaftlicher Methodik andrerseits. Es scheint, dass dieser Sichtweise einer neutralen Koexistenz gerade der Theologe und ãWeltethikerÒ Hans KŸng zuneigt, der sich auch in naturwissenschaftlichen Fragen als beschlagen zeigt, der aber dem Versuch einer ãSynthese der ErkenntniswegeÒ letzten Endes eine Absage erteilt.

Eine eingehende BeschŠftigung des Arbeitskreises mit den neuen Veršffentlichungen KŸngs ergab kein einstimmiges Votum fŸr diese Position, auch wenn die Tendenz zu spŸren war, sie als wichtiges Ergebnis (festzuschreiben) in die eigenen †berlegungen einzubeziehen.. (www.evangelische-akademiker.de/publikationen) Sie kšnnte fŸr die verfassten Kirchen tatsŠchlich eine Option sein, die vielen bereits Distanzierten wieder enger an sich zu binden, ohne dass zu viel an theologisch-traditionellem Bestand geopfert werden muss.

 

Kann man behaupten, wie wir die Welt im Glauben erkennen, kann Ÿberhaupt nicht in Widerspruch geraten zu dem, was die Naturwissenschaft darŸber zu sagen hat? Auf jeden Fall mŸsste das, ehrlicherweise, einer agnostische Haltung der Naturwissenschaftler entsprechen. Deren methodische SelbstbeschrŠnkung fŸhrt notwendig zur Ausgrenzung des nicht Ÿberindividuell †berprŸfbaren, des ãGlaubensmŠ§igenÒ, als nichtwissenschaftlich, wenn nicht als irrelevant oder falsch. Dass es zwischen Naturwissenschaft als dem ãBereich des WissensÒ und der Religion als dem ãBereich des GlaubensÒ keinen Widerspruch geben kann, wŠre also eine Feststellung, die man zuallererst von den Naturwissenschaftlern erwarten mŸsste.

Stattdessen wird,  ungeachtet der Grundlagenproblematik ihrer WelterklŠrungsmodelle, insbesondere der physikalischen, von einer atheistischen Fraktion unter den Naturwissenschaftlern, der aggressive Anspruch auf Monopolisierung der Welterkenntnis erhoben. Fragen wir, welche Wirklichkeit wir mit ihrer Methodik erkennen, so tritt zutage, dass es keineswegs um die ganze uns existentiell berŸhrende Wirklichkeit gehen kann, und dass selbst das naturalistisch-materialistisch gedeutete Wirklichkeitsfragment, das sie bearbeiten, noch so gro§e LŸcken aufweist, dass ihre Schlie§ung auch bei grš§tem Forschungsaufwand unwahrscheinlich erscheint. Damit lassen sich keine Denkverbote aussprechen.

 

Das lŠsst nicht den Umkehrschluss zu, naturwissenschaftliche Welterkenntnis sei ihrerseits fŸr die Frage nach Gott in der Welt irrelevant. Die Vermutung bleibt begrŸndet, dass die Naturwissenschaft zwar keineswegs das einzige Fenster ist, durch das wir auf die Wirklichkeit blicken kšnnen, sondern dass andere Fenster, wie das des Glaubens, durchaus sinnhafte Einblicke šffnen kšnnen.

Einige Entdeckungen der Naturwissenschaften legen geradezu nahe, dass in ihnen eine Begegnung mit dem Gšttlichen stattfindet. Schon in den kreativen Mšglichkeiten des sich evolutionŠr entfaltenden Universums kann sich fŸr den Glauben die Anwesenheit dessen spiegeln, der es erschaffen hat und der seit Anbeginn der Zeit mit ihm ist.

 

Zweifel an Aussagen biblischen und christlichen Glaubens, die das schlechthin ãWunderbareÒ

zu behaupten scheinen, so auch die Mšglichkeit einer Auferstehung von den Toten, gab es schon in frŸhen, vormodernen Zeiten, die ebenso wie wir um die Grundbefindlichkeiten unserer irdischen Existenz wussten. Diese Zweifel mussten nicht erst von den Naturwissenschaften aufgebracht und genŠhrt werden. Diese ergriff im Verein mit  der AufklŠrung allerdings Partei gegen einen kirchlich- religišsen Dogmatismus, der dem Wunder im Namen Gottes die DignitŠt der WelterklŠrung zusprechen wollte.

 

Der sicher von sonntŠglichen Erfahrungen gestŸtzte Vorwurf, unsere Kirche nehme neue theologische Vorstellungen nicht ernst genug, die manchen Ansto§ an traditionell-religišsen Formen der WelterklŠrung beseitigen kšnnten, scheint Ÿberzogen. Ihre Pfarrerinnen und Pfarrer sind, ausweislich ebenfalls praktischer Erfahrungen in Gottesdiensten und Bibelarbeiten, durchaus willig und fŠhig, neue theologische Einsichten den Glaubensunwilligen nahezubringen. Sie nutzen ihre theologische Ausbildung in Predigten und bei der Ausgestaltung der Liturgie, fŸr Freiheiten einer VerkŸndigung, die auch neue theologische Inhalte vermittelt. Allein auf Grund dieser Ausbildung ist es ihnen gar nicht mehr mšglich, in der Sprache ãŸberholterÒ Theologien zu reden. Und dass ihre Zuhšrer ein von der Moderne geprŠgtes Weltbild haben wie sie selber, muss man ihnen nicht erst erzŠhlen. MŸssen hier offene TŸren eingerannt werden?

Geflissentlich Ÿbersieht man aber auch die Unkenntnis und die Lernunwilligkeit in den Gemeinden fŸr das theologisch Neue, fŸr das eine glŠubige SpiritualitŠt nicht oberstes Anliegen ist, Sie stehen der manifesten Unkenntnis naturwissenschaftlichen Wissens kaum nach. Als Seelsorger wissen die Pfarrerinnen und Pfarrer - und die Kirche tut gut daran, sie darin anzuleiten und zu bestŠrken - dass sie die Menschen nicht mit dem Neuen Ÿberrumpeln dŸrfen. Diese wollen das, was sie fŸr ihren Glauben halten, nicht ohne weiteres gegen Lehrmeinungen vom Hochschulkatheder eintauschen.

Ohnehin hat sich unsere Kirche lŠngst eine VerkŸndigungsdiŠt fŸr die GlŠubigen zu eigen gemacht.. Das extrem Anstš§ige in den biblischen Schriften wird heute niemand mehr zugemutet, der es nicht in seiner privaten BibellektŸre aufsuchen will. Auch das ganz und gar Antiquierte hat im Gottesdienst keinen Platz mehr. Was keinen auch im weitesten Sinn fŸr uns relevanten ãGlaubensinhaltÒ transportiert, findet in der gottesdienstlichen Agenda einfach nicht statt und niemand wird fŸr verpflichtet gehalten, es aufzusuchen.

 

Aber natŸrlich werden von der Kanzel noch Dinge verkŸndet, von denen der Pfarrer/die Pfarrerin wei§, dass sie fŸr jeden vernŸnftigen Menschen heute nur noch Legenden bedeuten kšnnen. Dass man sie wortwšrtlich glauben soll, wird er/sie nicht mehr verlangen, selbst wenn sich das mancher Zuhšrer selbst suggerieren mag. Manche mšgen wegen einer fŸr sie unglaubwŸrdigen VerkŸndigung den Gottesdiensten fernbleiben, viele aber tun dies aus GleichgŸltigkeit dieser oder jeder anderen VerkŸndigung gegenŸber. Anders herum sagt sich mancher Pfarrer/manche Pfarrerin wohl, dass es ganz in Ordnung ist, wenn schlichtere GemŸter manches glauben, was er/sie selber besser wei§.

 

Eine andere Diagnose stellt der ãSŠkularisierung des DenkensÒ in unseren Breiten, die unter Protestanten, aber auch unter Katholiken, um sich greift, die Zunahme einer, wenn auch eher diffusen SpiritualitŠt gegenŸber. Ihr versuchen vielfŠltige Angebote nachzukommen.

So ist die sogenannte Esoterik zu einem Sammelbecken geworden, in dem das DŸmmste neben dem EhrwŸrdigen, neben den echten spirituellen Traditionen der Welt, zu finden ist.

 

Der von den offensichtlichen Symptomen ausgelšsten Besorgnis um die Zukunft europŠischer Volkskirchen ist freilich das PhŠnomen christlicher Missionierung entgegenzuhalten. Als evangelikale VerkŸndigung im weitesten Sinn beherrscht sie Nordamerika, und breitet sich in SŸdamerika und im nichtmuslimischen Afrika und selbst im andersreligišsen Asien aus, ganz im Gegensatz zu unseren Erfahrungen. In diesen Weltteilen scheint der religišse Eifer gerade in Gestalt der ãreformiertÒ-protestantischen Bekenntnisse einen enormen Aufschwung zu erfahren. Und das nicht nur mittels einer frei flottierenden ãpfingstlerischenÒ SpiritualitŠt, sondern auch in der strikt traditionellen schrift- und offenbarungsglŠubigen Form, die wir fundamentalistisch nennen.

 

Eines der wichtigsten Kennzeichen der Diskussion im Arbeitskreis war es, solchen Diagnosen den Versuch an die Seite zu stellen, sich nicht mit den Alternativen der Konfrontation oder der Koexistenz von Religion und Naturwissenschaft zu begnŸgen oder gar eine fundamentalistische Regression fŸr denkbar oder geboten zu halten, sondern nach der Mšglichkeit des BrŸckenschlags, einer Synthese zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnisweise und christlicher Glaubenserkenntnis zu fragen. Wir stellen keine neuen ãKernsŠtze des GlaubensÒ auf, sondern wir fragen nach neuen Mšglichkeiten zu glauben, und tun dies gerne miteinander und auch zusammen mit anderen Interessierten.

 

Wir haben uns der Frage gestellt, ob unser Glaube an Gott und unsere ãGottesbilderÒ es Ÿberhaupt zulassen, in negativer Theologie zu enden, oder dies sogar von uns fordern.

Beharren wir darauf,

¤  Gott habe als Schšpfer in ganz eindeutiger Weise mit der Konstitution seiner Welt zu tun,

¤  sei in ganz bestimmter Weise in ihr anwesend

¤  und unterhalte sogar – und nach biblischer Lesart ganz bestimmt – eine aktive Beziehung zu ihr,

¤  nicht nur als der bestŠndig Anwesende von Ewigkeit zu Ewigkeit,

¤  sondern in sorgender Liebe, mit einem auf Vollendung gerichteten Heilsplan,

¤  so wie es dem christlichen Glaubensbekenntnis entspricht,

kommen wir zu einem anderen Schluss. Wir mŸssen unseren Gottesbildern eine Bedeutung geben, die mit dem korrespondiert, was wir Ÿber die Welt wissen kšnnen. Die Physik als herausragende Vertreterin der Naturwissenschaften, stellt uns seit dem Beginn des 20.Jahrhunderts in ihren Gro§theorien ein tief problematisches Bild der Welt vor Augen.

 

Folgen wir seiner Entwicklung bis heute, so lŠsst es unser Wissen von der Welt als ein ebenso gro§es Geheimnis erscheinen wie unser Bild von Gott.

 

Mehr dazu in dem Beitrag ãReligion und Naturwissenschaft im Licht der modernen PhysikÒ.

 

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Was ist Glaube?

 

Vom VerstŠndnis dessen, was mit ãGlaubeÒ gemeint ist, hŠngt auch sein Inhalt ab: Ist es eine besondere Erkenntnisform, die weiter reicht als GefŸhl und Verstand? Oder eine Grundhaltung, die das Handeln bestimmt? Worin liegt der Unterschied von Glauben und Wissen, von Religion und Naturwissenschaft? Wie kommen Menschen zum Glauben und welche VerŠnderungen sind festzustellen, zu wŸnschen? Anerkennung des Glaubens anderer auch bei erheblichen Unterschieden.

 

 

Glaube ist Offenheit fŸr MEHR : Hilfe, Helfen, Kraft, Verstehen. Gott.

Glaube ist Offenheit fŸr MEHR: FŸr die grš§ere Wirklichkeit, fŸr die Existenz Gottes. Von daher kommen Gaben und Aufgaben: Mit dem Verstand erkennen wir, durch Arbeit schaffen wir, mit GefŸhl empfinden wir: Schšnes und Bedrohliches. Mehr oder weniger. Auf- oder abgeblendet. Ein Glaube an die grš§ere Wirklichkeit verhilft zu einem Leben in grš§erem Zusammenhang: Mehr als in dem Namen Gott enthalten ist. Es darf ruhig noch MEHR als das sein. War im Wort zum Sonntag am 21.1.12 zu hšren.

Nach religišsem VerstŠndnis bedeutet das TŠtigkeitswort ãglaubenÒ vertrauen auf ..., sich verlassen auf, ..RŸckbindung an eine hšhere Wirklichkeit....... Sich-richten-nach, Offensein fŸr: ... Offenbarung, †bernatŸrliches, Transzendentes.

Als Substantiv (Glauben) bezeichnet das Wort meist bestimmte (Lehr-)Inhalte einer Religion, also z.B. ein VerstŠndnis von Gott, Jesus oder der Kirche. In einem Glaubens­be­­kenntnis sind solche wesentlichen Inhalte zusammengefasst, zur eigenen Vergewisserung, aber auch gegenŸber ãAndersglŠubigenÒ: ãIch glaube an Gott, den Vater, den AllmŠchtigen, den Schšpfer des Himmels und der Erde.Ò

In Theologie und Glaubenspraxis Šu§ern sich Unterschiede bei Glaubensinhalten einerseits in der Hervorhebung von besonderen Inhalten (z.B. Monotheismus, den Glauben an nur einen Gott, in den ãBuchreligionenÒ Judentum, Christentum und Islam).

Andererseits wird der eigene Glaube oft mit Hilfe von Negationen erklŠrt, also durch Abgrenzungen gegenŸber anderen Auffassungen (oder von Teilen derselben). Dann glaubt jemand sozusagen etwas anderes (oder anders)  als andere GlŠubige. Die unzureichende Sprache des Glaubens wird durch Deutungen, wie ãim Ÿbertragenen Sinne, nicht wšrtlich zu verstehenÒ, Chiffren und Bildern ergŠnzt.

Einen grundlegenden Lebenssinn hat wohl jeder Mensch. Auch wenn dieser sich nicht in Worten ausdrŸcken kann, zeigt er sich doch im Verhalten. ãWoran dein Herz hŠngt, das ist dein GottÒ schreibt Luther. Der Glaubende findet seinen Lebenssinn im Kontakt mit der grš§eren Wirklichkeit, mit Gott. Dadurch šffnet er sich auch anderen Menschen, fŸr die er in liebender Zuwendung Verantwortung Ÿbernimmt: ÒLiebe Deinen NŠchsten wie Dich selbstÒ. Das Leben des einzelnen, aber auch der Gemeinschaft bekommt eine neue  QualitŠt.

 

Inhalte und Formen des Glaubens .

Die heutigen Inhalte und die Formen des Glaubens an Gott haben sich geschichtlich entwickelt. Sie beruhen auf Einsichten aus religišsen Erfahrungen, die Menschen gemacht und beschrieben haben. Persšnlich sind sie von sozialisationsbedingtem Erleben und dessen deutender Verarbeitung in der jeweiligen Zeit geprŠgt.

Neben dem Glauben existieren die im Laufe der Geschichte angesammelten religišsen Traditionen.

Im christlichen Glauben gab es bei den Vorstellungen von Gott in den 2000 Jahren seit Jesus kaum VerŠnderungen. Die Entwicklung des zunehmend naturwissenschaftlich bestimmten  Weltbilds beginnt sich nur zšgernd auf den Glauben auszuwirken. In letzter Zeit wird mit positiver Bewertung von einer Evolution auch des Glaubens gesprochen.

Dazu schreibt G. Thei§en in seinen ãGlaubenssŠtzenÒ:

 

Schon das Urchristentum kannte

verschiedene Reflexionsstufen des Glaubens.

Alle sind gŸltig,

keine ist endgŸltig.

Alle nŠhern sich unvollkommen dem,

was letztgŸltig ist.

 

Wenn andere einen  anderen Glauben haben

 

So gibt es in derselben (evangelischen oder katholischen) Kirche sehr verschiedene Arten des Glaubens. In dem Buch ãDer Junge, der aus dem Himmel zurŸckkehrteÒ (ãEine wahre GeschichteÒ von Kevin und Alex Malarkey) wird die Wunderheilung eines 10-jŠhrien Knaben geschildert, der nach eigener detaillierter Aussage und Darstellung seines Vaters nach einem Autounfall wŠhrend eines zweimonatigen Komas und danach im Himmel war. Dort begegnete er Gott, Jesus und vielen Engeln und sprach mit ihnen (was sich auch in der Rekonvaleszenz fortsetzte). Die Heilung der Trennung des Kopfes von der WirbelsŠule wurde als ŸbernatŸrliches Wunder  der Kraft vieler Gebete zugeschrieben, so wie auch erstaunliche Hilfen, die die Familie von anderen Menschen empfing. Bibelstellen – wie etwa die Aussage Jesu: ãbei Gott sind alle Dinge mšglichÒ  (Mit 19,26) werden wšrtlich verstanden und als ErklŠrung fŸr viele unwahrscheinliche Ereignisse herangezogen. Auch in den Gebeten findet der Glaube an die Allmacht und GŸte des persšnlich erfahrenen Gottes seinen Ausdruck.

Diese Glaubensform findet auch bei vielen jungen Menschen volle Zustimmung.

Andere GlŠubige verstehen viele Bibelworte und Berichte Ÿber das direkte Eingreifen Gottes oder von Jesus Christus in den Geschehensablauf  mehr in einem Ÿbertragenen Sinn. Wenn es sich um Beschreibungen von Ereignissen handelt, die im Widerspruch zu gesicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen stehen (oder diese, weil transrational wie z,B. ãHimmelÒ, transzendieren),  fragen sie nach der Absicht und nach dem Sinn, dem Wesentlichen solcher ErzŠhlungen (der sich meistens auch finden lŠsst).

Nicht wenige Kirchenmitglieder,  darunter auch Theologen, halten die bis heute tradierten und im Kirchenvolk ver­ankerten Gottesbilder, also die vorwiegend anthropomorphen Vorstellungen von Gott, mit unserem heutigen Weltbild nicht mehr vereinbar, so auch der Theologe und Physiker H.R. Stadelmann: Er fragt, ãob einige der tradi­tionellen christlichen Begriffe und Glaubensinhalte (TrinitŠt, Hei­liger Geist, Reich Gottes, Ewiges Leben usw.), allenfalls neu inter­pretiert, beibehalten werden kšnnen oder ob sie als heute nicht mehr verstŠndlich und im Widerspruch zu unserem Weltbild ste­hend fallen zu lassen sind.

Die Einstellungen zu den jeweils anderen Glaubensweisen sind meist mehr oder weniger kritisch oder abwertend. Die Erfahrung von Hilfe von Gott, Jesus oder  – fŸr Katholiken – auch von Maria wird von Kritikern als altertŸmlich, Einbildung oder sogar als Aberglauben abgelehnt. WunderglŠubige mit direkter, persšnlicher Gotteserfahrung  dagegen sehen Wesentliches des Glaubens aufgegeben, wenn Aussagen der Bibel nicht mit allen Einzelheiten wšrtlich verstanden werden – was den Ausschluss vom ewigen Heil zur Folge haben kann.

Erfreulicherweise nimmt aber die Bereitschaft zu, anderen Menschen ihre eigenen Glaubensformen zuzugestehen und sich trotzdem mit ihnen im Glauben verbunden zu fŸhlen. Die Frage nach der Wahrheit eines Glaubensinhalts fŸhrt bei ihnen nicht zur Aufgabe oder zum Ausschluss von Gemeinschaft, sondern zu gegenseitigem Respekt und Interesse. Wenn Glaube als Geschenk (Gottes) verstanden wird, kann auch bei gro§en Unterschieden das Wesentliche z.B. des christlichen Glaubens bei anderen als vorhanden und wirksam vorausgesetzt und gesehen werden. Dabei ist auch daran zu erinnern, dass in vielen Religionen und auch im christlichen Glauben nicht die Wahrheitsbehauptung fŸr eine Lehre das Wichtigste ist, sondern die Liebe (nach Paulus), die im Vergleich zu Glaube und Hoffnung die grš§te ist! 

Wenn das beachtet wird, kšnnen sowohl die RechtglŠubigen wie auch die Offenen fŸr neue Glaubensformen ihre eigenen Auffassungen nicht nur selbstbewusst praktizieren und vertreten, sondern dŸrfen diese durchaus auch AnhŠngern anderer Glaubensformen zeigen und erklŠren – ohne allerdings deren †berzeugungen herabzusetzen. Das zu vermeiden bringt auch fŸr die eigene Glaubensform Fortschritte. (Ausprobieren lohnt sich!)

 

Das Entstehen von Glauben wird als Geschenk erfahren

Glaube ist eine menschliche FŠhigkeit, transzendente Wirklichkeiten zu erahnen, zu erkennen und danach zu handeln. (ãReligišse Erfahrung ist âGedeutete WahrnehmungÕ Ò):

 

Das Wort ãGlaubeÒ wird in den meisten Aussagen und Texten unseres Kulturkreises ganz selbstverstŠndlich verstanden als Glaube an den christlichen Gott, als sein Geschenk. Es gibt Berichte und ErklŠrungen von eigener Entscheidung zum Glauben: Bei einer in der Bibel berichteten DŠmonenaustreibung kommt der Vater des kranken Jungen nach der an Jesus gerichteten  Bitte ã.... hilf meinem Unglauben!Ò zum heilenden Glauben. Und der Ausruf Jesu ãIhr unglŠubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein, wie lange soll ich euch ertragen?Ò klingt vorwurfsvoll. Dass ein Mensch zum Glauben kommt, ist also nicht selbstverstŠndlich, sondern hŠngt von seiner Offenheit dafŸr ab.

Aber nicht nur in der Geschichte von der Heilung eines Kranken durch Jesus kommt der Glaube als Geschenk, auch in vielen anderen Bibelstellen und nicht zuletzt bei Martin Luther ist das so: ãIch glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann .......Ò

Gott hat per definitionem vor menschlichen Mšglichkeiten zu glauben existiert. DemgemŠ§ verdanken die meisten ãGlŠubigenÒ ihren Glauben nicht der eigenen Anstrengung, Begabung oder Findigkeit, sondern er ist ihnen zugekommen. Darin wird persšnliche und individuelle Zuwendung und FŸrsorge Gottes erfahren. Diese kann unter anderem in der Erziehung, der Begegnung mit dem NŠchsten, auch in besonderen Erlebnissen gesehen werden. Zunehmend wird aber heute die Entscheidung fŸr oder gegen die Annahme bzw. Beibehaltung eines religišsen Glaubens vom einzelnen Menschen selbst getroffen.

Der eigene Glaube unterscheidet sich wie das Gesicht eines Menschen von allen anderen. Ist es nicht so, dass das Neugeborene durch die Eltern Vertrauen lernt - das von glaubender Einstellung geprŠgt sein kann? Auf diesem Fundament begegnet es der Umwelt und findet seinen Platz in der Welt: behŸtet oder verloren ãje nach seinem GlaubenÒ im selbstzentrierten Denken oder im Erkennen des Anderen, NŠchsten. Aber viele gehen schon frŸh eigene Wege und werden anders, mehr oder weniger glŠubig als ihre Eltern.

Wenn es VerŠnderungen beim Glauben gibt, kommt das auch von weiter her, im positiven Fall aus der grš§eren Wirklichkeit Gottes. Also nicht nur von innen, vom Ich. Von vielen Seiten, in vielen Formen, in vielen Zumutungen. Gott eršffnet neue Mšglichkeiten des Glaubens, indem er sich selbst verŠndert und damit uns, nicht erst mit dem Auftreten Jesu, nicht nur in der Vergangenheit, sondern bis heute. Gott ist jener Vertrauensraum, in dem Menschen wachsen und gedeihen kšnnen, weil sie sich von der Macht des Lebens selbst getragen, gehalten und bejaht fŸhlen.

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2. Glaube und Wissen

 

In welchem VerhŠltnis stehen Glaube und Wissen?  Nicht erst seit der AufklŠrung wird Wissenschaft und Wissen als die Ÿberlegene Erkenntnisform gegenŸber dem Glauben angesehen. Wissenschaft und insbesondere Naturwissenschaft  wird fŸr den  besten Weg zur Erkenntnis der Wirklichkeit gehalten,  auch weil er zur Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen beitrŠgt.  Wird  der Glaube demgegenŸber zu gering eingeschŠtzt? Woher lassen sich heute und in Zukunft Lebenssinn und Wertbewusstsein empfangen?  Es ist notwendig,  Glaube und Wissen zutreffend zu unterscheiden und eine Vermischung zu vermeiden.

 

 

In der Umgangssprache wird ãglaubenÒ meistens im Sinne von vermuten, erwarten, meinen, fŸr wahr halten gebraucht. Kritiker setzen das Wort gerne gleich mit ãNicht-WissenÒ.

Nach religišsem VerstŠndnis bedeutet glauben (als Verb) vertrauen auf ..., sich verlassen auf, ... Sich-richten-nach, Offensein fŸr ... Offenbarung, †bernatŸrliches, Transzendentes ....

Als Substantiv (Glauben) bezeichnet das Wort meist bestimmte (Lehr-)Inhalte einer Religion, also z.B. ein VerstŠndnis von Gott, Jesus oder der Kirche. In einem Glaubens­be­­kenntnis sind solche wesentlichen Inhalte zusammengefasst, zur eigenen Vergewisserung, aber auch gegenŸber ãAndersglŠubigenÒ: ãIch glaube an Gott, den Vater, den AllmŠchtigen, den Schšpfer des Himmels und der Erde.Ò

Wissen ist das Bewusstsein (die Kenntnis, die BerŸcksichtigung) von Fakten, Theorien und Regeln und wird auch als Substantiv fŸr deren Dokumentation verwendet. Qualifiziertes Wissen wird als nachweisbar wahre und gerechtfertigte Meinung definiert und unterscheidet sich von Begriffen wie †berzeugung und Glauben.

Der Inhalt von Wissen kann wahr oder falsch sein. Dabei grŸndet eine wissenschaftlich ãwahreÒ Erkenntnis auf den definierten Axiomen, der internen Widerspruchsfreiheit, der Wiederholbarkeit im Experiment und der †berprŸfbarkeit (verifizierbar oder falsifizierbar).

Vieles im menschlichen Leben ist entsprechend seiner Eigenart nicht (oder jedenfalls nicht ganz) als Wissen zu erfassen, so z.B. der Sinn des Lebens, Krankheit und Schmerzen, Geburt und Tod, das GefŸhl, Gott und das Jenseits.

Glauben und Wissen sind voneinander zu unterscheiden, was bei Aussagen des Glaubens und des Wissens schwierig, aber notwendig ist, um ihre Vermischung zu vermeiden.

Wissenschaft strebt durch eine hochentwickelte Theoriebildung und Methodik den grš§tmšglichen Grad von objektiver Wahrheit in ihren Aussagen und Untersuchungsergebnisse frei von WidersprŸchen an. Das gilt fŸr alle Wissenschaftszweige, also fŸr Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften. Auch die Theologie arbeitet mit wissenschaftlichen Methoden und hat ihre eigenen Vorgaben. Notwendig (wenn auch nicht immer leicht) ist die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Wissenschaftsgebieten.

Wissen hat auch eine individuelle Dimension. Nach gedanklicher BeschŠftigung mit wichtigen Fragen glaubt man meistens, fŸr sich  ein VerstŠndnis und Konzepte erarbeitet zu haben, die nicht objektivierbar zu sein brauchen, aber fŸr einen selber verbindlich sind.

Glauben steht auch in einer dynamischen Beziehung zum Unterbewusstsein, in dem GefŸhle, WŸnsche, Vorstellungen, Ideen verarbeitet und dann in unser Bewusstsein gehoben werden.

Das VerhŠltnis von Glauben und Wissen, aber auch von Wissen und Glauben verŠndert sich dauernd sowohl individuell als auch generell. Dabei kann es abwechselnd und mehr oder weniger stark von WidersprŸchen, GegensŠtzen, ErgŠnzung oder analoger †bereinstimmung bestimmt sein.

Ken Wilders unterscheidet zwischen prŠrationalen und transrationalen religišsen Erfahrungen (zitiert in KŸstenmacher u.a. ãGott 9.0Ò). Beide sind nicht-rational, entsprechen also nicht dem Bewusstsein aufgeklŠrter Vernunft. Im Bereich prŠrationaler Erfahrung kann es sich um Mythen, Animismus, Magie, Aberglauben oder auch um den einfachen ãKinderglaubenÒ handeln, die nicht in rationales Verstehen integriert oder damit verbunden sind, (aber keineswegs durch die kritische Vernunft wertlos oder sinnlos gemacht werden, wie z.B. der Religionskritiker Feuerbach meinte). Transrational sind dagegen Erfahrungen, die Ÿber die Grenzen rationaler Erkenntnis hinausreichen. Sie werden auch von Christen in kontemplativer SpiritualitŠt, Mystik und Offenheit fŸr Transzendenz erlebt.

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4. Naturwissenschaft und Glauben

Gibt es eine Konkurrenz zwischen Naturwissenschaft und Glauben? Haben manche naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, insbesondere in der Physik,  Vorstellungen des Glaubens verdrŠngt – wie z.B. beim VerstŠndnis der Entstehung der Welt und des Lebens? Sind naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit einem Eingreifen Gottes in den Geschehensablauf zu vereinbaren? Oder ist vielmehr das VerhŠltnis der beiden Erkenntnisformen neu zu bestimmen? Kšnnen sie sich gegenseitig ergŠnzen und fšrdern? Unterschiede sollen nicht verwischt werden. Aber es gibt BerŸhrungspunkte zwischen Naturwissenschaft und Glauben, die bis zur gegenseitigen ErgŠnzung fŸhren kšnnen.  Die Begrenztheit beider Erkenntniswelten ist offenkundig. Keine kann einen berechtigten Anspruch auf die Erfassung der Gesamtwirklichkeit erheben.

 

 

Von gro§er Bedeutung fŸr den Glauben ist heute sein VerhŠltnis zu den Naturwissenschaften. Ist es das einer Konkurrenz oder ergŠnzen sich beide gegenseitig?

Die Natur ist der Gegenstand der Erforschung durch die Naturwissenschaften. Unter Natur versteht man alles, was mit den Mitteln und den MessgerŠten der Naturwissenschaften beobachtet, gemessen und beschrieben werden kann. Beobachtungen, die beliebig oft und von jedermann in gleicher Weise reproduziert werden kšnnen, werden mit Hilfe der Mathematik in Form von Gesetzen beschrieben. So wurde, ausgehend von der Beobachtung eines fallenden Apfels und der Bewegungsbahnen der Gestirne, mit Hilfe von Messungen fallender GegenstŠnde das Gravitationsgesetz abgeleitet.

Alle einmaligen (historischen) Prozesse kšnnen nicht reproduziert werden und entziehen sich somit einer physikalischen Untersuchung. Die Entstehung des Kosmos und seine Entwicklung sind ein Beispiel hierfŸr. Modellvorstellungen Ÿber die Entstehung des Kosmos werden aber die GŸltigkeit der Naturgesetze berŸcksichtigen, um nicht von vornherein unglaubwŸrdig zu sein.

Mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Gesetze sind Vorhersagen von Ereignissen in der Zukunft und rŸckblickende Beschreibungen von Ereignissen in der Vergangenheit mšglich.

Gegenstand der Naturwissenschaften ist die Beschreibung der GegenstŠnde und Ereignisse und von Beziehungen wie Ursache und Wirkung, nicht der Versuch einer Sinnfindung oder Sinngebung. Wenn logisch aus der Erkenntnis, dass alles ãzeitlichÒ geschieht, folgt, es gŠbe generell nur ãhistorischeÒ Feststellungen, werden auch alle mit streng naturwissenschaftlichen Methoden gewonnenen Ergebnisse relativiert. Mit der antiken Weltinterpretation (nach Heraklit und Platon): ãMan kann nicht zweimal in denselben Fluss steigenÒ ist auch die Grenze jedweder ãWissenschaftÒ markiert. Alles Sein ist demnach nicht statisch, sondern im ewigen Wandel als dynamisch zu denken.

 

Theologie ist (nach Ÿberwiegendem SelbstverstŠndnis) die durch gšttliche Offenbarung begrŸndete Lehre von Gott. Sie befasst sich mit der wissenschaftlichen Analyse der Inhalte von Glaubensdokumenten und der praktischen AusŸbung einer Religion und ihrer Unterschiede zu anderen Glaubensrichtungen.

Theologie kann dem Ganzen der Evolution einen Sinn zuschreiben. Sie kann die Evolution als Schšpfung interpretieren.

Jeder Mensch kann aufgrund von religišsen Erfahrungen und mithilfe verschiedener Wissenschaften seinen Glauben entwickeln. Eine evolutionŠre VerŠnderung individuellen und gemeinsamen Glaubens vollzieht sich aber auch ohne erkennbare eigene AktivitŠt.

 

WidersprŸche zwischen Naturwissenschaft und Glauben?

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Die Naturwissenschaften sind heute frei von Theologie. Sie machen keine Aussagen Ÿber Gott. Und die Theologie formuliert keine Naturgesetze und steht in ihren Aussagen in keinem Widerspruch zu den plausiblen und reproduzierbaren Aussagen der Naturwissenschaften. Es handelt sich um verschiedene Erkenntniswege, die von uns je einzeln wahrgenommen und nicht nur akzeptiert, sondern fruchtbar fŸr unser Leben in Verbindung gebracht werden sollten.

ãDass es zwischen Naturwissenschaft und Glauben keinen Widerspruch gibt, ist die wichtigste Aussage in unserer Diskussion: Die naturwissenschaftliche Welt des experimentellen Wissens und die religišse Welt des Glaubens kšnnen sich per definitionem nicht widersprechen, weil sie es mit zwei verschiedenen Bereichen und unterschiedliche Erkenntnismethoden zu tun haben.Ò

Mit keiner der beiden Erkenntniswelten allein, mit keiner einzelnen Wissenschaft allein kann die existierende Wirklichkeit hinreichend erklŠrt werden. Ihre jeweiligen BeschrŠnktheiten sind offenkundig. Zum Beispiel beim Hšren von Musik von Bach, der auch der fŸnfte Evangelist genannt wird, obliegt der Physik und Technik die Konstruktion der Instrumente, die Steuerung der Erzeugung und die Weiterleitung der Schallwellen, die Erzeugung der Schwingungen im Trommelfell und SignalŸbertragung in das Gehirn. Das eigentliche Hšren der Musik und die damit verbundenen Empfindungen werden auf diese Weise aber nicht erfasst. Hier werden Wahrnehmungen angesto§en, die Ÿber die materiellen AblŠufe hinaus gehen. Das wahrnehmende Hšren mit seinen Sinnesassoziationen ist ebenso Teil der Wirklichkeit, wie auch die den Ton abstrahlende schwingende Saite oder eine Orgelpfeife. Erst die messbaren AblŠufe und die emotionalen Empfindungen zusammen ergeben die RealitŠt der Musik.

Texte in der Bibel, die scheinbar im Widerspruch zu unserer Naturerfahrung stehen, sind keine historisch oder gar naturwissenschaftlich beschreibende Darstellungen, sondern reine Glaubensbezeugungen in der Sprache der damaligen Zeit. Zum Beispiel hei§t es in der Bibel bei Lukas in der GeburtsankŸndigung (Lk 1,35): ãDer heilige Geist wird Ÿber dich kommen, und die Kraft des Hšchsten wird dich Ÿberschatten; darum wird auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.Ò

Nach antikem Glauben wurden Herakles und Alexander durch ZeusÕ ãgšttlichen GeistÒ gezeugt und somit zu Gottessšhnen. Eine Frau konnte durch ãBesehenÒ eines Gottes schwanger werden. Die Mutter des vergšttlichten Kaiser Nero trug den Titel GottesgebŠrerin.

Wie damals in der griechisch-mythologische Sprache, in der zur Zeit der Entstehung des Neuen Testaments Ÿber Gottessšhne und deren MŸtter wŸrdigend und anbetend gesprochen wurde, beeinflusst auch modernes Denken, heutige unterschiedliche Gottesvorstellungen.

Dementsprechend wird die Besonderheit Jesu nicht (mehr wie frŸher weithin verbreitet) in einer Schwangerschaft ohne mŠnnlichen Zeugungsakt gesehen, sondern in seinem unvergleichlichen engen VerhŠltnis zu Gott, von dem er mehr und anders erfŸllt und bestimmt geglaubt wurde als  andere Menschen; weshalb er auch mit einem schon damals gebrŠuchlichen Ausdruck ãGottes SohnÒ genannt und als solcher verehrt wurde.

Es gibt keinen Widerspruch zwischen Naturwissenschaften und Glauben, auch wenn sie sich der gleichen Sprache bedienen, die im Spiegel der jeweiligen Zeit  verstanden werden muss. Naturwissenschaften und Theologie befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten der Wirklichkeit, die fŸr sich genommen keinen berechtigten Anspruch auf die Erfassung der Gesamtwirklichkeit dieser Welt erheben kšnnen. Erst das Zusammenwirken beider Bereiche in Kenntnis ihrer jeweiligen Begrenztheit bringt uns weiter im Verstehen und Gestalten unserer Lebenswirklichkeit.

Diese Unterscheidung von Naturwissenschaft und Glaube ermšglicht es (und fordert!) , Aussagen wie die Ÿber Weltentstehung und Schšpfung sowie von  Evolution und Leben als Gabe Gottes,  eigenstŠndig mit den jeweils anerkannten Methoden zu erfassen und nach den Grundprinzipien der eigenen Betrachtungsweise zu interpretieren.  Wer sich fŸr den Glauben an Gott entscheidet, gewinnt nach Hans KŸng eine Art archimedischen Punkt, von dem aus grundsŠtzliche Antworten auf die drei Fragen Kants gesucht werden kšnnen: Was kšnnen wir wissen? Was sollen wir tun? Was dŸrfen wir hoffen?

Die metaempirische, philosophisch-theologische Betrachtung ist gleichberechtigt mit der naturwissenschaftlichen. Eine Monopolisierung im Sinne der Erkenntnis auf Seiten der Naturwissenschaften oder der Religionen fŸhrt zur Verabsolutierung von Teilwahrheiten, zu Intoleranz und zur EinschrŠnkung der menschlichen Erkenntnismšglichkeiten.

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Zwischen Naturwissenschaft und Religion gibt es BerŸhrungspunkte

Kann die Frage nach dem Einwirken Gottes in die physikalisch-naturwissen­schaftliche Weltvorstellung dadurch beantwortet werden, dass man in der Quantentheorie, Chaostheorie oder den ZufŠllen der Evolution nach ãFugenÒ fŸr Gottes Eingriff sucht?

Unzweifelhaft Ÿben die heutigen Naturwissenschaften und die auf ihnen fu§ende Technik einen dominierenden Einfluss auf unser Leben aus. Das darf aber nicht zu dem Trugschluss fŸhren, dass wir mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild die ganze Wirklichkeit oder die wichtigsten Teile davon erfasst hŠtten. Wir leben nicht nur in derjenigen Welt, die wir durch naturwissenschaftliche Methoden untersuchen und beschreiben. Da gibt es die erfahrbare Welt der Musik, der Poesie, der Schšnheit, der Grausamkeit, usw., in der naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden versagen. Die eigentliche Frage ist: Welche Wirklichkeit haben wir bei der naturwissenschaftlichen Erforschung dieser Welt erfasst?

Eine Antwort ist, dass eine innerhalb der methodischen Grenzen erworbene Welterkenntnis herauskommt, die vor allem fŸr technische VerwertungszusammenhŠnge bedeutsam ist. Die Folgerung lautet, dass dieses Ergebnis nicht im Widerspruch zu einem Schšpfer-Gott steht, denn die Erkenntnisse des Glaubens basieren zwar auf anderen, aber ebenso legitimierten Sinnerfahrungen.

Die Naturwissenschaften befassen sich per definitionem nicht mit der Erforschung von Gott. Aber es gibt naturwissenschaftliche Inhalte, die aus nichtnaturwissen­schaftlicher Sicht beschrieben und gedeutet wurden. Beim Erkenntnisfortschritt der Naturwissenschaften wurden hier Abgrenzungen und Klarstellungen von naturwis­sen­schaftlicher und z.B. theologischer Aussage notwendig und vorgenommen. (Schšpfung, Erde im Zentrum des Kosmos, Kšrper/Seele)

Es gibt Begriffe, die in den Naturwissenschaften und in der Theologie (und in anderen Geisteswissenschaften) benutzt werden, als ob ihre Bedeutungen identisch wŠren. Die Diskussion der Reichweite und Bedeutung der jeweiligen Begriffe in ihrem Bezugsrahmen dient der KlŠrung von MissverstŠndnissen und der Schaffung von Einsichten. Dies ist das Feld des Dialoges zwischen der Theologie und den Naturwissenschaften (Begriffe wie: Zufall, Wirklichkeit, Zeit, Wahrheit, KausalitŠt, Gesetz, usw.)

Neben der Welterfassung gibt es immer die Frage nach dem Sinn des Lebens in  jedem Menschen, wenn man akzeptiert, dass es keinen areligišsen Menschen gibt. Diese Trennlinie zwischen Denken in dem wissenschaftlichen Bereich und dem emotionalen WirklichkeitsverstŠndnis tritt nicht immer klar zu Tage und existiert Seite an Seite.

Eine Vermischung zwischen Naturwissenschaft und Glauben passiert zwar immer, denn selbstverstŠndlich gleicht jeder Mensch, bewusst oder unbewusst, sein Welt- und sein Gottesbild, aufeinander ab. So besteht nicht nur die Gefahr von Vermischung, nein: ein bestimmter Grad von Vermischung ist gar nicht zu vermeiden.

Denn der Biologe denkt wie andere Wissenschaftler selbstverstŠndlich auch Ÿber sein Fachgebiet hinaus Ÿber die Voraussetzungen nach, die hinter dem Wissen seines Faches liegen.

Jede Naturwissenschaft hat eine Wertebasis, Werte also die fŸr ihr Forschen ma§geblich sind. Besonders deutlich wurde dies in der Atomphysik, als klar wurde, welche Folgen fŸr die Menschheit daraus resultieren kšnnen (Atombombe, zerstšrerische RadioaktivitŠt, positiv Stromgewinnung). Hier  ist die Verbindung der Naturwissenschaft zur Theologie unbedingt gegeben, weil,  ob gewollt oder nicht, Verantwortung fŸr sich und andere Ÿbernommen werden mu§

Und der Theologe denkt selbstverstŠndlich auch Ÿber sein Fachgebiet hinaus die Dinge mit, die hinter den Glaubens-Inhalten seines Faches liegen.

Beides muss erlaubt bleiben, ohne dass es als Legitimation fŸr Spekulationen mit GŸltigkeits- oder Wahrheitsanspruch dienen darf.

Wenn Theologen jenseits ihres Fachgebiets in der Naturwissenschaft nach Beweisen fŸr ihre Vorstellungen suchen und diese Beweise entweder Ÿber Analogien oder Ÿber hypothetische Behauptungen oder Ÿber beides konstruieren, kann der Verdacht entstehen, dass sie dies tun, um ihre Nicht-Naturwissenschaft wissenschaftlich aussehen zu lassen.

 

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 Gibt es ein Einwirken Gottes auf das Weltgeschehen?

Die Physik denkt in nachweisbaren Ursachen und Wirkungen. Die Ursachen bewirken gemŠ§ den Naturgesetzen die Wirkungen, und die Wirkungen lassen sich zurŸckfŸhren auf Ursachen. Dass das immer so sein muss, kann nicht bewiesen werden, entspricht aber der Erfahrung und behŠlt seine GŸltigkeit bis zum Auftreten einer Wirkung ohne Ursache. Somit glauben die Physiker an dieses Wechselwirkungsprinzip. Auf Grund dieses ãGlaubensÒ sind sie nicht bereit, eine Wirkung, deren Ursache sie nicht kennen, als Wirkung ohne Ursache anzuerkennen oder einen nicht physikalischen Wirkgrund, wie ein Eingreifen Gottes, zu akzeptieren. Dies wŸrde sie in ihrer Erforschung der Welt nicht weiter bringen.

Hingegen hat der ãGlaubeÒ an die allgemeine GŸltigkeit des Wechselwirkungsprinzips eine Vielzahl von neuen Erkenntnissen gebracht.

Der Naturwissenschaftler JŸrgen Schnackenberg hŠlt ein Gottesbild, das die Vorstellung eines von au§en auf unsere Welt einwirkenden Gottes enthŠlt, fŸr unvereinbar mit dem Wechselwirkungsprinzip, also mit einer elementaren, bis  jetzt empirisch zweifelsfrei begrŸndeten physikalischen Aussage. ãWer dennoch ein solches, traditionelles Gottesbild zu einem integralen Bestandteil des christlichen Glaubens erklŠrt, nštigt damit die ohnehin kleine Minderheit von Naturwissenschaftlern, die sich Ÿberhaupt noch zu einem christlichen Glauben bekennen, ihren Glauben aufzugeben oder ihr Bewusstsein in einen christlichen und einen wissenschaftlichen Teil zu spalten oder gar eine elementare Aussage ihrer eigenen Wissenschaft nicht mehr ernst zu nehmen.Ò

ãDie bescheidene, aber prŠzise Antwort des Physikers auf die Frage in der †berschrift dieses Abschnitts  lautet also: Nein! Mit dem Zusatz. Dieses Nein gilt, es sei denn, wir kšnnten das Wirken Gottes im Experiment objektiv und reproduzierbar nachweisen.Ò

Im Ÿbertragenen Sinne des Wortes ãEinwirkenÒ gibt es gar vielfŠltige Mšglichkeiten, das VerhŠltnis Gottes zur Welt zu beschreiben. Der Physiker Albert Einstein war von der Einfachheit der die Natur beschreibenden Gesetze Ÿberzeugt, denn Gott, der die Welt erschaffen hat, sei ein gro§er Physiker. ãGott wŸrfelt nicht.Ò Diese GottesŸberzeugungen haben seine Forschung beflŸgelt und auch gehemmt.

Viele Menschen glauben wie Albert Einstein auf Grund ihrer Erfahrungen in dieser Welt, der Begegnung mit dem NŠchsten, des Erlebens des Entstehens von neuem Leben, der Vielfalt der entstehenden Gedanken und durchlebten Emotionen, dass Gott die Welt erhŠlt.

Die Antwort dieser Menschen auf die Frage in der †berschrift lautet ãJa. Ich erlebe immer wieder, dass ich mich im Glauben an das Wirken Gottes beschŸtzt und geborgen fŸhle. FŸr mich ist dies eine Gewissheit.Ò

Leider kann diese subjektive Gewissheit nicht so objektiviert werden, dass sie im Prinzip fŸr jedermann/jedefrau, zu jeder Zeit, an jedem Ort im Gro§en oder Kleinen nachempfunden werden kšnnte. Der Glaube bleibt ein Geschenk, das man sich weder erarbeiten, erkŠmpfen oder  beschaffen, das man aber immer wieder erneut erbitten kann. (Aber wen man darum bittet, glaubt man ja doch schon....) 

 

Auch fŸr den Theologen Hans KŸng stellt sich (vgl. sein Buch ãWas ich glaubeÒ) auf dem Hintergrund seiner Kenntnis der Naturwissenschaften die Frage: Kšnnen wir in dieser Welt der Evolution Ÿberhaupt noch an Wunder durch Eingreifen Gottes in den Geschehensablauf glauben? Die Bibel ist voll davon, von Anfang bis Ende. Wie bringe ich diese Wundergeschichten mit dem streng kausalen Entwicklungsprozess zusammen, wenn da elementare Naturgesetze durch ÒNaturwunderÓ durchbrochen werden?

 

H. KŸng hat ãselbstverstŠndlich VerstŠndnis dafŸr, dass auch heute noch Menschen, die von den Ergebnissen der Naturwissenschaft wenig berŸhrt sind, solche biblischen âNaturwunderÕ, die den lŸckenlosen Kausalzusammenhang verletzen, wortwšrtlich nehmen wollen. .... Doch aufgeklŠrte GottglŠubige brauchen ErzŠhlungen von âNaturwundernÕ nicht wšrtlich zu nehmen oder gekŸnstelte naturwissenschaftliche ErklŠrungen dafŸr zu suchen. Schon die Ergebnisse der modernen Bibelwissenschaft bieten andere VerstŠndnismšglichkeiten im Ÿbertragenen Sinn. Wunder sind in den Evangelien als Modellgeschichten fŸr das VerhŠltnis von Jesus zu den Menschen und zur Welt erzŠhlt. Diese Zeichen sind heute im Ÿbertragenen Sinn verstŠndlich: so zum Beispiel die Wunderheilungen als gelebte NŠchstenliebe oder die Auferstehung Jesu als Beginn und Erscheinungsform seines Weiterwirkens nach seinem Tod bis heute (was ja auch nicht weniger als ein ãWunderÒ ist!).

Link zum Download der  Stellungnahme des theol Arbeitskreises zu Hans KŸngs GottesverstŠndnis

H.R. Stadelmann schreibt zu den Wundergeschichten in der Bibel: ãIm Neuen Testament werden Erlšsungser­fahrungen der JŸnger und der urchristlichen Gemeinde hŠufig in Form von Wundergeschichten weitergegeben. Dass es sich bei sol­chen Wundern oder Zeichen nicht um Ereignisse handelte, in de­nen Jesus unter Zuhilfenahme ŸbernatŸrlicher FŠhigkeiten Natur­gesetze au§er Kraft setzte, versteht sich im evolutionŠren Welt- und Gottesbild von selbst. Die Menschen der damaligen Zeit dach­ten aber nicht naturwissenschaftlich und kannten auch keine Na­turgesetze im heutigen Sinn, sondern erklŠrten ihre Erfahrungen im Rahmen des herrschenden dualistischen Weltbilds: Jedes Ge­schehen, auch jedes Naturgeschehen, wurde entweder der Macht Gottes oder einer bšsen dŠmonischen Macht zugeschrieben. In der ganzen antiken Welt waren DŠmonenglaube und DŠmonenfurcht weit verbreitet, so dass gerade Geschichten Ÿber DŠmonenaustrei­bungen den ersten Christen besonders geeignet erschienen, um ih­re zum Leben befreienden Erfahrungen mit Jesus bildhaft in Wor­te zu kleiden und sie den in jener Zeit ohnehin auf Wunder aller Art begierigen Mitmenschen weiterzugeben. Die zu Wunderge­schichten Ÿberhšhten und verklŠrten Erfahrungen sollten also zum Glauben an den ãGottessohn" aufrufen. Dies gilt auch fŸr die mit Sicherheit unhistorischen Naturwunder Jesu, wie die Stillung eines Seesturms oder die Verwandlung von Wasser in Wein.Ò

 

Kann Gott in der Zukunft wirken?                                     

Die Physik kann nur Ÿber Vergangenes berichten. Da gibt es ErklŠrtes und UnerklŠrtes. Gšttliches kommt nicht vor, weder im Experiment noch in der Theorie. Die Physik ist frei von Theologie. Der Erkenntnisweg der Physik hat aber die Begrifflichkeit der KausalitŠt eingefŸhrt, die die offene Zeit voraussetzt. Was in dieser offenen Zeit passieren kann, darŸber kann die Physik keine Aussage machen. Der Theologe sieht hier aber deutliche Hinweise auf ihr Welt- und GottesverstŠndnis und auf die Offenbarungsschriften. Im Vertrauen auf Gottes Wirken und seiner Gegenwart wendet sich der Beter an ihn mit der Bitte, das Beste fŸr sie/ihn zu schaffen, ihr/ihm zu neuen Mšglichkeiten und Einsichten zu verhelfen und ihn schŸtzend zu begleiten. Dies sollte nicht als ein Gottesbeweis missverstanden werden, sondern als Verdeutlichung, dass es zwischen Naturwissenschaften und Religion keinen Widerspruch gibt. Sie vertreten zwei unterschiedliche Erkenntniswege einer Wirklichkeit. Zwei Wege, die sich hier im Zeitbegriff begegnen.

 

Nach neueren theologischen Auffassungen war Gott als ãSchšpferÒ nicht nur am Anfang des Kosmos (als Auslšser des ãUrknallsÒ) aktiv, sondern er ist dies dauernd in einer ãcreatio continuaÒ als Schšpfer von Neuem und Erhaltes des Bestehenden. Stadelmann spricht z.B. von Gott als einem in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wirksamen ãWeltgeistÒ, dessen Mšglichkeiten nicht im Widerspruch  zu naturwissenschaftlichem VerstŠndnis stehen. 

FŸgung oder Zufall?

In der Physik ist der ãZufallÒ ein Ereignis, das eintreten kann, weil die Randbedingungen nicht hinreichend eng gewŠhlt oder bestimmt worden sind. Die hochgeworfene MŸnze fŠllt auf ãWappen oder ZahlÒ, wenn der Wurf diese Mšglichkeiten zulŠsst. Man mšchte z.B. durch eine Zufallsentscheidung die Platzwahl am Beginn eines Fu§ballspiels treffen. Wenn ich aber die Versuchsbedingungen so wŠhle, dass die MŸnze immer nur auf eine Seite fallen kann, dann ist der Zufall weg. Auch der experimentelle Aufbau entscheidet z.B. Ÿber die Erscheinungsform des Lichtes als Welle oder Korpuskel.                                                     

Den Begriff der FŸgung gibt es in der Physik nicht, wohl aber in der Religion. Wenn Ereignisse, die an sich unabhŠngig von einander sind, in einen Sinnzusammenhang gebracht werden oder als auf ein Ziel gerichtet eingeordnet werden, dann spricht man von FŸgung. FŸgung passiert nicht objektiv, sie wird subjektiv entdeckt und entspricht einem Deutungszusammenhang, der auf Gottes Eingreifen bezogen sein kann.

 

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5. Religion und Naturwissenschaft im Licht der modernen Physik.

