80-jähriges EAiD-Mitglied gründet Stiftung und Buchhandlung

Ein evangelisches ebenso wie ein ökumenisches Anliegen

Eberhard Hirschler gründete im vergangenen Jahr die ehrenamtlich geführte Online-Buchhandlung Otterstadt und die Stiftung „Singen mit Kindern aus Flucht + Hartz IV“. Welche Ziele er damit verfolgt erfahren wir durch das mit Michael Wuschka schriftlich geführte Interview.

Herr Hirschler, Sie sind 81 Jahre alt. Sie sprühen vor Elan. Wie kommt das?

Nettes Kompliment, dass ich diesen Eindruck bei Ihnen erzeuge. Aber ernsthaft: Um Elan zu haben muss man motiviert sein. Die hier wirkende Motivation begann in einer Flüchtlingskaserne in Speyer Anfang 2016: Ich verbrachte Abende dort, um den Geflohenen bei der sprachlichen Integration zu helfen und stellte fest, das können aktive und pensionierte Lehrer besser. Aber dass kaum gesungen wurde fiel mir auf. Und Singen kann so vieles sein: Körperliche und geistige Ertüchtigung, Freude am Ton, Einbindung in eine Gemeinschaft, Sprache besser lernen und besser verstehen u.v.a.m., für mich z.B. meine eigene Erinnerung ans Singen ab frühester Jugend.

Dazu kam mein eigener starker Bezug zur Kirchenmusik bis heute. Also gründete ich die Stiftung Singen mit Kindern aus Flucht + Hartz IV. Der Name ist selbsterklärend. Das Pluszeichen im Stiftungsnamen soll in besonderer Weise deutlich machen, dass – wie bereits in unserer EAiD-Broschüre „Bürger-Ethos-Nachhaltigkeit“ beschrieben – auch deutsche HARTZ-IV-Kinder in ähnlich schwierigen Verhältnissen leben wie Flüchtlingskinder und dass beiden Kindergruppen angeleitetes Singen gut täte.

Im letzten Jahr haben Sie sich wieder selbständig gemacht und eine Versand-Buchhandlung gegründet. War es Ihnen langweilig?

Nein, mir ist nie langweilig. Seit Beginn der Flüchtlingswelle nach Deutschland lag ich vielmehr auf Lauer. Ich lauerte darauf, etwas gesellschaftlich Sinnvolleres tun zu können. Nur zu beten für den Frieden oder für die Flüchtlinge dieser Welt war mir zu wenig. Die Gründung der Stiftung war (m)eine Antwort. Geld verdienen muss ich nicht mehr; wir heutigen Alten haben in der Regel mehr als genug zum Leben. Aber wie soll man in zinsloser Zeit Erträge für die neue Stiftung erwirtschaften? Da bot sich die Gründung der Buchhandlung an. Die deutsche Buchpreisbindung ist eine kleine Gelddruckmaschine, weil sie die festgelegten Preise garantiert und Preisunterbietungen verbietet. Das wird von ausländischen Konzernen schamlos zu „legaler Steuerhinterziehung“ mit Billigung des deutschen Finanzministers genutzt. Warum sollte meine Stiftung dieses Modell nicht für eine gute und gesellschaftlich wertvolle Stiftung nachahmen, aber den Gewinn ordentlich in Deutschland versteuern?

Der „Kollateralnutzen“ neben dem eigentlichen Geldbeschaffungs-Zweck der Buchhandlung ist eine andere Art „Gewinn“, nämlich Einblick in die Welt der Verlage und des Buchhandels zu gewinnen durch learning by doing.

Haben Sie spezielle Bücher im Sortiment oder können Sie alle Bücher beschaffen?

Beides trifft zu: Wir sind eine normale Versandbuchhandlung und liefern portofrei jedes Buch, jede DVD so wie z.B. auch Amazon es liefert und wir haben uns zusätzlich auf Bücher zu Religion, Philosophie und Geschichte spezialisiert, die wir in unserer Bücherstube zum Stöbern bereit halten. Einiges finden Sie unter www.singstiftung.de/bücher. Als aus unserer Sicht derzeit wichtigstes Buch zum Luther-Jubiläumsjahr und zu dem, das alle wissen, dass nämlich die evangelische Reformation weitergehen muss, empfehlen wir Mattthias Kroegers Im religiösen Umbruch der Welt: Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche.

Dieses Buch war der Einstieg ins Thema des von Günter Hegele initiierten EAiD-AK „Gottesbild heute“ und führte zum EAiD-Buch Kernfragen des Glaubens, zu dem Kroeger diese beachtliche Kernantwort liefert. Als Buchhandlung haben wir den kompletten Bestand dieses Buches vom Kohlhammer-Verlag übernommen und werden ggfs. noch nachdrucken.

Haben Sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Wenn ja, wie viele?

Mit dieser Frage sprechen Sie implizit die Personalkosten unserer Buchhandlung an. Alle, die ständig wie ich oder Kristiane Lammich und andere mitarbeiten, tun dies ehrenamtlich. Es fallen also keinerlei Personalkosten mit Sozialabgaben an. Das erhöht den Gewinn für Stiftung und EAiD weiter. Die wichtigsten Mitarbeiter sind allerdings unsere Kunden, denn deren Mundpropaganda generiert neue Kunden, die wir unbedingt finden müssen.

Neben der Buchhandlung haben Sie im Jahr 2016 auch eine Stiftung gegründet. Was können Sie uns über die Ziele der Stiftung sagen?