 

Wenn RationalitŠt grŸndlich und adŠquat analysiert wird, werden sich Naturwissenschaftler und Theologen als Partner in der Suche nach Verstehen erweisen. Die immer weiter gehende Suche nach der Wahrheit der Wirklichkeit ist letzten Endes die Suche nach Gott. Zu dieser EinschŠtzung  gelangt der britische Physiker und Theologe John Polkinghorne, und er liefert dafŸr zahlreiche Beispiele aus der Physik und Theologie.  Ihm kommt es darauf an, dass sich Analogien zwischen der Entwicklungsgeschichte physikalischer Theorien und theologischen Aussagen aufstellen lassen. Er weicht dabei auch so schwierigen Fragen nicht aus wie ãKšnnen âWunderÕ als Ereignisse eines Eingreifens in den von Gott selbst geschaffenen Kausalzusammenhang gelten?Ò. Manche Physiker und Theologen Ÿbernehmen aus der  Quantentheorie ein neues VerstŠndnis der  Wirklichkeit, indem in der subatomaren Dimension nicht mehr von einer Summe  von mechanisch beeinflussbaren Teilchen ausgegangen wird, sondern von einer totalen Ganzheit von Beziehungen. Diese neuen Deutungen haben zu der Frage gefŸhrt,  ob dem VerstŠndnis der Gott-Welt-Beziehung im Unterschied zu einem naturalistischen Materialismus  nicht auch Gedanken einer philosophischen Theologie mit naturwissenschaftlichen Analogien zugrunde zu legen wŠren, (wie das bei Autoren wie H.P. DŸrr, H. Primas, Whitehead,  Zeilinger und H.R. Stadelmann anklingt, auf die im Nachfolgenden kurz eingegangen wird.)

 

Mit dem VerhŠltnis von Erkenntnissen der modernen Physik zu der Frage nach Gottes Wirken in der Welt hat sich der britische Physiker und Theologe John Polkinghorne befasst, zu dessen Gedanken der theol. Arbeitskreis der Evangelischen Akademikerschaft eine ausfŸhrliche Stellungnahme veršffentlicht hat. (www.evangelische-akademiker.de/publikationen)

 

FŸr Polkinghorne gilt als Fazit:

Wenn die RealitŠt grŸndlich und adŠquat analysiert wird, dann wird unser Wissen von ihr sich als einheitlich herausstellen. Wenn RationalitŠt grŸndlich und adŠquat analysiert wird, werden sich Naturwissenschaftler und Theologen als Partner in der Suche nach Verstehen erweisen.

Die letztliche IntegritŠt und Einheit allen Wissens erlaubt es und fordert dazu heraus, einen realistischen Standpunkt Ÿber die Naturwissenschaften hinaus auszuweiten, um mit vielen anderen Forschungsfeldern auch die theologische Reflexion unserer Begegnung mit dem Gšttlichen einzuschlie§en. Die immer weiter gehende Suche nach der Wahrheit der Wirklichkeit ist letzten Endes (theologisch gesehen) die Suche nach Gott.

Theologie und Naturwissenschaft kšnnen jede auf ihre Weise verkŸnden, dass man ein wahrheitsgemŠ§es VerstŠndnis der RealitŠt gewinnen kann, das letzten Endes nicht durch logische Demonstration, sondern durch unsere kreativen Intuitionen geschaffen wird.

 

Gesucht wird der metaphysische Ansatz, der mit gleichem Ernst sowohl den mentalen als auch den materiellen Pol des Seins – in einem ãkomplementŠrenÒ VerstŠndnis einer einzigen RealitŠt – aufgreift. Wenn dies als Spekulation erscheint, so mangelt es ihr doch nicht an BegrŸndung.

Polkinghorne stellt in Abrede, dass die Theologie  eine ganz andere Art von TheoretizitŠt aufzuweisen habe wie die Naturwissenschaft,  weil ihr Gegenstand ein ganz anderer sei.

(Wobei die Physik im †brigen durchaus eine andere Form der TheoretizitŠt, nŠmlich der mathematischen, zugrunde legt, als etwa die Chemie und die neue Leitwissenschaft der Biologie)..

Es kommt ihm auf den Erweis an, dass wir uns fundamental gleicher Denkweisen bedienen mŸssen, wenn wir Ÿber gšttliche und weltliche Dinge reden. Konzepte mit hoher ErklŠrungskraft weisen einen ontologischen Bezug auf, gleich ob sie sich auf sichtbare oder unsichtbare EntitŠten beziehen, auf ãQuarks, Gluonen oder GottÒ. Ihre Existenz bildet die Basis dafŸr, dass wir verstehen kšnnen, was vor sich geht. Ihm kommt es darauf an, dass sich nach dem Gesagten Analogien zwischen der Entwicklungsgeschichte physikalischer Theorien und theologischen Aussagen aufstellen lassen.

Ihm geht es um die Analogie zwischen Physik und Theologie. Wissenschaftstheoretisch gesprochen, gibt es in beiden Bereichen Momente radikaler Revision, in denen Erkenntnisse der Vergangenheit in einen neuen intellektuellen Zusammenhang gestellt werden.

 

Das alte VerstŠndnis wird ãtranszendiertÒ. Die ungelšsten Probleme der neuen Theorie verlangen nach einem fortgesetzten Ringen um ein umfassendes VerstŠndnis. Dies fŸhrt  wiederum zu Implikationen, die bei der Formulierung der neuen Theorie Ÿberhaupt nicht zu erwarten waren.

In der christlichen Theologie sieht Polkinghorne diese ãTheoriendynamikÒ in den Lehren von der wesentlichen Gšttlichkeit Jesu und seiner Auferweckung und Erhšhung exemplifiziert.

Auch das traditionelle christliche Gottesbild ist fŸr ihn durch rationale Reflexion entstanden.

Sehr ernst nimmt Polkinghorne aber die Frage, ob es intellektuell redlich sein kann, vom Handeln Gottes in der Welt zu sprechen, angesichts der Aussagen der Naturwissenschaften Ÿber die gesetzmŠ§ige Entwicklung der Welt. Kšnnen etwa Wunder als Ereignisse eines solchen Eingreifens in den von Gott selbst geschaffenen Kausalzusammenhang gelten?

Nach seinem Ergebnis ist jedenfalls die christliche †berzeugung gerechtfertigt, dass Gott den Dingen nicht einfach ihren Lauf lassen muss.

 

Schon unser Gebrauch personaler Sprache im Reden von Gott zeigt an, dass wir ihn nicht fŸr indifferent halten, dass er kategorial etwas anderes reprŠsentiert als etwa das Gesetz der Schwerkraft, dass er auch etwas anderes ist als der deistische Erhalter.

 

Hypothetisch nimmt Polkinghornes GottesverstŠndnis seinen Ausgang von der Existenz theoretisch begrŸndeter Unvorhersagbarkeiten in der Welt. Doch bezieht er sich dabei nicht auf die Quantentheorie. Mit der UnschŠrfe ihrer Ereignisse bildet diese einen populŠren AnknŸpfungspunkt dafŸr. Aber atomare und subatomare, quantentheoretisch gedeutete Ereignisse scheinen einfach nicht der geeignete AnknŸpfungspunkt fŸr holistische KausalitŠt, weil der zugrundeliegende Prozess eine Offenheit auf der Ebene der klassischen Physik makroskopischer PhŠnomene generieren muss. Wir verstehen aber bis heute nicht hinreichend, wie die Ebenen der Mikrowelt und der Makrowelt ineinander greifen. (Die ungelšste Schwierigkeit liegt vor allem darin, dass die Abgrenzung der Quantenwelt von der Welt der klassischen Physik nicht eindeutig an einen Grš§enma§stab gebunden ist. Heute gelingt es etwa, QuantenphŠnomene an Vielteilchensystemen nachzuweisen, die man bereits der Makrowelt zuordnen kann, wŠhrend andrerseits selbst einzelne Atome in einer Weise manipuliert werden kšnnen, als wŠren sie der durch die klassische Physik beschreibbaren Welt zuzuordnen).

Polkinghorne hŠlt dementsprechend nach makroskopischen PhŠnomenen Ausschau, die als ãkausale FugenÒ, als Eingriffsstellen fŸr au§ernatŸrliches Wirken in die lŸckenlosen Kausalketten der natŸrlichen AblŠufe gelten kšnnten.

So kšnnen etwa in den sogenannten dissipativen Systemen kleine Auslšser weitreichende Muster hervorbringen. Auf diese Weise entstehen im Reich des Lebendigen haltbare Strukturen, wenn den offenen Systemen der Organismen Energie zugefŸhrt wird, die ihnen erlaubt, ãgegen die Entropieflut anzuschwimmenÒ. Doch bleiben fŸr Polkinghorne Zweifel, ob solche  Systeme Beispiele fŸr ein ãvon oben nach untenÒ (top-down) gerichtetes Wirken sind.

 

Er wendet sich deshalb den sogenannten ãchaotischen SystemenÒ zu, die den Ÿberwiegenden Teil der natŸrlichen AblŠufe beherrschen. Sie sind von Karl Popper als einem der ersten im Bild von ãWolken und UhrenÒ charakterisiert worden. Es stellt sehr anschaulich vor Augen, dass ãwolkigeÒ Systeme im Unterschied zu ãuhrwerksmŠ§igenÒ sich ihrem Wesen nach unvorhersagbar verhalten. Nicht, weil wir zu wenig Ÿber sie wissen, sondern weil sie gleichsam auf der Kippe stehen, von wo aus sie sich bei geringfŸgigstem Anlass in die eine oder andere Richtung , aber nicht in jede beliebige, entwickeln kšnnen. (Die EinschrŠnkung der Beliebigkeit rŸhrt daher, dass diese Systeme, in der Formulierung der Chaostheorie, nur den Raum ihres jeweiligen ãseltsamen AttraktorsÒ durchqueren kšnnen. Dieser reprŠsentiert die FŸlle aller mšglichen ZustŠnde des Systems, die derselben totalen Energie korrespondieren).

 

Entscheidend ist nach Polkinghorne fŸr diesen Gedankengang, dass zwischen dem, was wir von den Dingen wissen (Epistemologie) und dem, was sie sind (Ontologie) ein logischer Zusammenhang besteht, dass sich also epistemologische UnschŠrfe in einer kritisch-realistischen Interpretation als ontologische Offenheit verstehen lŠsst. Dann kann ein neues kausales Prinzip die kŸnftige Entwicklung bestimmen.

Und das ist keine neue Art energetischer KausalitŠt. Der Energiehaushalt des Systems bleibt unbetroffen. Beeinflusst werden nur die Muster der sich entfaltenden dynamischen Entwicklung. Das aber kann nach Polkinghorne einem VerstŠndnis ãgšttlichen Handelns von oben durch aktive InformationÒ korrespondieren.

 

Diese Offenheit des Weltprozesses bedeutet auch, dass nicht einmal Gott die Zukunft vorauswissen kann, weil er eine offene Welt im Werden schuf. Ein deutlicher Unterschied zum Bild des klassischen Theismus.

 

Dieser metaphysische Ansatz erfasst mit gleichem Ernst sowohl den mentalen/geistigen als auch den naturalen Pol des Seins, beide verstanden als komplementŠre Bestandteile einer einzigen RealitŠt. Er berŸcksichtigt nun noch nicht die dramatische Entwicklung der Forschung der letzten Jahrzehnte unter den Stichworten der quantenphysikalischen ãVerschrŠnkungÒ (entanglement). Polkinghorne nimmt auf sie in seinem 1998 erschienenen Werk ãBelief in Gold in an Age of SciencesÒ, das den Diskussionen im Arbeitskreis zugrunde lag, ausdrŸcklich keinen Bezug. Heute scheint dies unumgŠnglich, wenn man auf dem Stand argumentieren will, den die Wissenschaft seit der immer noch umstrittenen Kopenhagener Deutung des Welle-Teilchen-Dualismus der Quantenmechanik erreicht hat. Dieser ist keineswegs mehr die einzige Zumutung der Quantentheorie an unseren Verstand.

 

Im Mittelpunkt der Diskussion steht jetzt die ãNichtlokalitŠt der WeltÒ, die sich aus der realistischen Deutung des sogenannten EPR(Einstein-Podolsky-Rosen)-Paradoxes von 1935 ergibt, der ãspukhaften FernwirkungÒ zwischen verschrŠnkten Elementarteilchen.

Die Experimente seit den 60er Jahren haben gezeigt, dass diese PhŠnomene, ersonnen als Gedankenexperiment zum Nachweis der UnvollstŠndigkeit der Quantenmechanik, in der RealitŠt fundiert sind.

 

Denn die materielle Welt lŠsst sich heute nicht mehr als eine Summe von Teilen, sondern nur noch als ein Ganzes begreifen, in dem alles miteinander in Wechselbeziehung steht. MolekŸle, Atome, Elektronen Quarks oder Strings sind nicht eigenstŠndige Bausteine der Materie, sondern existieren nur dank ihrer Wechselwirkung mit der Umgebung.

 

Anton Zeilinger  (einer der fŸhrenden Physiker auf dem Gebiet der ãQuantenverschrŠnkung) hat  mit seinem Team, parallel zu anderen Forschergruppen, den experimentellen Nachweis fŸr die VerschrŠnkung von Photonen erbracht, zuletzt in Freilandversuchen auf den Kanarischen Inseln, in denen die Eigenschaften von Lichtquanten Ÿber mehr als 140 km teleportiert wurden. Man spricht bereits davon, dass damit der Weg in die praktische Anwendung der ãQuantenkryptographieÒ offenstehe. Das kšnnte bedeuten, dass das von den meisten Physikern verfolgte Standardmodell der Kosmologie nicht ohne weiteres mit einer holistischen-nichtlokalen Weltvorstellung vereinbar ist. Und wir kšnnen andererseits nach der Erkenntnistragweite solcher unterschiedlichen theoretischen Befunde fragen, statt uns umstandslos dem WelterklŠrungsmonopol einer fŸr homogen gehaltenen Naturwissenschaft zu unterwerfen.

Denn offenbar muss man davon reden, dass die Quantenphysik nicht nur das mechanistische Weltbild Ÿberwunden hat, sondern auch die Grenzen einer materialistisch interpretierten Vielkšrper-Welt Ÿberschreitet.

 

Wie der Physiker H.-P. DŸrr in seinem Buch ãDas Lebendige lebendiger werden lassenÒ darlegt, war und ist das Weltbild der klassischen Physik, dessen Fundamente durch Galilei, Descartes und Newton gelegt wurden, mechanistisch, eine Welt unabhŠngiger Objekte. Die Inhalte dieser Welt sind begreifbar im doppelten Sinn. Im Denken sind sie durch Begriffe deutbar. Und diese Natur ist stofflich, materiell. Man kann sie zerlegen, ohne dass ihre materiellen Eigenschaften verloren gehen. Man konnte also die reine Materie, das Unteilbare, das Atom suchen, das im Lauf der Zeit immer mit sich selber identisch bleibt. Diese zeitliche KontinuitŠt der Materie gewŠhrleistete die KontinuitŠt der Welt. VerŠnderung entstand aus der Umordnung der kleinsten Teile. (Das war schon die gro§e Denkleistung Demokrits gewesen, die zwischen der permanenten VerŠnderlichkeit Heraklits und dem ewig und unverŠnderlich Einen des Parmenides vermitteln wollte).

 

Diese Physik war in ihrer Anwendung auf die Welt Šu§erst erfolgreich. In ihrem Weltbild gilt Materie als das Grundlegende, die Form ist eine aus ihrer Anordnung abgeleitete Eigenschaft. Ihre kleinsten Teile, die Atome, sollten formlose Materie sein. Weil wir gelernt haben, dass sie sich noch weiter in ãElementarteilchenÒ zerlegen lassen, verdichtet sich der Verdacht, dass damit noch kein Ende erreicht ist und auch nicht erreicht werden kann. Zum Ende kommen wir aber auf ganz unerwartete Weise: In der Erwartung kleinster, gestaltloser, reiner Materie bleibt am Ende nichts mehr Ÿbrig, was an Materie erinnert. Im Grunde gibt es nur den Geist. Die Physik sagt nunmehr: Materie ist nicht aus Materie aufgebaut.

Am Schluss ist kein Stoff mehr, nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung.

 

Das hei§t aber auch, die moderne Physik ist fŸr unsere Sprache gar nicht geschaffen. Wie eine Analogie zum glŠubigen Reden von den gšttlichen Dingen mutet an, was Heisenberg festgestellt hat: Die QT ist ein wunderbares Beispiel dafŸr, dass man einen Sachverhalt in všlliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch wei§, dass man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann.

Die Physiker aber erzielen die Genauigkeit eines VerstŠndnisses  von nicht unmittelbar Vorstellbarem durch hšhere Abstraktion und mit der flexibleren Sprache der Mathematik.

 

Die Weiterung dieser Gedanken fŸhrt bei DŸrr dahin, dass es nur das geistig Lebendige gibt, nur Wandel, VerŠnderung, Operationen, Prozesse. In jedem Augenblick wird die Welt neu geschaffen, jedoch im Erwartungsfeld der stŠndig abtretenden Welt. Darum bleibt uns auch die Zukunft verschlossen. Sie existiert Ÿberhaupt nicht. Die gesamte alte PotentialitŠt gebiert die neue  und prŠgt dabei neue Realisierungen, ohne sie eindeutig festzulegen. Das ist nicht einfach Entwicklung, Entfaltung. Noch nie Dagewesenes wird geschaffen, in echter Kreation.

Es gibt nur GestaltverŠnderung, Metamorphose. Als offene Beziehungsstrukturen lassen sich solche VerŠnderungen nicht isolieren.

 

Folgen wir DŸrr und Zeilinger et al., so ergibt sich ein ãmodernes WeltbildÒ, das zu ganz anderen Vorstellungen vom Gottesglauben fŸhren wird, als wenn wir in einem naturalistischen Materialismus befangen bleiben.

 

Auch die Physiker sind freilich in der Ÿberwiegenden Mehrzahl bis heute bei der Beschreibung der materiellen Welt im Mikrokosmos, der Welt der Atome hŠngengeblieben. Das moderne Paradigma dieser Physik ist das sogen. Standardmodell. Deshalb scheint die Frage wichtig, ob man sich auf DŸrres folgenreiche Neudeutung der QT Ÿberhaupt einlassen will.

Denn wenn es Teilchen im alten Sinn nicht mehr gibt, dann, wie DŸrr ausfŸhrt, auch keine zeitlich mit sich selbst identischen Objekte, also auch keine zeitlich durchgŠngig existierende objekthafte Welt – dann kann man auch durch noch so genaues Faktensammeln die Zukunft nicht vorhersagen.

Man šffnet durch die Beobachtung lediglich ein Erwartungsfeld von Mšglichkeiten.

Die Zukunft bleibt offen, wenn auch nicht beliebig und zufŠllig, weil sie noch durch Bedingungen eingeengt ist, die mit den physikalischen ErhaltungssŠtzen zusammenhŠngen und aus den Symmetrieeigenschaften der Dynamik resultieren. Sie sorgen dafŸr, dass im Gro§en Ÿberhaupt die in der Physik verwendeten Kenngrš§en erhalten bleiben.

 

Das kann wie ein Teil der Antwort auf die Frage klingen, wie es denn um die auffallende BestŠndigkeit der uns handgreiflich entgegentretenden Welt bestellt ist, mit der Vielfalt und Dauerhaftigkeit ihrer Elemente, deren Manipulation den Wirkungsbereich der Chemie ausmacht und die auch die biologischen und neurologischen Wissenschaften wie selbstverstŠndlich zugrundelegen, ohne nach ihrer ãletztlichen EigentlichkeitÒ zu fragen.

 

DŸrres AusfŸhrungen erwecken allerdings den Eindruck, als werde das bisher nicht Begriffene, dass sich die Materie bei hšchster Auflšsung der Beobachtung entzieht und gleichsam verdunstet, nur in anderer Weise wortreich umschrieben, ohne dass sich fŸr ein ontologisches VerstŠndnis Neues ergibt. Er zieht sich anscheinend auf die von der evolutionŠren Erkenntnistheorie bekannte Feststellung zurŸck, dass unser am Mesokosmos trainiertes Gehirn nicht darauf programmiert ist, die QT zu verstehen. Der Anschluss des quantenmechanischen Mikrokosmos an die makroskopische Welt der klassischen Physik, den Polkinghorne vermisst, bleibt letzten Endes der Vermutung anheimgestellt.

Die mikroskopische Naturgesetzlichkeit ist demnach so verfasst, dass makroskopisch die uns bekannten Naturgesetze erscheinen. Es sieht dann so aus als hŠtten wir das Kausalgesetz und als sei die Zukunft von daher aus der Vergangenheit determiniert. Dann formiert sich auch so etwas wie Materie, die sich teilen lŠsst und dabei Materie bleibt.

 

Wenn diese AusfŸhrungen als zu weit Ÿber die ursprŸnglich vom Arbeitskreis anvisierte Thematik hinauszuweisen scheinen, so kann ãIm Herzen der Materie – Glaube im Zeitalter der NaturwissenschaftenÒ (WBG, Darmstadt) von Hans-Rudolf Stadelmann, in gewisser Weise auf die ursprŸnglichen Intentionen zurŸckfŸhren.

 

Stadelmann hat als Atomphysiker gearbeitet und ist nach dem Studium der evangelischen Theologie Gemeindepfarrer in der Schweiz geworden.

Im Zentrum seiner Betrachtungen stehen ein evolutionŠres Weltbild und daran anknŸpfende †berlegungen zur evolutionŠren Erkenntnistheorie.

Was er einleitend (gleichsam als ãKroeger lightÒ) Ÿber die Defizite kirchlicher VerkŸndigung auf der Grundlage eines antiquierten Weltbilds und Ÿber die Auswirkungen auf Kirchenbindung und Glaubenstreue sagt, geht Ÿber in eine schlŸssige Darstellung des Weltbilds der modernen, von der Quantenmechanik dominierten Physik.

Nicht zu kurz kommt im Anschluss daran aus theologischer Sicht das, was wir ãKernfragen des GlaubensÒ genannt haben, d.h. das , was angesichts des neuen Weltbildes vom christlichen Glaubensbestand bleibt und was fallen muss, also Fragen nach Jesus Christus, Schšpfung, Offenbarung, Erlšsung usw..

 

Stadelmann scheint auch im Nachgang zu den Stellungnahmen des theol. Arbeitskreises interessant, weil sich bei ihm die kontroversen Fragestellungen in einer evolutionŠren Deutung des Weltgeschehens zusammenfinden. Wer das alte Weltbild fŸr dekonstruktionsreif hŠlt, erhŠlt ebenso eine Antwort wie theistisch Denkende und FŸhlende.

Stadelmann bemŸht dazu keinen Synkretismus, sondern nimmt, wie Polkinghorne, zu dessen Thesen sich kein Widerspruch ergibt, die Einheit der Welt und die Einheit der Vernunft zum Ausgangspunkt.

Diese Einheit findet er begrŸndet in einem kosmischen Evolutionismus und in der evolutionŠren Erkenntnistheorie. Er beruft sich dabei vor allem H. Ditfurth, H.P. DŸrr, G. Vollmer, neben einer respektablen Reihe anderer. Unter seinen theologischen GewŠhrsleuten findet sich H. KŸng, aber auch M. Welker. Er setzt sich mit der psychoanalytischen Theologie Drewermanns auseinander und nimmt die Psychologie von C.G. Jung ernst. Im Hintergrund stehen Teilhard de Chardin und der Erkenntnisweg der Mystik.

Besondere Sympathie hegt Stadelmann fŸr H. Ditfurths These von der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins im Feld des primordialen (gšttlichen) Weltgeistes, die eigentlich der Schlussstein der evolutionŠren Erkenntnistheorie genannt werden kann: ãDie Naturwissenschaft hat Ÿber das Sammeln von Fakten und Daten lŠngst hinausgegriffen. Sie ist die Fortsetzung der Metaphysik mit anderen MittelnÒ. (Hoimar von Ditfurth).

 

Auf diese Weise lassen sich also viele Themenstellungen und ãKernfragenÒ in einen Zusammenhang bringen, die in den bisherigen Betrachtungen nur als einzelne Elemente aufgetaucht sind.

Was aus theologischer Sicht und der Perspektive individueller GlŠubigkeit in gro§er Breite beigetragen und erarbeitet wurde und im Folgenden dargestellt wird, ist in stetem Hinblick auf die Skizzierung  eines neuen Weltbild der Naturwissenschaften, vor allem der Quantenphysik und der Kosmologie, zu bewerten.

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6. Kommunikation mit Gott                                                                                                                

Ist es mšglich, Verbindung mit Gott aufzunehmen – ihm etwas mitzuteilen oder etwas von ihm zu empfangen? FŸr betende GlŠubige ist das selbstverstŠndlich. Aber nicht nur im Blick auf neuere naturwissenschaftliche Erkenntnisse ist zu fragen, was mit ãOffenbarungÒ gemeint ist und mit der Bezeichnung der Bibel als ãGottes WortÒ.  Auch in der Theologie verŠndert sich die Kommunikation mit Gott, wenn es von ihm auch andere Vorstellungen gibt als die einer –  wie einen Menschen anzusprechenden – Person . Wie wirkt es sich in der  Kommunikation mit Gott aus, wenn mehr als frŸher daran gedacht wird, dass Gott grš§er und anders ist als unsere Vorstellungen von ihm? Ist er dann auch anders und auf verschiedene Weise ansprechbar?

 

 

Wenn Gott nicht nur (wie vom frŸhaufklŠrerischen Universalgelehrten G.W. Leibniz) als ein Uhrmacher dargestellt wird, der die Welt mit Raum und Zeit geschaffen hat – sie lŠuft seitdem, ohne dass er eingreift, von selbst – , dann gibt es auch verschiedene und wechselnde Verbindungen zu ihm. Die hŠufigste Art der Kommunikation mit Gott ist das Gebet. Aber auch das Denken an ihn, besondere Erfahrungen (z.B. als ãOffenbarungÒ) oder Rituale und Symbole kšnnen mehr oder weniger intensive Kontakte mit Gott vermitteln. Die ErwŠhnung Gottes in tŠglicher Rede (ãAch du lieber Gott...Ò) ist zwar fast immer nur noch eine entleerte Formel, enthŠlt aber doch einen Bezug zu der damit bezeichneten grš§eren Wirklichkeit (obwohl sie gegen das Gebot ãDu sollst den Namen Gottes nicht missbrauchenÒ verstš§t). .

Die Welt, wie wir sie mit dem Verstand und naturwissenschaftlichen Methoden erkennen kšnnen, lŠsst die Dimension der Transzendenz meist unbeachtet. Fragen nach dem Sinn des Lebens sind aber nur beantwortbar, wenn auch der spirituelle Zugang anerkannt wird.

Kommunikation mit Gott kann direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst stattfinden. Ihr VerstŠndnis ergibt sich aus den Aussagen von GlŠubigen. Danach ist eine Kommunikation mit Gott in allen Glaubensformen mšglich. Die Form und der Inhalt sind abhŠngig von dem Gottesbild des oder der GlŠubigen. Aktuelle Aussagen Ÿber Gott (und seinen Willen, seine Hilfe, seine Wertungen, PlŠne, Warnungen) erwecken oft den Eindruck, dass sie in besonderer Kommunikation mit Gott begrŸndet sind. 

Eine Kommunikation mit Gott ist fŸr viele selbstverstŠndlich und unbedingt erforderlich, sei es mit einem persšnlichen Gott oder mit einem non-theistischen Gott oder ãUrgrund allen SeinsÒ. Sie ist besonders notwendig und oft auch hilfreich in schweren Lebenslagen, besonders wenn man auf frŸhe religišse PrŠgungen zurŸckgreifen kann.

Viele Namen und Vergleiche fŸr Gott legen es nahe, von ihm unter Verwendung des Feldbegriffs zu sprechen. Kommunikation mit Gott wird dann als mehrfache Beziehung wahrgenommen. Das Wort Feld deutet auf den Zusammenhang des Wirkens von Gott als Geist und Kraft hin. Wie das Bildwort vom ãReich GottesÒ oder ãHimmelreichÒ reicht es weit Ÿber das kleine Umfeld von einzelnen Menschen und Gruppen hinaus und kann eine Metapher fŸr die Ÿberpersšnliche All-Gegenwart Gottes /der grš§eren Wirklichkeit sein. In den Naturwissenschaften wurde ein Feldbegriff entwickelt, der Erkenntnisse generiert, die ein Zusammenwirken von geistigen und physikalischen KrŠften mšglich erscheinen lassen.

Gott wird auch oft als Kraft erlebt, erfahren und benannt. Das kann das verbreitete GottesverstŠndnis als Person ergŠnzen und erweitern.

Nach M. Kroeger ist Gott ãeine Kraft, die schafft, beschenkt, fordert, vernichtet, zu der anbetendes In-Beziehung-Treten ohne Festlegung auf wie auch immer geartete theologische oder philosophische Begriffe mšglich und lebensdienlich ist.Ò

Der Theologe G. Thei§en hat (in ãGlaubenssŠtzenÒ S. 58) eine Vielzahl neuerer Bezeichnungen fŸr Gott aufgefŸhrt, die auch eine andere Art der Beziehung zu dieser grš§eren Wirklichkeit ermšglichen und erfordern:

Gott ist das Geheimnis der Wirklichkeit.

Gott ist die alles bestimmende Wirklichkeit.

Gott ist etwas, Ÿber das hinaus nichts Grš§eres gedacht werden kann

Gott ist das, was die Welt im Innersten zusammenhŠlt.8?

Gott ist der Grund des Seins.

Gott ist die Tiefe des Seins.

Gott ist das Ewig Eine.

Gott ist die eine Substanz in allen Dingen: deus sive natura.

Gott ist Unendlichkeit.

Gott ist das Umgreifende.

Gott ist das Woher schlechthinniger AbhŠngigkeit

und unseres empfŠnglichen und selbsttŠtigen Daseins.

Gott ist Postulat moralischen Handelns,

Gott ist die moralische Weltordnung,

Gott ist, worauf Du Dein Herz hŠngest und verlŠsst.

Gott ist das, was einen Menschen unbedingt angeht.

Gott ist Wille zum Leben.

Gott ist das Woher meines >Du sollst!< und >Du darfst!<

Gott ist das ewige DU.

Gott ist das Umhergetriebensein vom andern Menschen her.

Gott ist Letztpunkt lebensweltlicher Orientierung.

Gott ist Einheit von GegensŠtzen,

coincidentia oppositorum:

Èdie absolut-relative,

diesseitig-jenseitige,

transzendent-immanente,

allesumgreifend-allesdurchwaltende

wirklichste Wirklichkeit

im Herzen der Dinge,

im Menschen,

in der Menschheitsgeschichte,

in der Welt.Ç

 

Die Vielzahl der Formeln erklŠrt, dass es keine einzige gibt, die allein und Ÿberhaupt annŠhernd Gott bezeichnen kšnnte.  Es ist kaum noch mšglich und auch nicht nštig, sich Gott nur in einer Ÿberhšhten anthropomorphen Art vorzustellen.  Die bisherigen religišsen Kommunikationsformen sind zu erweitern und z.T. neu zu entwickeln.

 

 

Gott als Person erfahren

Christen sehen sich in der Beziehung zu Gott, der ihren letzten Grund des Seins darstellt. Ganz Ÿberwiegend wird Gott im Glauben als Ansprechpartner erlebt, der menschliche ZŸge trŠgt, der (einzelne und viele, alle!) Menschen hšrt, sieht, ihnen antwortet, hilft, zŸrnt. Dabei wird selbstverstŠndlich das ãDuÒ auf der anderen Seite vorausgesetzt. Jede/r GlŠubige kann ihrer/seinerseits in einer ganz persšnlichen Beziehung (mit all den Details der individuellen Situation) zu Gott stehen. B. v.WeizsŠcker glaubt zwar erklŠrterma§en nicht an einen Gott als Person, spricht ihn aber doch ganz individuell und wie eine hšrende Person an (in: ãIst da jemand?Ò).   

ãEs ist der Gott, mit dem ich in meiner Sprache, mit der ich auch mit Menschen kommuniziere, in Gebet und Meditation sprechen kann. Allein oder mit anderen zusammen. Laut oder nur in Gedanken. Ich werde es mit Worten tun, die Respekt und Ehrfurcht ausdrŸcken. In der Not und in der Verzweiflung werde ich das vergessen und hoffen, dass Gott mich trotzdem hšren will. Ohne dass ich mir ein persšnliches GegenŸber vorstelle, werden mir die rechten Worte fehlen. Von klein auf habe ich immer nur mit einem persšnlichen GegenŸber geredet und dabei auch gelernt, was Bitten, was Vertrauen, was EnttŠuschung und allein gelassen bleiben hei§t.Ò

 

Wir sind immer angewiesen auf andere. Wir benennen die Dinge und Personen. Damit setzen wir uns immer in Beziehung zu einem GegenŸber. Und wie immer Menschen sich das Gšttliche vorstellen, sie sprechen es an als GegenŸber. (Nur die mystische Fršmmigkeit macht da eine Ausnahme).

Wer aber glaubt – und vom Glauben sollten wir nur reden, wenn der Glaube an ãGottÒ/ an eine grš§ere Wirklichkeit gemeint ist, denn der Glaube ist diese ãOffenheit fŸr MEHRÒ – der vertraut darauf, von diesem verborgenen GegenŸber gehšrt zu werden in Gebet und Meditation. Und er vertraut oder hofft darauf Antwort zu erfahren, deren Ausbleiben der Glaubende angstvoll als Gott-Verlassenheit deutet.

Die Mystik vertritt das Ineinander von persšnlichen und Ÿberpersšnlichen ZŸgen Gottes.

 

Gott ist grš§er und anders als unsere Vorstellungen von ihm

Gott ist fŸr viele christliche GlŠubige eine ansprechbare Person, fŸr manche eine alle menschliche Vorstellungen und Namen Ÿberschreitende grš§ere Wirklichkeit. ãNon-theistischÒ (d.h. anders als Gott-Person mit vergleichbar menschlichen Eigenschaften verstanden) bedeutet nicht ein ãWeniger von GottÒ, als vielmehr das ehrfŸrchtige Staunen vor dem unfassbar gro§en Geheimnis des Seins, vor der allumfassenden Macht, die mit dem Urwort ãGottÒ gemeint ist. Diese Macht, dieses Geheimnis ist nicht nur als supranaturale ãGottpersonÒ mit gesteigerten menschlichen Eigenschaften angemessen beschrieben. Sie wird zunehmend auch mit Namen wie Kraft, Feld, Grund des Seins, das Unbedingte, grš§ere Wirklichkeit bezeichnet  und angesprochen. (Die Verwendung personaler Gottesnamen ist weiterhin mšglich, sie werden – wie schon bisher alle anderen symbolischen und bildhaften Namen fŸr Gott – im Ÿbertragenen Sinn gebraucht.)

Auf diese Weise kann versucht werden zu vermeiden, dass eigene Vorstellungen von Gott zu dem Glauben verleiten, Gott sei wirklich und ganz genau so, wie das Bild von ihm, das wir uns machen, etwa das eines †bermen­schen im Himmel.

Unser Vorstellungsvermšgen kann Gott aber nicht fassen. Menschen haben Schwierigkeiten, sich etwas vorzustel­len, was sie aus unserer Umwelt nicht schon kennen. Die Vorstellungskraft reicht nur so weit, dass sie beschreibt und neu zusammensortiert, was wir ir­gendwo schon einmal gesehen oder er­lebt haben.

Der Mensch redet von Gott und setzt dabei, bewusst oder unbewusst, stŠndig seine eigenen VerhŠltnisse und Mšglichkeiten voraus. Somit wird jedes Bild, das wir uns von Gott machen, falsch, denn Mensch bleibt Mensch. Es mag Šrgerlich und beunruhigend sein, dass unsere menschlichen Mšglichkeiten, nicht ausreichen, um uns Gott vorzustellen. Vielleicht ist es aber auch ein gutes GefŸhl, dass Gott so ganz anders ist als alles, was wir einordnen kšnnen.

 

Gott ist auf verschiedene Weise ansprechbar, nicht nur wie eine Person.

ãEs ist durchaus mšglich, verschiedene Gottesvorstellungen abwechselnd zu gebrauchen. z.B. auch mal beim ZŠhneputzen danke zu sagen, ohne Gott anzusprechen – und dann auch wieder DU zu ihm zu sagen. Er oder sie oder es umgibt mich ja von allen Seiten und ist in allen ZusammenhŠngen als grš§ere Wirklichkeit da: Das kann Anlass sein, mehr und anderes von Gott zu erleben und zu entdecken, als bei einer stark anthropomorph bestimmten Vorstellung.

Dank kann z.B. auch mal gedacht werden, wenn das Korrekturprogramm im Computer so super findig und fŠhig ist; da muss schon viel und von weiter her zusammenkommen an Geist und Liebe zur Sache. Das kann man mit Du und Gott (Vater, Herr) ansprechen oder nicht – oder einfach wie in Facebook die geistige Taste ãGefŠllt mirÒ antippen und sich etwas MEHR dabei zu denken als sonst – es gibt viele ungewohnte und neue Formen und Mšglichkeiten fŸr den Gottesglauben: Offenwerden fŸr grš§ere Wirklichkeit und das Ganze – fŸr das ãWunderÒ des Lebens und der Welt, im Kleinen, NŠchstliegenden, und im weiten Raum.Ò

ãDas Bekenntnis zum Einen Gott in ãdrei PersonenÒ Ÿbersteigt zudem einen allzu gegenstŠndlichen Personbegriff.Ò Im Unterschied zu Stadelmann, der das Bild von einem dreieinigen Gott als mythologisch und mit dem evolutionŠren Weltbild nicht vereinbar aufgeben will, sehen wir darin brauchbare Variationsmšglichkeiten fŸr die Kommunikation mit dieser vielfŠltigen hšheren Wirklichkeit. (Praktische VorschlŠge dafŸr sind in Gott 9.0 enthalten.)

 

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7. Gott in der Mystik erfahren?

 

Mystische Glaubensformen finden zunehmendes Interesse. Bieten sie andere, tiefergehende Erfahrungen an als die traditionelle kirchliche Fršmmigkeit?   LŠsst sich durch besondere Arten von Meditation ein Einswerden mit Gott erreichen? Wie verŠndert sich das Gottesbild durch mystische Glaubenspraxis? Gelingt es, ãdas Unsagbare zu sagenÒ?

Mystik vertritt das Ineinander von persšnlichen und Ÿberpersšnlichen ZŸgen Gottes. Gott kommt nahe: Im AlltŠglichen gibt es ein Leben in der Gegenwart Gottes. Er ist ebenso radikal immanent wie transzendent. Gott ãin unsÒ und ãŸber unsÒ gehšren zueinander.

Aber auch kritische Fragen sind zu stellen:  Ist die †berschreitung eines personalen Gottesbilds mšglich, ohne Christus als ãAngesichtÒ des unsichtbaren Gottes aufzugeben?

Zahlreiche Methoden der Kontemplation bieten auch den Interessierten Zugang zu mystischer Erfahrung, die sich nicht gerade besonders begabt dafŸr fŸhlen. Einige davon werden kurz in der Anlage aufgefŸhrt. 

 

 

Die neue Faszination

 

Themen der Mystik sind populŠr geworden. Fast sieht es nach einer vor kurzem kaum vorstellbaren Mystik-Mode aus. Wohl hatte der katholische Theologe Karl Rahner (1904-1984) schon vor 1970 vermutet: ãDer Fromme von morgen wird âein MystikerÕ sein.Ò (Gesammelte Schriften 7,22) Aber das klang damals, nicht nur fŸr protestantische Ohren,  fast verwegen. Die evangelische Theologie vor allem des deutschen Sprachraums blieb sich lange ãweitgehend einig, dass Protestantismus und Mystik unvereinbar seien.Ò(Volker Leppin 2007,118) Pioniere des mystischen Weges galten als Au§enseiter. Heute scheinen die konfessionellen Vorbehalte, au§erhalb der universitŠren Theologie, so gut wie verschwunden. Wer sich in Buchhandlungen umschaut, trifft auf gut gefŸllte Religions- und Esoterik- Abteilungen, mit einer FŸlle von Mystik-Titeln. Digitale Portale šffnen unabseh­bare religišse Weiten.

 

Woher diese enorme Anziehungskraft rŸhrt, verdient eine grŸndliche Untersuchung. Hier seien nur einige Andeutungen gewagt. LŠngst sind EuropŠern im Zug der wirtschaftlichen Globalisierung auch andere religišse Welten nahe gekommen. Touristen nehmen TŠnze moslemischer Derwische wahr; in Thailand treffen sie auf buddhistische Tempel, in Indien auf die komplexe religišse Welt der Hindus. JŸdische und moslemische Gemeinden gehšren  zur Nachbarschaft im eigenen Land. Dabei stellt sich heraus, dass ãMystikÒ keineswegs blo§ ein christliches PhŠnomen ist. Das Themenheft ãMystikÒ in ãevangelische aspekteÒ hat sich schon 2006 weiten Horizonten gešffnet. Die gro§artige Ausstellung in ZŸrich ãMYSTIK- Die Sehnsucht nach dem AbsolutenÒ  rŸckte 2011/2012  mystische Welten im Christentum, Judentum und Islam, aber auch in Hinduismus, Buddhismus und Daoismus  gleicherma§en ins Blickfeld.

 

Aber nicht nur die Nahbegegnung religišser Kulturen trŠgt zu dem neuen Mystik-Interesse bei. Wichtig ist auch der offensichtliche Schwund profilierter christlicher Inhalte und biblisch fundierter Lehre. Mystik verspricht eine Weite, die von traditioneller Dogmatik frei ist. Gerade diese Unbestimmtheit  erweckt Zutrauen bei vielen, denen fixierte Glaubensbekenntnisse fragwŸrdig geworden sind. Ja, Mystik erscheint als anschlussfŠhig fŸr eine postreligišse Kultur und manche Formen des Atheismus. Denn hier scheint eine Verwurzelung, eine Beheimatung angeboten, die keine Kirchenbindung und keine konfessionelle Festlegung abverlangt.

FŸr Christen hat die AttraktivitŠt der Mystik mit der Chance eines neuen Gottesbilds zu tun. Die ãSehnsucht nach dem AbsolutenÒ, so scheint Mystik zu versprechen, muss nicht in die Gefangenschaft   begrenzter oder metaphysischer Gottesvor­stellungen hineinfŸhren. Aber wer ist ãder Gott der MystikÒ? Dieser Leitfrage folgt die hier vorgelegte Skizze. Sie geht von  den Erscheinungsformen christlicher Mystik aus. Die knappe †bersicht ãChristliche MystikÒ von Volker Leppin (2007), aber auch Dorothee Sšlles Buch ãMystik und WiderstandÒ (1997) haben dazu angeregt; auch  das Werk ãGott 9.0Ò von Marion und Werner KŸstenmacher  (2010, 3.Auflage 2011) soll mit bedacht werden.

 

Einige GrundzŸge mystischer SpiritualitŠt im Christentum

In der christlichen Tradition tritt das Substantiv ãMystikÒ erst als ãKunstwortÒ im Frankreich des 17.Jahrhunderts in Erscheinung. (Leppin  7) Gewiss sind das Verbum ãMyeinÒ (schlie§en) und das Adjektiv ãMystikosÒ  schon in der griechischen Antike gelŠufig. Damit sind erste Anhaltspunkte geboten.  Mystisch leben bedeute: die Augen schlie§en vor einem Gewirr der SinneseindrŸcke, sich sammeln, um so dem inneren Lebenszentrum nŠher zu kommen. Und: Mystik hat es mit den Geheimnissen zu tun, mit dem, was sich dem Augenschein und dem Hšrensagen des Alltags entzieht.

 

Aber was christliche Mystik in den Jahrhunderten des ersten und zweiten Jahrtausends besagte, kann nicht aus dieser Sprachherkunft  herausgesponnen werden. Es fŸhrt weiter, auf einige der mystischen Lehrerinnen und Lehrer vor der Reformation zu blicken, die sich als ma§gebend und stilbildend eingeprŠgt haben. Volker Leppin verweist im Osten auf das Werk des Unbekannten, der sich als ãDionysiusÒ vom Areopag vorstellt (Apostelgeschichte 17,34)  und doch erst ins 5. Jahrhundert gehšrt; dann  auf die geistlichen Meister von Evagrius Pontikus bis zu Gregorius Palmas (1296-1359). Im Westen Bernhard von Clairvaux, dann die Franziskaner wie Bonaventura, Dominikaner wie Meister Eckhart und Johannes Tauber und Heinrich Sause. Nicht zu vergessen die Frauen seit Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg und Margarete Porete. Doch der ãmystische StromÒ (Otto Karrer) geht weiter durch alle Jahrhunderte der Neuzeit. Auch Edith Stein (1891-1942), Dag Hammarskjšld (!905-1961), Roger Schutz (1915-2005) gehšren zu ihnen, wenn ãMystikÒ nicht prinzipiell von ãSpiritualitŠtÒ abgehoben werden soll. Gibt es gemeinsame ZŸge, die diese geistlichen Gestalten mystischer Provenienz verbindet?

 

Ihnen allen geht es um die innige Verbundenheit und Gemeinschaft mit dem, der Ziel ihrer Sehnsucht ist: mit der Wirklichkeit Gottes, der NŠhe Jesu Christi,  der Lebenskraft  des Geistes. Aber Verbundenheit sagt noch zu wenig: die Mystiker meinen eine reale Einheit, eine wirkliche Vereinigung mit der Wirklichkeit Gottes. Sie ist kein Ergebnis leidenschaftlicher Suche. Zuerst und zuletzt bedeutet Gott suchen die Entdeckung: von Ihm gefunden sein. Also pures Geschenk, Gnade fŸr die in WidersprŸche verstrickte Menschenseele. Die Mystik bezeugt: das Heilsziel der Gottesgemeinschaft wird schon auf dem Weg geschenkt. Psalm 63,9 hei§t es von dieser Gemeinschaft: ãMeine Seele hŠngt an dir; deine rechte Hand hŠlt mich.Ò Und Christus, auf den wir zu hoffen wagen, kommt unvorstellbar nahe. ãChristus lebt in mirÒ. (Galater 2,20)

 

 Was die Mystiker zur Sprache bringen, erscheint ihnen als unfassbares Geschenk. Aber sie sehen darin kein Privileg. Weder was ihren sozialen Stand angeht, noch ihre persšnliche Bildung. Gott auf Wegen der Mystik begegnen, schlie§t niemanden aus. Immer deutlicher wird in der Geschichte der Christenheit: der mystische Weg ist nicht den Klšstern vorbehalten. Neben der monastischen Mystik wird schon bei der franziskanischen und dominikanischen Bewegung immer stŠrker die weltliche Christusnachfolge wichtig. Die Reformation, aber auch katholische Erneuerungsbewegungen knŸpfen seit dem 16.Jahrhundert daran an. Und vor allem: in der patriarchalischen Gesellschaft kommen ganz unverwechselbar Frauen zu Wort, eine weibliche Mystik mit ihren eigenen Erlebniswelten. Die Mystik rŸttelt an den festgefŸgten hierarchischen und stŠndischen Ordnungen.

 

Erfahrungen auf dem Weg fŸhren in das Zentrum der Mystik

Zentral gehšrt zur Mystik das Thema der Erfahrung. Bernhard von Clairvaux sprach geradezu von der ãLehrmeisterin ErfahrungÒ, ãmagistra experientiaÒ (6. Predigt zum Hohen Lied).  Martin Luther rŸhmt die ãsapientia experimentalisÒ einer Erfahrungs-Weisheit. (Anmerkung zu Tauber 1516).  Die Mystiker wissen sich auf einen unabsehbaren Weg, eine Lebens-Fahrt geschickt. Das biblische Grundbild  der WŸsten-Wanderung Israels steht dabei ebenso im Hintergrund wie das Weg-Motiv in den Evangelien, besonders beim Evangelisten Lukas. Bei anderen geistlichen Lehren dominiert das Bild der ãLeiterÒ oder das der Treppe. Neun ãStufenÒ stellt  KŸstenmacher dar. Johannes Klimakus (7.Jahrhundert) zeigte in seiner ãscala paradisiÒ, der ãLeiter zum ParadiesÒ, drei§ig Stufen auf. €u§ere Erkenntnisse des Glaubens kšnnen kein  Ziel festlegen. Erfahrung bedeutet: auf weitere individuelle Wege gefasst bleiben, aber auch: das €u§ere ins Innere, ins ãHerzÒ hineinwirken lassen. Ekstase und Unmittelbarkeit gehšren zu diesem Weg.    

 

Innen die Mitte finden

Erfahrungen der Mystik fŸhren nach innen. Sie lassen einen weiten Innenbereich entdecken, eine Seelenwelt. Es geht darum, die Mitte zu finden, den ãGrundÒ der Seele, ãdas HerzÒ, das ãGemŸtÒ. Ohne die innerliche Resonanz fŸhren alle Au§en- Erfahrungen nicht vorwŠrts. Es bedarf der inneren ãVertiefungÒ oder ãVersenkungÒ. Das bedeutet keine GleichgŸltigkeit gegenŸber der Welt und den andern Menschen. In authentischer Mystik lŠsst sich Kontemplation nicht von Arbeit und Ethos trennen. Aber Innerlichkeit gehšrt zur Erfahrung des Weges. Darum hat auch das Gebet eine zentrale Bedeutung: nicht nur als Bitte, Lob oder Klage. Sondern auch als ãHerzensgebetÒ, das der Gegenwart Gottes im Herzen inne wird und bleibt.  Luther hat das Jesus-Wort Lukas 17,20 Ÿbersetzt: ãdas Reich Gottes ist inwendig in euch.Ò  Darauf haben sich mystische Autoren evangelischer Herkunft immer wieder berufen.

 

Damit wird keineswegs das vorfindliche Ego mit seinen triebhaften und sŸchtigen Seiten sanktioniert. Eines der zentralen Worte hei§t Wandlung. Die Mystik ist angetrieben von dem Verlangen, das oberflŠchliche Ich Ÿberwinden zu lassen. Es gilt, das Herz zu reinigen, die Augen der Seele zu lŠutern, um empfŠnglich zu werden fŸr die schšpferische Einwirkung und Anrede von oben. Ohne schmerzliche Selbsterkenntnis, ohne Konfrontation mit den eigenen Schatten und SŸchten, bleibt alle vermeintliche Erhebung zu Gott nichts als Illusion. Der Prozess solcher Wandlung kommt dabei niemals zum Abschluss. Wann immer die Seligkeit der Gottesgemeinschaft erfahren wird, – die Schau des ãTaborlichtesÒ – ,  Mystikerinnen und Mystiker wissen dann um den  befristeten und vorlŠufigen Charakter. Es gilt, immer neu vom Berg der VerklŠrung herabzusteigen und den Aufgaben am Fu§e des Bergs standzuhalten. (MatthŠus 17).

 

Unsagbares sagen

Schlie§lich treffen wir in den mystischen Texten auf eine gewagte Sprache. Sie versuchen Zeugnis zu geben von dem, was eigentlich die  Ÿbliche VerstŠndigung Ÿbersteigt. Sie sprechen vom Unsagbaren. Darum gehen sie stŠndig Ÿber die konventionelle Kirchensprache hinaus. Sie verirren sich dabei in Paradoxien: ein ãstilles GeschreiÒ, ãein namenloses NichtsÒ.  Meister Eckhart meint: ãDa hšrte ich ohne Laut, da sah ich ohne Licht, da roch ich ohne Bewegen, da schmeckte ich das, was nicht war, da spŸrte ich das, was nicht bestandÒ. Eine ekstatische, entrŸckte, zuweilen wie stammelnde Rede. Das zeigt sich auch in der PrŠsenz einer gewagten ãLiebesspracheÒ, die sich vor allem am Hohen Lied Salomos entzŸndet. Diese Sammlung irdischer Liebeslieder lesen Mystiker, seit Origenes (gestorben 254), auch als ZwiegesprŠch Gottes mit seinem Volk, ja der einzelnen Seele. Bernhard von Clairvaux hat darŸber 86 Predigten gehalten und kam dabei nur bis zum Beginn des dritten Kapitels des Hohen Lieds. Mechthild von Magdeburg (1210-1282) und Johannes vom Kreuz  (1542-1591) bezeugen eine VitalitŠt solcher Liebespoesie. Sie findet immer neue Sprachgestaltungen bis zur Gegenwart.

 

Wandlungen im Gottesbild

Was kann Mystik bedeuten fŸr eine Erneuerung des Gottesbildes?  Das ist eine riskante Frage. Gehšrt es doch zu den Grundgeboten Israels: ãDu sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen.Ò (2. Morse 20,4) Die Rede von ãGottesbildernÒ scheint so durch die zehn Gebote von vorneherein in Frage gestellt.  Der Gott, der Morse am Dornbusch anredet, entzieht sich mit seinem ãIch werde sein, der ich sein werdeÒ aller bildhaften Fixierung. (2. Mose 3,14) So geht durch das alte Testament selber, in der Tora wie bei den Propheten, ein ãBildersturmÒ, der die menschlichen Wunschbilder als ãGštzenÒ entlarvt und kritisiert. Die frŸhe Christenheit folgt dieser bildkritischen Spur. Sie lŠsst sich eher als ãatheistischÒ schmŠhen als dem religišsen Kaiserkult zu folgen. Auch die Aufnahme der kritischen Philosophie der Griechen dient der †berwindung anthropomorpher Gottesbilder. Das Bekenntnis zum Einen Gott in ãdrei PersonenÒ Ÿbersteigt zudem einen allzu gegenstŠndlichen Personbegriff.

 

Auf der andern Seite spricht die Bibel in einer Vielzahl von Bildern von Gott. Gerade die Propheten bringen den unverfŸgbar heiligen Gott in Gleichnissen zur Sprache. Jesus lehrt in seinem Grundgebet, den Gott des Himmels als unsern ãVaterÒ anzusprechen. Im apostolischen Glaubensbekenntnis werden wir ermutigt, den ãSchšpfer des Himmels und der ErdeÒ als ãGott den VaterÒ zu verehren. Die orthodoxe Kirche hat nach langen KŠmpfen, auch im GegenŸber zum Islam, 787 das Recht der Ikonenverehrung ausdrŸcklich verteidigt.

 

So finden wir in der Geschichte der Christenheit ein komplexes Miteinander von Bilderkritik und Bildgebrauch. In der frŸhen Neuzeit widersetzt sich Luther weniger den Šu§ern Bildern und Skulpturen in den KirchenrŠumen. Um so radikaler trifft seine Kritik die inneren Angstvorstellungen eines fordernd-strafenden Gottes, der den Menschen von seinen religišsen Leistungen her betrachtet; dagegen setzt er von neuem den Gott der bedingungslosen Gnade. Die Provokationen der AufklŠrung fŸhren auch in der christlichen Theologie zu einer neuen Vorsicht gegenŸber unbedachten Gottesbildern. Schleiermacher zeigt, wie im frommen Selbstbewusstsein ãdas eigne Sein und das unendliche Sein Gottes Eines sein kann.Ò(Der christliche Glaube,1830, ¤32) Die Theologien Karl Barths, Rudolf Bultmanns, Paul Tillichs lassen sich als Versuche lesen, der neuzeitlichen Bildkritik am Gottesglauben Ÿberzeugend zu antworten.  So wŠre es eine Preisgabe theologischer Erkenntnis, wenn erst von mystischer Gottesbegegnung der entscheidende Durchbruch zu einem verantwortbaren Gottesbild erwartet wŸrde. Trotzdem wird die Fragestellung kŸnftig noch dringlicher werden: Welchen besonderen Beitrag kann die Mystik zur Rede und zum Bild von Gott hinzufŸgen?

 

Mystik vertritt das Ineinander von persšnlichen und Ÿberpersšnlichen ZŸgen Gottes.

Ein wichtiger Beitrag ist vor allem, dass die Mystik das Ineinander von persšnlichen und Ÿberpersšnlichen ZŸgen Gottes vertritt. Gott ist nie nur das vŠterlich-mŸtterliche Du, sondern begegnet auch in der Metaphorik von Licht und Feuer, von Quelle und Meer, von Grund und Abgrund. Das lŠsst sich sogar bis in Lieder verfolgen, die in unser Gesangbuch Eingang gefunden haben: ãLuft, die alles fŸllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben,/ Meer ohnÕ Grund und Ende, Wunder aller Wunder: ich senk mich in dich hinunter.Ò(Gerhard Tersteegen EG 165,5) Aber die variantenreiche nichtpersonale Bilder-Symbolik muss Ÿberstiegen werden.  Schon ãDionysiusÒ konnte herausarbeiten, dass Gott Ÿber die direkten Bildaussagen hinaus treibt: auf eine Òvia negationis und ãeminentiaeÒ.

ãMystiker sind Tiefseetaucher des BewusstseinsÒ.(KŸstenmacher in Gott 9.0)  Gewiss sind solche WeiterfŸhrungen immer wieder auch Erkenntnisse der Theologie geworden, auch in den gro§en EntwŸrfen des 20.Jahrhunderts. Doch die Zeugen der Mystik haben ihre Erkenntnis mit dem Gewicht und der Leidenschaft eigener Erfahrung sozusagen beglaubigt.

 

Die mystische Erfahrung spricht von der Gegenwart, der puren PrŠsenz Gottes und von dem ãHeuteÒ Christi. Der Zeitabstand zwischen dem Glauben heute und den biblischen Zeugnissen damals hat keine letzte Beunruhigung. ãEs kommt ein Schiff geladen bis an sein hšchsten BordÒ. So hei§t es in einem Lied in der Tradition Johannes Taulers. (Evangelisches Gesangbuch 12) ãDer garstige GrabenÒ zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der Lessing quŠlte, ist fŸr das mystischen Bewusstsein immer Ÿberwindbar. Der wahre Gott muss nicht mŸhsam aus vergangenen ErzŠhlungen verbŸrgt werden; er lŠsst sich immer im Heute, im Jetzt, im AlltŠglichen erfahren. Der gegenwŠrtige Augenblick wird zum Tor fŸr die Wirklichkeit Gottes. Zugleich hat diese Gegenwart einen ãrŠumlichenÒ Sinn. Gott lŠsst sich nicht erst in einer himmlischen †berwelt, sondern ganz nahe, in den gewšhnlichen Dingen, in nŠchster NŠhe erfahren. So ermuntern die Mystiker zu einem Leben in der  Gegenwart Gottes.

 

Sie sind es, die einerseits mit der radikalen Transzendenz der Gottheit ernst machen und an der ebenso radikalen Immanenz festhalten. Gott entzieht sich den hšchsten Zuschreibungen und  kann doch in nŠchster NŠhe erspŸrt werden. Dort, wo alle Bilder versagen und die schšnsten Vorstellungen zerbrechen, halten die Mystiker dem ãunbekannten,Ò dem ãdunklenÒ, dem ãverborgenenÒ und ãsich entziehendenÒ Gott die Treue.  In einer Liebe, die nichts fŸr sich selber profitieren will, in einem ÒUmsonstÓ, das aber radikal dem ÒUmsonstÓ der Liebe Gottes Recht gibt. Dem entspricht auch der Primat des Gotteslobs, der RŸhmung Christi, Ÿber alle erlittenen und  auferlegten KalamitŠten hinweg. Die Karmelitin Therese von Lisieux (1873-1897) wiederholte bis zu ihrem frŸhen Sterben den Satz: ãIch bereue es nicht, mich der Liebe ausgeliefert zu haben.Ò. Ja: In der Spannung von Liebe und Macht Gottes, zwischen Erbarmen und heiliger SouverŠnitŠt halten sich die Mystiker an den Primat der Liebe und des Erbarmens. Das zeigt nicht nur die Dominanz einer riskanten Liebessprache, die sich vor den erotischen Bildern des Hohen Liedes nicht scheut. Gerade die Bereitschaft, Gott ãin allen DingenÒ zu suchen, macht nicht nur die Freude, sondern auch das unverstŠndliche Leiden zum Ort mšglicher mystischer Erfahrung. (Sšlle)

 

Die Einheit mit Gott, mit Christus, die Mystiker ersehnen und erfahren,  stellt das GegenŸber von menschlichem Ich und gšttlichem Du in Frage. Sie widerspricht einer ãObjektivierungÒ, einer VergegenstŠndlichung Gottes. Gott ãin unsÒ und ãŸber unsÒ .gehšren zueinander. Die menschliche Seele ãin GottÒ  glaubt sich in die gšttliche SphŠre hineingezogen, erlebt sich als ãgottfarbenÒ oder ãgottfšrmigÒ. Ja, noch mehr: In den mystischen Texten begegnen Aussagen, die nach einer teilweisen Identifikation von Gott und Mensch klingen. Gott scheint sich von der Zuneigung des Menschen abhŠngig zu machen. Angelus Silesius formulierte: ãIch wei§, dass ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben./ Werd ich zunichte, er muss vor Not den Geist aufgeben.Ò  Das muss nicht als blasphemisch abgewehrt werden. Man darf darin eine ungeheure Aufrichtung und Erhšhung des Menschen sehen.

 

Gefahren und  RŸckfragen

Wer dem mystischen Zeugnis offen begegnet, muss Fragen nicht unterdrŸcken. Immer wieder waren im Mittelalter mystische Bewegungen unter Verdacht gestellt. Meister Eckhart wurde verurteilt, Margarete Porete gar hingerichtet. Solche WiderstŠnde haben in der Moderne die Mystik eher aufgewertet. Aber auch eine reformatorisch orientierte Theologie richtete an die mystische Gottesrede kritische Fragen. Auch dann, wenn eine NŠhe zur Mystik ganz offenkundig bestand. Luther selber war von mystischen Anliegen, besonders in seiner FrŸhzeit, durchdrungen. Er war fasziniert von den Predigten Johannes Taulers; selbst das Bild von ãBraut und BrŠutigamÒ konnte er in seinem Freiheitstraktat von 1520 positiv aufgreifen. Um so gewichtiger werden seine Anfragen an eine Mystik mit ZŸgen der ãtheologia gloriaeÒ. Auch Schleiermacher ist die Mystik bei Novalis nahe vertraut. Trotzdem vertrat er eine radikale Neu-Reflexion des Glaubens. Karl Barth kannte eine liberale Erlebnisfršmmigkeit, die er kritisch vom Wort Gottes in Frage stellte,  durchaus  aus der NŠhe.

 

Fragen kšnnen an alle Grundthesen mystischer SpiritualitŠt gerichtet werden:

¤  Kann wirklich auf dieser Erde die bleibende Gott-Vereinigung versprochen werden?

¤  GenŸgt es, auf eigene Erfahrung zu bauen, statt im Glauben auch gegen die Erfahrung auszuharren?

¤  Reicht der Rekurs auf die individuelle Innerlichkeit aus, ohne die geschichtlichen Vorgaben des Glaubens zu achten?

¤  Bedeutet der Wandlungsweg einen eindeutigen Aufstieg, der die vorher durchlaufenen Stufen entbehrlich macht?

¤  Kann das Wagnis einer riskanten Liebessprache den vernŸnftigen Diskurs und die argumentative Verantwortung ersetzen?

 

Solche Fragen  verschŠrfen sich  gerade bei den BeitrŠgen, in denen von der Mystik  eine Erneuerung des Gottesbildes erwartet wird. Jšrg Zink, der so hilfreich die Offenheit zu anderen  mystischen Erfahrungen vertritt,  betont gleichwohl: ãEs ist Gott. Der Heilige, der Ferne, der unendlich Nahe, der nie mit mir zusammenflie§t, auch wenn er âin mir wohntÕ. Der Krug wird nie zu Wasser. Er kann mit Wasser gefŸllt und von Wasser umgeben sein, er wird nie etwas anderes sein als der Krug.Ò (Die goldene Schnur, 2008,237)  Kann die prinzipielle †berschreitung eines personalen Gottesbilds mšglich sein, ohne Christus als ãAngesichtÒ des unsichtbaren Gottes, als Zentrum und Quelle aufzugeben? Und kann die Erfahrung des ãChristus in unsÒ, der ÒVereinigung mit GottÒ jemals den Unterschied von Schšpfer und Geschšpf, von Versšhner und SŸnder preisgeben?

 

Neue Chancen  mystischen Glaubens

 

Mit solchen nur angedeuteten RŸckfragen ist die mystische Bewegung keineswegs beiseite geschoben. Im besten Sinn verstanden hilft sie, die Ÿberlieferten Gottesbilder zu entlasten, zu  lŠutern und neu zu entdecken. Das sei in vier Thesen knapp zur Diskussion gestellt.

 

¥  Mystik bewahrt  davor, sich in einen Aktivismus des Glaubens zu verlieren.

Erst aus innerer Ruhe und einer grŸndlichen Gott-Verbundenheit heraus kann christliches Handeln der SelbstŸberforderung und dem Leerlauf entgehen- Ohne dem Auftrag zur Arbeit an der politischen Befreiung abzuschwšren, nimmt D. Sšlle ãMystikÒ zum Widerstand hinzu, ja deutet ãMystikÒ als Kraft des gebotenen Widerstands. Damit bleibt die Mystik auch sehr nahe bei dem, was die Reformation, gegen alle Leistungsgerechtigkeit, neu ans Licht brachte: die Rechtfertigung aus Gnade. Mystik ermutigt ãGelassenheitÒ und ein ãGebet der RuheÒ. So hat es eine tiefe Bedeutung, dass das ostkirchliche ãHerzensgebetÒ im Westen so weite Verbreitung findet.

 

¥ Mystik kann aber auch davor schŸtzen, dass die notwendigen KlŠrungen im Gottesbild  an der intellektuellen OberflŠche bleiben.

ãDer Mensch soll sich nicht genŸgen lassen an einem gedachten Gott; denn wenn der Gedanke vergeht, so vergeht auch der Gott.Ò (Meister Eckart, Reden der Unterweisung, Quint S.60) Es ist eine der anregendsten Seiten in dem Buch ãGott 9.0Ò, dass es  die Stufen gewandelter Gottesbilder in Kontakt hŠlt mit mystischen Erfahrungen und ZustŠnden. Neben die neun Stufen solcher Gottesbilder werden vier ZustŠnde der  Selbsterfahrung in ãAchtsamkeitÒ, ãMeditationÒ, ãKontemplationÒ und ãVerklŠrungÒ gestellt und das Ziel des Buches wird auf die Formel gebracht: ãReligišs aufgeklŠrt dank Stufen, spirituell erfahren dank ZustŠndenÒ. Die geistige, die theologische Debatte um tragfŠhige Gottesbilder bleibt unentbehrlich; die Mystik  gibt ihnen das Gewicht der eigenen Erfahrung. Dabei bleibt der Mystik mehr, als KŸstenmacher u.a. zeigen, bewusst, dass frŸhe Stufen des Gottesbildes nicht einfach Ÿberholbar sind. Das Grundvertrauen und die Allverbundenheit des kleinen Kindes bleiben in gewandelter Form auch fŸr den kritischen erwachsenen Gottesbezug wesentlich.  Darauf  deutet ein mehrfach bezeugtes Wort Jesu:ãWer das Reich Gottes nicht empfŠngt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.Ò(Markus 10,15) Ein erwachsener Glaube hat es nicht nštig, die Geborgenheit im ãGrund des LebensÒ zu verleugnen.

 

¥  Mystik erinnert an die dem Menschen geschenkte Hoheit und WŸrde.

Was kann grš§er sein, als mit dem vereinigt sein, der Quelle und Grund alles Lebens ist? Was fŸhrt hšher hinauf als zu vertrauen: ãChristus lebt in mirÒ? Was alle als Ziel des Glaubens erhoffen und ersehnen, wird Mystikerinnen und Mystikern  schon auf dem Weg geschenkt: die Gegenwart der ãVerklŠrungÒ, der innersten Ruhe und Stille. Freilich nicht ohne schmerzhafte Wandlungs- und Umkehrprozesse, die gerade in der besonders glaubhaften Mystik nicht aufhšren. Insofern gibt authentische Mystik nichts anderes als was F. Steffensky ãSchwarzbrot SpiritualitŠtÒ nennt. Johannes Tauber bleibt denen nah, die sich mit den Widrigkeiten auf dem Weg plagen und immer wieder in ãgetrengeÒ hineingeraten. Luther setzt bei seinen Weisen des Bibelumgangs nach ãmeditatioÒ und ãoratioÒ, gegen alle Ÿbliche Tradition, an die hšchste Stelle nicht ãcontemplatioÒ, sondern ãtentatioÒ, die Anfechtung, die BedrŠngnis.  Mystik hŠlt es aus, mit dem ãunbegreiflichenÒ, dem ãdunklenÒ Gott zu leben.

 

¥ Mystik ist eine Schule der Weitherzigkeit, der religišsen Toleranz.

Hier war bisher vor allem von christlichen Traditionen der Mystik die Rede. Hier sind SchŠtze zu entdecken, die immer noch weithin nicht bekannt sind. Sie kšnnen im 21.Jahrhundert neu gehoben werden. Aber wer die mystische Dynamik im christlichen Glauben kennen lernt, wird auch frei und unvoreingenommen den mystischen Bewegungen in andern Religionen begegnen. Er wird €hnlichkeiten entdecken und nicht voreilig abstreiten, dass der Gott Israels derselbe ist, den Christen als Vater Jesu Christi bekennen. Gerade den šstlichen Religionen gegenŸber gilt es aber auch, behutsam zu sein mit der Behauptung einer identischen Erfahrung. Der in interreligišser SpiritualitŠt so erfahrene Benediktiner Emmanuel Jungclaussen  fasst zusammen: ãIch glaube, dass wir zu einem Ÿberraschend gro§en Kernbestand an Gemeinsamkeiten vordringen kšnnen.Ò Er meint aber auch: ãdie Besonderheit des Christentums darf dabei nicht auf der Strecke bleiben...wo keine Reibung entsteht, kann auch kein Funke Ÿberspringen. Und das herausstehende Merkmal des Christentums ist fŸr mich die Gestalt Jesu Christi.Ò (Der Strom des Lebens,  2010,217) Den christlichen Glauben bis zur Inhaltslosigkeit entwerten, wird keine Vision fŸr die Zukunft sein. Aber ein Weg, der uns lehrt, Gott ãin allen DingenÒ zu suchen, in der Gestalt Jesu Christi als Liebe zu finden, wird auch imstande sein, Ihn in andern Religionen zu suchen und fŸr Ihn offen zu  werden. Der interreligišse Dialog braucht den Austausch der SpiritualitŠt, der mystischen Wege.    

 

Wege und Methoden zu mystischer Erfahrung

Mystik ist keine Lehre, sondern Praxis und Zustand. Wahrscheinlich auch deshalb gelangen nur wenige GlŠubige in die NŠhe mystischen Erlebens, weil die Methoden der Kontemplation und Meditation schwer zu erlernen und zu praktizieren sind und viel Zeit kosten.  Sie sind aber keineswegs auf Klšster und RŠucherstŠbchen beschrŠnkt. Diese Glaubensform steht nicht in der Gefahr, zu einer exklusiven Esoterik zu werden. Vielmehr gibt es zahlreiche  Methoden und Wege zu mystischer Erfahrung, die auch ohne einschlŠgige Begabung ausprobiert werden kšnnen. Und die auch der sonstigen Lebensgestaltung neue Impulse geben kšnnen. Sie dienen (nach Berichten praktizierender Mystiker) der Selbstwahrnehmung und Gotteserfahrung und lassen hšhere Wahrheit unmittelbar erfahren. Mystische Praxis  vermittelt Bewusstseinserweiterung und Ahnung hšherer Wirklichkeit, die Ÿber die Grenzen des Denkens hinausreicht. Sie ergŠnzt das rationale Bewusstsein und die traditionelle GlŠubigkeit. Genannt werden hŠufig Methoden der ÒMeditationÓ, der ÒEntspannungÓ, ÒVerwunderung und StaunenÓ, Òinnere Bilder erfahrenÓ, Òden inneren Spiegel reinigenÓ, die ÒBilderlose SchauÓ, ÒNicht-Gott und Nicht-Bild erfahrenÓ, ÒDas Ich verschwindetÓ, ÒGottes Auge ist mein AugeÓ, ÒEinssein in ChristusÓ. 

In einer Anlage Zur Praxis mystischer Erfahrung wird versucht, diese und weitere  Methoden aus der mystischen Praxis kurz darzustellen. DafŸr werden (stark verkŸrzt, ab Seite 272)  AuszŸge und Zitate von Mystikern aus dem schon mehrfach benutzten Buch ãGott 9.0Ò zusammengestellt, die dazu beitragen kšnnen, etwas von den vier genannten Chancen mystischen Glaubens zu realisieren  (oder wenigstens etwas Information darŸber zu bieten.)

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8, Funktionen und Wirkungen des Betens

Gerade weil es so viele unterschiedliche Arten, Formen und Bewertungen des Betens gibt, ist es wichtig, eine Definition des Gebets zu versuchen. Auch nach den (zahlreichen!)  Funktionen und Auswirkungen des Gebets ist zu fragen. Dazu gehšren auch die RŸckwirkungen des Gebets auf das Individuum und auf eine Gemeinschaft.  Zu welchem Gott wird gebetet? Die Antwort darauf fŠllt bei Kindern anders aus als bei Erwachsenen und alten Menschen.  Die BerŸcksichtigung der Kritik am Gebet muss das Beten nicht erschweren oder verhindern, sondern kann es bewusster werden lassen. DafŸr gibt es einen Praxisvorschlag.

 

Was ist ein Gebet?

Hier zunŠchst der Versuch einer kurzen beschreibenden Antwort, danach noch zu einigen religišsen Aspekten etwas ausfŸhrlicher:

 

Gebet gibt es in allen Religionen, zu Gott, Gšttern oder zu jenseitig gedachten Personen (z.B. Heiligen, Maria, Jesus); auch ohne Ansprechen eines GegenŸbers.

Grundlage des Gebetes ist der Glaube, dass der Mensch mit Gott, das hei§t mit einer grš§eren Wirklichkeit lebt, in der er aufgehoben ist und die ihm helfen kann. Betende glauben, dass Gott sie hšrt und auf das Gebet reagiert.

Im Gebet Ÿberschreitet der Mensch sein Ich und die Grenzen seines Verstehens. Es ist Ausdruck von Freiheit, Offenheit und Verantwortung fŸr mein Tun und Lassen.

Einzelheiten des Lebens werden im Gebet erinnert und in den Zusammenhang des Glaubens gebracht.

Durch Beten gewinnen GlŠubige Abstand von sich selbst und vom Druck der Situation. Sie sammeln Kraft und pflegen auf diese Weise langfristig WŸnsche und BedŸrfnisse, die auch ziemlich hŠufig zunŠchst unerfŸllbar erscheinen (z. B. Frieden, Gerechtigkeit). Betende finden sich nicht mit der Wirklichkeit ab, sondern glauben, dass sie verŠnderbar ist.

So dient das Gebet auch der Vorbereitung, Ausrichtung und Reflexion des Handelns.

Gebet ist realistisch, weil der Mensch darin unterscheidet zwischen dem, was er selbst tun kann, und dem, was nicht in seiner Macht steht.

 

Jesus hat zum Gebet ermutigt ("Bittet, so wird euch gegeben", MatthŠus 7,7). Aber daraus lŠsst sich kein Anspruch auf ErfŸllung aller Gebete ableiten. Ohnmacht wird weniger als vernichtend, sondern durch Beten als ertrŠglich erlebt.

An den Gebeten eines einzelnen oder einer Gruppe lŠsst sich erkennen, wonach das Leben ausgerichtet wird, am Erwerb von  persšnlichem Besitz, beruflichem Erfolg oder an humanitŠren Werten.

Gebet kann viele Formen haben, von der kurzen, spontan selbstformulierten Bitte (frŸher "Sto§gebet" genannt) bis hin zu lŠngeren und durch Gebrauch bekannten Gebeten, still fŸr sich oder in Familie, Kirche und Gruppen, laut und allein oder zusammen mit anderen.

In feststehenden Formeln kšnnen Betende sich mit anderen treffen und sich selbst mit ihren eigenen Anliegen einbringen. Auch Meditation, Gesang und Plakate bei Demonstrationen sind oft Gebete.

Zum (Anlass und) Inhalt des Betens kann fast alles werden: Bitte um kleine und gro§e Dinge, fŸr andere und fŸr alle, Dank, Gedenken, Klage, Bekenntnis, Frage, Antwort, Zugeben von Schuld, Staunen, Lob, Anerkennung (nicht aber Anweisung oder Belehrung).

Als Vorlage fŸr Gebete dienen das Vaterunser, Psalmen und Liederverse, BŸcher mit Gebeten fŸr besondere Situationen und Altersstufen, vom einfachen Kindergebet bis zur kunstvollen Dichtung.

Die FŠhigkeit zu beten wird am besten zusammen mit anderen (z.B. den Eltern) als Kind gelernt, aber auch spŠter kann es eingeŸbt und auch von jemandem probiert werden, der sich Gott nicht als Person vorstellt. Feste Zeiten oder Regeln haben sich als hilfreich erwiesen (z.B. am Morgen oder Abend, beim Essen oder zu Beginn einer Reise). Aber ihre Einhaltung ist ebenso wenig wie HŠndefalten oder Knien ein sicheres Kennzeichen fŸr christliches Beten. Dieses muss sich vielmehr immer wieder neu aus dem ergeben, woraus der Glaube lebt.

Wer den Wert des Gebetes fŸr sich erfahren hat, wird andere dazu einladen oder teilnehmen lassen.

 

Zu welchem Gott wird gebetet?

Jede †berlegung zum Gebet muss die Gottesvorstellung dahinter klŠren. Gott wird oft als Ansprechpartner verstanden, der menschliche ZŸge trŠgt. Aber Gott ist fŸr den Glauben auch die Macht, die au§erhalb und zugleich in dieser Welt als letztbestimmende Instanz existiert. Unsere Vorstellungskraft, unsere Gedanken, kšnnen Gott nicht fassen.

 

Mit dem Wort Gott wird die †berzeugung bezeichnet, dass eine grš§ere Wirklichkeit weit Ÿber unser Denken und Tun hinaus existiert. An sie richten sich unsere Erwartungen, unser Glaube, dass er/sie Mšglichkeiten der Hilfe, ErgŠnzung und Erkenntnis bereithŠlt. Das hat dann praktisch zur Folge, dass man sich auch wirklich auf seinen Glauben einlŠsst. Diese Funktion des Gebetes ist jedenfalls nicht in erster Linie  davon abhŠngig, ob das Wort Gott in der Anrede gebraucht wird oder nicht.

Gott wird in einem neuzeitlichen Weltbild nicht als eine willkŸrlich von au§en ins Leben eingreifende Kraft angesehen. Deshalb darf  ein Gebet nicht magisch missverstanden werden als wortreiches BemŸhen des Beters, Gott zu einem gewŸnschten ãHandeln" zu veranlassen. Ein Gebet setzt also nicht Gott in Bewegung, kann ihn nicht in Bewegung verset­zen, sondern den Beter selbst (so der Theologe und Physiker Stadelmann; vgl. auch den Abschnitt ãGibt es ein Einwirken Gottes auf das Weltgeschehen?Ò Seite .??..16).

Die Sprache des Gebets mit dem Urgrund, der abgrŸndigen Liebe, dem Umgreifenden und wie die Versuche alle lauten mšgen, das Unsagbare zu benennen, ist uns noch gar nicht gegeben. Wir kennen nur die Sprache des Gebets in Worten, mit der wir auch untereinander als Personen kommunizieren. Kann eine Bitte wie ãUnd erlšse uns von dem BšsenÒ an einen ãUrgrundÒ gerichtet werden, ohne ins Bodenlose zu fallen? Manche tun das bereits und erfahren bei diesem Wunsch, dass zu seiner ErfŸllung mehr helfen muss – und hilft! – als das im eigenen Lebenskreis da  ist). Viele sprechen diese Bitte im Vaterunser aus und hoffen dabei auf den Beistand einer grš§eren Macht, die ihnen die Kraft gibt selbst dem Bšsen zu widerstehen! So kann das Vaterunser auch gebetet werden, wenn man nicht an einen persšnlichen Gott analog zur Vaterfigur Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle glaubt, (Das muss nicht im Gegensatz und Widerspruch zur Kommunikation mit Gott als einem persšnlichen Wesen stehen).

Wie immer Menschen sich das Gšttliche, die grš§ere Wirklichkeit vorstellen, sie sprechen es an als GegenŸber und vertrauen darauf, von diesem verborgenen GegenŸber gehšrt zu werden v.a. in Gebet und Meditation. Und sie hoffen darauf Antwort zu erfahren – und erleben dies auch.

Unsere Sprache ermšglicht uns die persšnliche Kommunikation. Wir erlernen sie als Kinder im Aufnehmen persšnlicher Beziehung. Das prŠgt auch unsere vertrauende Kommunikation mit der Gottheit und legt uns ein Bild von ihr als Person nahe, die sich um jeden einzelnen Menschen kŸmmert und in das Geschehen eingreift. ãDen Kindheitsglauben verlierenÒ kann darum einem wirklichen Verlust gleichkommen, weil uns die natŸrlich erworbene Sprache versagt, sich an ein GegenŸber zu wenden, das wir uns als unpersšnlich vorstellen wollen oder mŸssen. Das Idiom dafŸr erwerben wir nicht wie die Muttersprache, sondern mŸssen es wie eine Fremdsprache erlernen, wenn nicht sogar der Vergleich mit dem Erlernen der Sprache der Mathematik angebracht ist.  Wo und wie kšnnen wir diese Sprachform so gut erwerben, dass wir als Glaubende uns darin glaubwŸrdig ausdrŸcken kšnnen? (ãKinderglaubeÒ kann aber auch Erkenntnisfortschritte verhindern. Deshalb sollte er  behutsam  zu einem erwachsenen VerstŠndnis weiterentwickelt werden, in dem er nicht abgeschafft, sondern gleichsam in seinem Kern aufgehoben ist.)

 

Beten als Ausdruck des Glaubens – meines Glaubens

Das Gebet ist fŸr GlŠubige ein Sprechen zu Gott, GesprŠch mit Gott. Alles darf gesagt werden. Gott hšrt.

Ein Gebet kann eine Bitte oder ein Wunsch sein, aber ist das alles? Ein Gebet kann alles sein: Ein Lied, eine Anrede, festgefŸgte oder freie Worte, sogar das ganze Leben kann ein Gebet sein. Es kommt auf die Haltung, auf die Einstellung zum Leben an. Glaube ich alleiniger Manager meines Lebens zu sein und verstehe ich mich als autonome, selbstgenŸgsame EntitŠt, dann wird es mir schwer fallen zu beten. Wenn ich mein Leben jedoch als Geschenk verstehe, entsteht ein GefŸhl der Dankbarkeit. Ich will dem danken, der es mir geschenkt hat. Ich setze damit Gott voraus, egal wie ich ihn mir vorstelle.

 

Es gibt unterschiedliche Auffassungen darŸber, was ein Gebet ist. Das wirkt sich auf die Praxis des Beten aus.

Der einzelne Mensch oder die Gemeinschaft setzt sich in Beziehung zu Gott, dem letzten Grund des Seins. Die Rede zu Gott setzt das ãDuÒ auf der anderen Seite voraus. Gott wird dabei hŠufig menschlich gedacht. Er wird als GesprŠchspartner verstanden, der auch um entsprechende Reaktionen gebeten werden kann. Dieses eng gefŸhrte personale GebetsverstŠndnis hat jedoch hŠufig zu MissverstŠndnissen gefŸhrt. FŸr die Leistung eines Gebetes erwarten viele genau die Gegengabe, die man sich wŸnscht. Ein Gebet ist aber kein GeschŠft auf Gegenseitigkeit. Denn Gott, den wir mit dem Gebet auffordern oder bitten, dass er uns etwas gibt oder sich bei uns etwas Šndert, ist ja auch der Geber der Situation, die wir verŠndern wollen. Auch das, was der Betende unangenehm erlebt und ÔwegbittenÕ will, ist nicht ohne Gott zu denken. Wenn wir beten, verlassen wir uns auf Gott. Vielleicht kšnnen wir sowohl die ErfŸllung der Bitte als auch die NichterfŸllung als Aufgabe im Leben annehmen. Das Gebet hat uns dann dabei gestŠrkt und die Richtung fŸr unser Denken und Handeln  gezeigt.

 

Im Gebet suchen wir die persšnliche NŠhe zu Gott beispielsweise in den Worten des Vaterunsers. Hier wird Gott als der Schšpfer, der Vater des Lebens angesprochen. Wir kšnnen aber auch zu Jesus beten. In ihm, dem Sohn, zeigt sich die menschliche Seite Gottes. In beiden FŠllen ist jedoch die direkte Beziehung zu Gott entscheidend fŸr den Glauben.

 

Arten und Formen des Gebets

Arten des Gebets

Es gibt beim Gebet die Bitte, den Dank, die FŸrbitte und das Lob, die Anbetung, aber auch die Klage..

Die Bitte setzt (mehr oder weniger selbstverstŠndlich) voraus, dass Gott daraufhin etwas tut, in den Geschehensablauf eingreift, etwas Šndert. Es wird nach ErklŠrungen gesucht, wenn das nicht der Fall ist oder zu sein scheint. Wer nicht mit einem Eingreifen Gottes rechnet wird sich eher selbst etwas wŸnschen als Gott darum zu bitten.

Das Dankgebet bringt zum Ausdruck, dass viele Ereignisse, Lebensinhalte, Menschen und Dinge in ihrem Dasein und Wert Gabe und Geschenk Gottes sind, aus einer grš§eren Wirklichkeit heraus entstanden und keineswegs vom Betenden selbst gemacht oder geschaffen.

FŸrbitte ist ein mitfŸhlendes Gedenken an andere Menschen mit dem Wunsch, dass ihnen aus dem grš§eren Zusammenhang des Glaubens heraus Hilfe, Hoffnung und Gutes zukommt und zuteil wird.

 

Das Gebet wird zur Klage Ÿber vermeintlich oder tatsŠchlich als unzumutbar erfahrenes Leid in der Zuversicht, dass auch im Leiden die Verbindung zur grš§eren Wirklichkeit, zu Gott nicht abrei§en muss (wie es vor allem auch Jesus selbst gezeigt hat.).

 

Anbetung ist Wahrnehmung und Anerkennung der Grš§e und Macht Gottes, aber auch seiner Schšpfung und seiner Liebe. Dank fŸr eigenes Wohlergehen und Schicksal, Bitte, eigene WŸnsche und FŸrbitte treten dabei in den Hintergrund.

 

Das Gebet hat RŸckwirkungen auf die Betenden. So zeigt sich z.B. an den Gebeten einer Gemeinschaft, worauf es ihr ankommt, was ihr wichtig ist.

Zum Beispiel wird beim Tischgebet bewusst, erkannt und anerkannt, dass Essen und Lebensbedingungen von weiter her kommen und durch einen grš§eren Zusammenhang bedingt sind (vielleicht fŠllt dann auch manche Kritik am Essen oder am Personal anders aus).

Au§erdem wird angedeutet, dass Essen, Aufnehmen und Annehmen auch einen Zweck haben: Kraft zu bekommen fŸr die eigenen Aufgaben und dazu auch einen Beitrag zur Erschlie§ung der grš§eren Wirklichkeit zu leisten und diese damit selbst zu finden: ãSegne, Vater, diese Speise, uns zur Kraft und dir zum Preise". Das hei§t Ÿbersetzt: Wie ist eigentlich das zu bewerten, was wir aus den uns zur VerfŸgung stehenden Lebensmitteln machen? NatŸrlich haben wir dafŸr gearbeitet — aber Dankbarkeit und Offenheit fŸr den grš§eren Zusammenhang lŠsst noch MEHR erkennen. Das Essen wird durch das Gebet zum Modell; die hier angefangene Offenheit kann auf viele andere Stellen Ÿbertragen werden, z. B. wenn man sich nach dem Essen wieder in das Auto setzt, eine Maschine bedient oder einkaufen geht - auch da kommt MEHR auf uns zu als uns im Alltagsbetrieb bewusst wird (aber doch dann, wenn es dafŸr Anregung und Erinnerung gibt).

Bei Feiern und Festen reprŠsentiert das Gebet die Offenheit fŸr den grš§eren Zusammenhang. Man muss dafŸr nicht unbedingt die gewohnte Form des Gebetes, also die ausdrŸckliche Anrede Gottes, wŠhlen. Wer bei der Vorbereitung der Ÿblichen Ansprachen daran denkt, welche Aussagen In Gebeten vorkommen und wie sie auch hier entsprechend berŸcksichtigt werden kšnnen, der bietet den Zuhšrern mšglicherweise mit Hinweisen auf Hintergrund und Zusammenhang des Anlasses Anregung zu tieferer Erkenntnis und Empfindung.

Formen des Gebetes:

Wie die Inhalte so sind auch die Formen des Gebetes vielfŠltig. Um nur einige zu nennen:

Es gibt das Freie Gebet, allein oder mit anderen, nach Vorlagen (aus der Literatur, der Bibel, in der Liturgie), im Lied, in Kunstwerken, in Gesten und Demonstrationen.

In der Liturgie des Gottesdienstes hat das Gebet einen festen Platz. Das wird bei positiver WertschŠtzung von Gebet und Gottesdienst etwa so gesehen:

ãZu Beginn des Gottesdienstes im Eingangsgebet spiegelt sich die Kirchenjahreszeit und ich werde persšnlich aus meinem Alltag zu Gott geholt.

Der anschlie§end gebetete Psalm beheimatet mich in der biblischen Gebetstradition mit den festgefŸgten Worten und Bildern.

Das FŸrbittengebet, nach der Predigt, verbindet mich mit meinen NŠchsten und der ganzen Welt, ich bete mit anderen fŸr Andere.Ò

Funktionen des Gebets:

Hier ist zu unterscheiden zwischen mšglichen Wirkungen von Gebeten auf den Adressaten, auf die Beter selbst oder auf deren Umgebung.

In der Religions- und Kirchengeschichte wurden zwar hŠufig Ereignissen im politischen, gesellschaftlichen und individuellen Bereich auf die Bitten an Gott zurŸckgefŸhrt. Die Erwartung konkreter Hilfe Gottes durch Einwirken auf den Geschehensablauf als Reaktion auf Gebete ist aber nicht das Hauptkennzeichen und Motiv des christlichen Gebetes. Sie wird zudem auch durch die zunehmenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse verdrŠngt.

Dagegen lassen sich aber sehr wohl Wirkungen des Gebets auf die Beter selbst und deren Umgebung nennen:

 

Entlastung

Das Gebet hilft im Alltag. Es entlastet und ist LebensbewŠltigung. Das Gebet kann dazu dienen, schwer Ÿberschaubare Situationen, Hoffnungen und BefŸrchtungen auszusprechen. Es wirkt dann entlastend. Ein lautes oder stilles Vortragen verworrener oder schwieriger Gedanken ermšglicht Distanz zu sich selbst und verhindert nutzloses GrŸbeln. Ordnung der Gedanken wird geschaffen. Im Gebet kommt es zu einem inneren KlŠrungsprozess, indem neue Handlungsalternativen gesehen werden kšnnen. Es eršffnet eine neue Welt.

Im Gebet kann ich auch das eigene Ich zurŸcktreten lassen. Ich kann mir deutlich machen, dass fast alles, was geschieht, nicht von mir selbst gemacht wird.

Durch Beten bekommt man Distanz zum Alltag und zu seinen Sorgen und Problemen. Es gelingt, innerlich einen Schritt aus diesem Alltag herauszutreten und ihn aus einer Au§enperspektive zu betrachten. Damit verliert er die Macht uns zu vereinnahmen.

Handlungshilfe

Das Gebet befŠhigt zum Handeln. Es wird erzŠhlt, dass zwei Bauern mit vollgeladenen Karren einher kamen. Die Wege waren verschlammt und beide Karren fuhren sich fest. Einer der beiden Bauern war sehr fromm, er fiel sofort im Schlamm auf die Knie nieder und begann, Gott zu bitten, ihm zu helfen. Er betete und betete ohne Unterlass. Der andere schimpfte entsetzlich Ÿber das UnglŸck, versuchte aber, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Er betete leise, Gott mšge ihm die Kraft geben, den Karren herauszuziehen. Er suchte sich Zweige und BlŠtter und Erde zusammen, legte sie unter die RŠder und versuchte dann, den Karren herauszuziehen. Da stieg ein Engel aus der Hšhe nieder. Zur †berraschung der beiden, ging er zu dem Menschen, der geschimpft und gearbeitet hatte. Darauf wendete der andere verwirrt ein: ,,Entschuldige, das muss ein Irrtum sein! Ich habe dich doch hernieder gebetet, komm mir zu Hilfe!" Aber der Engel sagte: ,,Nein - die Hilfe gilt dem anderen. Gott hilft dem, der betet und arbeitet." Das Gebet ersetzt das eigene Handeln nicht. Es regt Handeln an – soweit mšglich.

So kšnnen GlŠubige im Gebet ihr Handeln planen, korrigieren und an  den Ma§stŠben und Erfordernissen einer grš§eren Wirklichkeit orientieren.

 

Dialog

In der Psychologie wird die Bedeutung des ãinneren DialogsÒ insbesondere bei Kindern hervorgehoben. Gebete kšnnen den ãinneren DialogÒ verstŠrken und inhaltlich fŸllen. Die persšnliche Wertorientierung und das Selbstbewusstsein wird durch solche Reflexionen entscheidend gefšrdert.

 

Aneignung

Das Gebet bietet den GlŠubigen die Mšglichkeit, die aus der Predigt oder sonstiger VerkŸndigung aufgenommenen Worte auch selbst zu verwenden und sich damit bis zu einem gewissen Grad anzueignen. Dadurch wurde es zur einer der wichtigsten †bungen des (z. T. allerdings nur mitvollziehenden) Formulierens und Verbalisierens von Glaubensinhalten, die es in frŸheren Zeiten ohne BŸcher, Zeitungen und Massenmedien gab.

 

Bewusstseinssteigerung

Das Gebet ist somit eine umfangreiche, exemplarische Hervorhebung und Bewusstmachung von Ereignissen, Gedanken und Mšglichkeiten. Wenn dabei auch eine Auswahl getroffen werden muss, so gibt es doch grundsŠtzlich nichts, worum und wozu nicht gebetet werden kšnnte.

Schlie§lich vertieft und variiert das Gebet Erfahrungen, Ereignisse und Gedanken. Dadurch werden sie auch fŸr zukŸnftige Verwendung bereitgestellt.

 

Besonders deutlich wird das beim Dankgebet. Die Funktion des Dankes ist ja auch bei den zwischenmenschlichen Beziehungen nicht nur darin zu sehen, dass dadurch gute Beziehungen zur Au§enwelt, etwa zu den Gebern der empfangenen Gaben gepflegt werden. Vielmehr erlaubt Dankbarkeit auch eine bewusste und unterscheidende Aufnahme der Ereignisse und Erfahrungen, um sie richtig einzuordnen.

Abstand durch Gebet

Das Gebet ermšglicht dem Menschen auch einen gewissen Abstand zu seiner Situation einzunehmen. Er wird von einem entstandenen Handlungs‑ und Ambivalenzdruck entlastet, indem er einiges davon sozusagen Gott zuschiebt. Das mag in manchen FŠllen als eine Flucht vor der RealitŠt in Verantwortungslosigkeit und UntŠtigkeit (Quietismus) erscheinen. Man sollte aber nicht Ÿbersehen, welche Bedeutung Beten — HŠndefalten! — in frŸheren  Zeiten hatte, in denen die Menschen unter einem ungeheuren Leistungsdruck standen. Der Existenzkampf ging in einer Welt vor sich, die zu arm war, um die menschlichen BedŸrfnisse ohne stŠndige EinschrŠnkungen, Verzichte und Verzšgerungen zu erfŸllen und die meist leibeigene Bauern nur das Nštigste zum Leben fŸr sich und ihre Familien beschaffen konnten.Ò

 

Man kann das Beten mit der Arbeit eines Ballonfahrers vergleichen. Will er an Hšhe gewinnen, muss er Ballast abwerfen. Und genau das kšnnen wir im Gebet tun: Ballast abwerfen! Alles loslassen: Alle Bilder, alle Gedanken, alles, was uns heute geschehen ist, kšnnen wir loslassen, abgeben, zu Gott hin. Dann werden wir frei: Die Gedanken, die Erlebnisse von gestern kšnnen unseren Geist nun nicht mehr besetzen, so wie sie das immer getan haben.

 

Realismus

Wenn ein Mensch betet, dann unterscheidet er damit zunŠchst einmal zwischen dem, was er selbst tun kann und dem, was nicht in seiner Macht steht. Das ist im Grunde nichts anderes als Realismus und nŸchterne Sachlichkeit. Es ist schon viel gewonnen, wenn das UnverfŸgbare im Gebet wenigstens benannt und abgegrenzt ist.

 

Im Gebet wird jedenfalls — wie in der Wissenschaft — die Grenze dessen, was všllig unmšglich erscheint, sehr weit hinausge­schoben. Wenn Bitten an Gott gerichtet werden, so beziehen sie sich in der Regel auf etwas, das der Mensch nach vernŸnftiger EinschŠtzung der Lage mit den ihm zur VerfŸgung stehenden Hilfsmitteln zur Zeit oder auf lange Sicht hin nicht realisieren kann, was er aber auch nicht aufgeben will.

 

Willensbildung und Entscheidungsvorbereitung

Wird im Zusammenhang mit wichtigen Entscheidungen gebetet, so kommt dies einer lŠngeren Offenhaltung gleich, was die Einbeziehung weiterer Aspekte ermšglicht. Wenn fŸr Notleidende gebetet wird, so wirkt das als Selbstverpflichtung auf die Betenden zurŸck. Das FŸrbittengebet fŸr Kranke und Gefangene zeigt und verstŠrkt die durch den Glauben begrŸndete Gemeinschaft. ãDas Gebet bereitet den Menschen darauf vor, die Verantwortung fŸr seine Welt zu Ÿbernehmen"-

Wenn das Beten helfen wŸrde.....

Hoffnung auf Hilfe ist immer noch ein starkes religišses und psychologisches Motiv des Betens. Das Gebet ist in vielen Notlagen die einzige Mšglichkeit, wenigstens etwas zu tun, wenn es auch nicht sofortige Abhilfe zur Folge hat. Hier wird Gott verstanden als einer, der mehr oder weniger direkt in den Ablauf der Geschehnisse eingreift.

FŸr den christlichen Glauben ist aber, wie oben schon erwŠhnt, die Hoffnung auf ErfŸllung von WŸnschen nicht das Hauptmotiv fŸr das Beten. Es gibt andere gleichwertige und Ÿberzeugende Funktionen.

 

So ist das Gebet eine Mšglichkeit, Form und †bung, von sich selbst weg zu denken, sich zu šffnen und offenzuhalten fŸr den grš§eren Zusammenhang und die grš§ere Wirklichkeit. Als Verhaltensweise ist das Gebet weitgehend unabhŠngig von Šu§eren AnlŠssen und Ereignissen und zu jeder Zeit und fast unter allen UmstŠnden praktizierbar. Der Mensch gewinnt darin einen Abstand von sich selbst und von der Situation, in der er sich befindet. Auf dem Umweg Ÿber das Gebet sieht der Mensch sich selbst im grš§eren Zusammenhang. Es hat fŸr ihn die Wirkung eines religišsen archimedischen Punktes. Jederzeit und ohne Begrenzung kann so mit einem unendlichen GesprŠchspartner geredet werden, dass jede Bewertung von Ereignissen, jede konkrete Situation und jedes eigene Empfinden in einem anderen Licht erscheint. Dadurch entsteht Freiheit.

 

Der Betende wendet sich in seinem Bewusstsein und Reden dem zu, was jenseits seiner Grenzen liegt, was seinem Wesen nach nicht erreichbar erscheint.

 

In der christlichen Gebetspraxis kommt deutlich zum Ausdruck, dass das Gebet vielfach auch Reaktion auf etwas Erfahrenes, Gehšrtes oder Gelesenes dar. Es stellt also eine Wechselbeziehung zur Au§enwelt her und institutionalisiert sie geradezu.

 

RŸckwirkungen des Gebetes auf eine Gemeinschaft

Zu beachten (und zu beobachten!) ist, dass das Gebet RŸckwirkungen auf die Betenden hat. So zeigt sich z.B. an den Gebeten einer Gemeinschaft, worauf es ihr ankommt, was ihr wichtig ist.

So wird eine zu politischen Zielen oder gegen Ungerechtigkeit betende Gruppe nur gewaltfrei agieren kšnnen.

Gemeinsam zum gleichen Gott betende Menschen haben normalerweise keine gro§en Unterschiede in ihrer gegenseitigen WertschŠtzung.

Gebetete FŸrbitte  kann die Bereitschaft zur Hilfe verstŠrken.

 

7. Beten mit Kindern – warum und wie

Mit VorschlŠgen fŸr die Praxis  in der Anlage

Beim Beten erlebt das Kind, dass es au§er den Erwachsenen noch jemanden gibt, der in ihrem Leben wichtig ist. Dem man alles anvertrauen kann - gute und schlechte Erlebnisse. Das kann Kindern im Leben helfen und entlastet sie. Gott ist sogar jemand, zu dem man reden kann, wenn einen kein Erwachsener versteht. Durch Beten erleben Kinder die Gewissheit, nie alleine zu sein: Gott ist da, zu ihm kann ich beten, mit ihm kann ich reden, ihn kann ich mit ins Leben hinein nehmen.

Erwachsene, die mit ihren Kindern beten, vermitteln ihnen eine Geborgenheit, die das ganze Leben tragen kann. Gleichzeitig erziehen sie ihre Kinder aber auch zur SelbststŠndigkeit, denn das Gebet kann zu einem Ort werden, an dem sich das Kind eigenstŠndig und unabhŠngig von den Erwachsenen fŸhlt.

 

8. Kritik am Gebet

Folgende Argumente werden in der Kritik am Gebet hŠufig genannt:

Durch das Gebet kann eine Flucht vor der RealitŠt versucht werden. Man findet sich allzu leicht damit ab, dass die Welt nicht verŠndert werden kann. Das Gebet wird dann zur Ersatzhandlung.

 

Das Gebet ist eine Minderung des KrŠftepotentials, das fŸr die BewŠltigung anstehender Aufgaben verfŸgbar ist. Selbst ein mšglicher psychologischer Erfolg entspricht nicht dem dafŸr notwendigen Aufwand.

 

Durch das Vertrauen auf die Hilfe Gottes wird mšglicherweise die Entwicklung von Wissen und Erkenntnis behindert, bis hin zum Beharren auf aberglŠubischen Vorurteilen (z. B. dass Gott direkt in den Ablauf des Naturgeschehens eingreifen kšnne bzw. wolle).

 

Durch vorformulierte Gebete wird eine vorgeformte Wertordnung Ÿbernommen und damit die geltende Herrschaftsstruktur anerkannt und verfestigt. Extreme Beispiele: FŸrbitte fŸr Diktatoren und Bitte um Kriegsgewinn.

 

Durch die im Gebet vorausgesetzte Haltung der Demut und Unterordnung wird der Mensch in seiner individuellen und sozialen Entfaltung gehindert.

 

Durch die Fixierung auf das Gebet werden keine anderen, zeitgemŠ§en Ausdrucks‑ und Verhaltensformen entwickelt, welche Šhnliche Funktionen wie das Gebet haben kšnnten.

 

Diese Kritik ist fŸr Christen ein willkommener Anlass, Theorie und Praxis des Gebetes immer wieder kritisch zu ŸberprŸfen. Das Gebet hat zu sehr den Charakter des Sakralen, Intimen und deshalb Nicht‑kritisierbaren bekommen. Aber ebenso wenig wie der Glaube nicht nur Sache eines einzelnen Menschen sein kann, so auch nicht das Gebet. Worum gerade gebetet wird und werden kann, muss zur Diskussion gestellt werden oder sich aus der umfassenden (und deshalb notwendig auch gemeinsamen) Orientierung des Glaubens ergeben.

 

Andererseits kann darauf hingewiesen werden, dass die kritisierten Folgen einer bestimmten Gebetspraxis auch bei anderen, vergleichbaren Verhaltensformen auftreten kšnnen. Der Besuch eines Filmes kann Flucht vor der RealitŠt und Ersatzhandlung sein, ebenso die LektŸre einer Zeitung oder das unverbindliche GesprŠch in einer Gesellschaft.

 

9. Die Zukunft des Gebetes

Die Zukunft des Gebetes ist offen: Hat das Gebet unter diesen Aspekten eine unaufgebbare Bedeutung fŸr den Glauben und eine Chance fŸr die Zukunft? Die Zukunft des Gebetes ist—wie das Gebet selbst – offen

 

Vielleicht werden sich auch die Funktionen des Gebetes zum Teil auf andere Formen und Mšglichkeiten verteilen. So erlauben z. B. Telefon und Verkehrsmittel oder auch soziale Netze heute die Wahl eines realen und passenden GesprŠchspartners, wo der Mensch frŸher auf sich selbst zurŸckgeworfen war (die QualitŠt der Offenheit kann ebenso in einem Gebet wie in einem GesprŠch mit einem anderen Menschen bestimmend sein; der Glaube rechnet ja damit, dass Gott uns im Menschen begegnet).

 

TatsŠchlich ist festzustellen, dass es heute Menschen gibt, die den christlichen Glauben bejahen ohne ausdrŸcklich zu beten. Und Menschen, die beten und dem Christentum skeptisch gegenŸberstehen.

 

Gebetet wird heute au§er individuell und in Gruppen auch šffentlich, bei Einweihungen, Gedenkfeiern u,Š., meist aber in der Kirche und bei kirchlichen Feiern. Auch in Zukunft?

 

10. Praktischer Vorschlag:

In einer Gruppe aus den folgenden Karten, von denen jede/r ein PŠckchen bekommt, jeweils eine fŸr Zustimmung oder Ablehnung auswŠhlen und darŸber diskutieren:

 

1.

Gebet ist Ausdruck fŸr den Glauben, dass Ÿber mich selbst und andere Menschen hinaus eine grš§ere Wirklichkeit da ist, in der ich aufgehoben bin.

7.

Beten verhilft zu einer intensiven Erlebnis- und Bewusstseins­steigerung. Die zurŸckliegenden Ereignisse werden darin noch einmal vergegenwŠrtigt, in ihrem Wert erkannt und fester in der Erinnerung verankert.

2.

Gebet ist vergleichbar mit der Erfahrung, dass, so wie das Ÿberall vorhandene und wirksame Magnetfeld der Erde die Nadel eines Kompasses an einem konkreten Ort beeinflusst und ausrichtet, auch eine grš§ere Wirklichkeit existiert, an der Menschen ihr Leben ausrichten kšnnen und sollen.

8.

Das Gebet hilft, Einzelerfah­rungen und -probleme in den Zusammenhang des Glaubens zu bringen. Auf diese Weise dient es auch der Einheit der Persšnlichkeit.

3.

Wer betet, denkt von sich weg und Ÿber das hinaus, was ihm bekannt ist und mšglich erscheint.

9.

Vorformulierte Gebete sind ein Rahmen, der zum Eintragen eigener Erfahrungen und GefŸhle anregt.

4.

Beten ist Ausdruck von RealitŠtssinn, weil es hilft zu unterscheiden zwischen dem, was ein Mensch selbst tun kann und dem, was nicht in seiner Macht steht.

10.

Gemeinsames Gebet ist Anlass und Ausdruck der Willensbildung einer Gruppe. Es zeigt, woran einer Gemeinschaft liegt, wofŸr sie sich einsetzt.

5.

Wer betet findet sich nicht mit der Welt so ab, wie sie ist, sondern versteht sie als verŠnderbar.

 12.

Das Gebet hilft, Abstand von sich selbst und vom Druck einer Situation zu gewinnen.

11.

Das Gebet kann WŸnsche und Wertungen korrigieren, weil sich durch die Beziehung auf Gott und den Zusammenhang des Glaubens der subjektive Stellenwert der WŸnsche verŠndert. GegenŸber Gott kann nach dem christlichen Glauben nicht egoistisch gebetet werden.

13.

Das Dankgebet hŠlt offen fŸr die Tatsache, dass der Ÿberwie­gende Teil meines Lebens von au§en kommt und nicht aus meiner eigenen Leistung. Es ist lebens­wichtig, sich darauf immer wieder einzustellen. Die QualitŠt des Lebens liegt darin, dass es nicht selbstverstŠndlich ist.