Die Buchhandlung ist, wie bereits ausgeführt, Mittel zur finanziellen Stärkung der Stiftung Singen mit Kindern aus Flucht + Hartz IV. Ich habe 3 Ziele für die Stiftung:

Ziel 1 ist, die durch den Stiftungsnamen definierten Kindergruppen zu erreichen.

Dieses Ziel und Ziel 3 haben sich in folgendem Beispiel sehr schön verbunden: In der Diözese Mainz hat der Regionalkantor Gabriel das Musical Broken Hartz komponiert und 1 x aufgeführt mit Kindern und Jugendlichen, die unter Hartz-IV-Bedingungen leben müssen.

Ich hörte davon und regte an, das Projekt nicht zu beenden sondern weitere Aufführungen und eine DVD-Aufnahme zu planen. So kam es, unsere Stiftung zahlt einen Teil der Aufnahmekosten und Caritas + EAiD-Buchhandlung werden die DVD bewerben und vertreiben. Sie können die DVD schon vorbestellen. Aufführungen finden am 30.6.2017 in Mainz statt und am 19.9. in Bensheim.

Ziel 2 ist, die heute weithin unbekannte EAiD zu stärken, wieder bekannter zu machen, zu ihrem notwendigen Verjüngungsprozess beizutragen. Wie kann das gelingen? Durch die mannigfaltigen Kontakte, die im Alltag durch das Betreiben von Stiftung und+ Buchhandlung entstehen. Es gibt Neueintritte, neugierige Fragen und halt Bestellungen.

Und jeder Kunde, der nicht EAiD-Mitglied ist, erhält ein kostenloses aspekte-Heft oder unsere immer noch hochaktuelle EAiD-Broschüre „Bürger-Ethos-Nachhaltigkeit“.

Ziel 3 ist, nach Möglichkeit christliche Gemeinden für den Stiftungsauftrag zu gewinnen. Dort sind Menschen, die die Musik lieben, die sich nicht vor Fremden fürchten, die oftmals Chöre mit Kindern betreiben, die also den Stiftungszweck verstehen und schätzen. Auch hier gibt es bereits gute Ansätze. Dazu ein Beispiel:

Als der Vorstand des Vereins christo vive tagte, erzählte eine Freundin von meinem Stiftungsprojekt. Ein Jugendamtsleiter aus Bayern war sofort interessiert und meldete sich. Seine erste Frage ist immer die wichtigste: „Wie wollen Sie Ihren Stiftungsnamen umsetzen?“ Meine Antwort: Wir regen an und unterstützen dann mit Übernahme von Kosten, ob Fahrkosten, ob Musikalienkosten, ob Raumkosten. Das scheint ein guter Ton zu sein, denn vielen interessierten hilfsbereiten Menschen mangelt es oft nur an diesem Geld. Ein anderes Beispiel: Eine Jugendgruppe in der Pfalz würde gern Kinder aus Flucht + Hartz IV aufnehmen, betreuen, mit auf Fahrt nehmen (Singen am Lagerfeuer!) Aber deren Bundesverband verbietet es, weil er sich außerstande sieht, die jeweils spezifische Versicherungssituation abzudecken. Das klären wir jetzt und zahlen ggfs. die Versicherungsbeiträge.

Wie wird es mit Stiftung und Buchhandlung weitergehen, wenn Sie einmal nicht mehr so viel Kraft haben wie heute?

Diese Frage gefällt mir. 2 Antworten dazu:

Erstens habe ich vor, möglichst gesund aber auf jeden Fall selbstbestimmt zu sterben, denn das Sterben ist natürlich in Ihrem höflichen Bezug auf „nachlassende Kraft“ implizit enthalten.

Zweitens bin ich aus genau diesem Grund so sehr bemüht, Buchhandlung und Stiftung in der EAiD zu verankern.

Die Stiftung: Vorsitz und Mitgliedschaft im Stiftungsrat werden bereits von den EAiD-Mitgliedern Kristiane Lammich, Stephanie Wegner, Andrea Wenz und Eberhard Cherdron wahrgenommen.Für meinen Rückzug aus dieser Arbeit könnte ich mir einen Übergang in der Leitung so vorstellen:

Die Stiftung wird an die bestehende EAiD-Stiftung von Margot Gilch angebunden und setzt ihre Arbeit unter diesem Dach fort; der Stiftungsrat mit dem Kirchenpräsidenten i.R. Eberhard Cherdron als Ratsvorsitzendem bestimmt nach Gesetzeslage meinen Nachfolger.

Die Buchhandlung: Sie wird bereits jetzt in erheblichem Umfang von EAiD-Mitgliedern genutzt.

Die Online-Buchhandlung, die ich z. Zt. noch aufbaue, könnte von EAiD-Bücherfreunden durchaus übernommen werden, wenn alles gut läuft. Aber zunächst muss ich erst selber die Software für den lfd. Betrieb vollständig erlernen und nutzen können. Und falls sich keine neuen Betreiber finden kann die Buchhandlung ganz einfach liquidiert werden, denn Verbindlichkeiten gibt es nicht.

Das Interview führte Michael Wuschka auf schriftlichem Weg.

Einladung zum Kennenlernen

Einladung zum Kennenlernen

evangelische aspekte

Die "evangelischen aspekte" sind die Zeitschrift der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland. Sie verstehen sich als Forum eines kritischen Protestantismus und erscheinen viermal im Jahr.

» Mehr lesen...

Evangelische Akademikerschaft in Deutschland
Im Lontel 31, 71254 Ditzingen