14.

Eine Gefahr des Gebetes kann darin liegen, dass es Flucht vor der Wirklichkeit sein kann und die eigenen Anstrengungen vermindert.

15.

Formulierungen von vielen Gebeten orientieren sich an Ÿberholten Weltordnun­gen (z.B. Obrigkeitsdenken, Glauben an Wunder).

16.

Man kann auch ohne Gebet ein guter Christ sein.

17.

Die Mšglichkeit zu beten ist nicht abhŠngig von der Anrede bzw. Annahme einer persšnlichen Gottes.

 

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9. Jesus – wer war und wer ist das?             

Woher kommt das eigene VerstŠndnis von Jesus? Es gibt  Romane und historische Darstellungen Ÿber ihn, Filme, Musik, und das Neue Testament in der Bibel, nicht zu vergessen die vielen Abbildungen und Kreuze in den Kirchen und die kirchliche Lehre. Aus all dem kann ausgewŠhlt und das eigene Jesusbild geformt werden, das von ãJesus der MenschÒ bis hin zu ãGottes SohnÒ und Weltenrichter am Ende der Zeit reicht. Welche Bedeutung hat Jesus fŸr den Glauben in dieser Zeit? Ist hauptsŠchlich seine Lehre und das Vorbild seines Lebens wichtig oder sein Tod als Opfer zur Vergebung der SŸnden und seine Auferstehung als Beginn neuen Lebens?

 

Jesus der Mensch

Jesus war der Sohn von Maria und Josef, er hatte vier BrŸder und einige Schwestern, sein Leben und Sterben sind historisch belegt. Er war Jude und wurde wŠhrend der letzten Regierungsjahre HerodesÕ des Gro§en geboren, in den Jahren 7 - 5 unserer Zeitrechnung. Er war von Beruf Bauarbeiter. Er kam in Kontakt mit der Taufbewegung (26/28 n. Chr.) und lie§ sich taufen. Dieses Ereignis kam fŸr ihn einer Berufung gleich. Er wirkte ca. 3 Jahre und wurde vermutlich im Jahr 30 gekreuzigt.

Jesus wurde als Lehrer, WundertŠter, Heiler gesehen. Er hat viele Menschen nachhaltig beeindruckt und beeinflusst.  Er brachte den Menschen die NŠhe Gottes und die GrundsŠtze seines Willens (beides zusammen wird auch als ãReich GottesÒ bezeichnet). Jesus, der Mensch, stand in einer besonderen, einzigartigen Beziehung zu Gott, er stand Gott nahe. (ãGesichtÒ Gottes, Konzil von Chalcedon im Jahre 451 n.Chr.) Er war ein von der Urmacht Gottes erfŸllter, ein gottesgeistbeseelter Mensch.

 

Er lie§ erkennen, wie gutes, gottgefŠlliges Leben fŸr Menschen aussieht und mšglich ist. Wie Gott ganz in einem Menschen da sein und wirken kann.

ãJesus rief zu einer Umkehrung der gewohnten Ma§stŠbe auf, nach denen die Macht Ÿber andere ein Ausdruck der eigenen Wichtigkeit und anderen zu dienen ernied­rigend ist, zu einem Verhalten also, das dem in der biologischen Evolution geltenden ãsurvival of the fittest" diametral wider­spricht: âWer gro§ sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht seinÕ (Mk 10,43.44Ò. Stadelmann).

Viele haben damals seine Botschaft nicht aufnehmen kšnnen und wollen. Heute wŸrde man von †berforderung sprechen. Seinen Gegnern machte sie Angst.

 

Jesus ging davon aus, dass die Gottesherrschaft (Lk 17,20f) schon begonnen hat und ihre endgŸltige Durchsetzung kurz bevor stand. Er hat sich wohl als ReprŠsentant des Gottes-Reiches verstanden. Menschen spŸrten dies, weil sie in seiner NŠhe Heilung und Heil erfuhren. Er behandelte Frauen und Kinder gleichwertig. Er setzte sich mit Frauen Ÿber Glaubensfragen auseinander (Maria und Martha). Seine Hinwendung zu Ausgegrenzten (ZachŠus, der Steuereinnehmer) verwirrte viele, die das miterlebten. Seine NŠhe war fŸr viele heilsam. Die Menschen erlebten, was es hei§t, geliebte Kinder Gottes zu sein. Das bedeutete gleichzeitig, dass die Menschen sich untereinander  als Geschwister annahmen. Sich gegenseitig helfen, wenn Not ist, sich beistehen, wenn einer scheitert (Gleichnis verlorener Sohn), war jetzt das angemessene Tun.

 

Das Reich Gottes ist mit Jesus auf der Welt angebrochen. Es bringt Gottes NŠhe und seinen Willen. Das bedeutet, dass der Mensch wichtiger ist als die Einhaltung von speziellen Gesetzen. Jesus verteidigte das €hrenraufen (d.h. arbeiten) am Sabbat, weil die JŸnger Hunger hatten. Er heilte am Sabbat um der Menschen willen. Diese Haltung macht au§er der Kritik an menschenfeindlichen Gesetzen deutlich, was gute Gesetze bewirken sollen, nŠmlich, dass sie dem Menschen nŸtzen und dienlich sind. Die Gesetzesbeachtung war im damaligen Judentum durch rigides BuchstabenverstŠndnis verfŠlscht worden.

Das Besondere und Einzigartige an Jesus war, dass er Leben und Welt als Geschenk und Gnade verstand und dies besonders den Armen und Benachteiligten verkŸndete.

 

Bezeichnungen fŸr Jesus  wie z.B. ãSohn GottesÒ sowie ãMessiasÒ und ãChristusÒ sind Hoheitstitel, die die Menschen Jesus gegeben haben, um seine WŸrde und Bedeutung fŸr die GlŠubigen hervorzuheben. Nicht alle hat Jesus selbst gebraucht.  Mit ãChristusÒ und ãMessiasÒ wurde die Hoffnung auf einen neuen und gerechten Kšnig, einen neuen David verbunden. Der Titel ãSohn GottesÒ ist analog den WŸrdetiteln im alten Orient zu verstehen, dort, u.a. in €gypten, wurden die Herrscher so bezeichnet. Heute werden weitere Bezeichnungen  fŸr Jesus gefunden, z.B. nennt ihn B. v. WeizsŠcker in  ihrem Glaubensbekenntnis einen ãAktivisten in Sachen GottÒ:

ãIch glaube an Jesus –

Als Aktivisten in Sachen Gott; 

Dessen Worte mir Ansporn,

dessen Taten mir Vorbild,

dessen Werte mir wichtig sind,

auch wenn Nichtchristen fŸr sie streiten.

Zu dem man beten kann, aber nicht muss.

Denn an einen persšnlichen Gott glaube ich nicht.Ò

Jesu Tod

Der gewaltsame Tod Jesu war die Konsequenz seines gottgeleiteten und gotterfŸllten Lebens. FŸr die einen war er ein neuer irdischer Herrscher, fŸr andere der HoffnungstrŠger einer Revolution. Einer vorwiegend gottlosen Welt wird der Spiegel vorgehalten. Menschen, die das tun, leben gefŠhrlich, weil die Welt, die Menschen, nicht wirklich wissen wollen, wie sie sich verhalten.

Jesus ist nicht fŸr, sondern an den Menschen gestorben. Aber fŸr den Glauben war sein Tod nicht das letzte Wort. Die tšdliche Kraft in den Menschen, die Jesus umgebracht hat, ist nicht das Letzte. Der Glaube an Gott eršffnet Grš§eres als alles endgŸltige Tun der Menschen. Jesus scheitert an der Macht des Bšsen. Aber Jesu Scheitern wird – ein wahres Wunder! - zum Triumph des Lebens Ÿber den Tod und das Bšse. ãDer Tod am Kreuz ist die Offenbarung realer Menschlichkeit: so sind wir; so gehen wir miteinander um.Ò (Joachim Kunstmann, Die RŸckkehr der Religion, S. 265)

Jesus bleibt bis in den Tod hinein dabei, dass Gott selbst hinter ihm steht und sich in Verbindung mit seiner Person den Menschen zeigt. Wie  sich schon in seinem Leben die Kraft und die Liebe Gottes zeigte, so ist im Scheitern und Sterben Jesu eine einzigartige NŠhe Gottes zum Menschen hergestellt worden. Im Glauben an Jesus erkennen viele Menschen Gott, wie er fŸr sie in Jesus ihr eigenes  Schicksal miterleidet. Im Sterben Jesus geschieht die grš§tmšgliche Solidarisierung Gottes mit Menschen. Weil Jesu Scheitern, sein Tod kein Scheitern bleibt, erfŠhrt der Mensch in der Auferweckung Jesu eine nicht fassbare IntensitŠt der GottesnŠhe. Die Menschen haben sie als Heiligen Geist beschrieben.

Jesu Tod ist kein Opfer  fŸr die Menschen, wie sie in antiken Religionen bezeugt sind. Trotzdem ist Jesu Tod in diesem VerstŠndnis ein Tod fŸr die Menschen, kein Opfer, weil den Menschen eine neue Dimension Ÿber den Tod hinaus eršffnet wurde. Damit geschieht eine Neubewertung des Todes, die einer †berwindung gleichkommt.

Gott vergibt den Menschen, dass Jesus an ihnen starb. Sie waren nicht in der Lage, seine Botschaft zu verstehen und aufzunehmen. Die Auferweckung besagt, dass es weitergeht mit Gott und den Menschen, er versšhnt sich mit ihnen. Das wurde von den Christen in der Kirche als gleichbedeutend mit Erlšsung und Vergebung von Schuld aufgenommen.

Die Auferweckung (EntrŸckung)

Die Auferweckung Jesus ist nicht als historisches Ereignis zu verstehen. So auch Hans KŸng: ããAuferweckung ist kein raum-zeitlicher Akt. Auferweckung meint nicht ein Naturgesetze durchbrechendes, innerweltlich kon­statierbares Mirakel, nicht einen lozierbaren und datierbaren su­pranaturalistischen Eingriff in Raum und Zeit. Auferweckung be­zieht sich auf eine všllig neue Daseinsweise in der ganz anderen Dimension des Ewigen, umschrieben in einer Bilderschrift, die interpretiert werden muss."

Die JŸnger und JŸngerinnen, seine AnhŠnger haben den Tod Jesu schmerzlich erlebt und erfahren, gleichzeitig aber seine wirkmŠchtige Gegenwart gespŸrt: Er ist tot – doch er lebt! Wie kann mit dieser Erfahrung umgegangen werden? Man kann eine der beiden Erfahrungen bestreiten, man kann versuchen, diesen Widerspruch rational aufzulšsen. Oder die eigene Wirklichkeit und das WirklichkeitsverstŠndnis verŠndern sich. Es wird vereinbar, was unvereinbar erscheint, weil der Glaubende sich als Teil des Geschehens, in dem Gott wirkt, versteht.

 

Im Neuen Testament werden ŸberwŠltigende Erfahrungen mit Jesus nach seinem Tod geschildert. In den Šlteren Texten ist zunŠchst nur ohne Interpretation  von Erscheinungen Jesu die Rede, die besagen, dass Jesus, in welcher Form auch immer, weiterlebt. SpŠtere Ausgestaltungen ãberichtenÒ dann von einem leeren Grab oder einem wiederbelebten Toten, der isst und trinkt und dessen Wunden noch erkennbar sind. Zur GlaubwŸrdigkeit dieser Berichte trŠgt bei, dass Jesus nicht nur Menschen begegnet, die schon zu glauben angefangen hatten, sondern auch solchen, die sich von ihm abgewandt hatten. Die Auferweckung Jesu ist ein alles Ÿbergreifendes und Ÿber sich hinausweisendes Ereignis, er ist nicht in dieses geschichtliche Leben, sondern in ein anderes, grš§eres Leben hinein auferweckt worden. Dies zeigt sich vor allem an der Kraft seiner zuvor wankelmŸtigen und schwachen AnhŠnger (Petrus), die unerschŸtterlich, ja freudig ihren ršmischen und anderen Verfolgern standhielten.

 Ob Jesus (mit einem Auftrag an Petrus) eine (die!) Kirche selbst gegrŸndet hat ist fraglich. Jedenfalls ist eine/sind viele Kirche/n aus der von ihm begonnenen Bewegung entstanden.

Nach Jesu Lebens-Zeit ging es weiter – bis zur Gegenwart

Die Interpretation der Je­suserscheinungen nach seinem Tod am Kreuz als  leibliche Auferstehung lie§ weitere ErzŠhlungen dieser Art wie z. B. ãHimmelfahrtÒ entstehen, und  Jesus wurde mehr und mehr zu einer gštt­lichen Person.  Diese Entwicklung hatte bereits im Johannesevangelium begonnnen, an dessen Anfang Jesus als gšttlicher Logos verkŸndet wird, der vom Urbeginn der Welt an schon bei Gott gewesen war, von Gott als das erlšsende Licht auf die Erde gesandt, um dann wieder zu Gott zurŸckzukehren. Das alles folgt aus dem Glaubenssatz, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist. TatsŠchlich ist heute das Weihnachtsfest so hochrangig wie das Osterfest. Beide Glaubensinhalte bringen eine alles Ÿbersteigende WertschŠtzung  Jesu zum Ausdruck.  Aber das muss nicht dazu fŸhren, dass  Jesus Gott gleich gesetzt wird (wie das auch in der Vorstellung vom dreieinigen Gott so erscheint). Christen mit eigenen Glaubensvorstellungen (wie z.B. Beatrice v. WeizsŠcker in ãist da jemand?) lehnen es ab,  den Menschen Jesus als Gott anzusehen und zu ihm zu beten.

Die weitere Entwicklung zeigt – bis heute: Gott ist im weitererzŠhlten Zeugnis von Jesus prŠsent. Jesus ist trotz Leiden und Tod nicht gescheitert, im Heiligen Geist begleitet er bis heute seine Gemeinde. Der Heilige Geist ist die Kraft Gottes, die die Weiterexistenz Jesu auf der Erde garantiert.  Ein Grund, an die †berwindung des Todes durch Gott zu glauben.

 

Ein Gedicht dazu:

 

Passion

Dem Leiden und Sterben Jesu hilflos ausgesetzt,

fragten sie nach dem Wozu und Warum.

Wo ist der Sinn?

So starb er, wie sie meinten: FŸr unsre SŸnden,

Er litt fŸr uns, anstelle von uns,

versšhnte Gott.

War das der Gott Jesu?

Der Gott, den er Abba, Papi nennt?

Dem er vertraute?

UnergrŸndlich: Warum und Wozu.

Viel erklŠrt und wenig gewusst.

Und doch: er hat durchlitten,

alles, was einem Menschen blŸhen kann,

bis in die finsteren Tiefen des Todes.

Wozu und Warum? UnergrŸndlich?

In ihm aber zeigte sich der Grund

Im Grund des anderen Gott zu sehen.

 

(Heiderose GŠrtner)

 

Dazu als Beispiel fŸr die Bedeutung Jesu fŸr den Glauben ein persšnliches Theologisches Statement  von Arbeitskreismitglied Reinhard Cramer in der Anlage

 

19. ãMeineÒ? Kirche

                                                                     

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Auch das VerstŠndnis der Kirche hat sich gewandelt. Ist das eine Organisation, eine von Jesus gegrŸndete (Lebens-? Glaubens-?)Gemeinschaft, die Verwalterin gšttlicher Gnade oder die Vertreterin und Interpretin des gšttlichen Willens hier auf Erden? FŸr die eigene Antwort auf solche Fragen sind nicht nur die Kirchengeschichte, die kirchliche Lehre und das christliche Glaubensbekenntnis zu berŸcksichtigen, sondern auch die Kritik an der Kirche und das zunehmende Auftreten anderer Religionen. Ist auch die Frage ãWas habe ich von einer Mitgliedschaft in der christlichen Kirche?Ò berechtigt? Welchen Wert hat die Lebensbegleitung der Kirche (u.a. mit Taufe, Konfirmation, Eheschlie§ung, Bestattung)? Wie wirkt sich Kirche auf den eigenen Glauben aus?
Das Nachdenken darŸber kann das eigene VerhŠltnis zu dieser Organisation bewusster, ergiebiger und aktiver werden lassen.

 

 

Viele Begriffe und Inhalte des christlichen Glaubens scheinen heute nicht mehr zeitgemŠ§ und nicht mehr der spirituellen RealitŠt und Praxis zu entsprechen. Die Frage ãMeine Kirche?Ò lŠsst sich nicht mehr zufriedenstellend und angemessen nur mit SŠtzen aus Luthers Katechismus beantworten.

Deshalb muss neu Ÿber die Funktion und die Struktur von Kirche heute nachgedacht werden.

 

Kirche: Gemeinschaft im Glauben

Meine Kirche, unsere, evangelische, christliche Kirche: Am einfachsten lŠsst sie sich als ãGemeinschaft im GlaubenÒ benennen – dann aber bleiben viele andere Bezeichnungen von Kirche au§en vor: Kirche Jesu Christi, Kirche von unten, Volkskirche, Amtskirche, etc. Dazu kommen noch viele Etiketten, in denen das Wort Kirche gar nicht vorkommt, in denen es aber drinsteckt: Gemeinde, Gottesvolk, Gottesdienst, Konfession, …kumene; oder in Verbindung mit anderen Namen steht und mit diesen zusammen den Begriff Kirche erweitert: Kirchentag, Kirchenjahr, Kirchengeschichte, Kirchensteuer. Schwer zu sagen also, was Kirche (fŸr mich!) ist.

Trotzdem, sprechen wir von ãKircheÒ, ganz einfach so. Von dem, was wichtig ist zum VerstŠndnis von Kirche – auch ganz persšnlich: von meiner Kirche. Meiner? Einige der folgenden Abschnitten sprechen – meist am Anfang nach einer †berschrift – in der Ich-Form. Sie sprechen damit aber doch auch fŸr andere mit. (Vielleicht wollen Sie mal ausprobieren, ob und wie sie sich mitsprechen und mitdenken lassen?)

 Von Jesus ging es aus.

ãDiese Kirche – ich bewundere sie wie ein Wunderwerk. Nur Religion lŠsst Derartiges wachsen. Dabei hat fŸr mich die christliche Religion etwas Besonderes, ja Einzigartiges: ihre Schšpfungsfreude, ihre MenschennŠhe und ihre Zukunftshoffnung. Es war ein weiter und langer Weg von PalŠstina zu âmeiner KircheÕ gegenŸber. Ò

Jesus, ein Wanderprediger in PalŠstina, hatte geredet und gehandelt als einer, der Gott den Menschen nahebrachte (ãoffenbarteÒ). Dabei meinte die Bezeichnung ãGottÒ den Gott Israels, dem sich ein kleines Volk im Vorderen Orient anvertraut hatte, von dem es Ÿber tausend Jahre gefŸhrt wurde und dessen Willen – stŠndig aktualisiert – in heiligen Schriften niedergelegt war.

Jesus sammelte ãJŸngerÒ, Frauen gehšrten auch dazu. Die Schar wurde die von Jesus Ÿberzeugte, ihm vertrauende Lebensgemeinschaft. Jesus wollte etwas Bestimmtes, nŠmlich den Willen des Gottes Israels ãerfŸllenÒ und das Gottesreich bauen. Er wurde von seinen Leuten als Inkarnation dieses Gottes, als ãChristusÒ gesehen, als der langerwartete Befreier, Lehrer und Heiler des Gottesvolkes. In seinem Geist kam es zu einer neuen Gemeinschaftsbildung inmitten des jŸdischen Umfeldes, aus dem diese Minderheit der Christus-Leute ausgegrenzt wurde. FŸr sie wurde im Anschluss an die Bezeichnung des Volkes Israel der Name ãEkklesiaÒ gebrŠuchlich – das profan-griechische Wort der Volksversammlung. Die Herausgerufenen. Dieses Wort steckt in ãKircheÒ.

Diese Gruppe hatte vom Jesusgeist den universellen Auftrag Ÿbernommen, die ethnische Grenze zu durchbrechen. So war die Christus-Gemeinschaft, die christliche Kirche, von Anfang an international globalisiert. Ihre GrŸndungsgeschichte von Pfingsten ist die einer charismatischen VerkŸndigung, die von einer die ethnischen und sprachlichen Grenzen durchbrechenden VerstŠndigung erzŠhlt.

Ein kleiner Samen wuchs zu einem weitverzweigten Baum.

FŸr ãKircheÒ – Gottesvolk und Christus-Gemeinschaft – finden sich in der Bibel viele Bildworte oder Umschreibungen, die Facetten des Wesentlichen aufgreifen:

¤  das geistliche Haus, auf Petrus-Bekenntnis-Fels gebaut,

¤  der Leib Christi, die Heiligen,

¤  Versammlung im Namen Jesu (synagoge), SpŠter sagte man auch

¤  Familie Gottes, Liebesgemeinschaft, civitas dei –

¤  im Bekenntnis ausgesprochen als die eine, heilige, katholische (allgemeine / christliche) und apostolische Kirche.

FŸr die Reformation formulierte der Artikel 7 des Augsburger Bekenntnisses:

ãEs mŸsse allezeit eine christliche Kirche sein und bleiben, ãdie die Versammlung aller GlŠubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genŸgt zur wahren Einheit der christlichen Kirche [...] Und es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nštig, dass Ÿberall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden [...]Ò

Wort und Sakrament, verstanden als Gottes Handeln, begrŸndet und erhŠlt die Kirche.

Manche Texte der Gesangbuchlieder sind fŸr das KirchenverstŠndnis der Laien nachhaltiger als die der universitŠren Theologie, allerdings gegenŸber neuzeitlichem GlaubensverstŠndnis oft veraltet.

Der unterschiedliche Sprachgebrauch von ãKircheÒ ist zu beachten: ãKircheÒ kann sowohl den Gesamtkšrper als auch seine Teile, also die Einzelgemeinde und Teile der Organisation meinen. Man sagt ãZur Kirche gehenÒ und meint damit die Teilnahme an allem Gottesdienstlichen, das VerhŠltnis zur Einzelgemeinde. Man sagt auch: ãZur Kirche gehšrenÒ und meint das in welcher Form auch immer geŠu§erte Bekenntnis zur Mitgliedschaft, das VerhŠltnis zur christlichen Religion. Doch bedenke: ãKircheÒ in der Einzahl gibt es heutzutage nur in der Glaubenswirklichkeit. Ansonsten reden wir von Kirche gewšhnlich im Sinne von unserer Kirche, die sich immer nur als eine Teilgruppe verstehen kann oder ganz allgemein von dieser Gemeinschaft und Organisation.

Kirche kommt also von weit her, in und mit der Tradition. Dies prŠgt sie und wird sie auch in Zukunft prŠgen trotz der berechtigten Aufforderung zu AktualitŠt.

 

Wechselnde Geschichte, Entwicklung zur Organisation und Institution

ãIch habe gelernt, dass die Kirche einer wechselvollen Geschichte ausgeliefert war und immer ist. Sie zeigt diverse SchwŠchen, sogar Abscheulichkeiten, beweist aber auch eine erstaunliche WandlungsfŠhigkeit und ErneuerungsstŠrke.Ò

Schon in den AnfŠngen ist in den Christengemeinden erkennbar, wie festere Strukturen wachsen. In den folgenden drei Jahrhunderten und im Kampf um ihre Legitimation gegenŸber dem Judentum und der hellenistischen Umwelt bildete sich aus Orts- und Regionalkirchen eine allgemeine Kirche aus, deren FŸhrung Rom Ÿbernahm. Aus unterschiedlichem Kontext sind uns aus der Anfangszeit die Paulusbriefe, die vier Jesusgeschichten, die Apostelgeschichte und andere Briefen und Schriften Ÿberliefert, die Einblick in die Entstehung der erste Gemeinden geben. Es sind auch Schriften erhalten, die die Existenz von Gruppen mit spezieller †berlieferung beweisen, doch in der grš§eren Kirchengemeinschaft keine Anerkennung fanden. Die Gro§kirche einigte sich auf eine Gruppe von Schriften, den ãKanonÒ, der das ãNeue TestamentÒ genannt wurde. Das wurde die Grundlage des Glaubensbekenntnisses. Bibeltexte wurden oft als ãWort GottesÒ bezeichnet; sogar die ErklŠrungen einzelner Stellen in Predigten wurden so genannt. Das Wertbewusstsein der eigenen Tradition steigerte sich bis hin zu der Aussage, dass es au§erhalb der Kirche kein Heil gebe. (Cyprian, ca 200 – 258 n.Chr,)

Die Auffassung des Neuen Testaments bildete auch die Auslegungskriterien fŸr das jŸdische Alte Testament, das nach christlichem VerstŠndnis fest an das ãNeueÒ gebunden ist. Diese ãBibelÒ erlangte Verbindlichkeit, sie formte die christliche IdentitŠt; sie ermšglichte auch eine differenzierte Vielfalt der Jesusauslegung.

So entstand die Kirche als ausgeformte Institution, die aber innerlich charismatisch-spirituell von der Jesusinterpretation bestimmt war. Gemeinsam war allen der Glaube an den Jesus, der gekreuzigt und auferstanden war und seinen Gruppen einen universalen Auftrag zur Mission hinterlassen hatte.

Historisch sind die Lebensringe der wachsenden Kirche zu erkennen: die Urgemeinde, die Kirche vor der konstantinischen Anerkennung, die Staatskirchen in Rom und Byzanz, die Kirchen der Reformationen, charismatische Gemeinschaften der Neuzeit. Nicht zu Ÿbersehen ist, wie die Kirchen durch politische bzw. gesellschaftliche KrŠfte geprŠgt wurden; schon in der FrŸhzeit passte sich die Kirche an die Umwelt an. Das heutige Gesicht bekam die Kirche im Zusammenhang mit der AufklŠrung, der SŠkularisierung und der Postmoderne.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       ãWie viel Kirche braucht der StaatÒ lautete der Titel eines Vortrags von KirchenprŠsident Christian Schad (Speyer) Anfang Juli 2012. In unserem Zusammenhang hier kšnnte sie lauten: Wie viel Geschichte, wie viel Jesus braucht die Kirche? Oft haben Kirchenleute mit Berufung auf die Tradition und die Quellen der Glaubensgemeinschaft versucht, (nach ihrem eigenen VerstŠndnis aber, immerhin) durch Erinnerung an die Geschichte die Kirchenmitglieder zusammen und beim Wesentlichen zu halten. Das geschah leider nicht selten mit Gewalt und mit wenig Offenheit fŸr neue Entwicklungen. Wie viel und welche Kirchengeschichte und Berufung auf die Tradition braucht die Kirche? – Das muss eine stŠndig neu zu stellende Frage bleiben. 

 

 Von der Einheit der Jesusgemeinschaft hin zur konfessionellen Vielfalt 

 ãMich schmerzt, dass die Einheit der Jesusgemeinschaft nicht gehalten hat. Aber ich verstehe mehr und mehr, dass eine in allen Weltteilen existierende Gemeinschaft schwerlich in irgendeiner monarchischen, organisierten Weise zusammengehalten werden kann. Einheit ist auch in der Vielfalt mšglich. Ò

Der kritische Wahrheitsdrang (auch im Blick auf Fehlentwicklungen in der Kirche wie Ablasshandel, Inquisition, Hexenverfolgung Missionierungseifer, KriegsunterstŸtzung, usw.), die Erfahrungen und die Erfordernisse in unterschiedlichen Situationen Šu§erten sich in konfessioneller Differenzierung und in einer Vielfalt, in der der eine Geist als schšpferisch tŠtig gesehen werden kann. Die Entfaltung des Christentums sollte als StŠrke anerkannt werden, so schmerzlich oder Šrgerlich sich Trennungen oder Spaltungen vollzogen.

Die mittelalterliche Spaltung in eine Ost- und eine Westkirche hatte politische, aber auch theologisch-spirituelle GrŸnde. Aus den Gro§kirchen heraus entstanden Freikirchen. Mennoniten, Methodisten, Baptisten, Adventisten, Pfingstkirchen zeigten, wie Kirchenkritik und WahrheitsŸberzeugungen Lebensformen bildeten. Was anfangs sektenŠhnlich aussah, konnte zur gro§en Bewegung werden. Mit ursŠchlich fŸr die gro§en europŠischen Auswanderungswellen (z.B. in die USA) gelangten sie zu gro§er politischer und gesellschaftlicher  Bedeutung.  Andere, wie ãDie Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten TageÒ (die Mormonen) vertreten ernsthaft trennende Sondermeinungen.

Man wird das als Folge des Zeitgeistes verstehen mŸssen. Das Patchwork-PhŠnomen ist zwar beschwerlich, andererseits haftet dem oft und lebhaft geŠu§erten EinheitsbedŸrfnis im Grunde etwas Unrealistisches an. Ist eine Kirche mit mehr Einheit glaubwŸrdiger als eine Vielzahl sich mehr oder weniger gegeneinander abgrenzender ãKonfessionenÒ? Das kommt doch hauptsŠchlich darauf an, wie man miteinander umgeht! Der Glaube kann viele Formen haben (Joh. 14,1).

Die Eine Kirche ist in ihrem Grund verbunden durch ihren im Wesentlichen gleichen einen Glauben. Der Einheitsbitte Jesu gehorsam zu sein und Trennung zu Ÿberwinden, hat nicht zuletzt auch ein tieferes WahrheitsverstŠndnis ermšglicht. Der christlichen Einheit zu entsprechen, hat zur …kumenischen Bewegung und in unseren Breiten zu einem verhei§ungsvollen škumenischen Bewusstsein gefŸhrt. Auf der Ebene der Ortsgemeinden geschieht viel Ermutigendes, was ãObenÒ noch nicht statthaft ist.

Was im Gro§en geschieht, zeigt sich auch im Kleinen. Auch innerhalb der Einzelkirchen ist Platz dafŸr, links oder rechts, orthodox/fundamentalistisch oder liberal orientiert zu sein.

Im BemŸhen um mehr škumenische Einheit brauchen wir den konservativen Kirchen nicht hinterher zu laufen. Eher liberale Kirchen kšnnen es aushalten, von anderen als nicht voll ãKircheÒ eingestuft zu werden. Verbote der Kommunikation werden schon umgangen (z.B. bei der Zulassung zum katholischen Abendmahl) , Gehorsam und ãFraktionszwangÒ stehen nicht mehr hoch im Kurs. Die unsichtbare (ãunsereÒ! geglaubte) Kirche aller GlŠubigen ist schon und immer noch da und wird erlebt und erfahren. Allerdings:

 Heutige Probleme der Kirche

ãBei den Problemen, die die Kirchen heute zu tragen und vor allem zu lšsen haben, sehe ich eine zeittypische Undeutlichkeit des Kirchenbildes.Ò

In einer Ecke ist ãKircheÒ eine verdŠchtige Einrichtung: staatsabhŠngig, mit Machtcharakter, verhŠrtet dogmatisch denkend. In einer anderen wird beklagt, dass ãKircheÒ an AutoritŠtsverlust leidet, Mitglieder verliert, religionsarm erscheint. An dritter Stelle sieht man ãKircheÒ im ModernisierungsbemŸhen Fronten zurŸcknehmend, Wesentliches opfernd. Anderswo zeigt sich ãKircheÒ konservativ, kŠmpferisch entschlossen, keinen Fu§breit der Tradition aufzugeben.

Dazu kommt das Problem der VerbŸrgerlichung, was mehr bedeutet als den Verlust des Kontakts zur Breite der Bevšlkerung. Die heute schwer herzustellende Verbindung der Jugend mit der Kirche droht zu einem Traditionsabbruch zu fŸhren. Zu schwach gegen die Vorherrschaft der Medien Ÿber Lebensstil und Konsum haben es die Kirchen schwer mit ihren Denkanforderungen und Riten. Selbst bei den noch funktionierenden Amtshandlungen gelingt es nicht, vorhandenes religišses BedŸrfnis in intellektuelle †berzeugung zu verwandeln.

Auch wenn Zeitgenossen es oft fordern – Kirche kann nicht untadelig sein und fŸr alles die perfekten Rezepte vorweisen. Dazu ist sie zu menschlich, dazu hinkt die gro§e Organisation immer hinter den VerŠnderungen der Lebenswirklichkeit her.

Vom Auftrag JesusÕ her ist die Kirche als Arbeitsgruppe zu verstehen, die Gerechtigkeit, Frieden und Erhaltung der Schšpfung zum Ziel hat. Diese ethisch-soziale Dimension ist verbunden mit der vertikalen des Gottesglaubens. Beide zeigen sich im lebendigen Gottesdienst, der weithin als das KernstŸck der Kirche angesehen wird. In spirituellen Ausdrucksformen wie Lob Gottes, Dank und Bitte im Gebet, Wort und Sakrament, hŠlt sich Kirche offen fŸr Wirkungen des Gottesgeistes. Veranstaltungen verschiedener Art lassen die Ziele der Kirche und die Methoden, sie erreichen zu wollen, erkennen.

Damit prŠsentiert Kirche ihren Gott als belebende Macht in der …ffentlichkeit. Im demokratischen GefŸge Westeuropas verfŸgt sie dank MitgliederstŠrke und dem ethischem Potenzial (Zehn Gebote und Bergpredigt) Ÿber einen erheblichen politischen Einfluss. Als Institution oder mit der Stimme einzelner Christen mischt sie sich ein. Ihre politische Verantwortung kann sie in Parteien, aber auch gegen die herrschende political correctness wahrnehmen. Persšnliche Erbauung, Sinnfindung und Sinnpflege ist ihre Sache, die ebenso dem inneren Halt der Gesellschaft wie auch den oft Vereinzelten dient. Die in der Gesellschaft stark verankerten sogen. Amtshandlungen bieten Lebensbegleitung (deren Form und VerstŠndnis sind stark erneuerungsbedŸrftig). Die Kirche ist, stabilisierend oder kritisch, eine dienstleistende Einrichtung fŸr individuelle und kollektive Bewusstseinsorganisation – nicht nur fŸr Mitglieder (die in der Sprache des Glaubens ãGliederÒ genannt – also als lebendiger Organismus gesehen werden). Die diakonische Arbeit ist weitgefŠchert und immer noch bzw. immer wieder auch im Blick auf die elementarsten Nšte in den Krisengebieten aller Welt einer der wichtigsten Dienste, die Kirche in unserer Gesellschaft leistet.

 

 Religišser Pluralismus – gut fŸr die Kirche. Und ihre Mitglieder.

ãNeu herausgefordert werden die Christen und die christlichen Kirchen durch die anderen Weltreligionen, in unserem Land nicht nur durch das Judentum und den Islam.Ò

Der Buddhismus gewinnt Freunde, der Hinduismus auch. Der Konfuzianismus wird kommen. Ist der Missionsauftrag dialogisch mšglich? Das Wahrheitswissen hat sich gewandelt, und die Bibelforschung erklŠrt die Behauptung von der ExklusivitŠt des Christusanspruchs als einen Versuch (unter vielen),  von Gott zu reden. In ihrer Sprache und ihrem Anspruch wird die Kirche sich deswegen bescheidener und vorsichtiger verhalten.

Mit Hoffnung und Interesse ist zu beobachten, dass sich in der Kirche selbst neue Formen von Glaubenserfahrung und –ausdrucke entwickeln. Es geht auch ohne mythologische und sehr menschlich gedachte Gottesvorstellungen; neue religišse Lieder sind entstanden, es gibt Gottesdienste fŸr Motorradfahrer, Bergsteiger und Senner hoch in den Alpen usw. . Kirche ist in Facebook, Twitter und Internet prŠsent und Konfirmanden lernen, was Kirche ist, nicht mehr Ÿber auswendig hergesagte KatechismusstŸcke, sondern (auch) in Praktika z.B. in diakonischen Einrichtungen kennen. Das erscheint vielen ungewohnt, ist aber eine Bereicherung, Anregung und EinŸbung, PluralitŠt auch au§erhalb der Kirche wahrzunehmen und wertzuschŠtzen.

 

Beziehungen zu Kirche

ãIch halte die Frage ãWas habe ich von der Kirche?Ò fŸr durchaus berechtigt. Sie kann zu einem weiterfŸhrenden VerstŠndnis ihres Wesens fŸhren und eine Verbesserung der QualitŠt kirchlicher Arbeit bewirken.Ò

 

Das VerhŠltnis von Individuen und Gruppen zu Kirche ist schwer zu bestimmen. Es ist zunŠchst danach zu fragen, ob Kirche (theologisch) als geistiges Gro§system oder als Einzelorganisation (Denomination) verstanden wird. Zur KlŠrung der eigenen (mehr oder weniger formalen) Beziehung zur Kirche ist dann zu unterscheiden zwischen Formen der Zugehšrigkeit und den damit verbundenen Rechten und Pflichten bzw. Nutzen und AbhŠngigkeiten. Beziehungen zu Kirche kommen auf unterschiedliche Art zustande (Tradition, Taufe, Erziehung, Theologie, Information, Bildung, Eintritt, u.a.) und bestehen aktuell in Teilnahme an kirchlichen AktivitŠten, Bekenntnis, Kritik, materieller UnterstŸtzung, u.a. . Die Frage ãWas habe ich von der Kirche?Ò ist durchaus berechtigt und fŸhrt zu einem weiterfŸhrenden VerstŠndnis ihres Wesens (zu dem auch die religišse Dimension gehšrt, die sich nicht in Kategorien wie Nutzen und Nachteil erfassen lŠsst). Wenn sie in der kirchlichen Praxis ausfŸhrlicher vorkommen wŸrde, kšnnte das auch eine Verbesserung der QualitŠt kirchlicher Arbeit bewirken und eine gute Werbung fŸr aktive Beteiligung sein.

An neue und verschiedene Formen der Beziehung zur Kirche ist zu denken wie z.B. Teilmitgliedschaften, zeitliche und/oder inhaltliche Begrenzung, Kooperation mit anderen Gruppen oder Angehšrigen anderer Religionen.

In der geistigen Beziehung zur geglaubten Kirche sind mehr individuelle VerstŠndnisweisen mšglich als frŸher. Bei entsprechender Offenheit, Toleranz und VerstŠndigung wŸrden sie kreativ wirken.

ãKirche begegnet den Menschen als Raum. Als weiter, offener Raum der grš§eren Wirklichkeit.Ò

FŸr das VerstŠndnis von Kirche war in den Gro§kirchen immer der Gemeinderaum wichtig. In der …ffentlichkeit steht der Kirchenbau als stŠdtebauliches Zeichen. Architektonisch geprŠgt von der Praxis des Gottesdienstes, der Liturgie, bildet der Versammlungsort ãKircheÒ nicht nur in den Gro§-StŠdten einen šffentlich zugŠnglichen Ort, der zwanglos eine Gegenwelt der Stille und inneren Konzentration anbietet. Erinnernd und bergend ist er Schutzraum, dessen kŸnstlerische Innengestaltung den Worten der Kirche eine Sprache eigener Art verleiht. Die Kosten dafŸr wurden und werden aufgebracht, auch wenn die Kirchen heute viele neue RŠume und praxisorientierte Raumformen dazu bekommen haben (nicht nur sog. GemeindehŠuser).

Vielversprechend, manchmal auch problematisch ist der vor allem in den neuen BundeslŠndern unternommene Versuch, herkšmmliche Kirchen gemeinsam mit der Ortsgemeinde (z.B. als Rathaus) und VerbŠnden bzw. Vereinen zu nutzen und dafŸr umzubauen.

Im Ÿbertragenen Sinn eršffnet die Kirche nicht nur ihren Mitgliedern ãRaumÒ in BetŠtigungsfeldern, in denen (insbesondere ehrenamtlich) viel Hilfreiches geleistet werden kann.

Aber auch €mter gibt es in der Kirche als Organisation und gro§er Arbeitgeberin (ãdanke, fŸr meine ArbeitsstelleÒ hei§t es in einem vielgesungenen Lied). Manchmal werden sie, dem VerstŠndnis der Kirche entsprechend, Dienste genannt, auch wenn es sich um Leitungsaufgaben handelt. Bei deren AusŸbung wird nicht immer (ausreichend) daran gedacht, dass auch Priester und OberkirchenrŠte meine BrŸder sind und die Bischšfin meine Schwester ist. Das AmtsverstŠndnis der katholischen Kirche ist ziemlich exklusiv (nur der Priester kann die Eucharistie gŸltig darbringen), aber glŸcklicherweise nicht Ÿberall.

 

ãDie Au§ensicht auf Kirche ist zu beachten!Ò

ãIch sehe Kirche auch selbst oft von au§en: Historisch, soziologisch, rechtlich, organisatorisch, politisch, ... Aus der Distanz. Kritisch. (Das mag und kann nicht jede/r).  Auch aus dieser Sicht zeigt sich mir Wesentliches und LiebenswŸrdiges, Menschlich-Allzumenschliches. Ich nehme mit in die Kirche hinein, was ich von au§en sehe.Ò

Soziologisch ist Kirche eine stark strukturierte Organisation mit Personal von beamteten und freien Mitgliedern, Pastoren und Laien, mit einer Hierarchie, mit MachtgefŠlle, Kirchensteuer, Kirchenzucht, unterschiedlichen BetŠtigungsfeldern, Mitgliederbewegung.

Politisch-gesellschaftlich wird sie kritisch als Machtrelikt verdammt oder als Wertegeberin anerkannt und gerne fŸr Eigeninteressen instrumentalisiert (Thron und Altar).

†ber ãKircheÒ wird je nach Kontext und Interesse geredet. Ein Liebhaber redet anders von ihr als ein Feind oder einer, der sie kŸhl analytisch untersucht.

Das Reden von ãderÒ Kirche bedarf also jeweils genauer Beobachtung. Die Ortskirche ist abhŠngig von dem Bild, das die Gesamtkirche abgibt (das ist nicht anders als in der Politik). Mancher tritt aus ãderÒ evangelischen Kirche aus, weil ihm der Papst missfŠllt... Der Austritt ist ein Indiz fŸr die BindungsschwŠche der Ortsgemeinde und weist auf BildungslŸcken hin.

Mitglied einer Kirche ist, bleibt oder wird man nicht nur oder hauptsŠchlich wegen der Zustimmung zu ihrem Glaubensbekenntnis, sondern zur Fortsetzug der Tradition, um der Kasualien willen (Bestattung!) und der Kinder wegen. Die WertschŠtzung ihrer Dienstleistung (Seelsorge, StŠrkung der SpiritualitŠt, ethisches Engagement, Diakonie) ist nicht nur bei den aktiven Mitgliedern hoch.

 

Kritik an der Kirche wird zunehmend Ernst genommen, fŸhrt aber kaum zu entsprechenden VerŠnderungen.

Hauptargumente der gegenwŠrtigen Kritik an der Kirche sind u.a.:

¤  Lehre und Predigt der Kirche seien veraltet und weltfremd.

¤  Die Dienstleistungen der Kirche werden von vielen Menschen nicht mehr in Anspruch genommen, weil sie durch Wissenschaft und Technik Ÿberholt und z. T. von anderen Organisationen Ÿbernommen worden sind.

¤  Die Kirchen haben Kriege nicht verhindert und statt dessen Waffen gesegnet.

¤  Die Kirchen mischen sich zuviel in Politik ein.

¤  In manchen Gruppen: In den Gro§kirchen ist die ãreine LehreÒ nicht mehr in Geltung

 

ãGrŸnde fŸr und gegen einen Austritt aus der Kirche

zeigen viel vom VerstŠndnis der Kirche als einer religišsen und weltlichen Organisation.Ò
(Nachfolgend auch einige, die seltener genannt werden):

 

 

 

 

 

      GrŸnde fŸr einen Austritt

      GrŸnde gegen einen Austritt

 

 

 

 

 

¤  Einsparung der Kirchensteuer.

¤  Was geglaubt werden soll ist intellektuell obsolet.

¤  Ehrlichkeit, die innere Einstel­lung auch durch formale Konse­quenzen zum Ausdruck zu brin­gen.

¤  Freie VerfŸgung Ÿber den bisher gezahlten Betrag der Kirchensteuer fŸr Šhnliche Zwecke z.B. auf lokaler Ebene.

¤  Druck auf die Kirche, um Reformen und Anpassung an die gesellschaftlichen VerŠn­de­r­­un­gen zu erreichen.

¤  Verringerung des kirchlichen Einflusses auf Gebieten, wo er fŸr hinderlich gehalten wird (z. B. in der Erziehung).

¤  Eine Inanspruchnahme der Kirche erscheint auch ohne Mitgliedschaft mšglich und gerechtfertigt.

¤  Demonstration der Abwendung vom christlichen Glauben bzw. seinen AusprŠgungen als Hinweis auf die Notwendigkeit neuer Orientierungs­formen, die der verŠnderten Situation ent­sprechen.

¤  Zu wenig Mšglichkeiten fŸr direkte Mitarbeit im Entschei­dungsbereich. Man will nicht immer nur Konsument sein.

¤  ãGlaube Ja, Kirche Nein!Ò

¤  Die Kirche wird nicht mehr gebraucht. Andere Einrichtun­gen haben ihre Funktion Ÿbernommen.

¤  Die Kirche ist alles andere als eine ãGemeinschaft der HeiligenÒ.

¤  Der Kirchenaustritt bedeutet zwangslŠufig auch eine Absage an die von der Kirche vertrete­nen Werte und Ziele.

¤  Die LeistungsfŠhigkeit der Kir­che wird dadurch verringert, mšglich­erweise so weit, dass wesentliche Funktionen fŸr den einzelnen und fŸr die Gesell­schaft unterhalb einer gewissen Grš§enordnung Ÿberhaupt nicht mehr erfŸllt werden kšnnen.

¤  Verlust der wirksamen Vertretung religi­šser, ethischer Aus­sagen und Fragen auf lange Sicht. Es besteht die Gefahr, dass bestimmte Werte und Ziele von einer      mitglieder­reduzier­­­­ten Kirche nicht mehr wirksam vertreten werden kšnnen.

¤  Verlust einer Beziehung zu dieser Gemein­schaft.

¤  Verlust des Anrechtes auf Amtshandlungen.

¤  Die bisher von der Kirche erbrach­ten Leistungen auf sozi­alem und gesellschafts­politischem Gebiet (Erziehung, Diakonie) mŸssten unter erheblichem Auf­wand von der Gesellschaft Ÿbernommen werden.

¤  Verantwortung fŸr das Perso­nal und die Einrichtungen der Kirche. UnterstŸtzung der Fort­schrittlichen oder der Konser­vativen, wenn man als Vertreter einer der beiden Positionen in der Kirche bleibt.

¤  Die jetzige Krise der Kirche kann vorŸbergehend sein. Er­neuerung ist mšglich. Man traut sich zu, an der Erneuerung mitzuarbeiten.

¤  Die Vor- und Nachteile der jetzigen Kirche sind bekannt, die einer anderen Organi­sationsform Šhnlicher Grš§e nicht.

¤  Die Kirche ist noch nicht genŸ­gend auf eine Mitgliederreduktion vorbereitet.

 

 

 Kirche zwischen Tradition und Vision

ãKirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, ist im Blick auf die Vergangenheit wichtig als HŸterin ihrer beachtlichen Tradition, im Blick auf die Gegenwart als Reservoir von Lebensnotwendigem und Lebensdienlichem, im Blick auf die Zukunft als SchlŸssel fŸr Hoffnung und GlŸck.Ò

In ihrem Ritus feiert die Kirche  Gott und die Gemeinschaft mit ihm. Hier ist das Band der Gemeinsamkeit zu pflegen, in ãWort und SakramentÒ, in Grundtexten, Liedern und dem Raum, der Gott- und Selbstfindung bietet. Dabei wird heute der Spitzensatz ãWort und SakramentÒ nicht mehr exklusiv christologisch verstanden. Entdeckt wird und Gehšr findet die Sprache des Schšpfers auch in der Natur. Die Kunst, besonders die Musik und das Bild, hatten immer eine unmittelbare Beziehung zur GottesnŠhe. Der moderne Mensch mit seiner Sehnsucht lebt aus verschiedenen ZugŠngen zum Religišsen. Indem die Kirche diese zum Teil diffusen EindrŸcke aufnimmt und bearbeitet, erweitert sie ihren Deutungsbereich erheblich.

Die Tradition darf die Offenheit fŸr Erneuerung nicht einschrŠnken. Visionen sind Ÿberlebensnotwendig fŸr die Kirche als Organisation und Gemeinschaft von Glaubenden.

 Neues in der Kirche gibt es – in der Gemeinschaft des Glaubens

ãKirche ist eine Gemeinschaft, in der es vor allem anderen um den Glauben und die ihm entsprechende Lebensgestaltung geht. Im Glauben erfahre ich sowohl die NŠhe Gottes als auch seine Fremdheit. Glaube geht oft gegen mein eigenes WŸnschen und Meinen.Ò

ãIch glaube an GottÒ hei§t: Ich glaube ein Paradox. Denn Kreuz und Auferstehung haben im Kern etwas, das uns gegenŸber quer steht. Glaube zielt auf das kommende ãReichÒ, doch das schlie§t den WŸstenmarsch ein. Wir tun vielleicht nichts Gutes, wenn wir dem von Glaube und Kirche distanzierten modernen Menschen das Christliche leichter machen wollen. Die traditionellen Antworten auf die Gottesfrage mšgen abgegriffen scheinen, doch neue sind schwer zu geben, wenn sie denn die Fremdheit Gottes nicht verlieren wollen. Die Folgen von entgegenkommender Vereinfachung sind nicht abzusehen. Die Kirche nur als HumanitŠtspflegerin des 21. Jahrhunderts zu sehen, greift zu kurz.

Welcher Zukunft die Kirche – in welcher Form immer – entgegengeht, ist ungewiss. Religion wird es immer geben, das Offensein fŸr eine Transzendenz ist ein Existential, ihre Existenz in der Gestalt heutiger Kirchen jedoch nicht. Aber ãchristliche Religion ohne KircheÒ erscheint religionspsychologisch als unwahrscheinlich. In der Jesus-Botschaft steckt soviel Salz und Licht, dass an dem Bestand nicht gezweifelt werden muss. Nur: Der AusprŠgung von Kirche als šffentlich anerkannter Gruppierung stehen viele KrŠfte entgegen, und verhei§en ist den Christen diese Lebensform nicht.

Letzten Endes wird sich die Weiterexistenz der Kirche daran entscheiden, ob sie dem, was Jesus Christus in Rede und Tat lebte, treu bleibt und Jesu Gottesglauben verstŠndlich und glaubhaft ihrem Umfeld mitteilen kann. Das ist ein Sprach-, aber vor allem ein Haltungsproblem.

ãIst TrŠumen erlaubt? Von Christen verschiedener Berufe und jeden Alters, die gegen die Vereinzelung der Moderne angehen, sich in einem Stadtviertel konzentrieren und locker eine Wohngemeinschaft praktizieren. Es ist der Versuch, das Christentum im 21. Jahrhundert deutlicher zu leben. Der Mut zu einer gewissen Entweltlichung gehšrt dazu. Aus sozialistischen oder Ordens-Modellen nahmen sie Realisierbares, vielleicht ist der Kibbuz ein brauchbares Beispiel, aus dem Beamtensystem der Gro§kirche haben sie sich freundlich ausgeklinkt. Ihr Lebensstil ist weltoffen und partizipativ, keinesfalls ghettoartig, doch sind sie erkennbar. Sie haben eine Insel gegrŸndet, nicht mehr, die aber Ÿber BrŸcken zugŠnglich ist.Ò

Nur ein gelebtes Christentum ist Ÿberzeugend, weshalb auch von christlichen MŠrtyrern oder gar ãHeiligenÒ zu erzŠhlen ist. Die simple Frage: ãWas habe ich von (der Mitgliedschaft in) einer KircheÒ braucht eine einfache Antwort, die die Kirchengemeinschaft, aber mehr noch die einzelnen Christen zu geben in der Lage sein sollten, auch auf die Zweifel und die Kritik, und das nicht zuletzt beim Thema ãKircheÒ. DafŸr brauchen wir wieder Versuche, die den eigenen Glauben zeitgemŠ§ formulieren. (Die Texte dieser ãKernfragen des GlaubensÒ wollen dazu beitragen). Die SchŠrfe der Gebote und das Befreiende der Jesusbotschaft brauchen nachsprechbare Formulierungen. Eins sollte dabei deutlich gemacht werden: Jeden Kirchenaustritt respektiert die Kirche. Aber sie sieht ihn nicht als unwiderruflich an.

Die Kirche lebt von Jesusinterpretationen, seien sie kanonisch oder nicht. So ist das christliche Wahrheitsangebot zu verstehen. GrundsŠtzlich ergibt das nur VorlŠufiges. Das jedoch als SchwŠche oder Unsicherheit einzuschŠtzen, wŠre falsch. Die VorlŠufigkeit hat eine eigentŸmliche StŠrke: sie ist offen fŸr den Dialog und ermšglicht LernfŠhigkeit. Die Unmšglichkeit, das Jesusbild scharf zu stellen, macht es kommunikativ. Unsere hergebrachte Dogmatik mit den fixierten Bekenntnisformeln hat uns das gemeinsame Glauben schwer gemacht. Wir brauchen Toleranz, mŸssen Unterschiede aushalten, Grenzen verhandeln.

Eine neue Art von Kirchengemeinschaft muss sich durchsetzen, die eine breite Vielfalt erlaubt, weil sie Individuation respektiert. So global sie zu denken versteht, so persšnlichkeitsbezogen ist sie lokal. Ihre ãGemeindenÒ sind offene Gemeinschaften. Das MissverstŠndnis, nur eine private religišse Sekte zu sein, wird dann nicht aufkommen.

Ihre Verantwortung ist bei allem, BrŸckenbau zu betreiben, nach innen und nach au§en. Dies ist in ihrer VerkŸndigung, ihrer Seelsorge, ihrer Diakonie und ihrer škumenischen Einstellung auszuarbeiten und einzuŸben. Ihr Wesen aber hŠlt in ihr eine positive Grundhaltung aufrecht, die fršhliche †berzeugung ihres Glaubens. Das hei§t also, wie schon immer, ihre Orientierung an Jesus, dem Weg in eine neue Zukunft auch fŸr die Kirche.

 

 

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11.  Schuld / SŸnde / Vergebung      

FŸr den Stand und die Entwicklung der gesellschaftlichen Schuldkultur ist das VerstŠndnis der Begriffe Schuld, SŸnde und Vergebung grundlegend. Sowohl eine Definition wie auch das VerhŠltnis der Begriffe zueinander ist schwierig. Es stellen sich u.a. folgende Fragen:

á      Wie gehen wir verantwortungsvoll mit unserem tŠglichen Schuldigwerden um?

á      Was bringt die Ausweitung des Schuldbegriffs auf  das religišse SŸndenverstŠndnis?

á      Welchen Wert hat und was bewirkt Vergebung?

á      Wie bringen wir die Bereitschaft auf, Schuld anderer zu verzeihen?

á      Kann der persšnliche Glaube dabei helfen?

á      Welche Bedeutung hat Jesus fŸr Christen bei dieser Frage ?

Eine Vertiefung beim VerstŠndnis von Schuld und SŸnde kann zu mehr Gerechtigkeit fŸhren  und neue Chancen auch bei schwerer Schuld eršffnen.

 

Schuld zugeben? Um Gottes willen!
     Brauchen wir eine neue Schuldkultur
?

Alle Menschen wurden, sind oder werden in ihrem Leben schuldig.

(Dagegen wird oft gesagt: ãIch bin mir keiner Schuld bewusst.Ò)

Grš§e und Art von Schuld sind oft schwer zu bestimmen.

Sie wird meist nicht, nur teilweise und ungern zugegeben, weil das Nachteile und Strafe bringt.

Von Christen wird Schuld auch als SŸnde gegen Gottes Liebe und Gebote verstanden.

Schuld und SŸnde kann vergeben werden.

 

 

Schuld – was ist das?

Subjektiv ist Schuld das GefŸhl und die Einsicht, etwas Falsches, Unerlaubtes, SchŠdliches (SchŠndliches)  getan oder Pflichten versŠumt zu haben.

Objektiv ist Schuld die feststellbare Vorwerfbarkeit von und die Verantwortung fŸr moralisch oder gesetzlich Verbotenes. In Politik und Wirtschaft werden oft Fehler den Verursachern als Schuld zugerechnet.

Das Wort wird auch fŸr finanzielle und juristische Leistungsver­pflichtungen verschiedener Art gebraucht (ãAnderen etwas schuldig bleibenÒ).

FŸr menschliche Gemeinschaft ist es lebensnotwendig, Schuld mšglichst zu vermeiden und zu regulieren, wenn sie eingetreten ist oder besteht.

GrŸnde fŸr die Feststellung oder das Empfinden von Schuld ergeben sich aus der Vernunft (z.B. im Blick auf die Folgen eines Verhaltens), aus den in einer Gesellschaft geltenden Regeln und aus dem Glauben an Gott. Die Bewertung von Schuld und der Umgang damit ist weitgehend klar geregelt, aber doch im einzelnen oft sehr schwierig. Es ist hŠufig strittig, was als Schuld angesehen wird und wie schwer sie wiegt (ãIch bin mir keiner Schuld bewusst.Ò)

So problematisch die Feststellung und damit Abgrenzung von Schuld auch ist, so hat sie doch den Vorteil, dass zwischen dem Menschen und seiner Schuld unterschieden werden kann. Kein Mensch ist ganz schlecht.

SchuldgefŸhle kšnnen Menschen erheblich belasten und werden deshalb oft in das Unbewusste verdrŠngt. Schuldzuweisung soll die Verantwortlichkeit fŸr verbotenes oder auch nur unerwŸnschtes Verhalten feststellen, um durch entsprechende Strafen eine Wiederholung zu verhindern oder, wenn mšglich, eine Wiedergutmachung herbei zu fŸhren.

Schuldfeststellung wird aber nicht nur rŸckwŠrts wirksam, sondern sie zeigt eine Richtung fŸr die beabsichtigte oder geforderte weitere Entwicklung auf (ãBewŠhrungÒ). Als schuldhaft bewertetes Handeln soll in Zukunft vermieden werden. Diesen Sinn hat auch die oft gebrauchte Formel "Entschuldigung" .

 

SŸnde ist Schuld aus der Sicht des Glaubens

Das Wort SŸnde stammt aus religišsem Sprachgebrauch und wird heute neben dem Bezug auf Gott auch benutzt, um einen Frevel gegenŸber der Natur oder der Menschlichkeit zu benennen Es bezeichnet einen Versto§ gegen Gebote bzw. Verbote Gottes, die Ÿber menschliches Recht und Gesetz hinausgehen. Das VerstŠndnis einer Handlung oder eines Unterlassens als SŸnde macht eine grš§ere Dimension bewusst als durch Moral oder Rechtsprechung erfasst wird. DarŸber hinaus sehen und fŸhlen sich viele Christen (wie vor fast 500 Jahren Martin Luther) in einem dauernden und totalen Zustand des SŸndig- oder SŸnder-Seins gegenŸber Gott.

 

Umgangssprachlich wird oft als ãSŸndeÒ bezeichnet, was zwar verboten, aber doch verlockend ist.

SŸnde ist im religišsen Sinn aber ein ziemlich umfassendes Wort. Es bezeichnet in der christlichen Religion nicht nur die einzelne †bertretung eines (gšttlichen) Gebotes, sondern die Aufhebung der Gemeinschaft mit Gott. Der Mensch will sein Leben ganz allein in seine Hand nehmen. Der Mensch wird schuldig, weil er selbst "sein will wie Gott", er weist Gottes Liebe zurŸck und missachtet seine Gebote. Diese kšnnen religišs-ethischer oder kultisch-ritueller Art sein. In anderen Religionen (ohne Glauben an einen persšnlichen Gott) entsteht religišse Schuld auch durch Verletzung von Tabu-Gesetzen oder durch die Stšrung einer Ordnung. SŸnde bedeutet, dass Menschen ohne Verbindung und †bereinstimmung mit der grš§eren Wirklichkeit sind, der sie ihr Leben verdanken: ohne ihren Schšpfer, entfremdet der Natur und im Kampf aller gegen alle.

In der Bibel und in der Theologie wird unter SŸnde im umfassenden Sinn die Trennung von Gott verstanden, die Abwendung des Geschšpfes von seinem Schšpfer und die Absage des Menschen an den ihn liebenden Gott.

 

Das VerstŠndnis von SŸnde und Schuld als Tat und †bertretung bzw. Unterlassung findet meist in der personalen Form und Dimension der Beziehung zu Gott seinen Ausdruck. Das grund­legende menschliche VerhŠltnis oder Nicht-VerhŠltnis zu Gott als dem Leben und der Liebe, der Wahrheit und Gerechtigkeit lŠsst sich aber auch mit nicht-personalen Begriffen ansprechen, obwohl das noch sehr ungewohnt ist (s.unten und Kommunikation mit Gott).

 

Auch wenn heute bei Fehlverhalten nicht mehr oder nicht hauptsŠchlich an SŸnde gegenŸber Gott gedacht wird, haben die meisten heutigen Gesellschaften doch eine hochentwickelte Schuldkultur. Weit Ÿber die Rechtsprechung hinaus gibt es zahlreiche Bereiche, in denen man sich nach Regeln richten und mit Sanktionen rechnen muss, wenn man dagegen verstš§t. Rechtsprechung, Moral, die Medien und die Modetrends richten darŸber, wie akzeptiert jemand ist bzw. seine Handlungen sind.

 

Heute ist vieles, was frŸher als SŸnde galt, liberalisiert (z.B. HomosexualitŠt), und wahrscheinlich war das in christlich geprŠgten Gesellschaften nur mšglich, weil und seitdem dafŸr kein direkter Bezug mehr auf Gott angenommen wurde. Das Bewusstsein, dass unser Verhalten und Sosein weitere Auswirkungen und Folgen hat als wir erkennen und Ÿberblicken, ist aber nach wie vor relevant und offen. Und sei es nur die Ahnung davon, dass ein Gerichtsurteil oder die Beurteilung einer moralischen Schuld nicht die letzte Bewertung gebracht hat. Die ãGoldene RegelÒ, anderen gegenŸber alles zu vermeiden, was man selbst nicht will, ist als Ideal anerkannt. Aber schwer zu verwirklichen.

Vor dem Hintergrund eines evolutionŠren Gottesbilds kann SŸnde nicht mehr als persšnlicher Ungehorsam oder als Verlet­zung gšttlichen Willens verstanden werden, da die Vorstellung Gottes als einer mythologischen Person im Sinne eines gšttlichen Gesetzgebers und Richters nicht mehr haltbar ist. (Stadelmann)

Trotzdem kann der christliche Glaube durch die Beziehung der Schuld auf Gott dazu helfen, einen grš§eren Zusammenhang ins Bewusstsein zu bringen. (Spinoza hat einmal das Bšse als "Auflšsung des Zusammenhangs" bezeichnet). Wird Gott z.B. als der Richter bezeichnet, so wird damit gerechnet, dass ein Schuldiger ganz anders, -  d.h. aus einer umfassenderen Perspektive -   beurteilt werden kann, als ein Mensch oder ein Gericht das tut.

 

Macht die christliche Lehre von der SŸnde den Menschen schlecht?

 

Der Mensch erscheint im Licht der frŸheren kirchlichen SŸndenlehre Ÿberwiegend als ein schuld- und sŸndenbeladenes Wesen – obwohl er andererseits bei seiner Erschaffung als das Ebenbild Gottes bezeichnet wird.

Wir haben es beim christlichen SŸndenverstŠndnis mit der Unterscheidung von zwei Ebenen zu tun, mit dem weltlichen, juristisch-moralischen SchuldverstŠndnis und seiner Begrenzung auf ãFehlerÒ, die Menschen machen, und der grš§eren Dimension, wenn SŸnde auf Gott bezogen wird.

Dazu gehšrt dann auch, was wir anderen Menschen schuldig bleiben, z.B. den unterentwickelten Všlkern oder Katastrophenopfern – und den kommenden Generationen! Durch SŸnden kommen andere Mitmenschen immer direkt oder indirekt zu Schaden. Aber auch der ãSŸnderÒ wird in seiner Persšnlichkeit beschŠdigt und beeintrŠchtigt. Seine Beziehung zu anderen Menschen und damit auch zu der grš§eren Wirklichkeit erscheint gestšrt.

 

Die Metapher ãJŸngstes GerichtÒ ist ein Symbol fŸr die weitreichenden Wirkungen von Fehlverhalten, z.B. Umweltzer­stšrung, Verschwendung.

Auch das Denken und Wollen wird der PrŸfung auf SŸnde unterzogen und das nicht nur deshalb, weil darin Motive zu schuldhaftem Tun entstehen. Vielmehr geht es dabei um die gesamte QualitŠt eines Individuums oder einer Gemeinschaft. Dabei kam es in frŸherer Zeit besonders bei der SexualitŠt zu negativen Bewertungen, wŠhrend z.B. nationalistisches Denken und Fremdenhass erst neuerdings als SŸnde gelten.

Die Aussage ãGott sieht allesÒ (wie im ãWort zum SonntagÒ an 15.1.2012)  wurde frŸher insbesondere bei der Erziehung von Kindern als Angst machende Drohung dazu benutzt, unerwŸnschtes Verhalten zu verhindern. Nach neuerem GottesverstŠndnis wird Gott nicht (mehr) als allgegenwŠrtiger Aufpasser gebraucht, der jeden einzelnen Gedanken eines Menschen bewertet. Beim Blick auf Všlkermorde, unfassbare Holocaust-GrŠueltaten und mehr als 55 Millionen Tote im 2. Weltkrieg kann man auf das Bšse schlie§en, das im Menschen steckt, auch wenn er Jahrzehntelang ganz friedlich und bŸrgerlich lebt; je mehr Bšses ihm zugetraut wird, desto realistischer sollten alle Mšglichkeiten der Vermeidung von SŸnde und Schuld bedacht werden – gerade auch mit der Offenheit fŸr die grš§ere Dimension Gottes. Zu der dann aber auch das Staunen Ÿber die Schšnheit und den Reichtum des Lebens gehšrt.

 

AltertŸmliche Vorstellungen von SŸnde als Symbole interpretieren

Einige biblische und altertŸmliche Vorstellungen von SŸnde – wie SŸndenfall, ErbsŸnde und SŸnde als Ursache des Todes – sind heute nur noch von ihrem (damaligen) Symbolgehalt her zu verstehen.

 

Wer sich fŸr die Annahme des christlichen Glaubens und damit fŸr Offenheit sowohl der eigenen Schuld gegenŸber wie fŸr den grš§eren Zusammenhang der Gerechtigkeit Gottes entschieden hat, muss auch mit dem Problem fertig werden, dass heute viele Kriterien der Schuldfeststellung inadŠquat werden oder sich im Nachhinein in bestimmter Hinsicht als falsch oder als ŸberflŸssig herausstellen.

Als Beispiele in rechtlicher Hinsicht sind hier die Reform des Ehescheidungs- und Familienrechtes sowie die Paragraphen Ÿber die HomosexualitŠt oder die Abtreibung zu nennen, aber auch ein verŠndertes nationales Selbstbewusstsein, Einstellung zu MinoritŠten und das Wirtschafts- und Arbeitsrecht. Neue Kriterien werden fŸr den Umweltschutz und fŸr Kriegsverbrechen und Všlkermord entwickelt.

 

Der ãSŸndenfallÒ

Nimmt man die SchšpfungserzŠhlung der Bibel wšrtlich, so verstie§ das erste Menschenpaar in einem Urzustand gegen das Gebot Gottes, nicht von den FrŸchten des Baumes der Erkenntnis von Gut und Bšse zu essen. Es wurde deshalb aus dem als ãParadiesÒ verstandenen ãGarten EdenÒ ausgesto§en. Die Geschichte soll erklŠren, wie das Bšse in die Welt kam. Es ist lebensbedrohlich. Deshalb ist die Unterscheidung zwischen Gut und Bšse fŸr die Entwicklung des Lebens und das †berleben grundlegend und lebenswichtig. Etwas ausfŸhrlicher soll an diesem Beispiel eine Fehlentwicklung des christlichen Glaubens dargestellt werden:

Es ist ein bedauerliches, in der frŸhen Kirchengeschichte entstande­nes Missver­stŠndnis, dass die Geschichte von der Versuchung zum Abfall von Gott, also zur SŸnde, irgendetwas mit sexuellen BedŸrfnissen zu tun habe. Gilt doch in der jŸdischen Tradition SexualitŠt als hohes Gut, als gute Gabe des Schšpfers. Ein zšlibatŠr lebender Rabbi ist fŸr das Judentum eine un­mšgliche Vorstellung. SexualitŠt zu leben, gehšrt sogar mit zur Feier des Sabbats.

SelbstverstŠndlich kann SexualitŠt missbraucht werden. Je kostbarer das Geschenk, desto schmerzlicher sein Missbrauch. Aber das allein kann nicht der Grund sein fŸr die katastrophale­ Fehlinterpretation von Genesis 3 in der christlichen Tradition. Schlie§lich steht in Gen. 3,5 expressis verbis: ãGott wei§: An dem Tag, da ihr davon esset É werdet ihr sein, wie Gott.Ò

Das ist SŸnde: Mehr sein zu wollen, als endlicher und darum gefŠhrdeter Mensch, der gerade seines GefŠhrdetseins wegen – was bekanntlich Angst macht - den Traum von Omnipotenz und ewigem Leben trŠumt. Diese Hybris also: das ist SŸnde!

Diese Deutung des SŸndenfall-Mythos wird bestŠtigt durch den Mythos vom Bau des Turms zu Babel. Dort, in Gen. 11,4, hei§t es: ÒWohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen (SicherheitsbedŸrfnis!), dessen Spitze bis an den Himmel reicht (Sein wollen wie Gott!), ãdenn wir werden sonst zerstreut in alle LŠnder.Ò Also wieder die Angst um die eigene Existenz im Gegensatz zum Vertrauen auf die uns tragende Kraft Gottes. Mit anderen Worten: Glaube oder Unglaube.

Damit ist der Begriff ãSŸndeÒ eindeutig definiert: Aus der Angst um sich selber erwŠchst die Versuchung, sich zu sichern aus eigener Kraft und damit die Hybris, sein zu wollen wie Gott.

Dieser Glaube, nur durch Leistung, Kraft und StŠrke der eigenen Existenz Geltung, Anerkennung und damit Sicherheit geben zu kšnnen – mit anderen Worten, seinem Leben durch eigene Kraft Sinn geben zu mŸssen, – hat unzŠhlige Katastrophen Ÿber die Menschheit gebracht:

¤  Aus Angst um sich selber, der Angst nŠmlich, vor Gott zu kurz zu kommen (in der Symbolgeschichte 1.Buch Mose 4 Abels gegenŸber seinem Bruder Kain) , ermorden Menschen ihre Mitmenschen.

¤  Aus Angst voreinander haben der Osten gegen den Westen und der Westen gegen den Osten die Welt bis an den Abgrund des gemeinsamen Untergangs atomar aufgerŸstet.

¤  Aus Angst um die eigene Grš§e (ãVolk ohne RaumÒ) hat das nationalsozialistische Deutschland gesungen: ÒHeute gehšrt uns Deutschland, morgen die ganze Welt!Ò - und mit Kriegen unermessliches Leid Ÿber die Welt gebracht.

 

ErbsŸnde

SŸndig sein und sŸndigen wird im frŸheren GottesverstŠndnis zur totalen Disposition des Menschen: ãÉ mein Sind mich quŠlte Tag und Nacht, darin ich war geboren. Ich fiel auch immer tiefer drein, es war kein Guts am Leben mein, die Sind hat mich besessen.Ò (Luther im Lied EG 341, 2).

Diese (aus religišser Sicht) bei allen Menschen wirksame Grundeinstellung wurde als von Eltern ãvererbtÒ auf Kinder und Kindeskinder verstanden. Niemand kann sich dem VerhŠngnis entziehen, schuldig zu werden und niemand kann sich in eigener Kraft aus Schuld befreien. Dadurch ergab sich eine BedŸrftigkeit fŸr Gnade und Erlšsung des Menschen. Das vollzieht sich aber nicht durch natŸrliche Vererbung.

SŸnde als Ursache des Todes?

In der Schšpfungsgeschichte (1.Buch Mose Kap. 3) und bei Paulus (Der Tod ist der SŸnde Sold. Ršm 6,23) wird die SŸnde urgeschichtlich als Ursache des Todes aufgefasst; sie hat nach diesem VerstŠndnis  prinzipiell lebensfeindliche Konsequenzen.

Neuere theologische (!) Kritik an der christlichen SŸndenlehre lehnt die damit meist verbundene †berbetonung der Verdorbenheit und Schlechtigkeit des Menschen ab. Immerhin haben Menschen durch die ãVertreibung aus dem ParadiesÒ durch die Evolution auch die Erkenntnismšglichkeit des Guten und nicht nur des Bšsen mitbekommen. Die vor allem durch das Gedankengut der AufklŠrung in vielen Verfassungen, insbes. auch im deutschen Grundgesetz verankerte Betonung der WŸrde des Menschen hat eine positivere Sicht des Menschen hervorgebracht, die auch die christliche Auffassung vom Charakter des Menschen nicht unverŠndert gelassen hat. Insbesondere in der Erziehung hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass es darum geht, alle guten und positiven Anlagen des Kindes zur Entfaltung zu bringen und damit negativen EinflŸssen und Entwicklungen von vornherein den Boden zu entziehen, ohne aber gegenŸber mšglichen Fehlentwicklungen blind zu sein.

 

 

 Vergebung gegen Schuld und SŸnde

Die Abgrenzung, Feststellung und Annahme individueller oder gemeinsamer Schuld geschieht bei Christen in der Hoffnung bzw. Gewissheit, dass es in der grš§eren Wirklichkeit Gottes neuen Anfang und weiterfŸhrende Bewertungen gibt. In dem wohl bedeutsamsten  Gebet Jesu hei§t es: ãUnd vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.Ò Er hat selbst noch am Kreuz denen vergeben, die ihn getštet haben.

Vergebung ist als Verzicht auf Rache und Vergeltung (nicht nur von Machthabern!) ein Zivilisationsfortschritt. Es gibt sie auch in anderen Religionen. Sie wurde schon in der antiken Philosophie hoch bewertet.

Es soll und kann nicht behauptet werden, dass die Mšglichkeiten und Zielsetzungen der Vergebung nur aus dem christlichen Glauben kommen kšnnen. Aber sie kšnnen und sollten aus dieser Grundeinstellung konsequenterweise folgen und auch praktiziert werden.

FŸr manche Christen ist Vergebung kein Vorgang, der sich im Himmel abspielt, wo Gott – auf die Bitten von Menschen hin – Vergebung gewŠhrt. Beatrice v. WeizsŠcker dazu: ãGott muss uns nicht vergeben. Er braucht unser Flehen nicht. Wir sind es, die es brauchen.

Unsere Bitte an Gott, uns zu vergeben, ist letztlich nichts anderes als die Bitte, uns dabei zu helfen, unser schlechtes Gewissen loszuwerden und uns selbst zu verzeihen, unser reines Herz wiederzufinden. Ein reines Herz bekommen wir nur durch uns selbst. Wenn wir ehrlich zu uns sind, unsere Fehler bei uns suchen und zu ihnen stehen. Ein Fehler wird nicht dadurch zum ÈNichtfehlerÇ, dass wir beten. Ein Fehler wird zum ÈNichtfehlerÇ, wenn wir ihn erkennen und abstellen. Dann ist unser Herz wieder rein - wenn natŸrlich auch nicht gefeit vor neuen Fehlern. Ein Gebet dient zwar immer der Suche nach Gott und der Bitte um Hilfe. Es dient aber auch der Selbstvergewisserung, der SelbstlŠuterung, wenn man so will. Es dient nicht Gott, sondern uns.

Wenn es stimmt, dass Gott uns nimmt, wie wir sind, mŸssen wir ihn auch nicht um Vergebung bitten. Da sind wir selbst gefragt. Denn wir sind es, die andere verdammen, andere krŠnken, die in ÈVersuchungÇ geraten, die ÈBšsesÇ tun. Die ÈschuldigÇ werden und ÈVergebungÇ brauchen, um in der Sprache des Vaterunsers zu bleiben. So wenig wir das Bšse in der Welt und in uns auf Gott abwŠlzen kšnnen, so wenig kšnnen wir ihm die Vergebung aufbŸrden. Ein Gott, der wei§, was wir benštigen, noch ehe wir ihn darum bitten, der wei§ auch, dass wir Vergebung brauchen.Ò

 

Vergebung kann auch aus der Perspektive der Rechtfertigung von schuldigen bzw. sŸndigen Menschen betrachtet und erlebt werden. ãWie kriege ich einen gnŠdigen Gott?Ò war eine existenzielle Glaubensfrage Martin Luthers, die er mit ãAus Gnade, nicht fŸr Leistung und WerkeÒ beantwortete. Da geht es dann nicht mehr um Schuld und SŸnde im Einzelfall, sondern um das gesamte VerhŠltnis von Menschen zu Gott. In diesem Zusammenhang wird die GewŠhrung von Vergebung mit Gnade begrŸndet. Das widerspricht aber nicht der Beachtung von Formen der Erfahrung von Vergebung, wie sie in den folgenden Voraussetzungen fŸr den Empfang von Vergebung dargestellt werden. (Die dafŸr von der Kirche entwickelte detaillierte Praxis der Gnadenverwaltung brachte allerdings viele Menschen in eine mit dem christlichen Glauben unvereinbare AbhŠngigkeit. Martin Walser hat in seinem 2010 erschienenen Buch ãRechtfertigungÒ gezeigt, dass die Rechtfertigung auch ohne einen Glauben an Gott im traditionellen Sinn ein elementares humanes Problem ist). -> Hoffnung Ÿber den Tod hinaus, Neuzeitliche VerstehensansŠtze

 Voraussetzungen fŸr den Empfang der Vergebung.

Erkenntnis der Schuld bzw. der SŸnde

Schuld und SŸnde werden im christlichen Glauben erkennbar durch die Beachtung der Gebote (Gottes), der ãGoldenen RegelÒ oder durch den Einfluss anderer vorbildlicher Personen, insbesondere des Jesus von Nazaret, oder durch Begegnung mit Gott (wie es in einem Bekenntnis der Baptisten enthalten ist: ãIn der Begegnung mit Jesus Christus erfahren wir das Bšse in uns und in gesellschaftlichen Strukturen als SŸnde gegen Gott.Ò (zit. nach Wikipedia).

Beatrice v. WeizsŠcker meint (in ãIst da jemand?Ò), Vergebung von Gott sei unnštig, weil Gott niemand verdammt. Statt Ÿber SŸnde gegenŸber Gott nachzudenken sei es besser, die eigenen Fehler zu erkennen und abzustellen.

Dazu kann auf die von Mitmenschen geŸbte Kritik verhelfen, auch wenn es meist schwer fŠllt, die anzunehmen.

Schuld lŠsst sich hŠufig auch als Ursache fŸr schŠdliche Wirkungen erkennen.

Ohne Reue keine Vergebung

Reue ist das GefŸhl und/oder die Erkenntnis, falsch gehandelt zu haben, Unzufriedenheit, Abscheu, Schmerz und Bedauern Ÿber das eigene fehlerhafte Tun und Lassen, verbunden mit dem Bewusstsein von dessen Unwert und Unrecht sowie mit dem Willensvorsatz zur (wenn mšglich) Wiedergutmachung und Besserung.

An vielen Bibelstellen ist aber von Reue als Voraussetzung zur Vergebung nicht ausdrŸcklich die Rede. Sie wird in frŸhchristlicher Zeit in der Annahme der Taufe ihren Ausdruck erhalten haben. (Petrus antwortete ihnen: Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner SŸnden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.Ò Apostelgeschichte 2,38)

Durch die Reue wird die Schulderkenntnis in den grš§eren Zusammenhang des Glaubens gestellt.

 

Psychologisch gesehen kann langes und stark empfundenes Bedauern einer als schuldhaft bewerteten Tat oder Unterlassung zu erheblichen Persšnlicheits­stšrungen fŸhren.

Im rechtlichen Bereich kann gezeigte (insbesondere ãtŠtigeÒ) Reue das Strafma§ verringern.

Reue wird eingeschrŠnkt oder verhindert durch die Neigung schuldig gewordener Menschen, sich zu ihrer Entlastung zu ãentschuldigenÒ, indem sie das Vergehen als nicht so schlimm, teilweise berechtigt oder gar nicht als Schuld anerkennen. Sehr oft wird auch auf eine Mitschuld des Opfers bzw. eines schuldhaft GeschŠdigten, z.B. bei sexuellem Missbrauch, hingewiesen bzw. eine solche behauptet (was oft zu gro§en seelischen Problemen bei den Opfern fŸhrt). Der Glaube wird dafŸr keine BegrŸndung zulassen, die nur der eigenen Entschuldigung dienen soll.

 

Im Bewusstsein grš§erer Wirklichkeit gibt es die Bitte um Vergebung fŸr Schuld und SŸnden, die auch GlŠubigen nicht bewusst sind oder nicht erkannt werden (ãJeder ist an allem schuldÒ lautet ein Ausspruch des Dichters Dostojewski).

Vergebung empfŠngt nur wer selbst anderen vergibt.

ã..und vergib uns unsere Schuld, ... wie auch wir vergeben unseren SchuldigernÒ hei§t es im Vater-unser-Gebet Jesu.

Voraussetzung fŸr den Empfang von Vergebung von Gott ist, dass ein Mensch selbst auch anderen vergibt, die an ihm/an ihr oder anderen oder an der Umwelt schuldig geworden sind.

Formen des Empfangs von Vergebung

Nach evangelischem VerstŠndnis wird in der Feier des Abendmahls Vergebung empfangen. Das zeigen die sog. Einsetzungs-Worte: ã...fŸr euch gegeben und vergossen zur Vergebung der SŸnden.Ò Dazu Luther in seinem Katechismus: ãUnd wer diesen Worten glaubt, der hat, was sie sagen und wie sie lauten, nŠmlich: Vergebung der SŸnden.Ò

Es ist also fŸr den christlichen Glauben kein (notwendigerweise šfters erfolgender) Akt Gottes nštig, der nach einer PrŸfung, ob die Reue ausreichend ist oder nicht, Ÿber die Gabe der Vergebung im Einzelfall entscheidet.

Diese kann vielmehr auch in der Zusage bzw. im Verhalten eines anderen (nicht nur:!) Christen oder eines AmtstrŠgers (z.B. bei einer Beichte oder Abendmahlsfeier, im GesprŠch) oder durch unmittelbare Erfahrung von Gottes Zuwendung in Gebet und Kontemplation empfangen werden.

Auch durch das Lesen entsprechender Stellen in der Bibel kann die Gewissheit entstehen, Vergebung von SŸnden zu empfangen; oder wenigstens deren Mšglichkeit zu erkennen.

GlŠubige kšnnen Vergebung fŸr alle SŸnden, fŸr alle Schuld und alle Menschen fŸr mšglich halten, obwohl es fŸr menschliche Erkenntnis viel ãUnentschuldbaresÒ gibt. Sie sehen eigene und fremde SŸnde und Schuld im grš§eren Zusammenhang der Wirklichkeit Gottes ãaufgehobenÒ, auch wenn ihnen das im Einzelfall (und besonders bei gro§en Verbrechen) nur in kleinen AnsŠtzen und Schritten mšglich ist.

Die Frage, wie Schuld und SŸnde zu beurteilen (und damit zu leben!) ist, wenn sie vergeben und bestraft worden sind, wird heute mehr in Talkshows behandelt als in der Kirche und Theologie. Das ist anzuerkennen, weil dadurch Mšglichkeiten der Reflexion und Verarbeitung von Schuld bekannt werden und dabei meistens sowohl die Schuldigen wie auch die ãOpferÒ zu Wort kommen. Zuschauer kšnnen sich im Abstand als Unbeteiligte eigene Gedanken zu diesem schwierigen Thema machen und Anregungen zu einem verantwortungs­bewussten  Umgang mit eigener Schuld mitnehmen.

 

 Von der vergangenheitsorientierten Einstellung zu neuen Wegen

Vergebung bedeutet die ZurŸckstellung einer ichbezogenen, vergangenheits- und normorientierten Einstellung, auch dort, wo sie im Augenblick berechtigt erscheint. Vielmehr wird eine offene, zukunftsbezogene und zusammenhangorientierte Sachlichkeit angestrebt, die sich gemeinsam mit dem/den anderen um die Lšsung der anstehenden Probleme bemŸht, indem neue Wege gesucht und soviel Hindernisse wie mšglich ausgeschaltet werden. Christen lassen es nicht nur bei Verurteilung, Bestrafung und Wiedergutmachung bewenden. Das ist allerdings eine sehr anspruchsvolle Einstellung, die viel Gedankenarbeit erfordert und sicher auch oft enttŠuscht wird und erfolglos bleibt.

Der sŸndige Mensch ist nach diesem VerstŠndnis nicht als ganzer schlecht, d.h. nicht mit seiner Schuld identisch. Das kommt auch in zahlreichen Worten der Bibel fŸr Vergebung von Schuld zum Ausdruck, z.B. waschen, reinigen, abwaschen, bedecken, wegnehmen, wegschaffen). Der allgemeine Begriff der Schuld erlaubt in der Anwendung auf den Einzelfall vielfache Differenzierungen.

In der Offenheit des Glaubens fŸr MEHR und grš§ere Wirklichkeit wŠchst die FŠhigkeit und die Bereitschaft, Fehler zuzugeben und zu korrigieren, weil und wenn es nicht nur um die eigene Person geht. Den grš§eren Zusammenhang sehen – das ist schon ein Schritt im gelebten Glauben an Gott. Ob man es so nennt oder nicht.

Auf gegenseitiges Aufrechnen von Schuld verzichten

Der christliche Glaube geht davon aus, dass wir vielen anderen im Vergleich zu unseren Gaben und Mšglichkeiten etwas schuldig bleiben und sie uns.

Der Glaube als Offenheit bringt aber auch die Mšglichkeit, das gegenseitige Aufrechnen der grš§eren oder kleineren Schuld aufzugeben, weil er die Konflikte in einem grš§eren Zusammenhang sieht. Eine VerstŠndigung braucht nicht mehr daran zu scheitern, dass die Schuld des oder der anderen als etwas grš§er als meine eigene angesehen wird.

Vergebung ist eine konstruktive soziale Methode

Vergebung ist die Erfahrung in der Offenheit des Glaubens, dass es einen Ausweg aus dem keine kreative und weiterfŸhrende Lšsung erlaubenden Zwang der Normen und Gesetze gibt. Durch Aussprache, Bereuen und Vergeben in versšhnlicher, friedlicher Weise wird zur Konfliktlšsung beigetragen, bis hin zur praktizierten Feindesliebe. In vielen Gleichnissen Jesu (z.B. Mt. 18,21 ff, Lk. 15,11) ist die Mšglichkeit dieses Verhaltens in Bildern und Modellen beschrieben. Jesus hat die Mšglichkeit der "Vergebung" vertreten bis zu der Konsequenz, dass er nicht verstanden und getštet wurde. Mit Jesus ist ein Anfang gemacht, der vielen Menschen dieses Verhalten der SolidaritŠt und Vermittlung ermšglicht. Es ist keine herablassende †berlegenheit damit verbunden ("Ich vergebe dir..."), vielmehr entspricht der Vergebung die sachlich und menschlich begrŸndete Wahl einer weiterfŸhrenden, konstruktiven, sozialen Methode, zu der auch andere eingeladen werden (in einem Lexikon-Artikel wird sie als "Strategie" bezeichnet. Diese kann u.a. unterstŸtzt werden durch die Methode der Mediation).

 Schuld zugeben – nur wenn es gar nicht anders geht?

Der christliche Glaube befŠhigt zum Zugeben von Schuld

Die Zusage der Vergebung Gottes erleichtert glŠubigen Christen das Zugeben von Schuld – oder sollte das umso mehr dann tun, wenn die anderen Beteiligten auch Christen sind. (Stattdessen wurden aber lange Zeit unter Christen Schuldvorhaltungen im †berma§ produziert. )

Durch den exemplarischen Vollzug allgemeiner Schuldfeststellung im entspannten Feld der Gemeinde bzw. des Gottesdienstes kann das Zugeben von Schuld im Einzelfall und sogar gegenŸber dem Gegner vorbereitet und erleichtert werden.

FŸr die wissenschaftliche Arbeit ist das EingestŠndnis von Fehlern und das "Umdenken" hochbewertete Voraussetzung, in der Praxis des Alltags (und bei kirchlichen Auseinandersetzungen!) ist es allerdings immer noch selten. Deshalb ist es Aufgabe der Kirche, den Funktionswert des Zugebens von Schuld allgemein und im Einzelfall aufzuzeigen, nicht zuletzt auch durch das eigene Beispiel. Das Zugeben von Schuld kann eine Aggressionshemmung beim Gegner, Freund und ãBruder" bewirken. Das bringt meist auch eine Versachlichung des Problems, welches durch das Zugeben der eigenen Schuld besser in den Blick kommt. Bei anderen kann sich auch ein Interesse fŸr die Grundhaltung entwickeln, aus der heraus Schuld zugegeben wird (und werden kann!). Wer das Zugeben von Schuld geŸbt hat und das deshalb auch bei anderen nicht als Blš§e ausnutzt, wird nicht aggressiv oder angstvoll, sondern mit Interesse und offen reagieren, wenn er auf eigene Schuld angesprochen wird. Er oder sie wird gar nicht mit sich selbst allein abmachen wollen, was eigene Schuld ist und wie sie verarbeitet oder getilgt werden kann, weil durch die Offenheit des Glaubens grš§ere ZusammenhŠnge erkennbar werden. Schwere Schuld ist allerdings ein harter PrŸfstein fŸr die SolidaritŠt, Gemeinschaft und Kommunikation mit anderen, auch wenn Vergebung ausgesprochen wird. So wird z.B. der Verlust eines Menschen durch Mord u.U. durch nichts zu ersetzen oder zu kompensieren sein.

Die Frage nach der ethischen Disposition des Menschen fŸr gutes und bšses Handeln wird aber zunehmend ohne Bezug auf die ãtheologische Dimension GottÒ gestellt. Dies steht im Zusammen­hang mit dem Vorwurf, gerade das Christentum habe eine Schuldkultur entwickelt, die nicht zuletzt der Kirche durch Erzeugung von ŸbermŠ§igem Schuldbewusstsein zu einer ihr nicht zukommenden Macht Ÿber die Menschen verholfen habe.

 

Vergebung ist nicht abhŠngig von Gegenleistung

Es ist eine wesentliche Besonderheit der christlichen Vergebung, dass der Glaube an diese Mšglichkeit und die Wahl des entspre­chenden eigenen Verhaltens nicht von der Bereitschaft der Konfliktpartner, ein Gleiches zu tun, abhŠngig gemacht wird. Vielmehr rechnet der Christ damit, dass eine erhebliche Vorgabe eigenen Einsatzes in dieser Richtung notwendig ist, um bei der meist tiefgehenden normativen Fixierung menschlichen Handelns auch bei anderen eine VerŠnderung des Verhaltens zu ermšg­lichen. Dieses Verhalten entspricht der Zusage, dass die Vergebung Gottes ohne Bedingungen oder Gegenleistung gewŠhrt wird.

 

 Auf dem Weg zu einer neuen Schuldkultur

Schuld zugeben – wer tut das schon gerne, wenn Nachteile damit verbunden sind?

Schuldigwerden und SŸndhaftigkeit gegenŸber Gott war frŸher ein Hauptthema des Glaubens. Heute wird es fast immer auf Mitmenschen, auf andere, auf den NŠchsten, auf die Gesellschaft bezogen, neuerdings aber auch auf die Natur, auf unsere Erde.

Viele stellen sich aus der Sicht ihres Glaubens u.a. folgenden Fragen:

¤  Wie gehen wir verantwortungsvoll mit unserem tŠglichen Schuldigwerden um?

¤  Welchen Wert hat und was bewirkt Vergebung?

¤  Wie bringen wir die Bereitschaft auf, erlebte Schuld anderer zu verzeihen?

¤  Kann der persšnliche Glaube dabei helfen?

¤  Kann man Vergebung anderer mit dem Hinweis auf deren hohe Bewertung im christlichen Glauben erbitten?

¤  Welche Bedeutung hat Jesus fŸr Christen bei dieser Frage ?

 

ãDer Begriff SŸndeÒ bringt einen grš§eren Zusammenhang ins Bewusstsein als der Begriff ãSchuldÒ. Mit Schuld bezeichnet man in der Regel ein konkretes Fehlverhalten in einer bestimmten Situation, mit SŸnde einen Zustand der Gottferne, der Isolation vom grš§eren Zusammenhang.

Der christliche Glaube trŠgt durch die Beziehung der Schuld auf Gott dazu bei, einen grš§eren Zusammenhang ins Bewusstsein zu bringen. Wenn Gott als der Richter bezeichnet und geglaubt wird, so muss damit gerechnet werden, dass ein Schuldiger ganz anders beurteilt werden kann, als ich das tue oder ein Gericht. Wenn zum Beispiel durch falsches †berholen auf der Autobahn ein schwerer Unfall passiert und die Autobahn fŸr Stunden blockiert ist, so wird der/die Schuldige strafrechtlich und zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen. Der Verlust der fast tausend Wartenden an Zeit, verabredeten Begegnungen, GeschŠften oder Erfahrungen wird dadurch nicht erfasst und meist nicht einmal bedacht.

Schuldig auch ohne SŸnde

Auch wenn heute bei Fehlverhalten hŠufig nicht mehr an SŸnde gegenŸber Gott gedacht wird, spielen in den meisten modernen Gesellschaften Schuldzuweisungen doch eine gro§e Rolle. Vor allem die Medien sind die Rechercheure und AnklŠger, die Stammtische und Talkshows sind die gnadenlosen Richter. Schuldbekenntnisse und  RŸcktritt  lassen das Strafmass erkennen. Meist gibt es keine mildernden UmstŠnde. Viele in Ungnade Gefallene sind aber nach kurzer Zeit wieder da und obenauf. Man hat ja seinen Spa§ daran. Wem sind schon grš§ere ZusammenhŠnge zugŠnglich? Christen werden jedenfalls danach fragen  und daran denken dass es sie gibt, auch wenn sie nur im Ansatz  zugŠnglich sind.

 

Emotionale Abwertung der Gegenseite und Vergeltung vermeiden

Wahrscheinlich sind es nicht so sehr die objektiven Schwierigkeiten der durch Konflikte oder Schuld entstehenden Probleme, sondern die Fixierung auf Schuldprojektionen, die eine fŸr alle Beteiligten gŸnstige gemeinsame Lšsung verhindern.

Emotionale Abwertung von (tatsŠchlich oder vermutlich) "Schuldigen" bewirkt meist auch eine Ablenkung von der Erkenntnis neuer Mšglichkeiten und Wege. Auch die Vergeltung kann nicht als konstruktive Problemlšsung angesehen werden. (Das zu glauben und zu realisieren fŠllt besonders angesichts gro§er und schrecklicher Verbrechen immer wieder schwer, insbesondere gegenŸber dem Terrorismus in den letzten Wochen. Was wŠre nach dem 2. Weltkrieg aus Deutschland geworden, wenn von den SiegermŠchten nur Vergeltung geŸbt worden wŠre?)

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12. Auferstehung der Toten, JŸngstes Gericht, Ewiges Leben

Kšnnen wir aus dem Glaubensbekenntnis Passagen auslassen, nur ãweil es uns heute schwer fŠllt, an Auferstehung und Ewiges Leben zu glauben?Ò Ist ein christlicher Glaube auch ohne Auferstehung der Toten, JŸngstes Gericht, Ewiges Leben und Jenseits mšglich? Es wird zwar heute weitgehend auf bildhafte Vorstellungen zu diesen Glaubensinhalten verzichtet (wie z.B. in ãHoffen Ÿber den Tod hinaus?Ò), aber positive Aussagen und Interpretationen dazu sind selten. Die folgende zum Thema ãJŸngstes GerichtÒ versucht eine ErklŠrung ohne ãJenseitsÒ.

 

Viele neue Formulierungen des Glaubensbekenntnisses lassen die Auferstehung der Toten und das Ewige Leben bewusst aus.

Kšnnen wir aus dem Glaubensbekenntnis Passagen auslassen, nur ãweil es uns heute schwer fŠllt, an Auferstehung und Ewiges Leben zu glauben?Ò

Viele, die den Glauben an Auferstehung und ewiges Leben unverŠndert beibehalten wollen, sehen in der Frage, ob ãheute nochÒ an dies oder jenes geglaubt werden kann oder nicht, keine fŸr den Glauben relevante Kategorie.

Denn fŸr sie ist ães  sehr wohl mšglich, und kommt vor, dass die Vergangenheit sich einer Wahrheit bewusst war, die von der Gegenwart vergessen wurde – und die trotzdem wahr bleibt. Ganz abgesehen von dem, was in einem kollektiven Unterbewussten wirksam aufbewahrt sein mag.Ò Es wird zu bedenken gegeben:

ãWenn die SŸnde oder das Bšse heute unpopulŠre und fast unverstŠndlich gewordene Begriffe sind, beschreiben sie gleichwohl wesentliche RealitŠten, die einer anderen Beschreibung nicht einfach zugŠnglich sind. Wenn das Heute nichts mehr mit ihnen anfangen kann, umso schlimmer fŸr das Heute.Ò Man wird es sich also nicht leicht machen kšnnen mit eigenen, neuen Glaubensweisen (wie dies z.B. Beatrice v. WeizsŠcker in ihrem Buch ãIst da jemand?Ò tut: ãWir brauchen Gott nicht um Vergebung  zu bitten, weil er niemanden verdammt.Ò).

Versuche mit einer neueren Interpretation der GlaubenssŠtze zu ãAuferstehung der TotenÒ und ãEwigem LebenÒ sind auch dadurch erschwert, dass darin eine Infragestellung der leiblichen Auferstehung Jesu gesehen wird. Das fŠllt dann unter das Verdikt des Apostels Paulus:  ãWenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist unsere VerkŸndigung leer und euer Glaube sinnlos.Ò

Auferstehung, Ewiges Leben und auch das ãJŸngste GerichtÒ kšnnen aber durchaus so in einem Ÿbertragenen Sinn so interpretiert werden, dass das Wesentliche des Glaubens erhalten bleibt und aktualisiert wird.

In der Frage nach dem ewigen Leben waren Antike und Judentum weithin illusionslos von der VergŠnglichkeit und der Sterblichkeit alles Irdischen Ÿberzeugt (nicht aber das alte €gypten, das ausgeprŠgte Jenseitsvorstellungen hatte und von dem sicher EinflŸsse auf das Christentum ausgingen) und setzten keine Hoffnung auf die allenfalls schattenhafte Existenz in einer Unterwelt. Trotzdem suchen viele auch heute nach einen Sinn des Lebens, der durch die Sterblichkeit nicht zunichte gemacht wird. Ein solcher ist wohl nur zu finden, wenn ein Bezug zum ãEwigenÒ als  einem wichtigen PrŠdikat Gottes bzw. einer grš§eren Wirklichkeit gesehen wird.

 

An eine (mehr oder weniger ãleiblicheÒ) Auferstehung der Toten und Ewiges Leben zu glauben ist fŸr ein gutes Leben in der Welt des Glaubens und des Vertrauens nicht nštig, aber auch nicht hinderlich.

Wer TodesŠngste durch den Glauben an Auferstehung und ewiges Leben besŠnftigen kann, hat damit ein wirkungsvolles Instrument gegen derartige Erfahrungen. Es bietet viele Chancen und Mšglichkeiten zur (Selbst-)Reflexion und  Abwehr einer Abwertung und BeeintrŠchtigung des Lebens.

 

Bilder fŸr das Ewige?

Der protestantische Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich (1886-1965) definiert SpiritualitŠt mšglichst weit und umgreifend als das, Èwas auf das hšchste Anliegen eines Menschen verweist und das, was uns unbedingt angehtÇ. Das Wesen der Religion besteht nach Tillich darin, dass sie sich mit dem Ewigen befasst .

Das Wort (oder der Wortteil) ãEwigÒ ist dabei nicht nur unreflektiert als Zeitdauer und Zeit- und RaumŸberschreitendes zu verstehen und zu gebrauchen, sondern als Bezeichnung einer anderen Dimension des Lebens, Denkens und FŸhlens. FŸr den christlichen Glauben ist Gott ãewigÒ, durch ihn gibt es die Ÿber unser Zeitempfinden hinaus gehende ãEwigkeitÒ. Weil Zeit- und Raumloses nicht vor- und darstellbar ist, sind Bilder fŸr das damit Gemeinte entstanden, wie Jenseits, Auferstehung der Toten, JŸngstes Gericht, Himmel, Hšlle und ewiges Leben (in vielen Kirchen anschaulich und bildhaft dargestellt). Sie werden (aber heute au§er z.T. im Glaubensbekenntnis und im Vaterunser, in Gottesdiensten und bei Bestattungen), kaum oder gar nicht mehre gebraucht, lassen sich aber, zumindest in ihrer frŸheren Funktion, erklŠren. Das Jenseits und die Bewertung der LebensfŸhrung wurde von vielen Menschen sowohl als Hoffnung wie auch als Bedrohung empfunden, sehr hŠufig auch als ganz reales Geschehen , bzw. zu Erwartendes. Sie glaubten, dass es Ÿber,  hinter  den RŠumen des alltŠglichen Lebens (im ãJenseitsÒ) noch eine andere, hšhere  Dimension von Zeit und Raum gibt, die zwar fŸr Menschen unzugŠnglich und nicht verstehbar ist, aber die doch schon Verbindung mit dem jetzigen Leben hat.

In dieser Sammlung von ãKernfragen des GlaubensÒ wird versucht, an zwei Beispielen zu zeigen, wie die im Glaubensbekenntnis stehende Aussage ã... wird er kommen, zu richten die Lebenden und die TotenÒ  heute verstanden werden kann, ohne sie mit bildhaften Vorstellungen wšrtlich zu nehmen.

 

Das JŸngste Gericht – die grš§ere Wirklichkeit

Bei einer Reise der Evangelischen Akademikerschaft durch SŸdburgund waren mehrfach an den EingŠngen romanischer und gotischer Kirchen Darstellungen des JŸngsten Gerichts zu sehen: Jesus, dem Gott nach der Bibel das am JŸngsten Tag stattfindende Gericht Ÿber alle Lebenden und Toten Ÿbertragen hat, sitzt oder steht erhšht. Unter ihm zur Rechten diejenigen,  die zur ewigen Seligkeit bestimmt sind, zur Linken, schon in den FŠngen schrecklicher Ungeheuer, die Verdammten. Alle waren beeindruckt und dachten daran, dass Jesus zu den Ungerechten sagt: ãGeht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige FeuerÒ. Dagegen dŸrfen die Gerechten in das ewige Leben eingehen (nach MatthŠus 25).

Man freute sich Ÿber die ErklŠrung, dass im Tympanon der Kirche in Autun unten auf der rechten Seite mehr Platz fŸr Gerechte war als auf der hšllischen Linken, und schmunzelte bei der Erinnerung daran, unter den Verdammten I 472 Autun Jüngstes Ger_bearbeitet-1

Foto: E. Uthke

 

auch schon mal einen Mann mit BischofsmŸtze gesehen zu haben.

Aber kaum jemand unter den Reiseteilnehmern wird heute noch ein Weltende dieser Art erwartet haben. Welche Bedeutung hat die Vorstellung vom JŸngsten Gericht noch fŸr GlŠubige unserer Zeit? Ist der JŸngste Tag der †bergang in die Ewigkeit?

Wir rechnen nicht mehr oder kaum noch (wie viele Menschen im Altertum und z.T. im Mittelalter) mit einem bald bevorstehenden Weltuntergang, verbunden mit dem Ereignis einer Wiederkunft Christi zum Gericht.

Zwar wird niemand ausschlie§en wollen, dass etwa nach voraussichtlich langer Zeit durch eine Explosion der Sonne der Planet Erde zerstšrt und damit alles Leben unmšglich wird. Aber ein damit verbundenes reales Ende der Zeit fŸr alles Dasein (am ãJŸngsten TagÒ) mit dem Beginn einer ãEwigkeitÒ ist schon begrifflich unvorstellbar (wenn mit den Bezeichnungen ein verstehbarer Sinn verbunden werden soll). Welche Bedeutung kšnnten also Vorstellungen wie das ãJŸngste GerichtÒ und ãEwigkeitÒ fŸr uns haben? (Es gibt Mythen vom Weltende mit mehr oder weniger apokalyptischer Ausgestaltung auch in anderen Religionen, wie z.B. im Koran).

 

Lange Zeit hatte der Glaube an das JŸngste Gericht die Wirkung, dass die dadurch erzeugte Angst Menschen mehr oder weniger dazu zwang, sich nach den Geboten und Werten ihrer Religion zu richten. Die offensichtliche (und z.B. in den Psalmen beklagte) Tatsache, dass Bšsewichte oft keine Strafe oder negative Folgen ihrer †beltaten erfahren, auch dass gute Menschen oft (oder meistens?) in ihrer Lebenszeit keine Belohnung fŸr ihre Rechtschaffenheit erhalten, wird durch einen Ausgleich im Jenseits oder am Ende aller Tage ertrŠglicher und hilft zum Bewahren des Glaubens an Gott (den Christen zum Festhalten an der Lehre Jesu).

FŸr den Glauben haben Gott und Jesus das letzte Wort. Sie urteilen Ÿber jeden einzelnen Menschen aufgrund ihrer umfassenden Kenntnis aller seiner Gedanken und Taten. Weil es schwer fiel zu glauben, dass der liebende und gnŠdige Gott Menschen wegen sogenannter Tod-SŸnden zu einer ewigen Verdammnis verurteilt, gab es durch die Vorstellung eines Fegefeuers Abmilderungen (deren KŠuflichkeit mit ein Anlass zu Luthers Reformation war). Als problematisch wurde auch die zeitweise vertretene religišse Lehre empfunden, dass manche Menschen von vornherein zur ewigen Verdammnis prŠdestiniert sein kšnnten. Kritiker des christlichen Glaubens bzw. der kirchlichen Lehre (das letzte Gericht Ÿber ãdie Lebenden und die TotenÒ und die Ewigkeit – das ewige Leben – stehen immerhin im allgemeinverbindlichen apostolischen Glaubensbekenntnis) sehen in solchen Glaubensinhalten hauptsŠchlich ein Instrument kirchlicher und religišser Macht.

 

Neuere Auffassungen von Gott fŸhren zu vertretbaren und lebensdienlichen Interpreta­tionen auch solcher Glaubens­formen und -­leh­ren. Darin werden Bilder und Metaphern mit ihren (zwar unangemes­senen, aber kaum vermeid­baren) jenseitigen Zeit- und Raumvorstellungen auf ihren wesentlichen Gehalt hin interpretiert.                                         Montceaux-l'ƒtoile: Tympanon im  Eingangsfries

 Foto: H. Holler

 

Gott als Richter – das bedeutet dann; alles kann auch anders beurteilt werden, selbst wenn ich das Urteil nicht kenne (sozusagen die Mšglichkeit einer religišsen Revision).

Allein schon dieses Denken an die Mšglichkeit einer anderen Beurteilung nach anderen Kriterien kann das eigene (Vor-!)Urteil relativieren und offen halten. Auch bei moralischen, religišsen oder Gerichtsurteilen, natŸrlich auch bei Šsthetischem und politischem Ermessen. Manches Urteil wŸrde dann nicht nur anders ausfallen, sondern auch der Umgang miteinander wŠre wahrscheinlich menschenfreundlicher.

Das kommt in den Blick, wenn mit einem ãMehrÒ gerechnet wird, von dem schon im Textteil ãWas ist GlaubenÒ (Kap.1) die Rede war: wenn der Glaube sich fŸr den mit Gott vorgegebenen grš§eren Zusammenhang und seine grš§ere Wirklichkeit šffnet.

 

Das Symbol des JŸngsten Gerichts kann bewusst machen, dass unser Verhalten, Tun und Denken sowohl zeitlich wie qualitativ-geistig (weitaus!) grš§ere und lŠngere Auswirkungen hat als wir erkennen kšnnen. Glauben wŠre dann eine erhšhte Offenheit dafŸr, wohl wissend, dass ich und wir nur einen sehr kleinen Teil davon realisieren kšnnen.

Durch die Beziehung der Schuld auf Gott hilft der christliche Glaube dazu, einen grš§eren Zusammenhang ins Bewusstsein zu bringen.

 

Wenn Gott als der Richter bezeichnet, dargestellt und geglaubt wird, so wird damit gerechnet, dass Schuldige ganz anders beurteilt werden kšnnen, als ich das tue oder ein Gericht (und die Bild-Zeitung!) geurteilt hat. Wenn zum Beispiel durch falsches Fahren auf der Autobahn ein schwerer Unfall passiert und die Autobahn fŸr Stunden blockiert ist, so wird der/die Schuldige strafrechtlich und zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen. Der Verlust der tausend Wartenden an Zeit, verabredeten Begegnungen, GeschŠften oder Erfahrungen wird dadurch nicht erfasst und meist nicht einmal bedacht. Das religišse Schuldwissen reicht schon hier (ansatzweise) in eine weitere Dimension, auch zeitlich. Sie wird u.a. auch durch die Metapher ãGott ist der RichterÒ und das Bild des JŸngsten Gerichts ins Bewusstsein gebracht.

In diesem Sinn bemŸhen sich die Gerichte, bei Straftaten mšglichst viel vom Hintergrund und Entstehungszusammenhang einer Straftat zu erheben,  was oft schon bei der Rechtspflege zu ãmildernden UmstŠndenÒ fŸhrt.

 

Bei einem tragischen Unfall wŠhrend der Loveparade in Duisburg 2010 wŸrden aus dieser Sicht nicht nur die Stadtverwaltung, der Veranstalter und die Polizei als mšglicherweise Schuldige in Betracht gezogen, sondern auch die Gesellschaft, die Liebe und Lebensfreude (auch in den Medien) so feiert, dass Massen dabei in Ekstase und Panik geraten. Andererseits kann die gro§e Zahl von Menschen, die Liebe, Lebenskraft und Lebenslust zusammen feiern wollen, auch dankbar gegenŸber dem tieferen Grund dafŸr stimmen.

 

Auch bei der …lkatastrophe im Golf von Mexiko (2010) wird bei Offenheit fŸr den grš§eren Zusammenhang nicht nur (berechtigt) an die Schuld der …lfirma oder der amerikanischen Verwaltung gedacht, die die Bohrung mit zu geringen Sicherheitsauflagen genehmigt hat, sondern auch an den Druck, der von einer verschwenderisch mit Treibstoff umgehenden Gesellschaft ausgeht. Auch hier kommt Staunen und Dankbarkeit fŸr den gro§en Reichtum an ãLebensmittelnÒ in den Blick, den wir in unserer Welt vorfinden. FŸr uns entstanden? Ein sparsamer Gebrauch wŠre der angemessene und geforderte Umgang damit, der nicht erst am jŸngsten Tag belohnt wird.

 

Aus diesem VerstŠndnis folgt ja auch, dass nichts Gutes vergeblich geschieht, selbst  wenn es unerkannt im Verborgenen und erfolglos bleibt. Das gilt leider auch fŸr das Bšse ãbis in das dritte und vierte GliedÒ (1.Mose 20) und wohl noch weiter. Es gibt eine hšhere und grš§ere Wirklichkeit, in der das alles weit Ÿber unsere Erkenntnis hinaus aufgehoben und wirksam ist und bleibt. Christen und manche Religionen nennen sie Gott. Sie glauben an einen Gesamtzusammenhang, in dem und aus dem heraus das Leben erhalten bleibt und gegen alle Schuld immer wieder neu beginnen kann. Hierzu gehšrt auch die Ahnung von einer anderen Zeitdimension als die Endlichkeit der Uhrenmessung und der Natur, die von GlŠubigen Ewigkeit genannt wird.

 

NatŸrlich mŸssen und dŸrfen wir urteilen und dementsprechend handeln. Und es kann auch hinderlich sein und skrupulšs verunsichern, stŠndig mit der Mšglichkeit der Aufhebung des eigenen Urteils zu rechnen. Aber die Offenheit fŸr grš§ere ZusammenhŠnge hat bei wesentlichen Lebensfragen doch lebensdienliche Wirkungen. Vor allem dann, wenn die Ma§stŠbe fŸr das Urteilen berŸcksichtigt werden, die Jesus gepredigt und gelebt hat, im Bild gesprochen: Wenn Jesus im Gericht sitzt.

 

Die Frage ist allerdings, ob solche ã†bersetzungÒ von Metaphern wie ãJŸngstes GerichtÒ und ãEwigkeitÒ nicht zu umstŠndlich ist, um die genannten Wirkungen zu erzielen, weil diese zu stark mit bildhaften Assoziationen verbunden sind – wie mit den schšnen Skulpturen an den romanischen und gotischen Kirchen in Burgund. Manche verzichten deshalb lieber auf religišse Vorstellungen zum VerstŠndnis von Schuld und Vergebung und vom Leben Ÿberhaupt.

Kšnnen wir auf die Entstehung neuer Symbole, Begriffe, Bilder und Vorstellungen fŸr das Bewusstsein grš§erer Wirklichkeit und weiteren Zusammenhang beim Urteilen Ÿber sich selbst und andere hoffen, wenn die bisher und lange gebrauchten unserem Wirklichkeits­verstŠndnis nicht mehr entsprechen? Bisherige Versuche machen Mut zu eigenen Gedanken und Aussagen in dieser Richtung, (auch wenn es bis jetzt nur einige wenige (brauchbar erscheinende) sind. Vielleicht kommen wir auch in Zukunft mit weniger (ganz wenig?) Begriffen aus, um Diesseits und Jenseits zusammen­gefasst zu benennen (so wie auch die Physiker auf der Suche nach der Weltformel sind – als TOE = theory of everything).   Im nachfolgenden Beitrag ãHoffen Ÿber den Tod hinaus?Ò wird in diesem Sinn das Wort ãLiebeÒ verwendet, das in der Bibel sogar als Bezeichnung fŸr Gott gebraucht wird. (1. Johannesbrief 4,16). Liebe kommt auch im Tod nicht an ihre Grenze.

 

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13. Hoffen Ÿber den Tod hinaus?   

FŸr eine Hoffnung Ÿber den Tod hinaus gibt es viel Ermutigung und Zeugnis. Erstaunlich, wie viel frŸher Kirche, GlŠubige und KŸnstler Ÿber das Leben nach dem Tod wussten. Wird das heute noch akzeptiert? Als BegrŸndung hierfŸr wird die Berufung auf Jesus und seine Auferstehung herangezogen; aber doch auch gefragt, ob solche antiken Formulierungen des Bekenntnisses noch die Hoffnung in Moderne und Postmoderne leiten kann. Und wer will schon zu einem Endgericht auferstehen (und jetzt schon Angst davor haben), in dem das eigene Bestehen hšchst ungewiss ist?

Trotzdem  hat die christliche Botschaft den Mut und die Zuversicht zu einer  grš§eren Hoffnung,  indem sie an das Gebot der Liebe anknŸpft: Lieben hei§t einem Menschen sagen: du wirst immer da sein. FŸr mich wirst Du immer da sein! Die Hoffnung Ÿber die Todesgrenze hinaus wurzelt in der Zusage: ãGott ist LiebeÒ.(1Joh 4,16)

 

 †berlieferte Hinweise

ãAuferstehung der Toten und das ewige Leben.Ò In diese doppelte positive Hoffnungsaussage mŸndet das apostolische Glaubensbekenntnis in seinem dritten Artikel. Gegen alle €ngste ist ein gro§es Hoffnungsziel aufgerichtet.

Aber was ist damit gemeint? MissverstŠndnisse drŠngen sich auf. Die ãAuferstehung der TotenÒ: besagt sie etwas anderes als eine kšrperliche Fortsetzung der hiesigen Existenz im Jenseits? Und das ãewige LebenÒ: hei§t das eine endlos gedehnte irdische Zeit, eher šde als wirklich wŸnschbar?

Das Bekenntnis verlangt danach, im Ganzen gedeutet zu werden; im GesprŠch mit den biblischen Aussagen, die zu ihrem Sinnhorizont gehšren. Dann zeigt sich bald: ein wšrtlich-Šu§erliches VerstŠndnis der Hoffnung wird hier schon im Grunde aufgebrochen.

 

Das ewige Leben: Die Hoffnung der Christen beruft sich auf den lebendigen Gott des ersten Artikels. Er selber hei§t biblisch der Ewige.(1 Mose 21,33) Das meint mehr als eine unendliche Zeitdauer. Der ewige Gott ist fŸr den Glauben der Lebendige, der Schšpfer des Himmels und der Erde, der Abraham beruft und sein Volk durch Mose aus der Knechtschaft fŸhrt, mit ihm einen Bund schlie§t und ihm seine Gebote anvertraut. Dieser ewige Gott des Lebens gibt Zukunft. Er bricht seine Beziehung nicht ab im Tod. Nicht die Beziehung zu seinem Volk. Seine Treue bewahrt er, wie in den Psalmen immer gewisser bekannt wird, auch gegenŸber dem Einzelnen. ãWenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein TeilÒ. (Psalm 73,26) Ewiges Leben: das meint schon im apostolischen Bekenntnis die Gemeinschaft mit dem ewigen Gott. Diese Gemeinschaft ist durchaus diesseitig, an ein jenseitiges ewiges Leben zu glauben, beinhaltete dies nicht – wenngleich solche †berzeugungen tršstend sein kšnnen. ãEwigkeit GottesÒ war also die Bezeichnung und die Vorstellung von erfahrener VerlŠsslichkeit und Dauer der Beziehung zu Gott ãJahweÒ.

 

Die Auferstehung der Toten:

Das Neue Testament nimmt die Hoffnungs-Linien Israels auf und verknŸpft sie mit Jesus Christus. Der Weg des ãGottessohnesÒ prŠgt den zweiten Artikel des apostolischen Bekenntnisses. Jesus verkŸndet den Anbruch und die NŠhe von Gottes Herrschaft. Er spricht in seinen Heilungen, seinen Seligpreisungen dieses Reich gerade den BedrŠngten und Verstšrten zu. Er weicht den Konflikten nicht aus und geht einen Passionsweg, der mit dem Tod am Kreuz endet. Dieser getštete Jesus kehrt nicht ins irdische Leben zurŸck. Er ist von den Toten auferstanden; das meint anderes als die RŸckkehr in ein zeitliches Dasein. Der Auferstandene erweist sich als gegenwŠrtig und wirklich aus Gottes Leben. ãDer Gekreuzigte lebt fŸr immer bei Gott – als Verpflichtung und Hoffnung fŸr uns! (H. KŸng, Ewiges Leben? 140) So wird Ostern zur Quelle christlicher Hoffnungsbotschaft. ãChristi Auferstehung ist fŸr mich das Zentrum nicht nur der Ostergeschichte, vielmehr konzentrieren sich in ihr alle biblischen Texte zur Frohen Botschaft.Ò (Gabriele Wohmann, Eine gewisse Zuversicht, 2012,157) An Christi Auferstehung orientiert sich alles, was mit âAuferstehung der TotenÕ fŸr die Gemeinde Christi gemeint sein kann. Schon das Glaubensbekenntnis als verdichteter Glaube šffnet die Einzelaussagen zu neuen Sinneinheiten.(vgl. auch die ãMeditation zu OsternÒ von W. Grau in Persšnl. BeitrŠge)

 

Neue VerstehensansŠtze

Dennoch muss radikaler gefragt werden: LŠsst sich eine solche Tod-†bersteigende Hoffnung heute mit vollziehen? Kšnnen die antiken Formulierungen des Bekenntnisses noch die Hoffnung in Moderne und Postmoderne leiten? Gewiss, schon in der Welt Homers und der epikureischen Richtung war das volle Leben auf das Diesseits zwischen Geburt und Tod beschrŠnkt. Die †berzeugung einer Unsterblichkeit der Seele, wie sie die platonische Philosophie entwickelte, teilten vielleicht eher Minderheiten. Schon die frŸhchristliche VerkŸndigung traf auf Widerstand und MissverstŠndnis. Und doch inspirierte der Christusglaube mit seiner Hoffnungsdynamik viele Generationen.

 

Kein Verlangen nach ewigem Leben

Inzwischen hat eine andere Epoche begonnen. Die BeschrŠnkung auf das hiesige Leben zwischen Geburt und Tod hat sich in Europa, spŠtestens seit der Renaissance und der AufklŠrung, in immer neuen Wellen ausgeprŠgt. Heute ist sie noch viel selbstverstŠndlicher prŠsent in einem verbreiteten (nach-) religišsen LebensgefŸhl. Die neuzeitliche Hinwendung zu den Schšnheiten und Aufgaben dieser Erde, der Kampf gegen soziales und psychisches Elend drŠngt, im Bewusstsein vieler, alle Jenseits-Orientierungen zurŸck. Die †berlebenden der Tsunami- Katastrophen und Erdbeben brauchen zunŠchst nichts als diesseitige Hoffnung. So gilt auch von der Hoffnung, was Bonhoeffer im Mai 1944 von allen gro§en christlichen Worten niedergeschrieben hat: ã... wir selbst sind wieder ganz auf die AnfŠnge des Verstehens zurŸckgeworfen.Ò(Widerstand und Ergebung, 1977, 327).

 

Im Europa von heute fŠllt zusŠtzlich die enorm gestiegene zeitliche Lebenserwartung ins Gewicht: hier gilt das Verlangen nach ewigem Leben als unnštig, vielleicht als undankbar. Ist es nicht GlŸck genug, die geschenkten Jahre mit sinnvollen Aufgaben und menschlichen Beziehungen zu erfŸllen? Dann beruhigt es am Ende, zu wissen, dass man âalt und lebenssattÕ von diesem Dasein einmal abtreten darf. Was quŠlen kann, ist eher das insbesondere durch die moderne Medizin verlŠngerte, unabsehbare Sterben, aber nicht der Tod und ein Danach. Die Hoffnung richtet sich eher auf einen gnŠdigen Abschied von dieser Erde, ohne kšrperliches, geistiges Siechtum, ohne andere durch eigene Gebrechlichkeit zu Ÿberfordern. Und niemand will zu einem Endgericht auferstehen (und jetzt schon Angst davor haben), in dem das eigene Bestehen hšchst ungewiss ist.

Neu nach christlicher Hoffnung fragen

So ist neu zu fragen: wie kann die urchristliche Hoffnungs-Weite heute noch nachvollziehbar werden und fŸr das Leben in der Gegenwart fruchtbar gemacht werden? An welche Interessen und Erwartungen kann sie anknŸpfen, ohne dass Christen sich einem Wunsch-Egoismus Ÿberlassen?

Was die Hoffnung herausfordert, sind die schmerzhaften Abschiede und Verluste, die uns ereilen. Marie Luise Kaschnitz schrieb ihre Hoffnungs-Meditationen nach dem Tod ihres Mannes. Eltern, die ein Kind durch Krankheit oder einen Unfall verlieren, alle Opfer von Gewalt rei§en die Frage auf: was kšnnen wir fŸr sie hoffen?

FŸr die Liebe wirst du immer da sein

Die christliche Botschaft von der grš§eren Hoffnung knŸpft an das Gebot der Liebe an. Lieben hei§t einem Menschen sagen: du wirst immer da sein. Du wirst immer wichtig bleiben. Nicht nur die Lust, wie Nietzsche schrieb, auch die Liebe will Ewigkeit. Aber wir, selbst gebrechliche Menschen, kšnnen solche Ewigkeit der Liebe nicht verbŸrgen. Die Gewissheit, dass die Liebe soweit reicht, kann nur aus dem Glauben an den Gott kommen, der selber Liebe ist und in Christus daran teilhaben lŠsst. Die Hoffnung Ÿber die Todesgrenze hin aus wurzelt in der Zusage, die im 1.Johannesbrief so zusammengefasst wird: ãGott ist LiebeÒ.(1Joh 4,16).

 

Die Hoffnung hat, mit der Liebe, immer auch einen Antrieb in der Sehnsucht nach SolidaritŠt, nach Gerechtigkeit. ÒSelig sind, die hungern und dŸrsten nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.Ò (MatthŠus 5,6) Christliche Hoffnung nimmt das Verlangen nach Gerechtigkeit auf, hinein in eine grš§ere Wirklichkeit. Gerechtigkeit gerade fŸr alle, denen in diesem Leben Missachtung, Plage, DemŸtigung zuteil wird. Sollte das ein ewiges Schicksal bleiben? Gerechtigkeit fŸr die Lebenden, Gerechtigkeit fŸr die Toten, denen Recht auf dieser Erde nicht widerfahren ist. So verweist auch das Verlangen nach Gerechtigkeit auf den Gott, der in Jesus Christus zusagt, den Hunger nach Gerechtigkeit zu erfŸllen. Wohl wird diese Leben schaffende Gerechtigkeit in Christus schon offenbart. (Ršmer 1,17) Als soziale Wesen, die weder vollkommene Gerechtigkeit noch unverbrŸchliche Liebe sichern kšnnen, bleiben wir auf die grš§ere Hoffnung angewiesen, die Ÿber den Tod hinausreicht.

 

Aber auch wir selber, als Einzelne, mit unserer einzigartigen Geschichte von Gelingen und Misslingen, von gro§en TrŠumen und begrenzten ErfŸllungen, kšnnen die Verhei§ungen der Bibel auf uns beziehen. Was bewirkt es, wenn wir (mit Paulus) unser hiesiges Leben und unser Wissen als âStŸckwerkÕ ansehen? (1 Kor 13,8). Alles ãStŸckwerkÒ verweist die Glaubenden auf ein kŸnftiges Ganzes. âWenn aber kommen wird das Vollkommene, wird das StŸckwerk aufhšren.Õ (1 Kor 13,9) Darauf lŠsst sich hoffen.

 

Aber es geht nicht nur um âStŸckwerkÕ, es geht um reales Scheitern: ZurŸckbleiben hinter Erwartungen, eigenen und anderen, die Schuldgeschichte, die jedes Leben durchzieht und bedroht. Hier entspringt die Suche nach einer Anerkennung, die allen eigenen WidersprŸchen zum Trotz, ein wahrhaftiges und gnŠdiges Ja sagt zur eigenen Existenz. Gefragt ist umfassende Vergebung, letzte Rechtfertigung von Schuldigen und SŸndern, die sich nicht auf eigenen Leistungen berufen kšnnen. Der Glaube ist offen fŸr die Aussicht auf bedingungslose Annahme – in der Bibel als Gottes Gnade bezeichnet.

 

Wird aber so die Hoffnung und der Glaube nicht dem Verdacht einer infantilen, einer illusionŠren WunscherfŸllung ausgeliefert? Die EinwŠnde von Philosophen (z.B. Ludwig Feuerbach) und Psychologen (z.B. Sigmund Freud) haben misstrauisch gemacht gegen die AnknŸpfung an anthropologische Interessen. Eine kritische †berprŸfung, eine LŠuterung allzu ichbezogener WŸnsche und TrŠume ist immer neu aufgetragen. Genau das geschieht in den biblischen Hoffnungsschriften: sie erweitern und hinterfragen, sie entgrenzen und verwandeln die mitgebrachten Erwartungen. Jesus selber nimmt die umlaufenden Jenseitserwartungen so auf, dass er sie korrigiert und zugleich Ÿbersteigt. Denen, die eine knifflige Frage nach der Heirat in der anderen Welt vorbringen, gibt er zur Antwort: ãIhr irrt, weil ihr weder die Schrift kennt noch die Kraft GottesÒ.(Markus 12,24) Die allzu irdischen Bilder gehen ins Leere. Aber wie kšnnte der Gott, der sich den Verlorenen zuwendet, sie wieder ins Abseits des Todes fallen lassen? So entsteht mit dem Reich Gottes, mit der Lebensmacht des Auferstandenen eine neue gro§e Erwartung: Es kommt noch MEHR und anderes. (s. -ˆ Auferstehung im Text Jesus)

Dabei treffen wir auf eine PolaritŠt, die sich bis zum Kontrast steigern kann.

Denn das ewige Leben, das Leben jenseits des Todes beginnt keineswegs erst nach dem eigenen kšrperlichen Sterben. Die ãEwigkeitÒ des Glaubens an Gott kommt nicht erst nach der Zeit, sie wirkt in der Zeit, in die Zeit hinein. Das Reich Gottes ist schon mitten unter uns. (Lukas 17,20) Mit Tod und Auferstehung Jesu hat eine neue Zeit begonnen. In Christus ist die Zeit der end-gŸltigen Gnade angebrochen. (Ršmer 5). Mit dem Heiligen Geist wird schon ein StŸck der erhofften Vollkommenheit Wirklichkeit: Es ergibt sich daraus Liebe, Friede, Freude, tatsŠchlicher Trost (wenn auch oft nur sehr unzureichend). Gerade die johanneischen Schriften legen ein gro§es Gewicht auf die Gegenwart ewigen Lebens. Sie verkŸndigen das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist – also weitreichende Wurzeln hat und aus tiefen Quellen schšpfen kann. (1 JŠh 1,3) Das ist im Grunde schon neuzeitliches mehrdimensionales Denken. Auch die Metapher der ãWiedergeburtÒ zeigt auf tiefere Dimensionen und Chancen, auf wertvolle Vorgaben und unbewusste Anlagen, in biblischer Sprache:  Gott hat uns bereits ãwiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.Ò (1 Petrus 1,3) Das bedeutet aber auch: christliche Hoffnung hat sich zu bewŠhren in einer Arbeit fŸr das Diesseits, fŸr das Jetzt und fŸr das Morgen. ãUnd wenn morgen die Welt unterginge, so wŸrde ich doch heute ein ApfelbŠumchen pflanzen.Ò Diese Luther zugeschriebene Sentenz bringt treffend die Verpflichtung zu den irdischen Aufgaben zum Ausdruck. Dietrich Bonhoeffer konnte gerade angesichts des drohenden Todes in der Haft 1944 ãdie tiefe DiesseitigkeitÒ des christlichen Glaubens entdecken.

ãGibt es Ÿberhaupt eine Grenze zwischen Diesseits und Jenseits? Vielleicht ist der Tod nur ein Einschnitt fŸr uns Menschen, aber kein Einschnitt in unserem Leben, keine Unterbrechung des Lebens. Es ist schwer, daran zu glauben. Weil wir uns nur vorstellen kšnnen, dass das Ende, das wir sehen, auch das Ende ist. Ein Ende, nach dem nichts mehr kommt, weil es nicht nur unsere Vorstellungskraft Ÿbersteigt, sondern auch unsere KrŠfte.

Denn es stimmt doch: Einen Toten, der beerdigt ist, kann man nicht sehen. Man kann nicht mit ihm reden. Man kann ihn nicht berŸhren. Er ist weg. Er kann einem so sehr fehlen, dass es wehtut. Manchmal sind die Sterne so verdammt weit weg! Manchmal reicht es, dass ein ErinnerungsstŸck umfŠllt, um wieder sicher zu sein: Man schafft es nie.

Noch heute glauben viele, dass Jenseits und Diesseits verschiedene Welten seien, ohne Bezug zueinander. Als sei die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits unŸberwindbar. Viele glauben weder an ein Diesseits und Jenseits im Leben noch an ein Diesseits und Jenseits des Lebens.Ò (B. v.WeizsŠcker)

 

Die christliche Hoffnung ist aber keine ãVertršstung aufs DiesseitsÒ.(Paul Zulehner)  Der Apostel Paulus besteht darauf, dass das ewige Leben erst in der Gestalt der Hoffnung geschenkt ist. ãWir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung (Ršmer 8,26). Das âSchonÕ einer Gegenwart des wahren Lebens (ãHeilÒ) lŠsst sich nicht trennen von einem realen âNoch nichtÕ. Das gegenwŠrtige âJenseitsÕ bedarf der ErfŸllung in einem kommenden âJenseitsÕ. So hŠlt Luther, aller Bejahung des irdischen Lebens zum Trotz, die Hoffnung auf ãden lieben JŸngsten TagÒ ungeschmŠlert  fest. In seinem ãSermon von der Bereitung zum SterbenÒ vergleicht er das Sterben mit einer neuen Geburt. Ò...es gehet hie zu, gleichwie ein Kind aus der kleinen Wohnung seiner Mutter Leib mit Gefahren und €ngsten geboren wird in diesen weiten Himmel und Erden, das ist auf diese Welt. Also im Sterben auch muss man sich der Angst erwehren und wissen, dass darnach ein gro§er Raum und Freud sein wird.Ò (MŸnchner Ausgabe, 1, 356 f.). Diese Geburtsschmerzen kšnnen auch allen Glaubenden im Sterben noch bevorstehen. Wer Sterbende begleitet, wird dieser Erfahrung immer neu begegnen. Die gro§e Hoffnung widersteht einer VerdrŠngung des Todes.

 

 Bilder des Kommenden

ãAuferstehung der Toten und das ewige LebenÒ. Wie dieses Jenseits des Todes vorzustellen ist, darŸber sind undurchdringliche Schleier gebreitet. ãGlauben Sie fragte man mich/ An ein Leben nach dem Tode/ Und ich antwortete :ja/ Aber dann wusste ich/ Keine Auskunft zu geben/ Wie das aussehen sollte/ Wie ich selber/ Aussehe/ Dort...Ò (Marie Luise Kaschnitz, Ein Leben nach dem Tode) Auch die vielen Hoffnungsbilder des Neuen Testaments kšnnen diese Undeutlichkeit nicht zur eindeutigen Klarheit bringen.Ò Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles BildÒ. (1 Kor 13,12) Auch die Erfahrung mit Sterbenden enthŠlt keine allgemein gŸltige Wahrheit. Anderseits: ãAnders als in Bildern lassen sich die Inhalte der Hoffnung gar nicht in Worte fassen, denn es wird unter den Bedingungen des Anschaulichen in Raum und Zeit von dem gesprochen, was diese Anschaulichkeit bei weitem Ÿbersteigt.Ò(Marie Luise Kaschnitz, Unsere Hoffnung auf das ewige Leben, 2006, 108) (Im Grunde ist das Šhnlich wie bei der Rede von Gott).

 

Diese Undeutlichkeit kann zu einer freudlosen Resignation fŸhren. Dagegen kann die Frage des Glaubens helfen: Warum sollte uns die Liebe Gottes, die uns in Christus begegnet, am Ende Šrmlicher und geringer sein als jetzt? Er will uns ja mit ihm alles schenken.(Ršmer 8, 32) Wohl verzichtet das Neue Testament auf breite Jenseits-GemŠlde. Aber es lŠsst GlŠubige auch nicht in eine âNacht der BildlosigkeitÕ versinken. €hnlich wie Jesus in einer Vielzahl von Gleichnissen vom unvorstellbaren Gottesreich redet, so kšnnen wir auch eine Vielzahl von Jenseits-Gleichnissen entdecken. Das Gleiche gilt fŸr die religišse Kunst, insbesondere im Barock.  Die Wahrheit der erfŸllten Hoffnung begegnet uns in einer poetischen und kŸnstlerischen Sprache. Sie ist darum nicht weniger wesentlich wie die reflektierte Sprache.

 

Einerseits treffen wir auf Schšpfungs-Bilder, auf Bilder der ãneuen ErdeÒ, eines neuen, anderen Lebens.

Wir erfahren von der gro§en Lebens-Ernte.(Markus 4,29)

âHeute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.Ò(Lukas 23,43)

Ein Strom lebendigen Wassers wird die Lebens-BŠume trŠnken.(Offenbarung 22,1-2)

Es fehlt aber auch nicht an sozialen Bildern, die die ErfŸllung in einem neuen Gemeinwesen, in einer erlšsten Kommunikation mit anderen anvisieren. Darin fŸhrt das ewige Leben in das himmlische Gemeinwesen und ist bergende Heimat. (Philipper 3,21) Am Ziel kommen wir in die Ruhe des ãSabbatÒ und in das Miteinander gemeinsamen Lobes. Vom neuen Jerusalem ist die Rede, von der himmlischen Gottesstadt. (HebrŠer 12,22) Dem entspricht die Schau eines Fest- und Freudenmahls (Lukas 14), bei dem alle FŸlle, Freude und GenŸge finden werden. Diese Bilder haben in der langen Geschichte der Kirche viele GlŠubige erfreut und erfŸllt. Ihre Vielfalt lŠsst durchaus Freiheit auch fŸr eine persšnliche Sprache, vielleicht auch fŸr neue eigene Sprachbilder. Angesichts der Tatsache, dass viele der frŸheren Metaphern und Bilder in der heutigen Vorstellungswelt kaum noch vorkommen, erscheint die (Er-)Findung neuer grenzŸberschreitender Vergleiche und Analogien sogar als notwendig.

 

Die IdentitŠts-Bilder persšnlicher Vollendung sind charakteristisch fŸr die Sprache der Hoffnung. Einen neuen Himmel und eine neue Erde erwarten, vernichtet keineswegs die Hoffnung fŸr das eigene Leben. Auch die individuellen Bilder sperren sich gegen ein gegenstŠndlich-buchstŠbliches VerstŠndnis. Wohl wird es in der ErfŸllung um eine ãIdentitŠtÒ der Personen gehen, aber doch Ÿber eine radikale ãWandlungÒ hindurch, die Paulus in 1 Korinther 15 umkreist, wenn er von einem ãgeistlichen LeibÒ spricht und betont: ãwir werden aber alle verwandelt werdenÒ. (1.Kor,44.51)

 

Bedeutsam erscheint: die Gleichnisse aus der Natur und aus dem sozialen Miteinander sind eng verbunden mit der ErfŸllung in Gottes Leben selber. Die Sehnsucht des Gebets ãWann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?Ò (Psalm 42, 3) wird gestillt werden. Die Seligpreisung der Herzens-Reinen weist darauf hin: ãSelig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauenÒ (MatthŠus 5,8) Den schauen, an den wir irdisch nur glauben kšnnen; seiner FŸlle begegnen, die wir (wenn Ÿberhaupt, dann nur) im Glauben erfahren. ãGott allein genŸgtÒ (Dios basta): so Teresa von Avila.

 

Diese Konzentration auf Gott selber als ErfŸllungsziel aller Hoffnung begegnet zugleich als Aussage in Bezug auf Christus. Paulus fasst diese Hoffnung im ersten Brief nach Thessalonike einfach (bildhaft rŠumlich)  so zusammen: Òund so werden wir bei dem Herrn (dem Herrn und Kyrios Jesus) sein.Ò(1 Thessalonicher 4,17) Noch im spŠten Philipperbrief bleibt sein Hoffnungsziel ãbei Christus zu seinÒ.(Philipper 1,23) Diese elementare Hoffnung, die alle Sehnsucht in die Gottes- und Christusgemeinschaft mŸnden lŠsst, bewahrt vor allzu irdischen und sinnlichen Hoffnungsinhalten. Die sozialen und naturhaften Bilder halten indessen fest, dass auch Christen nicht ãallzu ŸbersinnlichÒ hoffen brauchen, und der neue Himmel zusammengehšrt mit einer neuen Erde, so unvorstellbar uns diese Zukunft bleiben mag. (KŸng, Ewiges Leben, 1981, 277)

 

âIch lasse mich ŸberraschenÕ. Mit dieser Kurzformel hat mancher Christ seine Hoffnung zusammengefasst. Und auf ein Minimum zurŸckgenommen. Christlicher Glaube ist auch denen mšglich, die keine Hoffnungen auf ein wie immer geartetes Jenseits haben – aber aus ihrem Glauben Offenheit fŸr grš§ere Wirklichkeit und Transzendenz im realen Leben erhalten (etwa beim sozialen Engagement oder beim Kampf gegen Hunger und Krankheit – und im Alter). Die einzelnen Hoffnungsinhalte sind im Wesentlichen analog verwandt und brauchen nicht gegeneinander ausgespielt zu werden, sondern kšnnen sich vielmehr ergŠnzen und befruchten. Keine Kirche kann ihren Mitgliedern vorschreiben, was am Ende des Lebens zu hoffen ist und was nicht.

Christlich hoffen hei§t jedenfalls auch darauf vertrauen, dass uns am Ende keine bšse †berraschung erwartet. Auch nicht einfach  – NICHTS. Viele Christen rechnen mit einer freudigen †berraschung, die alle kŸhnsten Erwartungen Ÿbertrifft. Der Theologe Jšrg Zink glaubt: ãWas wir Tod nennen, ist die RŸckseite einer ganz anderen Art von Leben, und wir werden beim †berschritt dort hinŸber mit einer uns hier nicht vorstellbaren Klarheit uns selbst und die grš§ere Welt zu Gesicht bekommen...hinein in ein von Gottes Geist erfŸlltes Dasein ohne Raum und Zeit. Was uns tragen wird, wird der Wind sein, den wir den Geist Gottes nennen.Ò (Ufergedanken, 2007, 145) 

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14. Der andere Gott – damals und heute                                                                           

In der Bibel und in menschlichen Erfahrungen zeigt sich Gott auch anders als im alltŠglichen Glaubensleben: Als gewalttŠtig, rŠtselhaft, verborgen, strafend, feindlich. Was ist das fŸr ein ãguter GottÒ, der von einem Vater das Opfer seines Sohnes verlangt (Abraham und Isaak im Alten Testament) und dem rechtschaffenen Hiob ohne Grund alles wegnimmt?

Steht das im Widerspruch zu dem Gottesbild Jesu, der oft von Gott als dem guten Vater spricht und ihn so auch im ãVaterunserÒ anspricht? Christliche VerkŸndigung kann von einem evolutionŠr verstandenen Gottesbild aus auf das GottesverstŠndnis Jesu hinfŸhren und nach heutigen Formen der Rede von Gott fragen. (vgl. auch die Entwicklung der Gottesvorstellungen in ãGott 9.0Ò)

 

 

(In der Bibel und in menschlichen Erfahrungen zeigt sich Gott auch anders als im alltŠglichen Glaubensleben: Als gewalttŠtig, rŠtselhaft, verborgen, strafend, feindlich. Leid und Tod versuchen die Menschen zu ertragen, aber der ãandereÒ Gott zeigt sich als Ÿber alles Ma§ zerstšrerisch, widersprŸchlich und unglaubhaft. Kein ãguter GottÒ, der von einem Vater das Opfer seines Sohnes verlangt (Abraham und Isaak im Alten Testament) und dem rechtschaffenen Hiob ohne Grund alles wegnimmt.

Die Bezeugungen und Berichte von diesem bedrohlichen Wesen sind Ÿberwiegend in den FrŸhzeiten des Glaubens entstanden, in denen Gott wie eine Naturgewalt oder willkŸrlich wie andere Gštter damals erlebt wurde. In den Zeiten der Ausbreitung des Monotheismus treten die widersprŸchlichen ZŸge im Gottesbild zurŸck; aber der Tod Jesu am Kreuz wurde in der ersten Zeit des Christentums auch als grausames Opfer verstanden, das zur Erlšsung der Menschheit notwendig war.

Jesus selbst hatte ein anderes Glaubensbild von Gott: Auch als er sich am Ende von Gott verlassen fŸhlte, konnte er immer noch beten ãMein Gott, ....Ò. Sein Gott war und blieb ãVaterÒ, von allem und allen, ohne die allzu menschliche Begrenzung dieses Begriffs. Umfassend nahe allen, die ihn brauchen. Wirkend (auch und vor allem) in denen, die ausgegrenzt sind und denen mit Opfern nicht zu helfen ist. Dieser Gott eršffnet grš§ere ZusammenhŠnge als frŸhere Geschichten von ihm. Er lŠsst auch in dem, was verloren ist, Neues finden. Er ist noch im Kommen. Auch Christen sind frei, Gott anders und neu zu finden – auch wenn das herkšmmliche Gottesbilder unzureichend werden lŠsst.

Wer an Gott als allmŠchtiges Wesen glaubt, wird es auch fŸr mšglich halten (mŸssen), dass er Menschen so auf die Probe stellt wie Abraham mit einer Tštung seines einzigen Sohnes Isaak, oder wie Hiob. Das steht zwar im Widerspruch zu anderen WesenszŸgen Gottes wie der Liebe zu seinen  Geschšpfen, Erhaltung des Lebens durch seine Gebote und Vergebung von Schuld, aber insbesondere der Gott des Alten Testaments ist niemandem Rechenschaft schuldig. Auch nicht in extremen FŠllen wie in der aus der FrŸhzeit des Gottesglaubens stammenden Geschichte von der von Jahwe persšnlich befohlenen Opferung Isaaks durch Abraham. Juden, Christen und Muslime, die sich dieser Tradition des Gottesglaubens verbunden fŸhlen, haben nach ErklŠrungen gesucht. Diese sind z.T. auch in der Religions­geschichte zu finden, nach der sich der Gottesglaube erheblich verŠndert und entwickelt hat. Nicht einmal Tieropfer sind heute noch Ÿblich, und (ãverdienstvolleÒ) Opfer gibt es nur noch im Ÿbertragenen Sinn. LŠsst sich am Beispiel der aus grauer Vorzeit stammenden Abraham-Geschichte heute noch unbedingter Gehorsam gegenŸber Gott als Vorbild predigen?

Es geht darin ja auch um die Zukunft und das Wachstum des nach jŸdischem Glauben von Gott auserwŠhlten Volkes Israel, die Gott zwar versprochen hatte, die aber doch oft (von ihm zugelassen?) elementar gefŠhrdet waren. Der Zugang zum VerstŠndnis dieser symbolischen Formen, sich an solche GefŠhrdungen und Bewahrungen in der gemeinsamen und individuellen Geschichte zu erinnern und (sicher nur von ferne) nachzuempfinden, ist fŸr heutige Menschen wohl verstellt. Um Erfahrungen und BewŠhrungsmšglichkeiten in Problem- und Krisensituationen zu reflektieren und aufzuarbeiten  gibt es andere Methoden.
Christliche Predigt wird sicherlich von einem evolutionŠr verstandenen Gottesbild aus  auf das GottesverstŠndnis Jesu hinfŸhren und nach heutigen Formen der Rede von Gott fragen – wenn denn solche Texte Ÿberhaupt noch fŸr Sonntagsgottesdienste vorgegeben werden.

 

Der damalige Gott war ein personal verstandener Gott, der wie andere Gštter die Menschen belohnen und bestrafen konnte, sich also um sie kŸmmerte, viel von ihnen forderte und (im Alten Testament) einen gnadenlosen Alleinvertretungsanspruch durchzusetzen befahl.

Christlicher Glaube wird heute, wenn Ÿberhaupt, von PrŸfungen, Strafen und Zerstšrungen Gottes nur im Ÿbertragenen Sinn reden, wenn es darum geht, lebens- und naturgefŠhrdende Ereignisse und Entwicklungen (z.B. auch in der Evolution) in einem grš§eren Zusammenhang zu verstehen und zu erklŠren. In deren Interpretation kann dann sowohl die persšnliche wie auch eine Ÿberindividuelle Sicht ihren Ausdruck finden oder wenigstens versucht werden (ãIch bin seit Ÿber 40 Jahren Nichtraucher und habe jetzt Lungenkrebs..Ò).  Viel hŠngt davon ab, welches SŸndenverstŠndnis zugrunde liegt.

Heute gibt es von Gott zahlreiche unterschiedliche Vorstellungen. Sie zeigen, dass sich das Gottesbild in den Religionen und auch im Christentum geŠndert und entwickelt hat. Das ist Chance und Anregung fŸr Glaubende, das eigene Gottesbild zu ŸberprŸfen. Insbesondere die Frage, warum Gott so viel Bšses bei und durch einzelne Menschen und Všlker zulŠsst, fŸhrt oft zu einseitiger Profilierung des Gottesbildes. Der Theologe Matthias Kroeger weist darauf hin, dass auch Martin Luthers Gottesbild dunkle Seiten hat, er aber Gott weder fŸr ungerecht noch fŸr willkŸrlich handelnd hielt. ã Erst in Schaffen und Vernichten, in Gnade und Schicksal ist die ganze helle und dunkle, gnŠdige und schwere Wahrheit des Gšttlichen begriffen, die wir  nicht nur lieben, sondern ãfŸrchten und liebenÕ sollen.Ò   (vgl. auch den folgenden Text ãGott entschuldigen?Ò Das Problem der Theodizee.)

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15. Theodizee – Gott entschuldigen?

Menschen fragen bei Verbrechen, gro§en †beln, Katastrophen und schwerem Leid: Warum trifft es gerade mich? Meine Angehšrigen? Warum gibt es Leid und Bšses in der Welt, warum so viel? Ist es eine Strafe (Gottes)?

Philosophie und Theologie haben sich ausfŸhrlich und seit langem mit diesen Fragen beschŠftigt, die starke Zweifel am Glauben an Gott auslšsen kšnnen.

Ergebnis: Die Antworten sind unbefriedigend  (s. auch ãDer andere GottÒ). Muss man sich dann eben damit  abfinden, dass es eine dunkle, verborgene Seite Gottes gibt, in der das Bšse seinen Grund hat? Christen sollen sich im Glauben an den Gott der Liebe halten. (Luther)

Nach nichtpersonalem VerstŠndnis šffnet die grš§ere Wirklichkeit Gottes den Blick fŸr die Verbundenheit aller Menschen: Die Opfer von Katastrophen und UnglŸcksfŠllen, die Kranken und Behinderten sind in einem grš§eren Zusammenhang miteinander verbunden und wurzeln im gleichen Seinsgrund. Daraus folgt Verantwortung fŸreinander, Bereitschaft und FŠhigkeit zu gemeinsamem Leben und gegenseitiger Hilfe.

 

 

Menschlich ist es, sich bei Verbrechen, gro§en †beln, Katastrophen und schwerem Leid die Frage zu stellen: Warum trifft es gerade mich? Meine Angehšrigen? Warum gibt es Leid und Bšses in der Welt, warum so viel? Ist es eine Strafe (Gottes)?

Philosophie und Theologie haben sich ausfŸhrlich und seit langem mit diesen Fragen beschŠftigt, die starke Zweifel am Glauben an Gott auslšsen kšnnen.

FŸr eine Mitwirkung Gottes bei Bšsem und bei Leid werden meist folgende Mšglichkeiten genannt:

A) Gott ist gerecht: Er schickt das Bšse als Strafe.

B) Gott ist nicht allmŠchtig: Er kann das Bšse nicht verhindern.

C) Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben, auch fŸr das Bšse.

D) Gott ist nicht nur gŸtig und nicht gerecht; er will (auch) das Bšse und schickt Katastrophen nach fŸr Menschen nicht erkennbaren Absichten.

E) Gott hat mit dem Gang der Welt nach dem Ende des Schšpfungsaktes nichts mehr zu tun (Uhrmacher-Modell).

F) Es gibt gar keinen Gott: Katastrophen als Argument fŸr den Atheismus.

Das biblische Buch Hiob ist eine Beispielgeschichte fŸr die Klage von Menschen, denen ohne Verschulden gro§es Leid widerfŠhrt, die aber weder von Freunden noch von Gott zufriedenstellende Antworten erhalten.

Die oben genannten sechs Mšglichkeiten, das Bšse in der Welt ohne Widerspruch zu Eigenschaften Gottes wie allmŠchtig und gerecht zu verstehen, wurden in vielen Versuchen zu einer Theodizee (Rechtfertigung Gottes) aufgenommen. Sie sind nach Ÿberwiegender Meinung von Theologen und Philosophen nicht oder nur zu einem geringen Teil stichhaltig, denn

¤  sie fŸhren entweder zu der †berzeugung, dass das Entstehen des Bšsen und des Leids mit der GŸte, Gerechtigkeit und Macht Gottes unvereinbar, also sein Geheimnis sei.

¤  oder kommen zu der Aussage: In der von Gott geschaffenen und nur durch ihn wirklichen Welt ist in der Freiheit zur Evolution auch das moralisch Bšse und das naturhaft LebensschŠdliche mit angelegt.

 

Zur †berwindung des Widerspruchs zwischen Gottes GŸte und Allmacht und dem Auftreten von †bel und Leid wird auch argumentiert:

¤  Gott selbst leidet in seinem Sohn Jesus am Kreuz. Das Leid ist nun in Gott aufgehoben. (Bonhoeffer und Moltmann)

¤  Das Bšse hat auch seine guten Seiten (Augustin)

¤  Es gibt eine dunkle, verborgene Seite Gottes, in der das Bšse seinen Grund hat. Christen halten sich im Glauben an den Gott der Liebe. (Luther)

¤  Gott ist keine Person, die der Mensch fŸr Bšses verantwortlich machen kšnnte. Er ist Urgrund des Seins und Urmacht des Lebens – zu seiner Schšpfung gehšrt sowohl das (fŸr Menschen) Bšse als auch das Gute. Das Universum ist (bis jetzt) lebens- und menschenfreundlich (ãanthropÒ).

Der liebende Gott ist eins mit dem verborgenen, unergrŸndlichen Gott. Damit entfŠllt die Vorstellung von einem allmŠchtigen, allgŸtigen, allwissenden Gott. Gott als Urgrund umfasst den ãgutenÒ Gott und den ãbšsenÒ Gott. In diesem Zusammenhang sind auch die fŸr uns und die Umwelt zerstšrerischen und leidvollen Ereignisse und Anlagen ãaufgehobenÒ.

 

Aus dieser Sicht ergeben sich weitgehende praktische Konsequenzen:

ãLeiden kann auch ohne einen personal gedachten, mehr oder weniger willkŸrlich (und kritisch gesehen sogar despotisch) handelnden ãGottÒ ein besonderer Ort der Lebensfindung und Wahrheits- ("Gottes"-) Erfahrung sein und werden.Ò

Individuelles Leiden ist nach diesem VerstŠndnis keine Strafe Gottes, auch wenn es offensichtlich individuell oder gesellschaftlich verursacht wurde. Krankheiten und Fehlentwicklungen sind meist biologisch erklŠrbar durch die Mutation von Zellen verursacht, die auch zur Evolution des Lebens beigetragen hat. Die davon Betroffenen erleiden stellvertretend mehr als andere die Nachteile dieser Offenheit fŸr Entwicklung und Wachstum, was sich durch anerkennende und helfende Gemeinschaft mit weniger Betroffenen zwar nicht ausgleichen, aber doch ertrŠglicher machen lŠsst.

Auch Erdbeben und VulkanausbrŸche sind keine Gottesstrafen, sondern natŸrlich erklŠrbare Erscheinungen der Erdentwicklung, denen in Zukunft durch erdbeben­sichere Bauweise, Tsunamiwarnungen u.Š in internationaler Zusammenarbeit  entgegengewirkt werden kann. Das Gleiche gilt auch fŸr Hungersnšte und Epidemien, selbst dann, wenn ihre BekŠmpfung noch in den AnfŠngen steckt.

 

Nach nichtpersonalem VerstŠndnis šffnet die grš§ere Wirklichkeit Gottes den Blick fŸr die Verbundenheit aller Menschen: Die Opfer von Katastrophen und UnglŸcksfŠllen, die Kranken und Behinderten sind in einem grš§eren Zusammenhang miteinander verbunden und wurzeln im gleichen Seinsgrund. Daraus folgt Verantwortung fŸreinander, Bereitschaft und FŠhigkeit zu gemeinsamem Leben und gegenseitiger Hilfe. Daraus folgt auch ein aktives Verhindern von Aktionen (z.B. Krieg, Verbrechen), die vorhersehbar Leiden erzeugen. Die Opfer des Bšsen und die Leidenden sind nicht Abgesonderte und defizitŠre SonderfŠlle, sondern haben das volle Leben mit gemeinsamem Nehmen und Geben, einbezogen und gleichwertig, wie es ja schon mit Behinderten praktiziert wird und dem VerstŠndnis Gottes als einem gro§en verbindenden ãReichÒ entspricht.

 

In der von Gott geschaffenen Welt ist in der Freiheit zur Evolution auch das Bšse und LebensschŠdliche als Mšglichkeit mitangelegt.

Ein VerstŠndnis des christlichen Gottes ohne diese GegensŠtze stellt sich weiterhin als fast unmšglich heraus: Der liebende, lebensfreundliche Gott ist auch der Strafende, Zerstšrende.  Neuere  Gottesvorstellungen sind daraufhin zu prŸfen, ob sie etwas zur Lšsung dieses Problems beitragen kšnnen. (siehe auch das vorhergehende Thema ãDer andere Gott – damals und heuteÒ.

 

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Erweitertes Inhaltsverzeichnis der ãKernfragen des GlaubensÒ mit Anlagen

Hinweise zum Text:.......................................................................................................... 2

Inhaltsverzeichnis............................................................................................................ 2

1. Warum Kern-ãFragenÒ, wenn es um unseren Glauben geht?  Warum nicht Kern-ãAussagenÒ?        4

2. Was ist Glaube?............................................................................................................ 9

Inhalte und Formen des Glaubens ............................................................................... 10

Wenn andere anderen Glauben haben......................................................................... 10

3. Glaube und Wissen.................................................................................................... 13

4. Naturwissenschaft und Glauben........................................................................... 15

   WidersprŸche zwischen Naturwissenschaft und Glauben?                                     16

Zwischen Naturwissenschaft und Religion gibt es BerŸhrungspunkte............... 17

Gibt es ein Einwirken Gottes auf das Weltgeschehen?........................................... 18

5. Religion und Naturwissenschaft im Licht der modernen Physik.................. 21

6. Kommunikation mit Gott?........................................................................................ 28

Gott als Person erfahren................................................................................................. 30

Gott ist grš§er und anders als unsere Vorstellungen von ihm............................. 31

Gott ist auf verschiedene Weise ansprechbar, nicht nur wie eine Person.......... 31

7. Gott in der Mystik erfahren?................................................................................... 32

Die neue Faszination........................................................................................................ 32

Einige GrundzŸge mystischer SpiritualitŠt im Christentum.................................... 33

Erfahrungen auf dem Weg fŸhren in das Zentrum der Mystik............................... 34

Innen die Mitte finden...................................................................................................... 34

Unsagbares sagen............................................................................................................ 35

Wandlungen im Gottesbild.............................................................................................. 35

Mystik vertritt das Ineinander von persšnlichen und Ÿberpersšnlichen ZŸgen Gottes.   36

Gefahren und  RŸckfragen.............................................................................................. 37

Neue Chancen  mystischen Glaubens.......................................................................... 38

8, Gebt als Kommunikation mit Gott. Funktionen und Wirkungen des Betens 41

Was ist ein Gebet?............................................................................................................ 41

Zu welchem Gott wird gebetet?.................................................................................... 42

Beten als Ausdruck des Glaubens – meines Glaubens......................................... 43

Arten und Formen des Gebets...................................................................................... 44

Funktionen des Gebets:.................................................................................................. 45

7. Beten mit Kindern – warum und wie........................................................................ 49

8. Kritik am Gebet.............................................................................................................. 49

9. Die Zukunft des Gebetes............................................................................................ 50

9. Jesus – wer war und wer ist das?......................................................................... 52

Jesus der Mensch............................................................................................................ 52

Die Auferweckung (EntrŸckung)................................................................................... 54

10. MeineÒ? Kirche........................................................................................................ 56

Kirche: Gemeinschaft im Glauben................................................................................. 56

11. Schuld / SŸnde / Vergebung.................................................................................. 66

Schuld zugeben? Um Gottes willen!      Brauchen wir eine neue Schuldkultur?......... 66

Schuld – was ist das?...................................................................................................... 67

SŸnde ist Schuld aus der Sicht des Glaubens............................................................ 67

Vergebung gegen Schuld und SŸnde........................................................................... 72

Voraussetzungen fŸr den Empfang der Vergebung................................................. 73

Von der vergangenheitsorientierten Einstellung zu neuen Wegen...................... 75

Schuld zugeben – nur wenn es gar nicht anders geht?........................................... 76

Auf dem Weg zu einer neuen Schuldkultur................................................................ 77

Emotionale Abwertung der Gegenseite und Vergeltung vermeiden.................... 78

12. Auferstehung der Toten, JŸngstes Gericht, Ewiges Leben.......................... 79

Bilder fŸr das Ewige?....................................................................................................... 80

Das JŸngste Gericht – die grš§ere Wirklichkeit......................................................... 80

13. Hoffen Ÿber den Tod hinaus?................................................................................ 84

†berlieferte Hinweise...................................................................................................... 85

Neue VerstehensansŠtze............................................................................................... 86

Bilder des Kommenden................................................................................................... 89

14. Der andere Gott – damals und heute.................................................................. 91

15. Theodizee – Gott entschuldigen?........................................................................ 93

Anlagenverzeichnis:

Zum Verlauf der Arbeit und der Diskussion im theol. Arbeitskreis der Evangelischen Akademikerschaft fŸr die ãKernfrage           100

Alle Vorspanne............................................................................................................. 105

 

Anlagen zum Gottesbild

    Gott im ãHimmelreichÒ und auf dem ãFeldÒ                                                            110

Gott als ãKraftÒ............................................................................................................. 116

Gott als ãKraftÒ............................................................................................................. 116

ãWort zum SonntagÒ 15.1.12        ............................................................................. 118

Gottes Bild im Werden, in: Gott 9.0 von W. und M. KŸstenmacher................. 123

     Einzelzuweisungen................................................................................................... 126

     Versuch einer Bewertung....................................................................................... 137

Anlagen zum VerstŠndnis des Glaubens

DarfÕs ein bisschen mehr sein? Wort zum Sonntag 21.1.12............................. 138

Mit Kindern beten – warum und wie? Mit VorschlŠgen fŸr die Praxis........... 140

Kinder brauchen das Gebet......................................................................................... 140

Praxisteil.......................................................................................................................... 144

Methoden und Wege zu mystischer Erfahrung................................................... 148

Inhalt der Anlage ãWege und Methoden zu  mystischer ErfahrungÒ:.................. 148

Verwunderung und Staunen........................................................................................ 148

ãInnere Bilder und subtile PhŠnomene erfahrenÒ................................................... 149

Ins Herz der Bilder eindringen..................................................................................... 150

Formlose ZustŠnde erfahren - die bilderlose Schau.............................................. 150

ãDas Leeren der BilderÒ.................................................. Fehler! Textmarke nicht definiert.

Nicht-Gott und Nicht-Bild erfahren............................................................................... 150

Nonduales Sein – Das Ich verschwindet................................................................................. 151

Gottes Auge ist mein Auge.......................................................................................... 152

ãEingefaltetsein................................................................. Fehler! Textmarke nicht definiert.

Einssein in Christus....................................................................................................... 152

ãWohin nach der nondualen Erfahrung?Ò.................................................................. 153

Persšnliche BeitrŠge von  Mitgliedern des theol. Arbeitskreises................... 154

Von Reinhard CrŠmer, E. Hirschler, H. GŠrtner-Schultz, W. Grau, GŸnter Hegele, Peter Stolt     154    

Eberhard Hirschler: Betrachtung zum Arbeitskreis-Thema ãDas Gottesbild heuteÒ
von E. Hirschler                                                                                      155      144

Passion. Ein Gedicht von Dr. Heiderose GŠrtner-Schultz                                                                        146
Dr. Werner Grau :
Was ich glaube. Mein kleiner Beitrag zum Glaubenspluralismus. Vom Wert der Tradition und Kirche fŸr meinen Glauben                                                          146
GŸnter Hegele:
Glaube darf sich verŠndern und entwickeln. (Auch im Alter). 148

Klaus Schmidt: Zum VerhŠltnis von "Altem" Testament und "Neuem" Testament

Peter Stolt: Mein Glaube im Wandel                                                                                                                                             153

Benutzte Literatur...................................................................................................... 163152

 


 

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Anlagen zu ãKernfragen des GlaubensÒ :

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Inhaltsverzeichnis der Anlagen:

 

Zum Verlauf der Arbeit und der Diskussion im theol. Arbeitskreis der Evangelischen Akademikerschaft fŸr die ãKernfragen

Alle Vorspanne

 

Anlagen zum Bild Gottes

Gott im ãHimmelreichÒ und auf dem ãFeldÒ

Gott als Kraft

ãWort zum SonntagÒ 15.1.12

Gottes Bild im Werden, in: Gott 9.0

DarfÕs ein bisschen mehr sein? Wort zum Sonntag 21.1.12

Anlagen zum Glauben

Mit Kindern beten – mit PraxisvorschlŠgen

Methoden und Wege zu mystischer Erfahrung (nach Gott 9.0)

 

Persšnliche BeitrŠge von Mitgliedern des theol. Arbeitskreises

Benutzte Literatur

 

 

Die Anlagen:

 

Zum Verlauf der Arbeit und der Diskussion im theol. Arbeitskreis der Evangelischen Akademikerschaft fŸr die ãKernfragen des christlichen Glaubens heute.

 

Nachdem der theol. Arbeitskreis der Evangelischen Akademikerschaft auf der Suche nach neuen Gottesbildern seit dem Jahr 2009 Stellungnahmen zu Veršffentlichungen der Theologen M. Kroeger, H. KŸng und J. Polkinghorne erarbeitet hatte, sollten nun ab 2011 ãKernfragen des GlaubensÒ erarbeitet werden, in denen  nach einem Zugang zu neuen theologischen AnsŠtzen in den traditionellen Aussagen Ÿber (u.a.)  Gott, Jesus Christus, Gebet, Bekenntnis und Kirche gefragt wurde.

Auch das VerhŠltnis des Glaubens zur modernen Naturwissenschaft unserer Tage wurde thematisiert, mit BeitrŠgen zu Fragen wie Glaube und Wissen, Naturwissenschaft und Religion im Licht der modernen Physik, Gottes Einwirken in das Weltgeschehen, Hoffen und Gewissheit Ÿber den Tod hinaus.

Letztlich ging es um die Frage, welches Gottesbild wir mit unserem Glauben heute verbinden kšnnen und wie diese Vorstellungen noch mit den traditionellen gottesdienstlichen Formen der VerkŸndigung vereinbar sind, ob und wie schlie§lich ein Ÿber die Tradition hinaus weisendes VerstŠndnis des christlichen Glaubens in unserer Kirche Eingang finden kann.

 

Ausgangspunkt war fŸr den Arbeitskreis der Aufruf zu einem ãRuck in den Kšpfen der KircheÒ durch den Protestantischen Theologen Matthias Kroeger, der in seinem Buch eine zunehmende Unvereinbarkeit traditioneller VerkŸndigung, Bekenntnisse und gottesdienstlicher Formen mit den Weltbildvorstellungen der Christen in unserem Land und in Europa feststellt und diese als wichtige Ursache der Entfremdung vieler Christen von ihrer Kirche benennt.

Deren neues Weltbild sei von naturwissenschaftlicher Erkenntnis und Praxis geprŠgt und mache ein biblisches Bild vom ãstockwerksartigen Bau der WeltÒ mit dem Oben und Unten von gšttlicher und weltlicher SphŠre obsolet.

 

Dieser Verdacht begleitete die Diskussion des Arbeitskreises und fand auch in entschieden vom Apostolikum abweichenden Bekenntnissen, bzw. seiner Neuinterpretation Ausdruck, ohne dass ihm aber von allen Teilnehmern zugestimmt wurde.

So entfernten sich die GesprŠche schlie§lich vom Schwerpunkt einer Kritik an der traditionellen Kirchenpraxis, und drehten sich mehr um ein gemeinsam zu formulierendes, neues VerstŠndnis zentraler Glaubensaussagen und Glaubensinhalte.

Im Sinn einer ãpluralistischen TheologieÒ sucht der Arbeitskreis seither nach Mšglichkeiten, einem erweiterten GlaubensverstŠndnis mit neuen Formen in der kirchlichen Praxis stŠrkeren Eingang zu verschaffen, ohne damit die herkšmmlichen Glaubensweisen diskreditieren zu wollen.

 

Wir wollen uns auch nicht damit abfinden, dass eine Auseinandersetzung zwischen Naturwissenschaft und Religion nur noch als Konfrontation eines fundamentalistischen materialistischen Naturalismus der modernen Naturwissenschaften mit einer mehr oder weniger dogmatisch-unzeitgemŠ§en ReligiositŠt und ihrem Weltbild ausgetragen werden kann.

Dabei soll aber nicht vorschnell der Ausweg einer relativierenden Koexistenz gegensŠtzlicher Weltauffassungen gesucht werden, eines friedlichen oder auch gleichgŸltig-gleichwertigen Nebeneinanders individueller GlaubensŸberzeugungen vom Gšttlichen einerseits, Ÿberindividuell ŸberprŸfbaren Wirklichkeitsaussagen im Rahmen wissenschaftlicher Methodik andrerseits.

 

Es scheint, dass dieser Sichtweise einer neutralen Koexistenz gerade der Theologe und ãWeltethikerÒ Hans KŸng zuneigt, der sich auch in naturwissenschaftlichen Fragen beschlagen zeigt, der aber dem Versuch einer ãSynthese der ErkenntniswegeÒ letztlich eine Absage erteilt. Eine eingehende BeschŠftigung des Arbeitskreises mit den neuen Veršffentlichungen KŸngs ergab kein einhelliges Votum fŸr diese Position, auch wenn sie fŸr die verfasste Kirche eine pragmatische Option zu bieten scheint, die vielen bereits Distanzierten wieder enger an sich zu binden, ohne die in traditioneller GlŠubigkeit sich zur Kirche Haltenden zu diskreditieren.

 

Als ernst zu nehmendes Bedenken wurde in diesem Zusammenhang vorgebracht, die Behauptung, es kšnne keinen Widerspruch geben zwischen glŠubiger Weltinterpretation und naturwissenschaftlichen Aussagen Ÿber die Welt, zwischen Aussagen im Bereich des Glaubens und dem des Wissens, mŸsse eigentlich aus einer agnostischen Position der Naturwissenschaftler resultieren. Denn deren methodische SelbstbeschrŠnkung fŸhrt notwendig zur Ausgrenzung des nicht Ÿberindividuell †berprŸfbaren, des ãGlaubensmŠ§igenÒ als nichtwissenschaftlich, wenn nicht als irrelevant oder falsch und unsinnig. Stattdessen wird von einer atheistischen Fraktion der Naturwissenschaftler, ungeachtet der Grundlagenproblematik ihrer WelterklŠrungsmodelle, insbesondere der physikalischen, der aggressive Anspruch auf das Monopol der WelterklŠrung erhoben.

 

Das lŠsst keineswegs den Umkehrschluss zu, naturwissenschaftliche Welterkenntnis sei ihrerseits fŸr die Frage nach Gott  in der Welt irrelevant. Die Vermutung bleibt vielmehr begrŸndet, die Naturwissenschaft sei keineswegs das einzige Fenster, durch das wir auf die Wirklichkeit blicken kšnnen, dass vielmehr auch andere Fenster, wie das des Glaubens, sinnhafte Einblicke eršffnen kšnnen und dass der Horizont unserer Erkenntnismšglichkeit nur durch das Ensemble der verschiedenen Perspektiven ausgefŸllt werden kann. So legen einige Entdeckungen der Naturwissenschaften geradezu nahe, dass in ihnen eine Begegnung mit dem Gšttlichen stattfindet. Schon in den kreativen Mšglichkeiten des sich evolutionŠr entfaltenden Universums  kann sich fŸr den Glauben die Anwesenheit dessen spiegeln, der es erschaffen hat und der seit Anbeginn der Zeit in ihm und mit ihm ist.

 

Wenn wir Sonntag fŸr Sonntag fŸr Sonntag, oder auch nur bei besonderen AnlŠssen das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen, ohne dass jeder von uns mit seinen Formeln noch einen nachvollziehbaren Sinn verbinden kann, weil fŸr Viele eine anderes Bild von der Welt ma§gebend geworden ist, in dem Gott als der Drei-feine keine Funktion mehr hat, haben wir damit keine Antwort auf unsere Fragen gefunden. Es lohnt sich, weiter zu fragen.

 

FŸr die Antworten bietet die Theologie selber neue, Ÿberraschende und weiterfŸhrende AnsŠtze. Sie sind nicht nur zwischen den GegensŠtzen eines sŠkular-materialistischen Denkens und biblischem Fundamentalismus zu finden. Unser Glaube an Gott und unsere ãGottesbilderÒ mŸssen auch nicht in negativer Theologie enden. Das war die begrŸndete Vermutung, der sich unser Arbeitskreis in verschiedenen AnlŠufen zugewandt hat.

 

So wandte sich ein breiter Strang der Diskussion den BeitrŠgen von Theologen und Naturwissenschaftlern zu, die Religion und Naturwissenschaft im Licht der modernen Physik zusammenstehen wollen:

Wenn Religion und Naturwissenschaft grŸndlich und adŠquat analysiert  werden, kšnnen sich Naturwissenschaftler und Theologen als Partner in der Suche nach Verstehen erweisen. Sollten wir die immer weiter gehende Suche nach der Wahrheit der Wirklichkeit nicht letzten Endes als die Suche nach Gott verstehen? Zu dieser EinschŠtzung gelangt der britische Physiker und Theologe John Polkinghorne und liefert dafŸr (den meisten AK-Mitgliedern)  einleuchtende Beispiele aus Physik und Theologie.

 

Ihm kommt es u.a. auf Analogien in der Theoriendynamik von Physik und Theologie an.

Dabei stellt er sich die schwierige Frage, wie wir uns das Eingreifen Gottes in den von ihm selbst geschaffenen Kausalzusammenhang der Welt vorstellen sollen. Wir kšnnten ganz in diesem Sinn auch fragen, auf welche unserem Verstand einsichtige Weise uns die gšttliche Liebe und Gnade zu Teil werden kann, die auch fŸr ein entpersonalisiertes GottesverstŠndnis Glaubenskern bleibt. Wir kšnnten fragen, wie Ÿberhaupt die Kommunikation zwischen Schšpfer und Geschšpf sich ereignet. Polkinghorne formuliert das als die Frage nach der ãkausalen FugeÒ, durch die sich eine informativ-nichtenergetische ãKausalitŠt von obenÒ in das Weltgeschehen einmischen kann. Viele verweisen dafŸr auf die rŠtselhaften Unbestimmtheiten der quantenmechanischen Prozesse.

 

Polkinghorne glaubt dagegen, angesichts der noch nicht ŸberbrŸckten Kluft zwischen dem Reich subatomarer Prozesse und der Welt unserer mesokosmischen Erfahrung, den SchlŸssel eher in den sogenannten chaotischen Prozessen suchen zu mŸssen, die einen gro§en Teil aller AblŠufe beherrschen.

FŸr ihn stehen Epistemologie und Ontologie nicht getrennt voneinander, sondern es besteht ein logischer Zusammenhang zwischen dem, was wir von den Dingen wissen und was die Dinge sind. Dann aber kann epistemologische UnschŠrfe  in der kritisch-realistischen Interpretation als ontologische Offenheit verstanden werden und ein neues, nicht-energetisches  kausales Prinzip, kann die kŸnftige Entwicklung bestimmen. Nach Polkinghorne kann das mit einem VerstŠndnisÒ gšttlichen Handelns von obenÒ durch aktive Information korrespondieren. Im AK gab es aber auch Ablehnung dieser Verbindungen von Unterschiedlichem, die eine Vermischung von Glauben und Naturwissenschaft sei.

 

Nicht (mehr) zur Diskussion gelangten im Arbeitskreis die Ÿber diese Gedanken noch weit hinausfŸhrenden neuesten AnsŠtze der Physiker, die den Bruch zur frŸhneuzeitlichen Weltauffassung der Naturwissenschaft vollenden. In diesen wird, entsprechend neuester Erkenntnisse der Quantentheorie, die sich seit der Mitte der 60er Jahre angebahnt haben, eine nicht-lokale Welt gedacht. Ihr VerstŠndnis der Wirklichkeit in subatomaren Dimensionen geht nicht mehr von der Summe und den Beziehungen einzelner Teilchen aus, sondern spricht, auf der Basis der dort beobachteten ãVerschrŠnkungsÒ-PhŠnomene von einer totalen Ganzheit der Beziehungen, letzten Endes von der Ganzheit der Welt, ãan derÒ sich alle PhŠnomen ereignen.

Was wir nach unserer mesokosmischen Erfahrung als Materie ansprechen, verflŸchtigt sich in der nanoskopischen Dimension und lŠsst uns mit der geradewegs neoplatonischen Vermutung zurŸck, dass auf dem Grund der Dinge nur dem Geist Wirklichkeit zukomme.

Solche Gedanken finden wir ausgesprochen bei dem Physiker H.P. DŸrr, einem SchŸler von Werner Heisenberg, der damit die platonische Interpretation seines gro§en Lehrers, dass sich auf dem Grund der Dinge alles als Symmetrie erweise, Ÿberbietet. Aber nicht auf Grund ã nur metaphysischer SpekulationÒ, sondern als Interpretation von Experimenten. Diese erweisen die ãQuantenverschrŠnkungÒ, die Einstein noch als ãspukhafte FernwirkungÒ ansprechen konnte, als RealitŠt und ihre Entdecker schicken sich bereits an, sie ersten technischen Anwendungen zuzufŸhren.

Zu ihnen gehšrt auch Anton Zeilinger, einer der fŸhrenden Forscher auf dem Gebiet der verschrŠnkten QuantenphŠnomene. Eine Šhnliche Interpretation vertritt der Chemiker H. Primas, von dem grundlegende BeitrŠge zur wissenschaftstheoretischen Einordnung seiner Wissenschaft stammen und der die neuen Erkenntnisse unter der †berschrift zusammenfasst: Die †berwindung des Atomismus – Der Ganzheitsbegriff der Quantentheorie verŠndert unser Weltbild.

Die Antwort auf die Frage, warum wir dennoch mit der BestŠndigkeit der uns handgreiflich entgegentretenden Welt rechnen kšnnen, wie das die meisten Physiker, Chemiker, Biologen mit unbezweifelbarem Erfolg tun, mŸssen wir bis auf weiteres allerdings wohl darin suchen, dass die Zukunft zwar offen ist, aber nicht beliebig und rein zufŠllig. Vielmehr bestehen einengende Bedingungen der physikalischen ErhaltungssŠtze und Symmetrieeigenschaften der Dynamik, die dafŸr sorgen, dass im Gro§en die in der Physik verwendeten Kenngrš§en erhalten bleiben.

 

Eine gewisse RŸckfŸhrung dieser Ÿber die Diskussion im Arbeitskreis weit hinausgehenden Eršrterungen auf dessen ursprŸngliche Fragestellung bietet der Physiker und Theologe Hans-Rudolf Stadelmann in seinem Buch ãIm Herzen der Materie – Glaube im Zeitalter der NaturwissenschaftenÒ. Bei ihm erhŠlt Antwort, wer das alte Weltbild fŸr dekonstruktionsreif hŠlt, ebenso wie der theistisch Denkende und FŸhlende. Auch Stadelmann nimmt, wie Polkinghorne, die Einheit der Vernunft zum Ausgangspunkt, begrŸndet in einem kosmischen Evolutionismus und der evolutionŠren Erkenntnistheorie, speziell auch mit der These H. v. Ditfurths  von der Entwicklung des menschlichen Geistes und Bewusstseins durch die Existenz und Wirkung des primordialen (gšttlichen) Weltgeistes. Damit gelangt er, kurz gesagt, auf einer breiten Stra§e der PlausibilitŠt zu einem Panentheismus (= die Auffassung, dass ãGott der Welt immanent und zugleich zu ihr transzendent ist, insofern die Welt ihrerseits Gott immanent, in Gott, von Gott umfasst ist).

 

Hier finden sich viele Themenstellungen in einen Zusammenhang gebracht, die in den bisherigen Betrachtungen des Arbeitskreises nur als einzelne Elemente und vorŸbergehend aufgetaucht sind. Was dort aus theologischer Sicht und der Perspektive individueller GlŠubigkeit in gro§er Breite vorgebracht wurde und im Text der ãKernfragen... auch dargestellt werden soll, kann im Hinblick auf unsere Skizzierung eines neuen Weltbilds der Naturwissenschaften, vor allem der Quantenphysik und der Kosmologie, einer Wertung unterzogen werden.

 

Wird hier aber nicht Physik zu Meta-Physik? Und kann der Versuch statthaft sein, zugleich die Metaphysik als die erste Philosophie wieder in ihr Recht zu setzen?

 

Diese, aber auch vorangehende Fragestellungen, ausgehend von den Versuchen, die Erkenntnisweisen des Glaubens und der Naturwissenschaft als letztlich auf das gleiche Ziel fŸhrende Wege eines gro§en Erkenntnisprojekts anzusprechen, wurden im Arbeitskreis mit Gegenfragen konfrontiert, fŸr die stellvertretend eine Stellungnahme angefŸhrt wird, die NŠhe zur Auffassung KŸngs zeigt.

Dort wird postuliert, dass es ãunfair bis dilettantischÒ sei,  aktuelle Glaubens­schwierigkeiten im Wesentlichen den Naturwissenschaften zuzuschreiben, weil alle serišsen Wissenschaften seit der AufklŠrung in ihren WelterklŠrungsversuchen auf Gott verzichtet haben, was aber bedeutet, in der Welt zu leben etsi deus non daretur. Entscheidend fŸr unsere Fragestellungen wŠre danach, dass es gar nicht vom Erfolg oder Misserfolg einer Wissenschaft abhŠngen kann, ob wir Ÿber das VerhŠltnis orthodoxer GlaubenssŠtze zu den Ergebnissen moderner Wissenschaft nachzu­denken haben. Gerade die Ergebnisse der Naturwissenschaften, die Gott aus ihrer Methodik ausgeschlossen haben, kšnnen den Glauben nicht erschŸttern. Gott fŠllt, wie Schšnheit, in einen anderen Erkenntnisbereich. Die Probleme, die das traditionelle Weltbild, mit seinen fŸr manch einen befremdlichen Formeln wie der sieben-Tage-Schšpfung, Jungfrauengeburt u.dgl.,  bietet, rechtfertigen deshalb keineswegs eine massive BeschŠftigung mit den Naturwissenschaften. Sie sind einer †bersetzung in moderne Sprache zugŠnglich und es taucht die Frage auf, die bereits in anderem Zusammenhang gestellt worden war, ob nicht blo§ offene TŸren eingerannt werden.

Die echten Probleme, so die kontroverse Behauptung, entstehen vielmehr im Gefolge der gesellschaftlichen Entwicklung im Zuge der AufklŠrung, mit der sich das LebensgefŸhl verbreitet hat, dass wir sehr gut ohne Gott, ohne den Herrn der Welt leben kšnnen. Auch als Urgrund der Welt spielt er in unserem Leben keine Rolle mehr.

 

Kšnnte es dann nicht in der Tat scheinen, als seien wir in Fragen des Glaubens nur noch auf unsere individuellen, nicht-rationalen religišsen GefŸhle verwiesen, wenn Naturwissenschaft und Religion getrennte Erkenntnisweisen bleiben sollen, wenn die Sachen des Glaubens von den methodisch empirische ermittelten Erkenntnissen Ÿber die Welt unterschieden bleiben mŸssen? So wie aber auch die Religion des Glaubens an Gott von den mannigfachen GefŸhlen der ReligiositŠt und SpiritualitŠt zu unterscheiden wŠren? Es blieb offen, ob und wie diese Fragen und GegensŠtze im Arbeitskreis weiter behandelt werden kšnnen.

 

Es wird von den Reaktionen auf die Veršffentlichung der ãKernfragen des christlichen GlaubensÒ abhŠngen, ob wir uns weiter um eine pluralistische BegrŸndung unseres Glaubens an Gott und die Akzeptanz eines vielfŠltigen Bildes von Gott, die die Sicht traditioneller VerkŸndigung nicht ausschlie§en,  bemŸhen wollen.

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Alle Vorspanne

 

Warum Kern-ãFragenÒ, wenn es um unseren Glauben geht?
Warum nicht Kern-ãAussagenÒ?

 

Wir sind unsicher geworden.

In den protestantischen Kirchen Europas, zumal in Deutschland breitet sich Unsicherheit aus, wie man der schwindenden Bindung ihrer Mitglieder an die Organisation und ihrer VerkŸndigung begegnen kann.

Auch das VerstŠndnis des Glaubens ist unsicher geworden. Selbst Aussagen im Glaubensbekenntnis zu Gott und Ÿber den Heiligen Geist werden nicht mehr voll bejaht. Erkenntnisse der Naturwissenschaften lasen manches frŸher fŸr selbstverstŠndlich Gehaltene als fraglich und Ÿberholt erscheinen. 

Vieles erscheint aber auch in einem neuen Licht. Es lohnt sich, Fragen zu stellen, auch wenn nicht gleich und nicht leicht Antworten zu finden sind.  Neue AnsŠtze in der Theologie sind Ÿberraschend und weiterfŸhrend. Sie sind nicht nur in der Spanne zwischen sŠkularisiertem Denken und Fundamentalismus zu finden. Auch auf individueller Ebene kann ergebnisoffen  nach dem Grund des Glaubens gefragt werden. Wir stellen keine neuen ãKernsŠtze des GlaubensÒ auf, sondern wir fragen nach neuen Mšglichkeiten zu glauben, tun dies gerne miteinander und auch zusammen mit anderen Interessierten.  Unser Glaube an Gott und unsere ãGottesbilderÒ mŸssen nicht in negativer Theologie enden. Neue Gottesbilder korrespondieren mit dem, was wir Ÿber die Welt wissen kšnnen.

 

 

Was ist Glaube?

Vom VerstŠndnis dessen, was mit ãGlaubeÒ gemeint ist, hŠngt auch sein Inhalt ab: Ist es eine besondere Erkenntnisform, die weiter reicht als GefŸhl und Verstand? Oder eine Grundhaltung, die das Handeln bestimmt? Worin liegt der Unterschied von Glauben und Wissen, von Religion und Naturwissenschaft? Wie kommen Menschen zum Glauben und welche VerŠnderungen sind festzustellen, zu wŸnschen? Anerkennung des Glaubens anderer auch bei erheblichen Unterschieden.

 

Glaube und Wissen  

In welchem VerhŠltnis stehen Glaube und Wissen?  Nicht erst seit der AufklŠrung werden Wissenschaft und Wissen als die Ÿberlegene Erkenntnisform gegenŸber dem Glauben angesehen. Wissenschaft und insbesondere Naturwissenschaft  wird fŸr den  besten Weg zur Erkenntnis der Wirklichkeit gehalten,  auch weil er zur Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen beitrŠgt.  Wird  der Glaube demgegenŸber zu gering eingeschŠtzt? Woher lassen sich heute und in Zukunft Lebenssinn und Wertbewusstsein empfangen?  Es ist notwendig,  Glaube und Wissen zutreffend zu unterscheiden und eine Vermischung zu vermeiden.

 

Naturwissenschaft und Glauben

Gibt es eine Konkurrenz zwischen Naturwissenschaft und Glauben? Haben manche naturwissenschaftliche Erkenntnisse Vorstellungen des Glaubens verdrŠngt – wie z.B. beim VerstŠndnis der Entstehung der Welt und des Lebens? Sind naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit einem Eingreifen Gottes in den Geschehensablauf zu vereinbaren? Oder ist vielmehr das VerhŠltnis der beiden Erkenntnisformen neu zu bestimmen? Kšnnen sie sich gegenseitig ergŠnzen und fšrdern? Unterschiede sollen nicht verwischt werden. Aber es gibt BerŸhrungspunkte zwischen Naturwissenschaft und Glauben, die bis zur gegenseitigen ErgŠnzung fŸhren kšnnen.  Die Begrenztheit beider Erkenntniswelten ist offenkundig. Keine kann einen berechtigten Anspruch auf die Erfassung der Gesamtwirklichkeit erheben.

 

Religion und Naturwissenschaft im Licht der modernen Physik.

 

Wenn RationalitŠt grŸndlich und adŠquat analysiert wird, werden sich Naturwissenschaftler und Theologen als Partner in der Suche nach Verstehen erweisen. Die immer weiter gehende Suche nach der Wahrheit der Wirklichkeit ist letzten Endes die Suche nach Gott. Zu dieser EinschŠtzung  gelangt der der britische Physiker und Theologe John Polkinghorne, und er liefert dafŸr zahlreiche Beispiele aus der Physik und Theologie.  Ihm kommt es darauf an, dass sich Analogien zwischen der Entwicklungsgeschichte physikalischer Theorien und theologischen Aussagen aufstellen lassen. Er weicht dabei auch so schwierigen Fragen nicht aus wie ãKšnnen âWunderÕ als Ereignisse eines Eingreifens in den von Gott selbst geschaffenen Kausalzusammenhang gelten?Ò. Manche Physiker und Theologen Ÿbernehmen aus der  Quantentheorie neues VerstŠndnis der  Wirklichkeit, indem in der subatomaren Dimension nicht mehr von einer Summe  von mechanisch beeinflussbaren Teilchen ausgegangen wird, sondern von einer totalen Ganzheit von Beziehungen. Diese neuen Deutungen haben zu der Frage gefŸhrt,  ob dem VerstŠndnis der Gott-Welt-Beziehung im Unterschied zu einem naturalistischen Materialismus  nicht auch Gedanken einer philosophischen Theologie mit naturwissenschaftlichen Analogien zugrunde zu legen wŠren, (wie das bei Autoren wie H.P. DŸrr, H. Primas, Whitehead,  Zeilinger und H.R. Stadelmann anklingt, auf die im Nachfolgenden kurz eingegangen wird. )

 

 

Kommunikation mit Gott                                                                                                                    

Ist es mšglich, Verbindung mit Gott aufzunehmen – ihm etwas mitzuteilen oder etwas von ihm zu empfangen? FŸr betende GlŠubige ist das selbstverstŠndlich. Aber nicht nur im Blick auf neuere naturwissenschaftliche Erkenntnisse ist zu fragen, was mit ãOffenbarungÒ gemeint ist und mit der Bezeichnung der Bibel als ãGottes WortÒ.  Auch in der Theologie verŠndert sich die Kommunikation mit Gott, wenn es von ihm auch andere Vorstellung gibt als die einer –  wie einen Menschen anzusprechenden – Person . Wie wirkt es sich in der  Kommunikation mit Gott aus, wenn mehr als frŸher daran gedacht wird, dass Gott grš§er und anders ist als unsere Vorstellungen von ihm? Ist er dann auch anders und auf verschiedene Weise ansprechbar?

 

Gott in der Mystik erfahren?

Mystische Glaubensformen finden zunehmendes Interesse. Bieten sie andere, tiefergehende Erfahrungen an als die traditionelle kirchliche Fršmmigkeit?   LŠsst sich durch besondere Arten von Meditation ein Einswerden mit Gott erreichen? Wie verŠndert sich das Gottesbild durch mystische Glaubenspraxis? Gelingt es, ãdas Unsagbare zu sagenÒ?

Mystik vertritt das Ineinander von persšnlichen und Ÿberpersšnlichen ZŸgen Gottes. Gott kommt nahe: Im AlltŠglichen gibt es ein Leben in der Gegenwart Gottes. Er ist ebenso radikal immanent wie transzendent. Gott ãin unsÒ und ãŸber unsÒ gehšren zueinander.

Aber auch kritische Fragen sind zu stellen:  Ist die †berschreitung eines personalen Gottesbilds mšglich, ohne Christus als ãAngesichtÒ des unsichtbaren Gottes aufzugeben?

Zahlreiche Methoden der Kontemplation bieten auch den Interessierten Zugang zu mystischer Erfahrung, die sich nicht gerade besonders begabt dafŸr fŸhlen. Einige davon werden kurz in der Anlage aufgefŸhrt. 

 

Funktionen und Wirkungen des Betens

Gerade weil es so viele unterschiedliche Arten, Formen und Bewertungen des Betens gibt, ist es wichtig, eine Definition des Gebets zu versuchen. Auch nach den (zahlreichen!)  Funktionen und Auswirkungen des Gebets ist zu fragen. Dazu gehšren auch die RŸckwirkungen des Gebets auf das Individuum und auf eine Gemeinschaft.  Zu welchem Gott wird gebetet? Die Antwort darauf fŠllt bei Kindern anders aus als bei Erwachsenen und alten Menschen. Die BerŸcksichtigung der Kritik am Gebet muss das Beten nicht erschweren oder verhindern, sondern kann es bewusster werden lassen. DafŸr gibt es einen Praxisvorschlag.

 

Jesus – wer war und wer ist das?             

Woher kommt das eigene VerstŠndnis von Jesus? Es gibt  Romane und historische Darstellungen Ÿber ihn, Filme, Musik, und das Neue Testament in der Bibel, nicht zu vergessen die vielen Abbildungen und Kreuze in den Kirchen und die kirchliche Lehre. Aus all dem kann ausgewŠhlt und das eigene Jesusbild geformt werden, das von ãJesus der MenschÒ bis hin zu ãGottes SohnÒ und Weltenrichter am Ende der Zeit reicht. Welche Bedeutung hat Jesus fŸr den Glauben in dieser Zeit? Ist hauptsŠchlich seine Lehre und das Vorbild seines Lebens wichtig oder sein Tod als Opfer zur Vergebung der SŸnden und seine Auferstehung als Beginn neuen Lebens?

 

ãMeineÒ? Kirche                                                                                                                                                                      

Auch das VerstŠndnis der Kirche hat sich gewandelt. Ist das eine Organisation, eine von Jesus gegrŸndete (Lebens-? Glaubens-?)Gemeinschaft, die Verwalterin gšttlicher Gnade oder die Vertreterin und Interpretin des gšttlichen Willens hier auf Erden? FŸr die eigene Antwort auf solche Fragen sind nicht nur die Kirchengeschichte, die kirchliche Lehre und das christliche Glaubensbekenntnis zu berŸcksichtigen, sondern auch die Kritik an der Kirche und das zunehmende Auftreten anderer Religionen. Ist auch die Frage ãWas habe ich von einer Mitgliedschaft in der christlichen Kirche?Ò berechtigt? Welchen Wert hat die Lebensbegleitung der Kirche (u.a. mit Taufe, Konfirmation, Eheschlie§ung, Bestattung)? Wie wirkt sich Kirche auf den eigenen Glauben aus?
Das Nachdenken darŸber kann das eigene VerhŠltnis zu dieser Organisation bewusster, ergiebiger und aktiver werden lassen.

 

Schuld / SŸnde / Vergebung     

FŸr den Stand und die Entwicklung der gesellschaftlichen Schuldkultur ist das VerstŠndnis der Begriffe Schuld, SŸnde und Vergebung grundlegend. Sowohl eine Definition wie auch das VerhŠltnis der Begriffe zueinander ist schwierig. Es stellen sich u.a. folgende Fragen:

¤  Wie gehen wir verantwortungsvoll mit unserem tŠglichen Schuldigwerden um?

¤  Was bringt die Ausweitung des Schuldbegriffs auf  das religišse SŸndenverstŠndnis?

¤  Welchen Wert hat und was bewirkt Vergebung?

¤  Wie bringen wir die Bereitschaft auf, Schuld anderer zu verzeihen?

¤  Kann der persšnliche Glaube dabei helfen?

¤  Welche Bedeutung hat Jesus fŸr Christen bei dieser Frage ?

Eine Vertiefung beim VerstŠndnis von Schuld und SŸnde kann zu mehr Gerechtigkeit fŸhren  und neue Chancen auch bei schwerer Schuld eršffnen.

 

Auferstehung der Toten, JŸngstes Gericht, Ewiges Leben

Kšnnen wir aus dem Glaubensbekenntnis Passagen auslassen, nur ãweil es uns heute schwer fŠllt, an Auferstehung und Ewiges Leben zu glauben?Ò Ist ein christlicher Glaube auch ohne Auferstehung der Toten, JŸngstes Gericht, Ewiges Leben und Jenseits mšglich? Es wird zwar heute weitgehend auf bildhafte Vorstellungen zu diesen Glaubensinhalten verzichtet (wie z.B. in ãHoffen Ÿber den Tod hinaus?Ò), aber positive Aussagen und Interpretationen dazu sind selten. Die folgende zum Thema ãJŸngstes GerichtÒ versucht eine ErklŠrung ohne ãJenseitsÒ.

 

Hoffen Ÿber den Tod hinaus?   

FŸr eine Hoffnung Ÿber den Tod hinaus gibt es viel Ermutigung und Zeugnis. Erstaunlich, wie viel frŸher Kirche, GlŠubige und KŸnstler Ÿber das Leben nach dem Tod wussten. Wird das heute noch akzeptiert? Als BegrŸndung hierfŸr wird die Berufung auf Jesus und seine Auferstehung herangezogen; aber doch auch gefragt, ob solche antiken Formulierungen des Bekenntnisses noch die Hoffnung in Moderne und Postmoderne leiten kann. Und wer will schon zu einem Endgericht auferstehen (und jetzt schon Angst davor haben), in dem das eigene Bestehen hšchst ungewiss ist?

Trotzdem  hat die christliche Botschaft den Mut und die Zuversicht zu einer  grš§eren Hoffnung,  indem sie an das Gebot der Liebe anknŸpft: Lieben hei§t einem Menschen sagen: du wirst immer da sein. Die Hoffnung Ÿber die Todesgrenze hinaus wurzelt in der Zusage: ãGott ist LiebeÒ.(1Joh 4,16)

 

Der andere Gott – damals und heute                                                                                  

In der Bibel und in menschlichen Erfahrungen zeigt sich Gott auch anders als im alltŠglichen Glaubensleben: Als gewalttŠtig, rŠtselhaft, verborgen, strafend, feindlich. Was ist das fŸr ein ãguter GottÒ, der von einem Vater das Opfer seines Sohnes verlangt (Abraham und Isaak im Alten Testament) und dem rechtschaffenen Hiob ohne Grund alles wegnimmt?

Steht das im Widerspruch zu dem Gottesbild Jesu, der oft von Gott als dem guten Vater spricht und ihn so auch im ãVaterunserÒ anspricht? Christliche VerkŸndigung kann von einem evolutionŠr verstandenen Gottesbild aus auf das GottesverstŠndnis Jesu hinfŸhren und nach heutigen Formen der Rede von Gott fragen. (vgl. auch die Entwicklung der Gottesvorstellungen in ãGott 9.0Ò)

 

Theodizee – Gott entschuldigen?

Menschen fragen bei Verbrechen, gro§en †beln, Katastrophen und schwerem Leid: Warum trifft es gerade mich? Meine Angehšrigen? Warum gibt es Leid und Bšses in der Welt, warum so viel? Ist es eine Strafe (Gottes)?

Philosophie und Theologie haben sich ausfŸhrlich und seit langem mit diesen Fragen beschŠftigt, die starke Zweifel am Glauben an Gott auslšsen kšnnen.

Ergebnis: Die Antworten sind unbefriedigend  (s. auch ãDer andere GottÒ). Muss man sich dann eben damit  abfinden, dass es eine dunkle, verborgene Seite Gottes gibt, in der das Bšse seinen Grund hat? Christen sollen sich im Glauben an den Gott der Liebe halten. (Luther)

Nach nichtpersonalem VerstŠndnis šffnet die grš§ere Wirklichkeit Gottes den Blick fŸr die Verbundenheit aller Menschen: Die Opfer von Katastrophen und UnglŸcksfŠllen, die Kranken und Behinderten sind in einem grš§eren Zusammenhang miteinander verbunden und wurzeln im gleichen Seinsgrund. Daraus folgt Verantwortung fŸreinander, Bereitschaft und FŠhigkeit zu gemeinsamem Leben und gegenseitiger Hilfe.

 

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I. Anlagen zum VerstŠndnis Gottes    

Gott im ãHimmelreichÒ und auf dem ãFeldÒ

 

Viele Namen und Vergleiche fŸr Gott legen es nahe, von ihm als einem Feld zu sprechen, in dem er wirkt. Das Wort Feld deutet auf den Zusammenhang des Wirkens von Gott als Geist und Kraft hin. Es reicht weit Ÿber das kleine Umfeld von einzelnen Menschen und Gruppen hinaus und kann eine Metapher fŸr die Ÿberpersšnliche All-Gegenwart Gottes und seine grš§ere Wirklichkeit sein.   Nach neueren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ist darin ein Zusammenwirken von geistigen und physikalischen KrŠften mšglich.

 

 

Das Gleichnis vom Feld

Mit dem Himmelreich verhŠlt es sich wie mit einem Kraftfeld.

Wir sehen es nicht und kšnnen es auch sonst nicht sinnhaft wahrnehmen. Aber dennoch ist es da. So existiert es im Mikrokosmos - im subatomaren Bereich. Und so breitet es sich auch Ÿberall im gro§en Kosmos aus - in der schieren Unendlichkeit des Weltalls.

Nur wenn Teilchen und Testkšrper sich in ihm bewegen, zeigt sich eine Wirkung. Und man erkennt seine Natur und kann seine KrŠfte messen.

Die Wirkungen aber sind unterschiedlich.

Das Gleichnis spricht vom Reich Gottes. Und es beschreibt eine Analogie: ãMit dem Himmelreich verhŠlt es sich wie ....". Was dann folgt, ist nicht das Himmelreich selbst. Das Himmelreich ist nicht deckungsgleich mit einem physikalischen Kraftfeld oder dem subatomaren Bereich oder dem Kosmos. Und die Parameter der Physik    sind    nicht   zur   Beschreibung    des    Reiches    Gottes anzuwenden. Ja, es geht nicht einmal um die Statik oder Struktur| dieses gleichnishaften Feldes, das dem Himmelreich Šhnlich sein kšnnte. Vielmehr liegt der wesentliche Akzent auf Bewegung, auf Dynamik und Wirkung.

So wŠre also auch eine topologische Beschreibung des Himmelreiches, hŠtte man sie tatsŠchlich vorliegen, ebenfalls umgekehrt nicht als Bild fŸr ein abstraktes physikalisches Feld geeignet - also auch nicht fŸr die Schšpfung, die man ja auf solche Felder reduzieren kann.

Dieses Gleichnis macht es nicht anders als die berŸhmten Gleichnisse Jesu vom Reich Gottes: es nimmt beschreibendÇ Elemente aus unserer erfahrbaren Wirklichkeit, stellt Beziehungen her und konstruiert ein Geschehen. Und aus dieser Gesamtheit leiten sich Erkenntnisse ab, die Šhnlich oder analog sind Ereignissen, die mit dem Reich Gottes zu tun haben. Auf diese Weise bekommen wir also eine Ahnung vom unsichtbaren Himmelreich.

All diesen biblischen Bildern gemeinsam ist, dass es sich nicht um eine statische Beschreibung handelt - etwa: das Himmelreich befindet sich an einem bestimmten Ort fernab in den Tiefen des Weltalls oder gar jenseits von unserer Welt; oder: es ist ab einem  geschichtlichen Zeitpunkt t in der Zukunft zu erreichen; oder es ist auf diese oder jene Art eingerichtet. So redet Jesus nicht, und deshalb lŠsst sich das Himmelreich auch nur schwer bildlich darstellen. - Nein, das Reich Gottes wird durch eine Dynamik beschrieben. In den Gleichnissen geht es immer um Bewegung, um eine Handlung, um Aktion. Es geschieht etwas. Das Reich Gottes ist nicht das Senfkorn, sondern der Vorgang des Wachsens aus dem Samen; es ist nicht die €hre, sondern der Vorgang der VervielfŠltigung des einen Korns. €hnlich ist es mit den Handlungen zwischen den Figuren, zwischen Herr und Knecht, Weinbergsbesitzer und Arbeiter usw. Aus dem Ablauf des Geschehens selbst entwickelt sich ein Kraftfeld zwischen Gott und uns - sein Reich. Es ist sozusagen im Hintergrund immer da und realisiert sich jedes Mal wieder neu zwischen Gott und uns oder zwischen unseren NŠchsten und uns - je nachdem, ob wir es annehmen oder nicht.

Das hier konstruierte ãGleichnis vom Feld" besteht aus nur vier Versen. Zu Anfang steht eine Grundaussage, eine Behauptung: ãMit dem Himmelreich verhŠlt es sich ....". Der Grundbezug ist hergestellt: es wird etwas Ÿber das Reich Gottes folgen.

In   den   Versen   2   und   3   findet  eine   Qualifizierung   der Gleichniselemente   statt,   Šhnlich   wie   oben   angedeutet.   Seine grundsŠtzlichen QualitŠten werden erwŠhnt: unsere Mšglichkeiten  es zu erkennen und sein Wirkungsbereich. Und im vierten und letzten Vers schlie§lich wird dahin gefŸhrt, worauf es eigentlich ankommt: ãDie Wirkungen". Kernaussagen sind die Verse 1 und 4 in ihrem gegenseitigen Bezug aufeinander und ihrer VerknŸpftheit  untereinander.

Die zentralen Begriffe, die zur Illustration gebraucht werde| sind:   Himmelreich,   Kraftfeld,   Kosmos,   Teilchen  / Testkšrper, Bewegung, Wirkung, Natur, Kraft. Bis auf das Wort ãHimmelreichÒ findet sich kein einziger dieser Begriffe in irgendeinem Gleichnis Jesu.  Seine  Begriffswelt entstammt der alten  agrarischen  und Handelsumgebung seiner Zeit. Dennoch soll dasselbe Reich Gotte gleichnishaft mit den Vokabeln der Gegenwart erschlossen werden Deshalb ist das Wort ãHimmelreich" dafŸr auch einzig dasselbe geblieben.

 

Anfragen und Analogien

Im Feldgleichnis wird eine technisch-wissenschaftliche Welt gleich im ersten Vers dem Transzendenten, dem Himmelreich oder Reich Gottes gegenŸbergestellt. Gleichsam als Aufforderung, aus der   nachfolgenden   PrŠzisierung   Analogien   fŸr   Elemente   des Himmelreichs zu erschlie§en. Der Name Gottes kommt nicht vor. Christen wissen jedoch, dass - wenn vom Himmelreich die Rede ist - sich an diesem Ort Gott erfahren lŠsst. Insofern ist Gott auch im ersten Vers implizit genannt.

Daraus kann gefolgert werden: Gott erzeugt so etwas wie ein Kraftfeld. Das will der Text gleich zu Anfang sagen. Oder anders ausgedrŸckt: Es gibt ein Himmelreich; und dieses lŠsst sich wie durch eine Kraft erfahren. Sie existiert.

Ein Gemeinsames hat das Himmelreich auf jeden Fall mit physikalischen Kraftfeldern: so wie sie Entfernungen ŸberbrŸcken, bleiben sie zunŠchst unsichtbar fŸr den Beobachter. Bis zu dem Zeitpunkt, wo aus dem passiven Beobachter ein aktiv Beteiligter wird. Das gilt auf jeden Fall fŸr Felder der Physik. Diese haben die Eigenschaft, dass sie erst real werden, wenn durch aktive Beobachtung eine VerŠnderung an ihnen vorgenommen wird. Und das ist aber zugleich auch ein Nachteil. Denn das bedeutet, dass sie niemals ungestšrt wahrgenommen werden kšnnen. Erst durch das HinzufŸgen einer Dynamik, die von einer Versuchsanordnung ausgeht, werden Eigenschaften des Feldes sichtbar gemacht.

Das Schšne an unserem Gleichnis ist, dass fŸr das Himmelreich Gleiches gilt. Wie wir sehen werden, ist es erfahrbar erst durch Intervention, durch handelnde Akteure - sozusagen im Rahmen einer beschreibbaren Versuchsanordnung. Somit gibt es also vom Grundsatz her Entsprechungen zwischen physikalischer Welt und Himmelreich. - Oder sogar †berlappungen, Interferenzen, RŸckkopplungen?

Wir nŠhern uns Ÿber eine neuzeitliche Interpretation, einer ãfeldtheoretischen Analyse", uralten Manifestationen und Beobachtungen.

Und schon stellen sich Unsicherheiten ein. Wie wir wissen bietet die Physik vier verschiedene Wechselwirkungen an, die durch Felder beschreibbar sind:

Gravitation

Elektromagnetismua

Schwache und starke Wechselwirkung.

Welcher Art kšnnte nun die gŸltige Bezugsebene fŸr uns Gleichnis sein? Oder gibt es gar beim Himmelreich auch verschiedene ãWechselwirkungen" zu berŸcksichtigen? Wirkt das Reich Gottes als Feld immer und Ÿberall oder nur an bestimmte Orten zu bestimmten Zeiten? - Lassen wir das im Augenblick noch offen.

Vers (1) spricht nicht von einem Feld allgemein, sondern ganz konkret schon von einem Kraftfeld. Bewusst ist das mystische Wort von der ãKraft" hier eingebracht worden. Es soll auch als Einstieg in die im Folgenden zu entwickelnden Analogien dienen. Was sagt diÇ Heilige Schrift zur ãKraft"?

Paulus schreibt im Epheserbrief: ãWie ŸberschwŠnglich gro§ ist seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner StŠrke bei uns wirksam wurde."

Paulus gebraucht in seinem Schreiben drei Begriffe, die nach unserem Sprachgebrauch anscheinend austauschbar sind: Kraft, Macht und StŠrke: ãwie ŸberschwŠnglich gro§ (ist) seine Kraft an uns,          weil die Macht seiner StŠrke bei uns wirksam wurde ...."

Diese Begriffe finden wir auch sonst in der Bibel an vielen Stellen, insbesondere in den Psalmen. Aber auch im Vaterunser: ãdein ist die Kraft und die Herrlichkeit". Es lŠuft alles auf die eine gro§e universale Wirksamkeit Gottes hinaus, auf die Kraft Gottes, die alles zusammenhŠlt und alles bewegt: die Kraft, die schon ganz am Anfang wirksam war, und durch welche die Feste zwischen den  Wassern errichtet wurde, um das Chaos der Urflut zu bannen, damit ein Lebensraum fŸr die Schšpfung geschaffen werden konnte. Die Kraft, durch die Christus gewirkt hat und mit der er vom Tode erweckt wurde. Eine Kraft, die die Grenze zwischen Leben und Tod šffnen oder schlie§en kann. Die gleiche Kraft, die in den Menschen Resonanz finden kann zur StŠrkung des eigenen Glaubens. -

Diese Kraft, diese Wechselwirkung, im Feld des Himmelreichs. Transzendent und gleichzeitig wirksam in der Gegenwart unserer Welt. Das unendlich Kleine und das kosmische Gro§e umfassend.

Wie sieht dann die Versuchsanordnung zur Messung, zur aktiven Stšrung des Feldes ãReich Gottes" aus? - Um diese Frage zu beantworten, mŸssen wir einige unverzichtbare Komponenten identifizieren - Komponenten, die gleichzeitig Anordnung und Einbezogene beschreiben. Wie es sich fŸr eine typische Feldsituation gehšrt:

Da ist auf der einen Seite Gott. Und da ist ein Mensch, ein einzelner Mensch, auf der anderen Seite. Das ist die Minimalkonfiguration. Notwendig fŸr das Zustandekommen fŸr eine Wechselwirkung. Die Kraft geht von Gott aus, der Mensch registriert sie, wenn er seine Antennen eingeschaltet hat, bzw. wenn Gott des Menschen Antennen so stimuliert hat, dass diese auf Empfang geschaltet sind. Entfernungen spielen keine Rolle. Sie kšnnen unendlich oder gleich Null sein - also nichts mit ãumgekehrt proportional zum Entfernungsquadrat". Aber durchaus auch physikalisch denkbar wie eine Wechselwirkung.

Hier haben wir also die Mšglichkeit, das Potenzial fŸr einen Austausch Ÿber ãgšttliche Feldquanten" zwischen Gott und den Menschen. In dieser statischen Ausgangssituation bleibt das Reich Gottes jedoch unsichtbar.

Im nŠchstmšglichen Schritt schiebt sich zwischen Gott und den Menschen ein weiterer Mensch. Jemand dringt in das Kraftfell des Himmelreiches ein und erzeugt sozusagen eine Turbulenz in dem bis dahin relativ homogenen Feld. Eine KomplexitŠt entsteht durch das Zusammenwirken von drei separaten Kraftquellen. Und jetzt ist alles všllig offen. Denn wir wissen nicht, ob der dritte Partner zunŠchst auf Gott zugehen mšchte, ob Gott ihn anspricht, oder ob er nur einmal mit seinem Mitmenschen kommunizieren mšchte.

Der ãNeue" agiert so Šhnlich wie ein Testpartikel, welches in ein existierendes Kraftfeld hineingeschoben wird - wie eine Messsonde. Und die Messergebnisse hŠngen genauso von den existierenden Feldeigenschaften ab wie von den QualitŠten des Testkšrpers. Die konkrete Wechselwirkung ist anfangs offen.

€hnlich verhŠlt es sich, wenn anfŠnglich nur zwei Menscher beieinander sind. Ihre Interaktion kann durchaus banal sein. Sie kann aber hšchste Energien mobilisieren, wenn durch irgendeinen Umstand Gott ins Spiel kommt. Das kann geschehen, ohne dass Gott Ÿberhaupt benannt wird. Sein Feld wirkt beispielsweise in jedem Akt der unvoreingenommenen Barmherzigkeit und der NŠchstenliebe. So wird Gottes Gerechtigkeit, durch die er sich dem Einzelnen zuwendet, als menschliche Gerechtigkeit weitergegeben. So leitet sich das zweite Liebesgebot aus dem ersten ab. So wie ein Kraftfeld wirkt. Das Himmelreich.

Wir halten fest: in einer statischen Feldkonstellation zwischen Gott und Mensch oder Mensch und Mensch oder Gott und Mensch und anderen Menschen baut sich ein Potenzial auf, welches zunŠchst noch wertneutral erscheint. Erst durch eine Bewegung, eine Initiative, wird etwas angesto§en, das dann in eine ganz bestimmte Richtung lŠuft. Erst dann wird entschieden, wohin die Reise geht. Vorher ist alles unsichtbar.

Uns fehlen neben der alles beherrschenden Kraft noch einige weitere Analogien, z. B. Energien. Aber darŸber haben wir schon etwas erfahren: das gerade genannte Potenzial innerhalb der Gott-Mensch-Versuchsanordnung.

Und Felddichte, Schwankungen von Kraftkonzentrationen Ÿber FlŠche und Raum. Gottes Kraftfeld, sein Reich, ist entfernungsunabhŠngig. Grade deshalb kann es gleichzeitig im unendlich Kleinen und unvorstellbar Gro§en wirken. Wichtig ist das Zusammenkommen der handelnden Personen. Oder die Bereitschaft des Einzelnen, mit Gott in Kontakt zu treten. Oder Gottes Ruf selbst. Die Beobachtung zeigt, dass es tatsŠchlich Schwankungen in der IntensitŠt der Wirksamkeit des Reiches Gottes gibt. Faktoren, die hierbei eine Rolle spielen, sind z. B. Stšrelemente aus der Welt, die einen guten Empfang der Zuwendung Gottes erschweren, Ablehnung einzelner Menschen, mit Gott oder miteinander in positive Beziehung zu treten. Hier kommen menschliche Entscheidungsfreiheiten ins Spiel.

Gott ist von keinem Zahlensystem abhŠngig, und somit gibt es auch keine quantitativen Feldkonstanten - hšchstens die Aussage Gottes selbst, dass er immer zu seinem Wort steht und seinen Bund hŠlt. Und dass Christus das letzte Wort war und ist und somit immerwŠhrende Garantie: Konstanten. Mathematische Formulierungen gibt es dafŸr nicht. GŠbe es solche, wŠren sie Teil des Gleichnisses selbst und damit sowohl nicht erkennbar als auch nicht notwendig zu wissen. Insofern kšnnen wir auf die Herleitung von Vektoren, Gradienten, Integrale usw. verzichten. Ebenso auf komplexe Gleichungssysteme. Und auf eine Unterscheidung nach Arten der Wechselwirkung: Gottes Kraftfeld - sein Reich - ist einfach und jedem Menschen ohne irgendeine Voraussetzung zugŠnglich und erlebbar. Nicht Mathematiker haben es zuerst erfahren, sondern Kleinviehhirten.

Das kommt also zum ersten Mal aus einer Zeit von vor vielleicht 4000 Jahren. Und ist geblieben bis heute. Und bleibt bestehen darŸber hinaus. Denn ....  Gott wirkt. Seine Kraft ist da - in der Welt, auch heute. Und sie ist in uns. Die Kraft, durch die die Welt geschaffen wurde, die sie zusammenhŠlt, und die Jesus Christus vom Tode auferweckt hat.  Wir kšnnen sie erspŸren, wenn wir nur empfŠnglich dafŸr sind. Wenn wir sie erkennen wollen. Unser Trost ist, dass Gott seine Macht   in   einem   zerrissenen   Umfeld   beweisen   kann.   Unsere Ermutigung ist, dass Umkehr mšglich ist. Unsere Vergewisserung ist:   Gott  wirkt  bestŠndig   fort.   Unsere   Befreiung   ist,   dass  wir au§erhalb   der   uns   vorgegebenen   LebensumstŠnde   existieren kšnnen.

Kommentare aus dem Arbeitskreis

In seiner systematischen Theologie Band 2 (erschienen 1991) hat der Theologe Wolfhart Pannenberg an die altphilosophische Herkunft des Begriffs ãFeldÒ erinnert und ihn mit Bezug auf heutige Physik  neu in das theologische System einbezogen:

Um Bewegung und Ver­Šnderung zu beschreiben, hat die Physik den Begriff der Kraft oder Energie entwickelt, die auf Kšrper einwirkt und so deren Bewegungen hervor­bringt. Newton rechnete im Unterschied zu Descartes auch mit nichtmateriellen KrŠften, die analog zur Bewegung des Kšrpers durch die Seele wirken. Als eine solche Kraft be­trachtete er auch die Gravitation, die ihm als Ausdruck der Bewegung des Universums durch Gott vermittels des Raumes erschien.

KrŠfte wirken nach M. Faraday in raumfŸllenden Feldern Ÿber Distanzen hinweg.

Er hoffte, da§ sich alle Kraftfelder auf letztlich ein einziges, um­fassendes Kraftfeld zurŸckfŸhren lassen.

Pannenberg sieht in den immer weiter ausgreifenden Feldtheorien der modernen  Physik eine theologische Relevanz, die auch durch die metaphysische Herkunft des Feldbegriffs na­hegelegt wird. Insofern der Feldbegriff den alten Pneumalehren ent­spricht, liegt es von der Begriffs- und Geistesgeschichte her recht nahe, die Feldtheorien der modernen Physik zur christlichen Lehre von der dynamischen Wirksamkeit des gšttlichen Pneuma in der Schšpfung in Beziehung zu setzen, z.B.  bei der Interpretation der Ÿberlieferten Rede von Gott als Geist.

Charakteristische Ver­schiedenheiten gegenŸber ihrer naturwissenschaftlichen Verwendung sind aber zu beachten. Die prinzipiellen Differenzen zwischen physikalischer und theologischer Betrachtungsweise bei der Beschreibung der Weltwirklichkeit verbieten es allerdings, physikalische Feldtheorien direkt theologisch zu interpretieren.

Die Rede von einem Kraftfeld des kŸnftig Mšglichen als Ursprung aller Ereignisse steht zwar in einem Zusammenhang mit physikalischen Feldbegriffen, erweitert sie aber. Die Dynamik des gšttlichen Geistes, die als Macht der Zu­kunft in allem Geschehen schšpferisch wirksam ist, steht in einer ausweisbaren Beziehung zu grundlegenden naturwissenschaftlichen Gegebenheiten.

WG:  Kann man den Feldbegriff der Physik als Metapher fŸr Gott und sein Wirken in der Welt gelten lassen? Ich selber habe diesen Gedanken immer sehr attraktiv gefunden. Gott ist Geist, den wir im Geist und in der Wahrheit anbeten sollen. FŸr eine den Raum prŠgende Kraft, die Ÿber Distanzen wirkt, sind in der Physik die Begriffe des Feldes und der Wechselwirkungs-Bosonen eingefŸhrt. Eine Analogie zum Geist und seinem Wirken liegt nahe.

Freilich wollte ich darin immer mehr als eine Metapher sehen, und ich habe mich gefragt, wie denn diese Kraft, dieses Feld,  im Vergleich mit den von der Physik kanonisierten GrundkrŠften beschaffen sei und wo der Schnittpunkt der Wechselwirkung mit den materiellen Dingen liege. Eine €hnlichkeit mit den vom wissenschaftlichen Au§enseiter R. Sheldrake postulierten ãmorphogenetischen FeldernÒ deutet sich an.

Anscheinend kšnnen aber nur die komplexesten adaptive Systeme, Organismen wie der Mensch, Sonden fŸr dieses Gottes-Feld sein, und das auch nur im Fall besonderer SensitivitŠt, die keineswegs vielen Menschen eignet. Mystiker sind bis heute (und besonders heute) die Ausnahme, so wie auch Menschen mit besonderen ãmedialenÒ FŠhigkeiten. Vor Zeiten mag es mehr AufnahmefŠhigkeit fŸr die Schwingungen des gšttlichen Geistes gegeben haben, die zu deutlicheren ãZeigerauschlŠgenÒ auf der spirituellen Empfindsamkeitsskala gefŸhrt haben, als wir uns im ãZeitalter der VernunftÒ trŠumen lassen. Und ich bin mir Ÿberhaupt nicht sicher ob wir im Sinn von Gott 9.0 von einer Hšherentwicklung oder auch nur Weiterentwicklung unserer Bewusstseinsstufe gerade in dieser Hinsicht reden kšnnen. Wir scheinen eher in viel hšherem Ma§ auf die Vermittlung spirituellen Wissens durch die heiligen Schriften und die religišs-mystisch-kirchliche Tradition angewiesen als frŸhere Generationen.

So meine ich nun, dass, sowenig gegen die EinfŸhrung einer weiteren, der Feld-Metapher, fŸr die Gottheit und ihr Wirken eingewendet werden kann, sie doch noch keinen Beitrag leistet zur VerstŠndigung in der WelterklŠrungskontroverse zwischen Wissenschaft und Religion (Vernunft und Glauben), einfach weil die Physik nicht in Metaphern redet. Sie verwendet ihre Begriffe an bestimmten Stellen ihrer Theorien und Modelle, wo der Begriff dann ein Vorfindliches, etwas in der Wirklichkeit Anwesendes eindeutig benennen soll.

†brigens sprechen wir bevorzugt noch mit einer anderen Kraft-Metapher von Gott, der ãKraft der LiebeÒ. Dabei fŠllt sogleich auf, dass diese in unserer Erfahrung nicht von einem Feld Ÿber beliebige Distanz vermittelt wird, sondern nur im Nah-Umgang, vermittelt durch Signale der Kommunikation im weiteren Sinn, der von SinneseindrŸcken, Ÿber die Sprache bis zu den ãBotenstoffenÒ der Hormone reicht. Die Liebe ist in dieser Redeweise, eine Kraft, weil wir sie spŸren, aber kein Feld.

Polkinghorne versucht einen anderen Ansatz. Als leibliche Wesen handeln wir zugleich energetisch und informationell. Und man mag erwarten, dass Gott als reiner Geist, allein durch Eingabe von Informationen handelt (zumindest sind solche Vermutungen und Erwartungen nštig um Polkinghornes Argumentation plausibel erscheinen zu lassen). Mit dieser Darstellung kann er die Idee einer absteigenden KausalitŠt von oben einsichtig machen.

Dazu gehšrt dann freilich auch die Suche nach der ãkausalen FugeÒ, die dieser Gottesfeld-KausalitŠt das Eindringen in die dichten materiellen Kausalketten gestattet.Ò

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Gott als ãKraftÒ 

Gott wird auch oft als Kraft erlebt, erfahren und benannt. Das kann das verbreitete GottesverstŠndnis als Person ergŠnzen und erweitern.

Nach M. Kroeger ist Gott ãeine Kraft, die schafft, beschenkt, fordert, vernichtet, zu der anbetendes In-Beziehung-Treten ohne Festlegung auf wie auch immer geartete theologische oder philosophische Begriffe mšglich und lebensdienlich ist.

Wolfgang Osterhage zeigt in seinem Buch ãChaos. Ordnung, Harmonie. Bilder der Wissenschaft – Bilder des GlaubensÒ. (Fromm Verlag 2012), dass und wie auch mit Begriffen aus der Physik  von Gott gesprochen werden kann.

 Gottes Wirken in der Welt – als Kraft auch in den Schwachen

In dem Roman ãDie BrŸder Karamasoff" von Dostojewski Šu§ert sich der Mšnch Pater Paissij der Hauptfigur in dieser Geschichte zur Moderne gegenŸber mit folgenden Worten:

ãJŸngling, denke daran, dass die weltliche Wissenschaft, die zu einer gro§en Macht wurde, im letzten Jahrhundert alles niedergerissen hat, was uns an Himmlischem in den BŸchern der Heiligen vermacht worden ist. Nach einer genauen Analyse scheint bei den Gelehrten dieser Welt vom ganzen frŸhen Heiligtum Ÿberhaupt nichts Ÿbriggeblieben zu sein; der Geist des Ganzen ist ihnen entgangen."

Das Gesagte bezieht sich auf das 19. Jahrhundert! - Daraus spricht wohl die Angst eines glŠubigen Menschen davor, von der Moderne Ÿberrollt und seines Glaubens dadurch verlustig zu werden. Daraus spricht auch das auch heute noch gŠngige Klischee von Gegensatz und Wettbewerb zwischen Glaube und Wissenschaft, jenen beiden akzeptierten Erkenntniswegen, die dem Menschen offen stehen. Es gibt aber doch mehr Gemeinsamkeit auf diesen beiden Wegen zur Erkenntnis, als gemeinhin angenommen wird.

Der Begriff der Kraft reprŠsentiert eine Chiffre. Er ist mystischen Ursprungs und hat diese Aura bis heute bewahrt, sowohl in der Religion als auch in der Wissenschaft. Wesentliches Kennzeichen ist das Attribut der Fernwirkung: eine Ursache macht Ÿber eine Distanz, dass an einem anderen, weiter entfernten Ort etwas geschieht. Eine solche Fernwirkung hat die Menschen von alters her fasziniert und dieses Wort ãKraft" damit bildhaft beladen.

Immer schon, seit die Wissenschaft den Begriff Kraft fŸr sich vereinnahmt hat, hat selbige auch versucht, ihr den Mythos nehmen. SpŠtestens seit Newton, der die Gravitation formalisiert hat, ist sie zwar nicht sichtbar, aber durch solche €quivalente wie Ma§ und   GesetzmŠ§igkeiten,   wie   Abnahme   mit   dem   Quadrat Entfernung bildhafter geworden.

Heute unterscheidet man vier KrŠfte in der Natur, aus der sich alles andere herleitet:

die Gravitationskraft,

die elektromagnetisch Kraft, 

die schwache     Wechselwirkung,     und   

die starke Wechselwirkung, die Atomkerne und Quarks zusammenhŠlt.

Diese KrŠfte sind unterschiedlich stark und wirken Ÿber unterschiedliche Entfernungen. Obwohl damit alle z. Zt. beobachteten PhŠnomene im Kosmos beschreibbar sind, ist den Forschern seit Generationen ein bohrender Rest von Unzufriedenheit geblieben. Diese Unzufriedenheit leitet sich einmal aus der Tatsache her, dass es vier KrŠfte und nicht eine einzige Kraft gibt, zum anderen aus dem immer noch mitschwingenden mystischen Ursprung.

Es hat nicht an Versuchen gefehlt, dem Abhilfe zu schaffen – und zwar aus rein Šsthetischen und nicht zwingend wissenschaftlichen GrŸnden. Die eine Richtung geht auf eine Vereinigungstheorie aller KrŠfte hinaus, einer Aufgabe, der Einstein den grš§ten Teil seines Lebens gewidmet hatte - ohne Erfolg. Die Vereinigung der elektromagnetischen mit der schwachen Wechselwirkung ist mittlerweile gelungen. Alle anderen noch nicht in einer verifizierbaren Form.

Die zweite Richtung zielte auf die Abschaffung der Kraft als solche zur Beschreibung von NaturphŠnomenen. Das ist Einstein in seiner Allgemeinen RelativitŠtstheorie geglŸckt: er setzte das EnergieŠquivalent auf der einen Seite der Gravitations­gleichung mit der dadurch verursachten KrŸmmung des Raumes - dem Rieman-Tensor - gleich. Kraft hatte sich erŸbrigt und war durch Geometrie ersetzt worden, der Mythos der Fernwirkung war endgŸltig gebrochen.

Auch die Christen bedienen sich des Bildes von der Kraft, um Wirkungen, die hier auf unserer Erde stattfinden, durch Ursachen, die in anderen Dimensionen liegen, zu beschreiben. Oder auch, um Wirkungen zwischen Menschen selbst zu beschreiben. †berall, wo eine Intervention Gottes in Vergangenheit oder Gegenwart geglaubt wird, wird auch seine Kraft evoziert - eine Kraft, die nicht nur Ÿber rŠumliche Distanz hinweg wirkt, sondern sogar durch die Zeit hindurch, bzw. aus der Transzendenz heraus: ãWie ŸberschwŠnglich gro§ ist seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner StŠrke bei uns wirksam wurde", schreibt der Apostel Paulus an die Epheser. Es lŠuft alles auf die eine gro§e universale Wirksamkeit Gottes hinaus, auf die Kraft Gottes, die alles zusammenhŠlt und alles bewegt: die Kraft, die schon ganz am Anfang wirksam war, und durch welche die Feste zwischen den Wassern errichtet wurde, das Chaos der Urflut zu bannen, damit ein Lebensraum fŸr Schšpfung geschaffen werden konnte. Die Kraft der Liebe, durch die Christus gewirkt hat, und mit der er vom Tode erweckt wurde. Eine Kraft,   die   die   Grenze  zwischen   Leben   und   Tod   šffnen   oder schlie§en kann.

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ãWort zum SonntagÒ 15.1.12       


Das Wort zum Sonntag  vom 14. Januar 2012,

gesprochen von Ulrich Haag


Es gibt Fehlverhalten, das darf nicht passieren. Es passiert trotzdem. Die Begebenheit ist einige Jahre her, aber ich erinnere mich noch genau. Ich stehe an der Kasse im Supermarkt, die Kundin vor mir nestelt am Portemonnaie, die Kassiererin lŠsst kurz die HŠnde sinken. Ich lege das Toastbrot auf das Band, die Zeitung, zuletzt die Flasche Rotwein. Ich hebe die Einkaufstasche an, damit die Kassiererin sieht: Der Wagen ist leer, es liegt wirklich alles auf dem Band. Alles? Ich wei§ es besser.

Das Band lŠuft an und schiebt meinen Einkauf Richtung Scanner. In mir kreisen plštzlich die Gedanken. Was mache ich da eigentlich? Wie kommt es, dass ich mir die Vorstellung angewšhnt habe, unbeobachtet zu sein, wenn niemand hinschaut? Ich mŸsste es besser wissen, gerade ich, als Pfarrer! Ich mŸsste wissen, dass es einen gibt, der sieht, was keiner sonst sieht. Wie weit habe ich mich von ihm entfernt? Und wie weit von mir selbst?!

Man erschrickt und man schŠmt sich, wenn einem bewusst wird, wie tief man die eigenen AnsprŸche hat sinken lassen. Man nimmt zwei Rollen Klopapier aus dem Betrieb mit, ein paar Stifte aus dem BŸro. Man lŠsst sich krankschreiben statt Urlaub zu nehmen. Man leiht sich von einer Freundin die Monatskarte und fŠhrt umsonst. Man legt sich Ausreden parat, "es sind alles nur Kleinigkeiten". Doch diese entwickeln mit der Zeit ein Eigenleben. Man verliert die †bersicht. Wenn man wach wird, ist es mitunter zu spŠt. Man hat dann Privatkonditionen fŸr einen Hauskredit akzeptiert. Hat sich mit zu viel Promille hinter das Lenkrad gesetzt. Oder man steht im Supermarkt an der Kasse und es liegt nicht alles auf dem Band.

Im ersten Moment sieht es so aus, als gŠbe es kein ZurŸck. Das war bei mir auch so. Mein Einkauf war gescannt und die Kasse zeigte die Summe an. Hinter mir ungeduldige Minen. Jetzt aus der Manteltasche hervorkramen, was da nicht hingehšrt? Es aufs Band legen, im Beisein aller? Das habe ich nicht fertig gebracht. Ich bin durch die Kasse gegangen ohne mir etwas anmerken zu lassen. Dann bin ich zurŸck in den Laden und habe ins Regal gestellt, was mir nicht gehšrte.
Es gibt Fehlverhalten, das darf nicht passieren, es passiert trotzdem.

Soll man es zugeben? Soll man es als Pfarrer zugeben, šffentlich, auch wenn einen keiner danach fragt? EnttŠusche ich damit nicht die Erwartungen, die man in mich setzt, in mich und mein Amt? ich bin mir nicht sicher. Mitunter kann man ja auch etwas schuldig bleiben, wenn man von einer Erfahrung schweigt, die man mit sich selbst gemacht hat. Es gibt einen, der sieht, der sieht, was sonst keiner sieht. Er ist auch in der Lage, zu verstehen, was sonst niemand versteht. Er wei§, wie Menschen sich verstricken kšnnen. Er wartet darauf, dass sie umkehren und sich frei machen. Ich habe damals meinen gesamten Alltag einer grŸndlichen Revision unterzogen. StŸck fŸr StŸck habe ich mich aus einem Dickicht von kleinen Unaufrichtigkeiten befreit, immer mit der Vorstellung: Gott sieht. Er sieht, wie ich mich anderen gegenŸber verhalte, er sieht, wie ich mein Leben fŸhre. Eigentlich banal, eigentlich Kinderglaube. Aber er trŠgt mich. Und er hilft mir Tag fŸr Tag, Grund in mein Leben zu bringen.

Ihnen allen einen guten Abend und einen gesegnete Woche.

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BeitrŠge zum  ãWort zum SonntagÒ  von Ulrich Hahn (UH) am 14.1..2012 .


Fragen und Argumente aus der Diskussion einer ea-Gruppe im Januar 2012

UH kann auf diese Weise auf aktuelle Ereignisse eingehen (ãFehlerÒ von BundesprŠsident Wulff und M. KŠ§mann), ohne die Namen  zu nennen.

 Kšnnte es sein, dass die Geschichte von UH erfunden wurde? (ãEin Pfarrer tut so etwas doch nicht.....Ò

WŠre es besser, wenn der ãLadendiebÒ in der Geschichte kein Pfarrer wŠre? Es ist ein wichtiger Aspekt des Themas ãFehlverhaltenÒ, dass es – natŸrlich – auch bei Pfarrern vorkommt. Aber sollte er nicht eine BeschŠdigung des Ansehens von Pfarrern vermeiden?).

 Die Ansprache regt an zu Ÿberlegen, warum jemand im Laden stiehlt: BedŸrftigkeit, Armut, weil es so leicht mšglich ist, testen, auch mal Ÿber die StrŠnge schlagen, Kleptomanie? €ndert das etwas an der Bewertung?

 Das (oft  zur Entschuldigung oder AbschwŠchung von VorwŸrfen angefŸhrte) Argument ãJeder macht mal einen FehlerÒ wird nicht verwendet. Soll gezeigt werden, dass auch Christen nicht ohne Fehler sind?


Warum und wie kommt Gott in der Ansprache vor? (auch nicht-personal?)

Er ist eigentlich nicht nštig, weil die Bewertung von (Laden-) Diebstahl durch Moral und BGB geregelt ist.

Ist Gott strenger als das Gesetz und die Moral, verlangt er noch mehr?

FrŸher wirkte Gott als VerstŠrker von SchuldgefŸhlen, insbesondere immer dann,  wenn Fehlverhalten nicht bekannt wurde. Gesellschaftliche Missbilligung wurde dadurch weit Ÿber die tatsŠchliche Kontrolle hinaus verstŠrkt.  

Gott als Kontrollinstanz wurde besonders bei der Erziehung  ãbenutztÒ, aber es gab auch den ãlieben GottÒ. Auf die Aussage ãGott sieht allesÒ verzichten?

ãKinderglaubeÒ ist jedenfalls nicht ãbanalÒ.

In der Ansprache sieht Gott - was sonst keiner sieht, niemand versteht – , aber er handelt nicht.

Das Bewusstsein von Gottes Allgegenwart (und die Erinnerung daran) bewirkt (auch ohne seine Anwesenheit sozusagen als Person) ein Wahrnehmen grš§erer Wirklichkeit, das Erkennen eines weiteren Zusammenhangs: Es kommen mehr Aspekte und Perspektiven in den Blick: Nicht nur der Wert des gestohlenen Gegenstandes, auch die berechtigten Interessen der Supermarktbetreiber, die der anderen Kunden, die Unwirksamkeit schneller mšglicher Entschuldigungen und ErklŠrungen,

Denken an Gott kann (wie bei dem Sprecher) Anlass zu einer grŸndlichen Revision des gesamten Alltags sein. . Es geht nicht mehr nur um den Wert des Gestohlenen, den einmaligen Vorfall, es zeigt sich ein grš§erer Zusammenhang. Das muss nicht nur mit dem Wort ãGottÒ bezeichnet werden, das menschlich-persšnliche Vorstellungen hervorruft (Gott sieht, hšrt, tut, trŠgt,.....); aber es anders zu sagen ist schwierig.

Das zusammenfassende Symbolwort ãGottÒ  beinhaltet Assoziationen wie Gott als Richter (es kann alles anders beurteilt werden als ich es tue, als wir es tun), als (nicht nur mein, sondern aller Menschen) Vater, der trotz Fehlverhalten liebt und vergibt. Davon ãnon-theistischÒ zu reden ist schwer, aber viele versuchen es schon und lernen es zunehmend. Das Wort zum Sonntag zeigt trotz der KŸrze AnsŠtze dafŸr, indem Wirkungen des personalen Gottesglaubens genannt werden.

Um zu vermeiden, Gott in diesem Fall als Angst machende Drohperson ins Spiel zu bringen, wŠre es besser, zuerst Auswirkungen des Gottesbewusstseins zu nennen und erst dann den Namen (Gott) zu erwŠhnen.


Simon (16): Wenn kein Schaden entsteht (er hat es ja zurŸckgelegt) sollte das genŸgen. Falls er aber gefragt wird, sollte er es offen zugeben. (Gott wird in diesem Kommentar nicht erwŠhnt, es geht nur um die ethische Bewertung).

 

ãdie kleinbŸrgerliche gewissensbefragung, das vorbild-sein-mŸssen, die notlšsung (zurŸck-geben) – das ist nur modal.

Dass ein christlicher gort alles sieht, dass die christlichen glaubensvorschriften (diebstahlverbot)   nicht der realitŠt entsprechen kšnnten,  wird nicht mal angedeutet. Was und wer begeht in unserer welt welchen diebstahl? Wo liegt die  verantwortung, was wŠren die varianten meines persšnlichen handelns im sinne von ãwelt-ethosÒ?

GegenŸber dem kinderglauben wŠre (m)eine gesellschaftliche forderung: wort zum sonntag in den bibelkanal verlegen oder jeden samstag eine andere religionsgemeinschaft ãzu WortÒ kommen lassen. 

 


Zum  ãWort zum SonntagÒ  von Ulrich Haag (UH) am 14.1..2012 .
von  Reinhard Craemer, NŸrnberg

Ein gutes Wort. Ein Mensch – Pfarrer oder nicht Pfarrer tut nichts zur Sache – hat sich falsch verhalten. Sehr nachvollziehbar. Sicher von vielen Šhnlich erlebt.
Dieser Mann aber hat Gewissen.
Er stellt sich seinem Gewissen.
Er bringt sogar den Mut auf, sein Fehlverhalten zu korrigieren!

ãNEIN: er ist nicht mutig, sondern legt das heimlich zurŸck: ironisch gesprochen schleicht er sich davon und macht sein (muss ja gar nicht von anderen als fehl-) ãFehlverhaltenÒ unsichtbar – fŸr die Welt.Ò

Vorbildlich, allen Respekt!
Der Mann hat autonom gehandelt, sich also moralisch verhalten.

Warum da noch die religišse Metapher ãGott siehtÒ. Nur weil es ein ãWort zum SonntagÒ,  also zum Tag des Herrn ist? Da wŠre ein Hinweis auf ein Wort  des ãHerrnÒ Jesus sinnvoller. Zum Beispiel Mt 7,12: ãAlles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.Ò Du willst nicht bestohlen werden, also lass, was du nicht bezahlt hast, im GeschŠft liegen; oder bring«s, wenn«s auch schwer fŠllt, wieder zurŸck.

 

ãIch Ÿberlege / fantasiere mal eine alternative:

die kapitaleigner des supermarkts beuten weltweit aus; sie bestehlen menschen um besseres leben. Ich kaufe im supermarkt, d.h. Beteilige mich an diesen machenschaften. Gebe ich das zurŸck? WŠre eine spende oder ein protest oder eine gegenaktion eine lšsung? Vgl. sich freikaufen fŸr flugreisen.

Auf der 2. ebene klauen: o.k. Mit dem kategorischen imperativ, weiter kšnnte die wirkungsŸberlegung fŸhren: a) verhalte dich so, dass es dir persšnlich nach der handlung besser geht. b) der supermarkt erhšht den preis auch durch umlegen der verluste aus dem klauen – also gesellschaftliche wirkungen bedenkenÒ.

 

Oder sollte es doch ein ernst gemeinter RŸckgriff auf ãGottÒ als die metaphysische Droh-Instanz der schwarzen PŠdagogik sein, also das Angst machende ãWehe, Gott sieht dich!Ò – Dann wŠre es auf verheerende Weise falsch.

Denn:
Erstens haben die Kirchen den christlichen Glauben lange genug dazu missbraucht, die Menschen unter einen všllig unchristlichen Angstdruck zu setzen mit Fegefeuer, Hšllenfeuer und JŸngstem Gericht. Kein Zweifel, dass man damit Menschen leichter manipulieren, beherrschen, notfalls ausbeuten kann.

Und zweitens wŠre die moralisch wertvolle Haltung des im Sonntagswort beschrie­benen Menschen všllig entwertet. Er hŠtte nicht autonom, sein Gewissen respektierend gehandelt, sondern lediglich einem Angstdruck nachgebend gekuscht. Eine Haltung, die zu Zeiten der schwarzen PŠdagogik weit verbreitet war. Man frage sich nur, mit welchen Konsequenzen! (Von uns Deutschen leidvoll erlebt.)

Abschlie§end eine mehr theologisch-grundsŠtzliche WŸrdigung jenes ãWortes zum SonntagÒ.
Die Vorstellung einer supranatural, also metaphysisch gedachten ãGottpersonÒ, die strafend und belohnend in das Weltgeschehen eingreift, ist aus mehreren GrŸnden fragwŸrdig geworden. Erinnert sei an Dietrich Bonhoeffer: ãEinen Gott, den es gibt, gibt es nichtÒ. Oder an Paul Tillich: ãGott der Urgrund des SeinsÒ, bzw. ãdas Sein SelbstÒ, jedenfalls aber ãnichts SeiendesÒ.
Im †brigen wŸrde ein Gott, der gouvernantenhaft Ÿber menschliches Fehlverhalten wacht, nicht dem Gott Jesu entsprechen, der nach Mt 5,45 ãseine Sonne aufgehen lŠsst Ÿber die Bšsen und Ÿber die Guten, und lŠsst regnen Ÿber Gerechte und UngerechteÒ.
Der ãUrmacht GottÒ, dem Gott, ãvon dem wir alles habenÒ, den wir als ãQuelle des LebensÒ verehren, wŸrden wir Menschen in keiner Weise entsprechen, wŸrden wir nur in angstbesetztem Gehorsam vor ihm ãkuschenÒ. Nicht erzwungener Gehorsam, sondern geschenktes und darum dankbares Vertrauen ist die ihm gegenŸber angemessene Haltung. Vertrauen auf die Macht, die uns das Leben geschenkt hat und die uns – nach christlicher Hoffnung - auch im Tode nicht fallen lŠsst.    Vertrauen also  und  Dank!

ãIch danke dir, du Grund und Kraft meines Lebens, dass du mir den Mut gegeben hast, zu meinem Fehlverhalten zu stehen und es – trotz aller Hemmungen – zu korrigieren.Ò So oder Šhnlich hŠtte das ãWort zum SonntagÒ schlie§en kšnnen.

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Gottes Bild im Werden, in: Gott 9.0 von W. und M. KŸstenmacher

(ãupdatestÒ von 1.0 bis 9.0)

Zur Entwicklung von  Glaubensinhalten und Gottesvorstellungen

dargestellt in dem Buch ÒGott 9.0Ò (Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird)

(von Marion und Werner KŸstenmacher und Tilman Haberer,

GŸtersloher Verlaghaus, 2010)

†berblick und Bewertung: (Im Folgenden und im Gesamttext  wird auf das Buch Bezug genommen, sein Inhalt z.T. referiert und daraus, z.T ohne Angabe von Seitenzahlen und AnfŸhrungszeichen zitiert.)

Nicht nur die Existenz mehrerer gro§er Religionen lŠsst erkennen, dass es Unterschiede bei den Vorstellungen von Gott und Gšttern gibt. Auch Innerhalb der Religionen haben deren Gruppen und Mitglieder erheblich voneinander abweichendes GottesverstŠndnis. Das geht z.T. auf die jeweiligen GrŸnder oder ma§geblichen Vertreter von Religionen zurŸck, aber es hat auch eine allgemeine Entwicklung von  Glaubensinhalten und Gottesvorstellungen gegeben. In dem Buch ÒGott 9.0Ò  (von Marion und Werner KŸstenmacher und Tilman Haberer, GŸtersloher Verlaghaus, 2010) werden diese im Rahmen von aufeinanderfolgenden kulturellen Bewu§tseinsstufen der Menschheit dargestellt, denen unterschiedliche Eigenschaften zugeordnet werden. Sie werden in vergleichbarer Weise sowohl von religišsen Gruppen wie auch von Individuen durchlaufen.  Diese erklŠrende †bersicht kann helfen, die Unterschiede und VerŠnderungen beim individuellen und gemeinsamen Gottesglauben besser zu verstehen, Inhalte des eigenen Glaubens weiter zu entwickeln und MissverstŠndnisse bis hin zu Konflikten zu vermeiden.

 

Die Zuordnung von Eigenschaften und Merkmalen zu den neun verschiedenen Bewusstseinsstufen ist zwar problematisch und die zeitliche Abgrenzung derselben nur in ãetwaÒ mšglich; sie kann aber zur Strukturierung der religišsen menschheitsgeschichtlichen Entwicklungsphasen beitragen und, wenn nštig, zu einer Distanzierung von denselben verhelfen.

In einer Tabelle werden der menschheitsgeschichtlichen Dauer der verschiedenen Bewusstseinsstufen folgende ZeitrŠume (und Farben) zugeordnet:

 

Version

Stufe

Beginn etwa

Merkmale

 

 

 

 

Gott 1.0

BEIGE

vor 100000 Jahren

Menschliche Wesen, nicht nur Tier sein

Gott 2.0

PURPUR

vor 50000 Jahren

Stammeskulturen, archaische Kunst, Magie

Gott 3.0

ROT

vor 10000 Jahren

Truppen, Eroberungen, Kšnigreiche

Gott 4.0

BLAU

vor 5 000 Jahren

Staaten, Monotheismus, Sinn fŸr Transzendenz

Gott 5.0

ORANGE

vor 650 Jahren

MobilitŠt, Volkswirtschaft, Forschung

Gott 6.0

GR†N

vor 150 Jahren

Menschenrechte, Kollektivismus, Umwelt

Gott 7.0

GELB

vor 60 Jahren

KomplexitŠt. Chaos, Interdependenz

Gott 8.0

T†RKIS

vor 40 Jahren

Globalismus, weltweite Vernetzung

Gott 9.0

KORALLE

heute

Noch weitgehend unklar

(Auch zu den Farben werden Assoziationen angegeben: eine Anlehnung an un-amerikanische Psychologen.)

Das Bewusstsein aller Menschen durchlŠuft, so die zentrale These, Šhnlich wie bei der phylogenetischen Entwicklung beim Embryo und SŠugling,  mehr oder weniger ausgeprŠgt diese Stufen. Es kšnnen sich dabei aber Verschiebungen dadurch ergeben, dass Eigenschaften einer hšheren Stufe von manchen Menschen frŸher erreicht werden als ihrem Stand bei anderen Eigenschaften entspricht und umgekehrt bleiben GlŠubige auf einer Šlteren religišsen (Bewusstseins-) Stufe zurŸck, obwohl sie sich gesellschaftlich oder wissenschaftlich erheblich weiter entwickelt haben.

Vermutlich beurteilen viele GlŠubige, Theologen und Religionsvertreter diesen Ansatz (schon im Blick auf seine Sprache!) als unserišs, oberflŠchlich oder gar als gefŠhrlich. Andere sind begeistert Ÿber dieses unkonventionelle Herangehen an Sinnfragen, bei dem rationales und theologisches GottesverstŠndnis mit transzendierender SpiritualitŠt und mystischen Glaubenserfahrungen verbunden wird.

Nachfolgend der Versuch einer Darstellung hauptsŠchlich der Gott betreffenden Aussagen mit einigen Fragen und Bewertungen im Text (z.T. kursiv) und am Ende.

 

Das GrundverstŠndnis: Religion als Deutungssystem

Wo das System herkommt 

Der Anspruch ist kein geringerer als der, die gesamte geistige Entwicklung der Menschheit einzubeziehen. Es geht um einen Zeitraum von Ÿber 100 000 Jahren und eine Gesamtzahl von Ÿber 100 Milliarden Menschen. FŸr uns heute geht es darum, sich in den zahllosen Stršmungen unserer Zeit durch diese Systematisierung, die gezielt auf unsere digitale Gegenwart des ãweb 2.0Ò anspielt, besser zurechtzufinden.

Das angewandte Deutungssystem basiert auf der von amerikanischen Wissenschaftlern entwickelten Ebenentheorie, die (weil ãbisher noch von niemandemÒ) fŸr Kirche und SpiritualitŠt nutzbar gemacht werden soll.

Die den Ebenen entsprechenden zyklisch auftretenden  Bewusstseinsstufen werden einerseits mit (bis zur Jetztzeit 10) Zahlen, andererseits mit Farben bezeichnet, die bei der Zuweisung von Eigenschaften als KŸrzel dienen. Das Gottesbild ist dann jeweils ein Teil dieser Entwicklungsstufe. 

 

Die dafŸr erforderliche Typisierung von Gottesbildern wird nicht weiter problematisiert, sie erfolgt mit einer gewissen SelbstverstŠndlichkeit offenbar auf Grund von EinschŠtzung und Zuordnung historischer und gegenwŠrtiger PhŠnomene. Sie wird z. T. dadurch relativiert, dass bei Individuen und Gruppen Eigenschaften von verschiedenen Bewusstseinsstufen gleichzeitig vorhanden und wirksam sein kšnnen.

Eine Stufe erklŠrt jeweils den Durchschnitt. FrŸhere Stufen sind stŠrker.

Eine Kurzfassung der Stufen in Stichworten und mit Farben ist dem Buch als Tabelle beigegeben:

 

Der †bergang von einer Stufe zur anderen wird mit ãupdatestÒ verglichen, wie es sie bei Computerprogrammen gibt. Auch die Neuentwicklungen dort machen nicht alle sofort mit. Viele arbeiten mit Šlterer software, bis sie sich mit neuer hardware einrichten. So entsteht ein Problem, wenn neuere Versionen nicht mehr mit Šlteren kompatibel sind. Dieses Beispiel kann direkt auf die Gottesvorstellungen angewandt werden. Bei der Entwicklung des Bewusstseins kann (nach ãGott 9.0)  keine Ÿbersprungen werden. Es mŸssen  die jeweils nŠchsten mitgemacht werden. Ein Mensch kšnne nicht wie ein Computer als ganzer ein neues Betriebssystem erhalten. Sein Bewusstsein sei komplex, werde lebenslang geformt, bestehe aus mehreren Bereichen (Beruf, Partnerschaft, Sport, Philosophie). GlŸcklicherweise sei der Mensch ein (von Gott geschaffenes) lernfŠhiges Individuum.

 

Die menschliche Entwicklung ist von der Lebenspraxis und den vom Individuum dazu angestellten Reflexionen bestimmt. Sie wird als eine spiralfšrmige Entwicklung zu ãHšheremÒ dargestellt. Die individuelle Entwicklung hat einen bestimmten Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung – und dies gilt ebenso umgekehrt. Stufen sind Lebensstationen. Es geht dabei nicht immer zwingend aufwŠrts. Individuelle und gesellschaftlich sind auch Regression z.B. Kriege, Naturkatastrophen,  bzw. Krankheiten, Arbeitslosigkeit.

Viele Menschen (und auch Gesellschaften) entwickeln sich in ihrer Zeitspanne nur bis zu einer bestimmten Stufe, andere wandern weiter.

 

Das Zusammenspiel zwischen Individuum und Gesellschaft konkretisieren die Autoren als ein Ich-Wir-Pendel zwischen den Stufen. Es schwingt zwischen einer stŠrkeren Betonung der SelbstunterstŸtzung und dem Selbstopfer hin und her. Das Pendel selbst schwingt nicht auf einer Ebene, sondern kreist. Daher erzeugt es in der gedachten AufwŠrtsbewegung ein ãhochschraubenÒ im Wechsel von ich – wir – Bewu§tseinsstufen.

Mit dem Ende von Stufe 6.0 - grŸn wird noch die aufteilende Unterscheidung von RŠngen eingefŸhrt: Die ersten sechs Stufen sind Antworten auf MangelbedŸrfnisse des Menschen und der entsprechenden historischen Formation. Die im zweiten Rang folgenden drei Stufen beziehen sich auf die SeinsbedŸrfnisse. Dieser Rang kann musikalisch begriffen werden als ein erneutes Durchspielen des ersten Ranges auf einer hšheren Oktave.

Einzelzuweisungen.

Wenn man sich auf die Abgrenzungen zwischen unterschiedlichen Entwicklungsstadien beim GottesverstŠndnis einlassen will, haben die in Gott 9.0 vorgestellten eine beachtliche PlausibilitŠt. Sie erlauben es, historische Ereignisse einzuordnen und sich auch selbst damit zu identifizieren oder sich davon zu distanzieren. (Allerdings in dieser Theorie nur soweit, als dem nicht Anteile dieser Stufeneigenschaften im eigenen Bewusstsein entgegenstehen).

 

Gott 1.0  (beige)

Bei 1.0  geht es zunŠchst ums reine †berleben eines Menschen oder einer Gruppe am Anfang (und oft am Ende) des Daseins.

Gott ist Urzustand und Einheit. Es ist schwierig, auf dieser Stufe Ÿberhaupt von ãGottÒ zusprechen. Gott wird als die unreflektierte unbewusste Grundlage unserer Seele verstanden. Gott ist noch nicht entfaltet, sondern noch eingefaltet in die Materie, in die er sich spŠter inkarniert, auf die er sich eingelassen hat, indem er Mensch geworden ist. Bilder dafŸr sind der SŠugling in der Krippe, stršmende Milch, Urgeste des NŠhrens, die GŸte, das Findelkind.

Leben beginnt mit dem Individuum. Daher ist beige als 1. Stufe ãichÒ. Das †berleben des Individuums bedarf der Pflege, die eine starke Gemeinschaft leistet (der Wir-Anteil in dieser Stufe).

Die Urgeste des NŠhrens zieht sich auch durch das ganze Erwachsenenleben Jesu. Er sorgt fŸr GetrŠnke, verteilt Brot, sŠttigt mehrere Tausend Menschen, hilft beim Fischfang. Er kŸmmert sich um den Kšrper, berŸhrt Kranke, umarmt AussŠtzige, lŠsst seinen JŸnger Johannes an seiner Brust liegen wie eine Mutter ihr Kind.

 

All das versinnbildlicht Gottes elementare Zusage zu Beige. Jesus identifiziert sich mit der Existenz an sich und macht seinen JŸngern die elementare Zusage: ÈIch lebe und ihr sollt auch lebenÇ (Johannes 14, 19). Und er hinterlŠsst seinen Freunden als Erinnerungszeichen die Urgeste des NŠhrens: das gemeinsame Mahl.

 

Gott 2.0 (Purpur)

 

Stufe 2 ist gekennzeichnet durch folgende Stichworte: Im Zauberreich des Kindes, †berleben durch Kooperation, alles fŸr meinen Clan, Erkennungszeichen Kreis, Aufkommen von Ritualen und Initiationen, Fruchtbarkeit als gšttliche Gunst, Magie, Esoterik.

Wohin gehen die Toten? Die Menschen stehen vor dem RŠtsel des Todes. Intuitiv erfassen sie, dass Energie nicht verloren gehen kann, und gehen davon aus, dass die geistige oder seelische Energie, die den Kšrper verlassen hat, irgendwohin reisen muss. Es gibt noch keine Vorstellung, wo genau das sein kšnnte - ein Himmel oder ein Hades.

Nach dem Ende der SŠuglingszeit ist Kooperation Ÿberlebenswichtig. Daher ist die Stufe Purpur der Beginn des Wir.

Es ist eine Welt voller Geister, Magier und Jenseits, Stammesgott von Abraham und Co.

Der biblische Glaube hat starke Wurzeln im purpurnen Bewusstsein: Familiengott der ErzvŠter. Jakob  ringt mit einem Mann.

Es gibt jetzt heilige Objekte, Wunderheiler, auch einige ZŸge bei Jesus. Heute: Heilige Orte, Reliquien, Sakramente.

 

Gott 3.0: (Rot)

Von Purpur zu Rot sei es ein †bergang von der magische Schwelle zum Ich als Nabel der Welt. Die Menschen der spŠten Steinzeit haben fŸr diesen Schritt Jahrtausende gebraucht. In unserer Zeit Geborene vollziehen  ihn zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr. Da erkundet das Kind die Grenzen seiner purpurnen Familie. Es testet, ob die Anweisungen und Verbote der Eltern wirklich gelten. Es stampft mit dem Fu§, schreit anfallartig oder ruft zornige Parolen ãIch will aberÒ und ãNein!Ò Soll es vom kleinen Kšnig nicht zum Hochstuhltyrann werden, muss es Regeln und deren Anerkennung lernen.

In der Gesellschaft gibt es jetzt Feudalismus und Lehnswesen. Streitbare Eroberer. Entschlossene Entdecker, Krieger. Rote Ritter.

Die klassische Trotzphase ist ein leuchtendes ICH. Die gesellschaftliche Sicht hebt entsprechend Individuen heraus. (Eine ganze Richtung der Geschichtsschreibung scheint so bestimmt zu sein.)

Aber doch auch, positiv gesehen: Ausbruch aus einer zu kleinen Welt.

Rebellion gegen die Mutter (Jesus: ãWas geht es dich an, was ich tue?Ò JŠh. 2).

Es gibt zwar noch Kobolde, Hexen, Gespenster und Gštter in der roten Welt, aber die machen einander Konkurrenz, ziehen mit ihren Všlkern in den Krieg, die Juden mit Kriegsgott Jhwe. Die christliche Vorstellung des Jesu als Siegertyp ist hier verankert. Zu bedenken ist, wie sich das heute noch in missionarischen ZusammenhŠngen auswirken kann.

 

Gott 4.0: (blau)

Regeln lernen, Gesetz, Schrift und Organisation werden wichtig: Sich anpassen lernen.  Es gibt Riesenreiche und Nationalstaaten, typisch sind hierarchische Strukturen (oben und unten. Kšnige, Beamte, Priester), Das brachte Schutz gegen das Chaos.

Gott ist der unsichtbare AllmŠchtige. SŸndenbewusstsein und Ausgrenzung der SŸnder, aber auch Barmherzigkeit durch Gesetz. Gott als der vŠterliche Erzieher.

 

Es kommt zur Unterscheidung von guten und schlechten Varianten von Bewusstseinsstufen:

Schlechtes Blau kann ãfŸrchterliche MinderwertigkeitsgefŸhle erzeugenÒ, andererseits hat gerade die Mystik die KšnigswŸrde der Seele erfahren.

 

Das richtige Verhalten von Blau orientiert sich an Èder Heiligen SchriftÇ, welche die Normen vorgibt - Tora, Bibel oder Koran. Es kšnnen aber auch die ÈWorte des Vorsitzenden MaoÇ sein oder die Vereinssatzung. Was in dem Buch steht, muss buchstŠblich befolgt werden und ist unbedingt zu glauben. Die hšhere Macht – Gott, die Partei, der gro§e Vorsitzende, der Generaldirektor – garantiert Sinn und Richtung und schirmt das System ab gegen Chaos und Widerspruch.

Das kreisende Pendel durchschwingt den ãWir-PolÒ: die gesellschaftlich vorgegebenen Hierarchien bestimmen wesentlich den Wert des Individuums. Nach SchŠtzung der Autoren lebt die HŠlfte der Weltbevšlkerung in dieser Bewusstseinsstufe. ãIn Sachen Religion dŸrften es noch weit mehr sein.Ò

Wie jede andere Stufe bekŠmpft Gott 4.0 die Stufe am meisten, die direkt unter ihr liegt.

Pathologisch wird religišses Blau, wenn es Allmachtsfantasien entwickelt und Regeln verkŸndet, sich selbst aber Ÿber die eigenen Regeln hinwegsetzt. Allzu strenge Regeln und Gesetze, fundamentalistische Kampftruppen und Apartheidsysteme Ÿbertreiben die an sich gesunden Blauen Ordnungen und kšnnen lebensfeindlich werden. Insbesondere wenn das ursprŸngliche rote Chaos besiegt ist, lŠuft die blaue MentalitŠt Gefahr, auszuarten. Sind da drau§en keine natŸrlichen Feinde mehr, werden die Feinde im Inneren gesucht. Blau ist dann nicht mehr die Lšsung, sondern das Problem.

Es ist schmerzlich, aber wahr: Ungesundes Blau wirft in allen Religionen einen rabenschwarzen historischen Schatten. Er breitet sich noch heute in allen GlŠubigen aus, die mit Inbrunst davon Ÿberzeugt sind, dass nur sie allein die Wahrheit besitzen.

Blau hat auf der positiven Seite eine ungeheure geistige und soziale Leistung vorzuweisen. Gott 4.0 begrŸndet die Traditionen der gro§en Weltreligionen. Sie alle brachten Millionen ernsthafte GlŠubige hervor und sorgten fŸr religišse Anbindung aller Schichten. Unter Blau gedeiht die sakrale Kunst; Blau schreibt BŸcher Ÿber das Wahre, Schšne und Gute; Blau erbaut Synagogen, Tempel, Kirchen und Moscheen; Blau komponiert Oratorien und singt gregorianische ChorŠle; Blau stiftet erhabene, feierliche Momente. Das SymbolverstŠndnis der Menschen wŠchst, jede Lebenserfahrung wird zeichenhaft erfasst und mit tieferem Sinn gedeutet. Die Heilssakramente werden verwaltet und ausgeteilt. Die heiligen Riten, Zeremonien und Gottesdienste werden liturgisch durchstrukturiert.

 

Gott 5.0  (Orange)

Die Bewusstseinsstufe entspricht beim Menschen der Altersstufe der PubertŠt.

Er steht an der Schwelle des vernŸnftigen Erwachsenen, ist zukunftsbetont, geht mehr Risiken ein. Die Menschen genie§en ihre UnabhŠngigkeit und Beweglichkeit. Das entspricht dem gro§en geistigen Schritt vom Mittelalter in die Neuzeit. In Europa kommt es zur AufklŠrung und zu Revolutionen, zur Reformation Martin Luthers (als ãupgradeÒ fŸr den Glauben). Vorboten dazu kann man schon im alten Griechenland sehen.

In der abendlŠndischen Gesellschaft gewinnen Banken, KŸnstler und Fabriken zunehmende Bedeutung.

Die Menschenrechte werden in der UnabhŠngigkeitserklŠrung der USA als Naturrecht verstanden, Auf zahlreichen Gebieten haben Pioniere erste Erfolge. Die Welt wird vermessen.

Entwicklungspsychologisch ist die PubertŠt eine plausible Ich-Stufe. Das gesellschaftliche Element der orange Bewusstseinsstufe zeigt sich im beginnenden Kapitalismus. Eine Aufspaltung in wenige Gewinner und viele Verlierer ergibt sich aus dem Effizienzprinzip. Die Probleme vergrš§ern sich durch den Streit darŸber, was ãvernŸnftigÒ sei. Derzeitiger Stand ist, dass eine Wahrheit nur im Diskurs selbst lŠge.

 

FŸr das VerstŠndnis Gottes bedeutete das: Die Welt funktioniert auch ohne ihn. Der mythische Gott der Stufe 4.0 hat nach dem VerstŠndnis von 5.0 ausgedient. Er setzt keine Naturgesetze mehr au§er Kraft – die er doch angeblich selbst geschaffen hat. Die Aussage ãGott ist tot!Ò beginnt populŠr zu werden.

Die Psychologie will verstehen, welche Wirkung das Wort ÈGottÇ, ein bestimmtes Gottesbild oder religišse Erfahrungen und PrŠgungen auf den Menschen haben. Hat ein Gottesbild eine belebende oder verŠngstigende Wirkung auf das Selbst eines Menschen? Vermittelt es ihm Energie, befreit es ihn aus einer existenziellen Krise, schenkt es ihm Halt, Lebensfreude und Sinn oder hindert es gar daran? Und wo kommt ein Gottesbild Ÿberhaupt her? Positiv gesehen ist Gott 5.0 die Kraft des Lebens und die Liebe, die zwischen den Menschen lebt. So formuliert es auch die Bibel: "Gott ist LiebeÒ (1. Johannesbrief 16), und das gilt nicht nur fŸr die Liebe unter Menschen. Sinn der universalen Bindungskraft und des universalen Antriebs ist es, immer hšhere und komplexere Gestalten zu kreieren.

 

Aber es gibt auch die Erfahrung: Gott ist anders. Er muss nicht in einem Gegensatz zum neuen wissenschaftlich-rationalen Weltbild gesehen werden. Hšchstens vor allem Anfang konnte er die Welt erschaffen haben, in der sich dann alles Weitere auch ohne seinen direkten Eingriff entwickeln konnte. Nach G.F.Hegel steht Gott nicht als hšchstes Wesen der Welt gegenŸber (Theismus), sondern er wirkt dialektisch in ihr und mit ihr, als Weltgeist.  

S. Freud erklŠrt den Gottesglauben nunmehr als Auswirkung eines Ÿberhšhten Vaterkomplexes; als hilfreiche Illusionen, die es jungen Menschen erlauben, sich zu entlasten, wenn sie ihre infantilen WŸnsche und SchuldgefŸhle auf die beiden SchutzmŠchte Vater-Gott und Mutter-Kirche projiziere kšnnen.

Sogar von Theologen kam Kritik an der vorhergehenden Stufe des Gottesglaubens 4.0: Der Neutestamentler R. Bultmann entwickelte sein Programm der Entmythologisierung, wogegen sich aber  heftiger Protest derer richtet, die auf der religišsen Stufe 4.0 stehen.

Mit protestantischen Dogmatikern wie Paul Tillich gelangte Theologie als akademische Wissenschaft zu neuen Erkenntnissen, es gelang aber nicht, diese in die Breite umzusetzen.

Gott ist jetzt (wieder) ein ãverborgener GottÒ: er ist nur jenseits der Sicherheit des Kollektivs zu finden. Das Judentum hat dazu Vorarbeit geleistet – der verborgene Gott wird in Jesaia. 45,15 sogar als Heiland bezeichnet.

UnzŠhlige Mystiker aus allen Weltreligionen betonen auch: Gott ist so verborgen, man muss ihn im eigenen Inneren suchen um seine heilsame Kraft zu spŸren. (Warum dies gerade dort sein soll, wird nicht begrŸndet.)

Hindernis ist dabei auf dieser Stufe 5.0 die Fixierung auf die Vernunft und den wissenschaftlichen Materialismus. Danach gibt es auf der Welt nichts als das Sichtbare und Fassbare -  Gott ist nicht nštig.

Der spirituelle Elan hat auf dieser Stufe zunŠchst kein reflektiertes Wohin. Deshalb wird Ersatz bei Drogen oder Abtanzen im Club gesucht. Die Alternative dazu hei§t in orange:

Transzendenz kann jetzt auf dem Weg nach innen (ãHinreiseÒ bei Sšlle) durch mystische EinŸbung in Meditation und Kontemplation gefunden werden.

Daraus folgt auch eine neuartige geistige Toleranz.

Kennzeichen fŸr die neue Stufe 5.0 bei Jesus ist: neue Freiheit vom Gesetz; er ist wahrer Mensch als ãMenschensohnÒ, mit Selbstverantwortung und Selbstbestimmung (nicht als Gottessohn, Erlšsergott, Kultgestalt, Herrscher, Kšnig).

FŸr viele moderne Christen ist Gott 5.0 einfach identisch mit der Person Jesus. ÈWenn dein Gott tot ist, nimm doch meinen - ]esus lebt!Ç. Dieser Satz, seit den 1980er-Jahren auf Autoaufklebern zu bewundern, ist nicht nur ein flapsiger Spruch. Es ist eine gute Mšglichkeit, sich in Zeiten der metaphysischen Verunsicherung an diese historische Gestalt zu halten, an den Mann aus Nazareth. Menschen auf der orange Stufe haben viele Fragen an das Leben und wollen darum wissen: Wie hat Jesus den 5.0 - Gott gesehen? Wie hat er die Menschen behandelt? Was kann man konkret von ihm als Mensch lernen?

 

Es kommt zwar zu Konfessionalismus, aber auch zunehmend zu Religionsfreiheit. Religion wird auch sŠkularisiert und kommerzialisiert.

Der Erfolg der katholischen Kirche beruht auf ihrer langen Tradition und der Kraft, die Stufen beige bis blau zusammenzuhalten. Der protestantische Erfolg dagegen beruht auf der Leistung, das 5.0 Freiheitstor zur Moderne aufgesto§en und damit mutig die nŠchste Bewusstseinsstufe erklommen zu haben.

 

Aber beide werden in Gott 9.0  doch zu den Verlierern gezŠhlt. Kirche und Konfession wird zur Minderheit. Die Beteiligung an Gottesdiensten und Ressourcen gehen zurŸck. Ihre Dienste werden vielfach nicht mehr benštigt. Manche GlŠubige fŸhlen sich wie im Exil.

Der bewusste und sorgfŠltig begleitete †bergang von blau (4.0) nach orange in den Gemeinden ist heute ŸberfŠllig. Hier liegen das dringendste Aufgabenfeld und das verborgene geistliche Wachstumspotenzial der Kirchen. Wachstum und Wandlung sind christliche Grundkomponenten. FŸr die Individuen dieser Ich-Stufe sind diese relativ leicht anwendbar – die Gro§organisation Kirche tut sich ausgesprochen schwer damit.